{"id":10131,"date":"2017-11-08T08:55:34","date_gmt":"2017-11-08T08:55:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=10131"},"modified":"2021-02-20T13:53:58","modified_gmt":"2021-02-20T13:53:58","slug":"protest-pillen-party","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/11\/08\/protest-pillen-party\/","title":{"rendered":"Protest, Pillen, Party"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Aids ist voll Neunziger, oder? Das im Programm der franz\u00f6sischen Filmtage gezeigte Drama \u201e120 BPM\u201c zeigt die medizinischen wie gesellschaftlichen Symptome der Krankheit zu einer Zeit, als Infizierte stigmatisiert und Aufkl\u00e4rung unterdr\u00fcckt wurde. Und erinnert daran, dass wir das HI-Virus noch nicht los sind.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind die fr\u00fchen Neunziger. Das sieht man schon an den ausgewaschenen Jeans, den Bomberjacken, Millimeterschnitten und Goldohrringen. Alle sind ein bisschen so angezogen wie die Junkies in <em>Trainspotting<\/em> nur bunter. Und sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift <em>\u201eAct Up\u201c<\/em>. 1987 in New York gegr\u00fcndet, verfolgt die <em>\u201eAIDS Coalition to Unleash Power\u201c<\/em> \u2013 ja, <em>\u201eAct Up\u201c<\/em> ist nicht nur Aufforderung, sondern auch Abk\u00fcrzung &#8211; das Ziel, den Kampf gegen Aids zu politisieren, zu popularisieren, kurz gesagt seine <em>Power <\/em>zu <em>unleashen<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nathan ist gerade <em>\u201eAct Up Paris\u201c<\/em> beigetreten und wei\u00df etwa so viel wie der latent informierte Zuschauer. Beiden wird erst einmal eingebl\u00e4ut, dass es hier nicht um Patientenhilfe, sondern um Aktivismus geht. Und der endet auch mal mit Blut. Theaterblut, das dem Repr\u00e4sentanten einer Gesundheitsbeh\u00f6rde ins Gesicht geklatscht wird. An dieser Aktion zeigt sich die interne Zerrissenheit der Bewegung: w\u00e4hrend der gem\u00e4\u00dfigte Fl\u00fcgel um Sophie (Ad\u00e8le Haenel) lieber diskutiert h\u00e4tte, sieht Sean die Eskalation als Erfolg. Er steht f\u00fcr die radikalere Seite von <em>\u201eAct Up\u201c<\/em>, ist wie die meisten Mitglieder homosexuell, HIV-positiv und sich schmerzlich bewusst, dass seine Zeit abl\u00e4uft. Zeit, die er nicht mit Reden verschwenden will.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10135\" aria-describedby=\"caption-attachment-10135\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10135 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/120BPM_B1-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10135\" class=\"wp-caption-text\">Sean (Nahuel P\u00e9rez Biscayart) als Cheerleader bei einer Gay-Pride-Demo.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Tempo: 120 BPM<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Regisseur Robin Campillo war selbst Teil von <em>\u201eAct Up\u201c<\/em>, bewahrt aber trotzdem kritische Distanz. Die erste H\u00e4lfte des Films nutzt er, um in dokumentarischem Stil die widerstreitenden, teils widerspr\u00fcchlichen Tendenzen der Gruppe abzubilden. Soll man sich mit Pharma-Konzernen, die Forschungsergebnisse aus Profitgier zur\u00fcckhalten an einen Tisch setzen oder gegen sie protestieren? Sind Protest-Aktionen nicht blo\u00df kostenlose Werbung f\u00fcr deren Medikamente? Solche Fragen werden in langen Debatten vor H\u00f6rsaalkulisse abgewogen, was schnell langweilig werden k\u00f6nnte. Gl\u00fccklicherweise erkennt man schlie\u00dflich, dass auch alles auf einmal geht. So kann der Regisseur dann fast in den namensgebenden 120 BPM das Leben seiner Protagonisten zusammenschneiden. Lobbyarbeit bei Politikern und Interessenverb\u00e4nden, Kondome in Schulen verteilen (zum Verdruss des Direktors), Pharma-Labors mit Theaterblut vollkleistern, auf Gay-Pride-Demos tanzen, Party, Sex und alle vier Stunden Pillen, um die Krankheit in Schach zu halten. Als Nathan Sean fragt, was er eigentlich beruflich macht, antwortet der nur: \u201eIch bin HIV-positiv. Das ist alles.\u201c<\/p>\n<h3><strong>Politischer erster Kuss<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Filmen mit politischem Thema wird gerne mal eine Liebesgeschichte draufgesetzt, um die Sache aufzulockern. Auch \u201e120 BPM\u201c hat eine, die aber so gar nicht aufgesetzt wirkt. Wie zwei entgegengesetzte Pole n\u00e4hern sich Nathan, HIV-negativ, ruhig besonnen bis naiv idealistisch und Sean, HIV-positiv, immer in Bewegung, wild und ungehemmt, langsam aneinander an. \u201eIch bin nicht schwul, ich bekomme euer Aids nicht!\u201c, blafft eine Sch\u00fclerin Nathan an, als er ihr ein Kondom geben will. Sean k\u00fcsst ihn darauf ostentativ auf den Mund. Es ist ihr erster Kuss und Protestaktion zugleich. Campillo w\u00e4hlt nach dem anf\u00e4nglichen Tempo zunehmend l\u00e4ngere Einstellungen, um sich der Beziehung der beiden zu widmen, die immer mit dem Aktivismus verwoben bleibt. Im Schlafzimmerhalbdunkel f\u00e4hrt die Kamera in einer Szene \u00fcber nackte K\u00f6rper ohne erkennbaren Schnitt vom Blowjob in der Gegenwart einige Jahre zur\u00fcck zum Analsex mit dem Mathelehrer, der Sean infiziert hat. Nicht nur das Tempo, auch Seans Gesundheit schwindet langsam und so verschiebt sich der Fokus vom Polit- zum pers\u00f6nlichen Drama.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10136\" aria-describedby=\"caption-attachment-10136\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10136 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/120BPM_B2-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10136\" class=\"wp-caption-text\">Nathan (Arnaud Valois) verliebt sich in Sean.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Was bleibt?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Behandlung von Aids hat sich in den letzten 25 Jahren erheblich gewandelt, Infizierte k\u00f6nnen dank verbesserter Medikamente sehr lange mit der Krankheit leben. Auch wenn in deutschen Innenst\u00e4dten regelm\u00e4\u00dfig kondom\u00fcberzogenes Gem\u00fcse auf Werbeplakaten zur Vorsicht mahnt, scheint Aids gerade wegen medizinischer Fortschritte oft eher eine abstrakte Bedrohung zu sein. \u201e120 BPM\u201c f\u00fchrt vor Augen, dass das nicht immer so war und konfrontiert mit dem t\u00f6dlichen Potential des HI-Virus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201e120 BPM\u201c l\u00e4uft in T\u00fcbingen noch einmal am 08.11.17 um 22 Uhr im Kino Museum und kommt voraussichtlich ab 30.11. deutschlandweit in die Kinos.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Pressestelle Franz\u00f6sische Filmtage<span style=\"text-decoration: underline;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aids ist voll Neunziger, oder? 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