{"id":10547,"date":"2017-12-14T16:01:16","date_gmt":"2017-12-14T16:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=10547"},"modified":"2021-02-20T13:48:03","modified_gmt":"2021-02-20T13:48:03","slug":"denn-es-sind-auch-unsere-probleme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/12\/14\/denn-es-sind-auch-unsere-probleme\/","title":{"rendered":"Denn es sind auch unsere Probleme"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Am Dienstagabend sprach Soziologe Stephan Lessenich in der Alten Aula dar\u00fcber, wie Industriel\u00e4nder ihre Probleme in andere Teile der Erde auslagern und wie sie so zu den schlechten Lebensverh\u00e4ltnissen in diesen Regionen beitragen. Dabei mussten sich die T\u00fcbinger damit konfrontieren lassen, dass auch diejenigen unter ihnen, die stark auf ihren Konsum und ihre Umweltbilanz achten, in gro\u00dfem Ma\u00dfe dazu beitragen.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem unscheinbaren blauen Pullover und Brille steht Stephan Lessenich da, die Zuschauer folgen jeder seiner Ausf\u00fchrungen. In der altehrw\u00fcrdigen Alten Aula k\u00f6nnte vieles von dem einzelnen Herrn auf dem Podest ablenken, wie die Power-Point, die im historischen Bau wie aus einer anderen Zeit zu kommen scheint. Doch der M\u00fcnchner Soziologe erh\u00e4lt gro\u00dfe Aufmerksamkeit. Der gesamte Saal ist bis zum Rand gef\u00fcllt, alle St\u00fchle sind besetzt. Auch als mit weiteren St\u00fchlen nachger\u00fcstet wird, bleibt vielen G\u00e4sten nur ein Stehplatz oder der Fu\u00dfboden. Stephan Lessenich, jahrelanger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Soziologie, betont dennoch bescheiden, dass dies wohl mehr am Thema als an ihm liege, was auch sehr erfreulich sei. Im Rahmen der Vortragsreihe \u201eBeitr\u00e4ge zur politischen Bildung\u201c spricht Lessenich offiziell \u00fcber sein neues Buch \u201eNeben uns die Sintflut \u2013 Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis\u201c. Das Buch selbst wird dennoch kaum erw\u00e4hnt, das Thema des Buches hingegen wird ausf\u00fchrlich behandelt und von den Zuschauern interessiert verfolgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sintflut treffe die armen L\u00e4nder dieser Erde, die auf dem globalen Markt nur begrenzte M\u00f6glichkeiten haben und zu einer Produktionsweise gezwungen w\u00e4ren, die sie in schlechten Lebensverh\u00e4ltnissen gefangen h\u00e4lt. Mit vielen Grafiken werden die ungleiche Verteilung von BIP Armut, aber auch vermeidbaren Sterbef\u00e4llen auf der Welt pr\u00e4sentiert. Auch, wenn Lessenich an dieser Stelle selbst von \u201eplakativen Darstellungen und Ausf\u00fchrungen\u201c spricht, sind die Bilder eindrucksvoll und scheinen ihre Wirkung bei den Zuh\u00f6rern nicht zu verfehlen. Vermutlich h\u00e4tte an dieser Ungleichheit in der Welt auch niemand gezweifelt. Worauf der M\u00fcnchner Soziologe dann allerdings hinausm\u00f6chte, ist der Zusammenhang zwischen unseren Lebensverh\u00e4ltnissen und denen in den \u00e4rmsten Regionen der Welt.<\/p>\n<h3><strong>T\u00fcbingen, wie gr\u00fcn bist du wirklich?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Lessenich anspricht, dass ein Zusammenhang zwischen verschiedenen guten wie schlechten Lebenschancen besteht, ist die \u00dcberraschung im Saal noch gering, ist die Diskussion \u00fcber Umverteilung, Verm\u00f6genssteuer oder Hartz-IV hierzulande doch sehr pr\u00e4sent. Der Soziologe m\u00f6chte jedoch nicht auf einen nationalen, sondern auf einen globalen Zusammenhang hinaus. Daher stellt er auch eine bekannte Floskel um, als er sagt: \u201eWir leben nicht \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse, sondern \u00fcber die Anderer.\u201c Damit bezieht sich Stephan Lessenich in seinem Vortrag auf die Externalisierungsgesellschaft, die sich heute in Industrienationen finden l\u00e4sst und sich durch ein Auslagern vieler Probleme und Produktionsweisen auszeichnet. Die Lebensverh\u00e4ltnisse in denen wir leben, sind wie im Vortrag erl\u00e4utert wird, nur m\u00f6glich, da sie in anderen Teilen der Welt billig genug erzeugt werden und dort dann wiederum ungleich niedrigere Lebensverh\u00e4ltnisse schaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei geht es Lessenich keineswegs nur um das billige Schneidern von Kleidung unter Sklavenbedingungen in Bangladesch. Die Externalisierung betreffe vielmehr auch Aspekte wie Nahrungsherstellung, Gesundheitssysteme und Umweltverschmutzung. So werden beispielweise