{"id":10462,"date":"2017-12-15T10:07:33","date_gmt":"2017-12-15T10:07:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=10462"},"modified":"2021-02-20T13:47:47","modified_gmt":"2021-02-20T13:47:47","slug":"interview-knut-kircher-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/12\/15\/interview-knut-kircher-1\/","title":{"rendered":"Interview Knut Kircher: Von T\u00fcbingen in die Bundesliga (1)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><i>Knut Kircher hat viele Aspekte des Lebens gesehen: Der geb\u00fcrtige T\u00fcbinger war lange Zeit in drei verschiedenen Lebenswelten unterwegs. Am bekanntesten ist er wohl f\u00fcr seine fr\u00fchere T\u00e4tigkeit als Bundesligaschiedsrichter.\u00a0<\/i><\/strong><!--more--><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Knut Kircher hat viele Aspekte des Lebens gesehen. Der geb\u00fcrtige T\u00fcbinger war lange Zeit in drei verschiedenen Lebenswelten unterwegs: Am bekanntesten ist er wohl f\u00fcr seine fr\u00fchere T\u00e4tigkeit als Bundesligaschiedsrichter, die er bis zum Erreichen des Alterslimits im Jahr 2016 aus\u00fcbte. Den Familienvater aber darauf zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Sein dritter pr\u00e4gender Lebensbereich neben Fu\u00dfball und Familie ist die Arbeit als Entwicklungsingenieur bei einem gro\u00dfen deutschen Automobilhersteller.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie sind geb\u00fcrtiger T\u00fcbinger und in Hirschau aufgewachsen. Was verbinden Sie mit diesem Ort hier? Haben Sie spezielle Erinnerungen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind verschiedene Dinge, die mich mit Hirschau verbinden. Zum einen wohnen meine Eltern hier. Zum anderen hat man nat\u00fcrlich auch aus der gemeinsamen Jugend noch viele Bekannte und Freunde, die hier wohnen. Und jetzt wo wir hier am Sportplatz sind: nat\u00fcrlich auch viele gemeinsame Erinnerungen an Fu\u00dfballspiele und Dinge, die man hier drau\u00dfen erlebt hat. Nach Schulschluss war mittags immer das gro\u00dfe Treffen auf dem Bolzplatz. Klar, Fu\u00dfball gespielt, aufgewachsen hier in Hirschau &#8211; das pr\u00e4gt nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie haben also fr\u00fcher selbst Fu\u00dfball im Verein gespielt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja klar! Hier habe ich in der E-Jugend angefangen und den Verein bis zu den Aktiven durchlaufen. Am Ende meiner Fu\u00dfballerkarriere war ich dann im Bereich der Bezirksliga unterwegs. Als ich schon Oberligaschiedsrichter war, gab es hier in Hirschau mal ein Torwartproblem. Da habe ich dann mal f\u00fcr zwei, drei Spiele ausgeholfen. Tats\u00e4chlich haben wir den Nichtabstieg geschafft \u2013 das war eine tolle Sache!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie kam es dann zu Ihrer Schiedsrichterkarriere?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letztendlich ist es ja so: Jeder Verein sucht Jahr f\u00fcr Jahr Schiedsrichter. In Hirschau war das genauso. Es gibt eine Regel im Verband, die besagt, dass ein Verein eine gewisse Anzahl von Schiedsrichtern stellen muss. Je nachdem, wie viele angemeldete Mannschaften er im Spielbetrieb hat. Wenn er diese erforderliche Anzahl nicht erf\u00fcllt, dann zahlt er am Ende eine Strafe an den Verband. Wenn er mehr als die erforderliche Anzahl hat, dann bekommt er Geld. Da ist nat\u00fcrlich jeder Verein bem\u00fcht, Schiedsrichter zu finden. So spricht man die Menschen an, und so wurde auch ich angesprochen. Das war damals in der B-Jugend \u2013irgendwie bin ich h\u00e4ngen geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Also war es nicht Ihr Traum, Schiedsrichter zu werden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, gar nicht! Ich habe Fu\u00dfball gespielt, bin geritten \u2013 mein Vater hat Pferde \u2013 und habe Akkordeon gespielt. Ich habe auch im Theater gespielt und mein Abitur gemacht, also die Woche war an sich voll und ausgelastet. Ich habe mir dann gedacht: Okay, das probieren wir auch noch! So kam das zustande.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<strong>Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Spiel?<\/strong>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\nJa. Ich meine, das war ein D-Jugend-Spiel bei der TSG T\u00fcbingen. Das war irgendwie komisch, denn man macht die Schiedsrichterpr\u00fcfung nur in der Theorie. Man hat da ja keine praktischen Pr\u00fcfungen, au\u00dfer eine konditionelle vielleicht. Man ist zwar als Fu\u00dfballer auf dem Feld zu Hause, aber nicht als Schiedsrichter. Da muss man anders laufen, stellt sich ganz anders und sieht die Dinge auch ganz anders an. Auf einmal muss man sie auch bewerten und Entscheidungen treffen. Das f\u00e4llt einem am Anfang nat\u00fcrlich schwer. Man hat da eine Pfeife und zum Gl\u00fcck noch keine gelben und roten Karten, aber Zeitstrafen. Wie spricht man so was aus? Wie geht man damit um? Das war spannend.