{"id":10725,"date":"2018-01-20T17:08:26","date_gmt":"2018-01-20T17:08:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=10725"},"modified":"2021-02-20T13:44:20","modified_gmt":"2021-02-20T13:44:20","slug":"einmal-integration-im-allround-paket-bitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/01\/20\/einmal-integration-im-allround-paket-bitte\/","title":{"rendered":"Einmal Integration im Allround-Paket, bitte!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Das \u201eRefugee Programm\u201c der Universit\u00e4t T\u00fcbingen bereitet Gefl\u00fcchtete ein Jahr lang auf den Einstieg in den deutschen Studien- und Arbeitsalltag vor. W\u00e4hrend an anderen Unis vor allem Sprachkurse angeboten werden, setzt man hier auf einen allumfassenden Ansatz. Ziel ist die Auseinandersetzung mit der deutschen Gesellschaft und Kultur in allen Variationen. <\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIst diese Gruppe eine vielf\u00e4ltige Gruppe?\u201c, fragt der Dozent Lucas Ogden, die Tafelkreide in der Hand, gespannt seinen Kurs anblickend. An der Tafel steht das Thema der heutigen Stunde gro\u00df angeschrieben: \u201eDiversit\u00e4t = Vielfalt\u201c. Zwanzig junge Menschen betrachten sich gegenseitig. Von au\u00dfen betrachtet sieht mancher vielleicht eine relativ homogene Gruppe, jung, meistens m\u00e4nnlich und fast alle arabisch aussehend. Doch es vergeht nur ein Bruchteil einer Sekunde, dann erklingt aus mehreren Ecken bereits ein deutliches \u201eJa, klar!\u201c. Die Sache steht f\u00fcr die Teilnehmenden au\u00dfer Frage. Sie z\u00e4hlen auf: Es gibt unterschiedliche Sprachen, zum Beispiel Arabisch, Kurdisch und Persisch, Amerikanisch (der Dozent) und Deutsch nat\u00fcrlich. Dazu kommen unterschiedliche Religionen, Nationalit\u00e4ten, Geschlechter, Lebensweisen und politische Meinungen.<\/p>\n<h3>\u201e<strong>Interkulturelle Kommunikation\u201c als Unterrichtsfach<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese, auf den zweiten Blick doch so heterogene, Gruppe sind die Teilnehmenden des \u201eRefugee Programms\u201c der Uni T\u00fcbingen. Neun Monate lang werden Gefl\u00fcchtete dort auf ein Studium oder eine Ausbildung in Deutschland vorbereitet. Ihr Stundenplan ist voller als der mancher Studierenden. Vormittags gibt es Deutschunterricht, nachmittags F\u00e4cher wie \u201ePolitik und Geschichte\u201c, \u201eInterkulturelle Kommunikation\u201c oder eben \u201eLeben in der modernen deutschen Gesellschaft\u201c. Wahlf\u00e4cher sind das englische \u201eAcademic Writing\u201c, Mathe und auch Kreatives Schreiben.<\/p>\n<h3><strong>\u201eSprache ist nur die Spitze des Eisberges\u201c<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten der Teilnehmenden sind seit fast zwei Jahren in Deutschland und k\u00f6nnen sich bereits gut auf Deutsch verst\u00e4ndigen. Zum Studieren reicht es noch nicht, dazu ben\u00f6tigen sie mindestens C1-Level. Dass der Stundenplan sich dennoch nicht nur auf die deutsche Sprache fokussiert, sondern so vielf\u00e4ltig gestaltet ist, hat gute Gr\u00fcnde: \u201eSprache ist nur die Spitze des Eisberges\u201c, meint Dr. Christine Rubas, die Leiterin der 2016 gegr\u00fcndeten Stabsstelle f\u00fcr Fl\u00fcchtlingskoordination an der Universit\u00e4t. Es sei genauso wichtig, dass sich die Gefl\u00fcchteten auch mit der Kultur und den Werten, denen sie hier in Deutschland begegnen, auseinandersetzen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10728\" aria-describedby=\"caption-attachment-10728\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10728 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG_3099x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10728\" class=\"wp-caption-text\">Zwei Must-Haves um den vollen Stundenplan zu \u00fcberstehen: Der Coffe-to-go und nat\u00fcrlich ein deutscher Duden.