die Umweltbilanzen von L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens durch die Industrienationen verdorben, indem diese dort klimasch\u00e4dlichen Rohstoffabbau f\u00f6rdern oder lokale Rohstoffe f\u00fcr die eigene Produktion verlangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders deutlich wird der Zusammenhang der Lebensverh\u00e4ltnisse auf der Welt als der Soziologe auf das aktuelle Thema Glyphosat zu sprechen kommt. W\u00e4hrend bei uns \u00fcber den Einsatz von Glyphosat diskutiert wird, da die verwendeten Mengen von vielen als Gesundheitsrisiko eingestuft werden, h\u00e4tte unsere Lebensweise gro\u00dfen Einfluss darauf, dass in Argentinien deutlich h\u00f6here Mengen Glyphosat auf den Feldern zum Einsatz k\u00e4men. Diese verursachen dort wiederum ein gr\u00f6\u00dferes Gesundheitsrisiko. Grund w\u00e4re die Umstellung eines Gro\u00dfteils der argentinischen Landwirtschaft auf Soja, die den Sojabedarf der Industriel\u00e4nder und vor allem der Tierzucht in diesen decken soll. Die dadurch entstandene Monokultur, ausgel\u00f6st durch unseren Lebensstil, sei nur durch Unmengen von Chemikalien aufrechtzuerhalten und schl\u00e4gt sich so auf die Gesundheit der Menschen in Argentinien nieder.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10549\" aria-describedby=\"caption-attachment-10549\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10549 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/DSCF8470-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10549\" class=\"wp-caption-text\">Lessenich fesselt das Publikum. Der Saal ist voll.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl Lessenich das Publikum, sp\u00e4testens seit er in der Mitte seines Vortrages Bier als Grundnahrungsmittel erw\u00e4hnt hatte, gr\u00f6\u00dftenteils auf seiner Seite hat, blieben viele kritische Fragen nicht aus. Dabei bekamen allerdings auch die umweltbewussten T\u00fcbinger noch ihr Fett weg. So wurde noch einmal verdeutlicht, dass die aktuell in Industriel\u00e4ndern praktizierte Lebensweise uns alle einschlie\u00dfe. Gerade die Menschen, die besonders viel Wert darauf legen viel mit dem Fahrrad zu fahren und kein oder nur Bio-Fleisch zu essen, haben in Industriel\u00e4ndern laut Lessenich erstaunlicherweise den gr\u00f6\u00dften \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck. Ohnehin sorge bereits der Rebound-Effekt daf\u00fcr, dass ein Gro\u00dfteil der Vorteile unserer Innovationen verpuffe. Dieser beschreibt wie Menschen beispielweise eine stromsparende Gl\u00fchbirne l\u00e4nger brennen lassen, da diese ja weniger verbraucht oder mit benzinsparenden Autos mehr fahren. Fahrrad zu fahren und Bio-Fleisch zu essen ist nicht generell falsch, dennoch geh\u00f6rt mehr dazu. Um wirklich etwas zu \u00e4ndern, br\u00e4uchte es daher einen tats\u00e4chlichen Wandel unseres Lebensstils und dessen was wir als selbstverst\u00e4ndlich akzeptieren. Und ja, das gilt sogar f\u00fcr T\u00fcbingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Thomas Dinges<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Dienstagabend sprach Soziologe Stephan Lessenich in der Alten Aula dar\u00fcber, wie Industriel\u00e4nder ihre Probleme in andere Teile der Erde auslagern und wie sie so &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":330,"featured_media":10550,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[534,49,316],"tags":[888,3783,3784,3785,11,3786,3787,3788,1423,3789,3790,3791,3792,18,19,3793,2060,21,3794],"class_list":["post-10547","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-alltagswelten","category-unipolitik","category-studentenleben","tag-alte-aula","tag-deutsche-gesellschaft-fuer-soziologie","tag-externalisierung","tag-externalisierungsgesellschaft","tag-featured","tag-gesundheitssysteme","tag-glyphosat","tag-hartz-iv","tag-konsum","tag-nahrungsherstellung","tag-rebound-effekt","tag-soziologe","tag-stephan-lessenich","tag-studierende","tag-tubingen","tag-umweltbilanz","tag-umweltverschmutzung","tag-universitaet","tag-vermoegenssteuer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10547","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/330"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10547"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10547\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23631,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10547\/revisions\/23631"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}