<br \/>\n<strong>Daran anschlie\u00dfend: Sie galten als einer der freundlichsten und humorvollsten Schiedsrichter. Man k\u00f6nnte auch sagen, Sie waren &#8222;beliebt&#8220;. Wann haben Sie Ihren eigenen &#8222;Stil&#8220; entwickelt?<\/strong><br \/>\nIch wei\u00df nicht, ob man da einen bestimmten Stil entwickeln kann, soll oder muss. Oder ob das einfach eine ganz normale Entwicklung des Lebens ist und man dabei authentisch ist. Man spielt im Grunde genommen keine Rolle, deshalb halte ich von &#8222;Stil entwickeln&#8220; gar nichts. Das ist eine gewisse Authentizit\u00e4t, die dann entsteht. Und da sp\u00fcrt man: &#8218;Hey, das kommt an manchen Stellen gut an&#8216;. Da kannst du das dann anwenden, an manchen Stellen sollte man es vielleicht auch nicht. Aber das ist eine Bandbreite einer Person. Vielleicht war das eines meiner pers\u00f6nlichen Erfolgsgeheimnisse, dass ich authentisch war und keine Rolle gespielt habe. Es ist aber nicht das Ziel eines Schiedsrichters, beliebt zu sein. Im Grunde genommen ist es das h\u00f6chste Ziel eines Schiedsrichters, akzeptiert zu werden.<br \/>\n<strong>Das hat aber auch nicht immer funktioniert. Ihr Blick und die kleine Auseinandersetzung mit Christoph Schindler aus dem Relegationsmatch von 1860 M\u00fcnchen gegen Holstein Kiel im Jahr 2015 sind legend\u00e4r. War das Ihr h\u00e4rtestes Spiel?<\/strong><br \/>\nIch glaube nicht. Das war einfach eine Situation. Du hast 90 Minuten lang unterschiedliche Charaktere zu bedienen, die sich in unterschiedlichen emotionalen Lagen befinden. Da ist es nat\u00fcrlich so, dass man sich auch unterschiedliche L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten suchen muss. Da kam eben die zustande. Sie steht in keinem Regelbuch, es steht in keiner Anweisung, dass Schiedsrichter so agieren d\u00fcrfen und handeln sollen \u2013 ganz im Gegenteil. Aber es wurde einfach als L\u00f6sung auf den Platz gebracht. Am Schluss hat es geholfen, aber in der Nachbetrachtung gibt es doch zwei Dinge. Einerseits: Oh, das darf niemals in ein Schiedsrichterlehrbuch, so wollen wir mit Spielern nicht umgehen. Auf der anderen Seite: In den Foren abgefeiert. Endlich mal ein Schiedsrichter, der sich nichts gefallen l\u00e4sst. Zwei v\u00f6llig widerspr\u00fcchliche Wirkungen in der \u00d6ffentlichkeit \u2013 damit muss man auch umgehen.<br \/>\n&nbsp;\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 3\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><iframe loading=\"lazy\" class=\"giphy-embed\" src=\"https:\/\/giphy.com\/embed\/TLHhgC3e8zhq8\" width=\"480\" height=\"271\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" data-mce-fragment=\"1\"><\/iframe><\/p>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<strong>Muss man sich f\u00fcr die T\u00e4tigkeit als Schiedsrichter also ein besonders dickes Fell zulegen?<\/strong><br \/>\nAuf der einen Seite ja. Bezogen darauf, dass viel von au\u00dfen kommt, ja. Auf das Thema von innen her bezogen, nein. Da braucht es einfach das Fell, um sich den Respekt zu erarbeiten und zu sagen, was f\u00fcr einen auf dem Feld noch geht und was ein absolutes No-Go ist. Und das dann auch zu verdeutlichen und nicht einfach zu schlucken. Da muss man sich nicht sagen: &#8218;Ich packe einen Panzer um mich und die d\u00fcrfen alles machen.&#8216; Nein, gar nicht.\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Dieser Job kann einen manchmal auch an die eigenen Grenzen, sowohl physisch, als auch psychisch bringen, oder?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind ja so trainiert, dass wir viermal im Jahr eine Leistungspr\u00fcfung absolvieren m\u00fcssen. Dazwischen bewegen wir uns nicht in einer Sinuskurve, sondern halten einen hohen Level der Fitness. Man hat auch an sich selbst den Anspruch, bei einem Spiel immer bis zum Schluss dabei sein zu k\u00f6nnen. Aber da gab es schon Spiele, wo du sagst: &#8218;Wow, das war schon ein cooles Ding.&#8216; Ist es dann auch noch eine Mischung aus physischer Beanspruchung und vielen schwierigen Situationen, dann ist das auch psychisch. Zus\u00e4tzlich kommt noch der Druck von au\u00dfen, wenn es ein besonderes Highlight war. Das stimmt schon, daran erinnere ich mich nat\u00fcrlich auch. Stress und Adrenalin im Vorfeld, das beansprucht den K\u00f6rper am Schluss schon. Zum Beispiel das Pokalendspiel 2008: Dortmund gegen Bayern, inklusive Verl\u00e4ngerung. Wenn man dann am Ende abpfeift, dann ist man froh, wenn man nicht gro\u00dfartig in der Kritik steht. Da wei\u00df man, was man getan hat. Andererseits schie\u00dft da auch wieder das Endorphin ein, das einen froh macht: &#8218;Ja, super! Du hast was geleistet.&#8216;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Marko Knab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Knut Kircher hat viele Aspekte des Lebens gesehen: Der geb\u00fcrtige T\u00fcbinger war lange Zeit in drei verschiedenen Lebenswelten unterwegs. 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