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Bei den Bewerbungen wird stark selektiert<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im B\u00fcro von Christine Rubas h\u00e4ngen Bilder aller Teilnehmenden an einer gro\u00dfen Magnetwand. Zweimal im Semester kommen die Gefl\u00fcchteten in die Sprechstunde und geben Feedback, dadurch soll daf\u00fcr gesorgt werden, \u201edass niemand aus dem Programm f\u00e4llt\u201c. Das Refugee Programm findet bereits mit dem zweiten Jahrgang statt. Es wird \u00fcber ein Sonderprogramm f\u00fcr Gefl\u00fcchtete des DAAD+ und des Bildungsministeriums finanziert. 2017 gab es 300 eingereichte Bewerbungen f\u00fcr die zwei Kurse mit insgesamt 40 Pl\u00e4tzen \u2013 Zahlen, die f\u00fcr die Attraktivit\u00e4t des Programms sprechen, aber auch f\u00fcr den begrenzten finanziellen Spielraum.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Neue Freundschaften entstehen<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter denen, die es geschafft haben, einen der begehrten Pl\u00e4tze zu ergattern, ist auch Judi (22) der urspr\u00fcnglich aus Kurdistan kommt und jetzt in der Weststadt lebt. Wie viele andere ist er extra f\u00fcr den Kurs nach T\u00fcbingen gezogen. Ein Freund hatte ihm damals von dem Programm berichtet, f\u00fcr das auf der Facebookseite \u201eSWR for Refugees\u201c geworben wurde. In seiner Freizeit trifft sich Judi viel mit seinen Freunden aus dem Kurs, gemeinsames Kochen ist dabei eine beliebte Aktivit\u00e4t. Auch f\u00fcr Malek (22) aus Aleppo, bedeuten die durch den Kurs neu gewonnenen Kontakte viel. Er wohnt in einem kleinen Ort bei N\u00fcrtingen und hatte davor nur wenig Kontakt zu Gleichaltrigen.<\/p>\n<h3><strong>Deutsche \u201eBuddys\u201c begleiten die Teilnehmenden<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit die Teilnehmenden noch besser im deutschen Studierendenleben ankommen, betreut das StudIT-MmF Team (StudIT f\u00fcr Menschen mit Fluchterfahrung) ein Buddy-Programm, bei dem alle Teilnehmende einen deutschen Buddy zugeteilt kriegen. Gemeinsam werden Ausfl\u00fcge unternommen, Stammtische veranstaltet, in der Mittagspause zusammen gegessen, gekocht oder gefeiert. Die studierenden Buddys sind auch daf\u00fcr da, um die Teilnehmenden bei Sprach- oder Organisationsproblemen zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDurch das Buddy-Programm ist es viel spannender, wir bekommen\u00a0 noch viel mehr vom deutschen Uni-Alltag mit\u201c, erkl\u00e4rt Malek. Aber auch ohne ihre Buddys bleibt der Unterrichtsalltag der Gefl\u00fcchteten dank zahlreicher Exkursionen abwechslungsreich. Vom Reichstagsgel\u00e4nde in N\u00fcrnberg bis zum Porschemuseum in Stuttgart, mit der (s\u00fcd-)deutschen Geschichte kennen sich die meisten mittlerweile gut aus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10730\" aria-describedby=\"caption-attachment-10730\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10730 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG_3103x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10730\" class=\"wp-caption-text\">Im Deutschunterricht wird gerade ein Referat vorgetragen. Hinten im Raum h\u00e4ngt ein Zeitstrahl mit den wichtigsten Ereignissen der deutschen Geschichte<em>.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Familien\u00e4ngste und Zukunftssorgen<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem ist es alles andere als einfach, vollst\u00e4ndig im Alltag hier anzukommen. Die meisten Gefl\u00fcchteten haben ihre Familie in ihrem Heimatland zur\u00fcckgelassen, viele davon in Syrien. T\u00e4glicher Kontakt via Whatsapp erleichtert den Trennungsschmerz zwar etwas, beseitigt ihn aber nicht. Zu den Sorgen um Angeh\u00f6rige mischen sich traumatische Fluchterfahrungen, aber auch \u00c4ngste und Zweifel \u00fcber die Zukunft in Deutschland: Was passiert nach den drei Jahren Aufenthaltsgenehmigung, die f\u00fcr die meisten gelten? Was, wenn man kein Studium oder keinen Job findet?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um f\u00fcr diese Probleme L\u00f6sungsans\u00e4tze anzubieten, besuchte der Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut Ahmed Karim die beiden Kurse mehrmals. Ahmed Karim, welcher auch am T\u00fcbinger Universit\u00e4tsklinikum forscht, r\u00e4t den Gefl\u00fcchteten, eine Liste mit den Dingen zu schreiben, die sie den Tag \u00fcber belasten. \u201eEs ist wichtig, wann ihr \u00fcber etwas nachdenkt. Jeder von euch hat bestimmte Sachen, die einen belasten. Wenn man etwas aufschreibt, dann wird es endlich, dann verschwindet die Spirale an Gedanken.