{"id":10682,"date":"2018-01-11T18:37:26","date_gmt":"2018-01-11T18:37:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=10682"},"modified":"2021-02-20T13:44:53","modified_gmt":"2021-02-20T13:44:53","slug":"mein-semester-ohne-laptop-war-nicht-so-uebel-wie-du-denkst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/01\/11\/mein-semester-ohne-laptop-war-nicht-so-uebel-wie-du-denkst\/","title":{"rendered":"Mein Semester ohne Laptop war nicht so \u00fcbel wie du denkst"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Ein erfolgreiches Uni-Semester ohne Laptop? Die meisten meiner Freunde und Kommilitonen haben mich nur kopfsch\u00fcttelnd angesehen. \u201eIch k\u00f6nnte das nicht\u201c. Dachte ich eigentlich auch. Es geht aber doch. Wie ich das \u00fcberstanden habe, und was ich in meinen 15 Wochen als Laptoplose gelernt habe, kannst du hier lesen.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Freundin Paula umklammert ihren Laptop fest mit beiden H\u00e4nden. \u201eMein Laptop ist mein Baby, ohne ihn k\u00f6nnte ich \u00fcberhaupt nichts machen \u2013 da ist einfach alles drauf.\u201c Wir schlendern von unserer wohlverdienten Kaffeepause zur\u00fcck an die Arbeit und durch \u201edie l\u00e4ngste Telefonzelle der Welt\u201c. Genau so, vielleicht sogar noch ein bisschen dramatischer, dachte ich auch mal, vor langer langer Zeit, so kommt es mir jetzt vor. Genauer an einem Donnerstagabend Anfang Oktober 2017.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Panikattacke war mit der Gewissheit einem Heulkrampf gewichen und ich war in meiner, f\u00fcr die L\u00e4nge eines Praktikums, Berliner Zwischenmiete hin und her, in die K\u00fcche und zur\u00fcck, und im Kreis gerannt. Mein alter Laptop hatte tats\u00e4chlich den Geist aufgegeben. Das kann doch nicht wahr sein! Ich hasse Technik, wenn sie nicht funktioniert. Dass dieser Abend Anfang Oktober den Beginn eines (fast) kompletten Uni-Semesters (das zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal begonnen hatte) ohne Laptop markierte, h\u00e4tte ich mir nicht tr\u00e4umen lassen. Ich bin da als notorischer Nicht-Technik-Freak und gerade mal wieder am Geldlimit kratzend, sagen wir mal, so reingerutscht. Und so kommt es also, dass, als Paula, wie ich das sonst auch immer gemacht hatte, sich mit ihrem Laptop in den Tiefen des Ammerbaus vergr\u00e4bt, ich direkt nach dem \u00dcberqueren der Ammer links abbiege: ab in den PC-Pool, der den Wissenserg\u00fcssen meines f\u00fcnften Semesters eine Heimat gibt. In dieser Zeit, vier Monate, ohne Laptop habe ich so einiges gelernt.<\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">\n<h3>Leben ohne Laptop \u2013 es geht.<\/h3>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, ich bin jetzt gelassener. Zugegeben, das k\u00f6nnte an der Pr\u00e4gung durch meine meditierenden Freunde liegen. Ich akzeptiere die Tatsache, dass mein Laptop (so ist das Leben) kaputt gegangen ist, die Panik weicht aus dem Bauch und ich gebe mich meinem Schicksal hin. Und merke pl\u00f6tzlich: alles nicht so schlimm. Mit den Rechnern in der Bibliothek gibt es einen Ort, an welchem man arbeiten kann, kurze Rechercheaufgaben erledigt das Handy, ich habe Freunde mit Laptops und abends nicht noch drei Stunden vor dem Bildschirm zu Gammeln gibt Raum f\u00fcr andere Besch\u00e4ftigungen.<\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">\n<h3>Eine 20-Seiten-Hausarbeit geht auch.<\/h3>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst Gro\u00dfprojekte wie Hausarbeiten sind locker zu schaffen. Mit GoogleDocs und Dropbox bin ich ger\u00e4teunabh\u00e4ngig und arbeite im Grunde nicht anders als mit Laptop auch. Nur vielleicht, dass ich mich an eine andere Tastatur gew\u00f6hnen muss, wenn ich von den gro\u00dfen Klick-Klick-Tasten der PC-Pool-Computer zum Macbook einer Freundin springe, das sie mir in der letzten Woche vor der Abgabe ausleiht, weil ich dringend einen Raumwechsel brauche. Und das bringt mich auch schon zum n\u00e4chsten Punkt.<\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">\n<h3>Leute sind netter zu mir.<\/h3>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, viele Leute haben Mitleid mit mir. Mir war etwas so abartig F\u00fcrchterliches und Unvorstellbares wiederfahren, da tut jeder, was er kann, um mir das Leben leichter zu machen. Ich bekomme das teure Mac-Book \u00a0einer Freundin f\u00fcr eine komplette Woche ausgeliehen, habe bei allen Kochabenden Shotgun auf den Laptop derjenigen Person, in deren WG wir uns befinden, und mein Mitbewohner holt mir seinen alten Laptop aus dem Elternhaus. Der st\u00fcrzt zwar schneller ab als ich \u201eDanke\u201c schreiben kann \u2013 aber die Geste z\u00e4hlt.