\u201c<\/p>\n<h3><strong>\u201eWir haben keine Alternative zu Deutschland.\u201c<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Herr Karim anf\u00e4ngt, Probleme in Kategorien einzuordnen, ist es mucksm\u00e4uschenstill im Seminarraum geworden. Alle Augen sind nach vorne gerichtet. Danach soll sich jeder seine Probleme konkret aufschreiben. Ein paar werden als Beispiele im Plenum behandelt. \u201eIch habe Angst vor der Zukunft\u201c<em>,<\/em> sagt eine junge Frau. Ein junger Mann meint: \u201eWir haben keine Alternative zu Deutschland. Wenn jemand zu uns sagt: Tsch\u00fcss, zur\u00fcck nach Syrien \u2013 was sollen wir dann machen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Abschluss soll eine \u00dcbung zeigen, wie man seine Gedanken auf positive Themen leiten kann negative Dinge \u201ewegschiebt\u201c. Die kurze \u201eTherapiestunde\u201c scheint alle sehr betroffen zu haben. Eine richtige Therapie bezahlt zu bekommen, ist dagegen schwierig. Dabei sind zahlreiche Menschen mit Fluchterfahrung eigentlich therapiebed\u00fcrftig.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10729\" aria-describedby=\"caption-attachment-10729\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10729 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG_3101x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10729\" class=\"wp-caption-text\">Bei Pr\u00e4sentationen im Deutschunterricht sollen die Teilnehmenden verschiedene ethische Probleme am Arbeitsplatz beleuchten. Diese Gruppe berichtet \u00fcber Tierversuche mit Affen \u2013 ein passendes Thema in T\u00fcbingen.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Viele Wege f\u00fchren zum Traumjob<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber ihre W\u00fcnsche und Perspektiven f\u00fcr Arbeit und Beruf machen sich die Teilnehmenden nat\u00fcrlich auch Gedanken. Malek m\u00f6chte Politikwissenschaft studieren. Kani w\u00fcrde gerne Medizintechniker werden. Dalia will Landwirtin werden. Judi ist sich noch nicht sicher. Um sie bei ihren Zielen zu unterst\u00fctzen vermittelt ein w\u00f6chentlicher Kurs Kompetenzen und Bewerbungstraining f\u00fcr Beruf und Arbeitswelt. Zulassungsbedingungen und dergleichen k\u00f6nnen die Gefl\u00fcchteten nur noch bedingt schocken \u2013 den Kampf gegen die deutsche B\u00fcrokratie haben sie schon vor langem aufgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Absolventen und Absolventinnen des letzten Jahrgangs haben ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen. Manche von ihnen studieren mittlerweile, unter anderem Medizin, BWL oder Computerlinguistik, zwei sind an einer dualen Hochschule, einer macht eine Kaufmannsausbildung. Einige bereiten sich im Heidelberger Studienkolleg auf die C1 Sprachpr\u00fcfung vor, weil sie etwas mehr Zeit brauchen.<\/p>\n<h3><strong>Zur\u00fcck im Unterricht<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema Vielfalt steht inzwischen schon eine Menge an der Tafel. \u201eIst das denn ein Problem, so unterschiedlich zu sein?\u201c, fragt Herr Odgen. Wieder folgen die Antworten prompt. \u201e\u00dcberhaupt nicht.\u201c \u201eMan sollte nur niemandem schaden.\u201c \u201eAm wichtigsten ist es, respektvoll miteinander umzugehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Widerspruch. Erneut scheinen sich alle einig zu sein. Vielleicht sollte man anfangen, nicht nur den Teilnehmenden des Refugee Programms \u201eLeben in der modernen deutschen Gesellschaft\u201c zu lehren, sondern auch anderen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Bilder:<\/span><br \/>\nTitelbild: StudIT MmF<br \/>\nAlle anderen Bilder: Marko Knab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u201eRefugee Programm\u201c der Universit\u00e4t T\u00fcbingen bereitet Gefl\u00fcchtete ein Jahr lang auf den Einstieg in den deutschen Studien- und Arbeitsalltag vor. 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