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li style=\"text-align: justify;\">\n<h3>Ich teile mir meine Zeit ein, und das ist gut so.<\/h3>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich komme morgens oder zwischen den Vorlesungen in mein Gro\u00dfraumb\u00fcro, den PC-Pool, und gehe abends wieder. Wenn mich danach eine Nachricht erreicht: \u201esorry, kannst du mal noch kurz\u2026\u201c, sage ich: \u201esorry, ich kann jetzt nicht noch kurz\u201c und muss nicht mal l\u00fcgen. Ich mache mir nicht mehr den Stress und hechte mich nachts noch \u201ekurz\u201c an den Laptop um irgendwas total Wichtiges zu tun. Feierabend ist Feierabend.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>\n<h3>Ich arbeite effizienter.<\/h3>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich an einem Rechner im PC-Pool sitze, dann arbeite ich auch. Das will schon allein die soziale Kontrolle. Die Bildschirme sind so riesig, dass auch der Streber zwei Reihen hinter mir noch erkennen kann, wenn ich nicht zielstrebig an meinem Essay weiter arbeite. Und selbst, wenn der PC-Pool f\u00fcr die paar Monate okay war\u2026 so angenehm, als dass ich meine Zeit darin verplempern w\u00fcrde, ist er dann auch wieder nicht.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>\n<h3>Ich gehe \u00f6fter kurz bei Freunden vorbei.<\/h3>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn mir au\u00dferhalb der \u00d6ffnungszeiten der Bib doch spontan noch was einf\u00e4llt, was ich erledigen m\u00fcsste, schneie ich kurz bei einem Freund vorbei. Bewerbung abgeschickt, noch ein Glas Wein \u2013 was k\u00f6nnte sch\u00f6ner sein.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>\n<h3>Ich verbringe meine Abende mit Marx.<\/h3>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klischee, aber wirklich so passiert. Meine Abende zu Hause ohne Laptop verbringe ich mit Marx, Foucault, Hesse und B\u00f6ll. Und statt vor dem Schlafengehen noch Nachrichten oder eine Serie zu schauen, habe ich angefangen Podcasts zu h\u00f6ren. Das werde ich auch nicht wieder aufh\u00f6ren.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>\n<h3>Ich lerne neue Leute kennen.<\/h3>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich, mit dem PC-Pool habe ich mir einen neuen Lebensraum erschlossen. Hier sind Leute, die ich w\u00e4hrend meiner bisherigen Bib-Karriere noch nie gesehen hatte. Der Verpeilte, der seinen Laptop am Morgen schlaftrunken zu Hause vergessen hatte; der Besch\u00e4ftigte, der nur kurz zwischen zwei Vorlesungen ein Dokument skim-liest und ausdruckt; und die Oma, die noch nie in ihrem Leben einen Laptop besa\u00df und vermutlich auch keinen mehr besitzen wird, aber trotzdem ganz flink an den Emails hantiert. Und dann, ich habe es selbst fast nicht geglaubt, habe ich ganz manchmal auch bekannte Gesichter getroffen. \u201eWas, du hier?\u201c, ein erstaunter Blick ins Gesicht und ein besch\u00e4mter auf den Boden.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>\n<h3>Ich kenne mich jetzt besser mit Laptops aus.<\/h3>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vier Monate sind eine lange Zeit. W\u00e4hrend ich meinen Status als Laptoplose einige Wochen tats\u00e4chlich verdr\u00e4ngen kann, war mir doch klar, dass diese Existenz am Rande der Gesellschaft kein Dauerzustand sein kann. Und so musste ich mich damit auseinandersetzen, welchen Laptop ich als n\u00e4chstes mein Eigen nennen wollte. Welcher Prozessor was kann, welche Festplatte Sinn macht und wie viel Arbeitsspeicher ich ben\u00f6tige, davon hatte ich zuvor keine Ahnung. Jetzt auch nicht so wirklich, aber zumindest ein bisschen mehr. Und so habe ich \u2013 ganz allein, und ich bin m\u00e4chtig stolz \u2013 meinen neuen Laptop gefunden. Und voil\u00e0, das ist er, der erste Text auf meinem neuen Laptop. Ich bin wieder resozialisiert. Auf viele tolle Jahre, mein Baby.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Foto:<\/span> Lisa Becke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein erfolgreiches Uni-Semester ohne Laptop? Die meisten meiner Freunde und Kommilitonen haben mich nur kopfsch\u00fcttelnd angesehen. \u201eIch k\u00f6nnte das nicht\u201c. Dachte ich eigentlich auch. 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