{"id":10938,"date":"2018-03-23T19:47:56","date_gmt":"2018-03-23T19:47:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=10938"},"modified":"2021-02-20T13:41:32","modified_gmt":"2021-02-20T13:41:32","slug":"ein-sprung-ins-ungewisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/03\/23\/ein-sprung-ins-ungewisse\/","title":{"rendered":"Ein Sprung ins Ungewisse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Jeden Tag str\u00f6men tausende von Worte auf uns ein, ohne dass wir ihrer tats\u00e4chlichen Bedeutung auf den Grund gehen. Doch manchmal gibt es diese Augenblicke, in denen es Klick macht und wir uns fragen: Was wollen wir Menschen \u00fcberhaupt mit diesem Wort zum Ausdruck bringen? <\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Gef\u00fchl wurde vermutlich bei den meisten Schlachthaus-Besuchern am vergangenen Donnerstagabend ausgel\u00f6st. Das semi-jam Musikprojekt, das in T\u00fcbingens beliebter Kreativschmiede f\u00fcr erstaunte Gesichter sorgte, hat sich Improvisation im Augenblick auf die Fahne geschrieben. Improvisieren stammt aus dem Italienischen (<em>improvviso<\/em>) und bedeutet so viel wie unvorhergesehen. Was Unvorhersehbarkeit bedeuten kann, lehrten uns die Klangk\u00fcnstler mit allen Sinnen.<\/p>\n<h3>Mysteri\u00f6se Kl\u00e4nge treffen auf surreale Worte<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Beginn der experimentellen Jam-Session war repr\u00e4sentativ f\u00fcr den Hauptteil der Darbietung. Eine blonde junge Frau mit einer Vogelmaske zog sich auf dem Teppich gem\u00e4chlich die Schuhe aus. Die leicht diffuse Frau enttarnte sich sp\u00e4ter als die Pianistin sowie die gesangliche Hauptfigur des Szenarios. Die Vogelfrau bildet mit dem Mann am Bass und am Synthesizer das Musikduo <em>NiCo+, <\/em>das Herzst\u00fcck der musikalischen Session. Um das Intermezzo noch unvorhersehbarer zu machen, gab es Verst\u00e4rkung von zwei M\u00e4nnern aus der experimentellen Musikszene, die sich im Laufe des Abends unterschiedlichster Instrumente bedienten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur ekstatischen Geh\u00f6rsverwirrung sorgte unter anderem der fr\u00f6hliche Wechsel zwischen Kontrabass, Querfl\u00f6te, Perkussion und Tabla. Der Grundtenor des musikalischen Zusammenspiels hatte durchgehend eine melancholische Tendenz mit einem Hauch von Mysterium. Jedes Instrument nahm in dem zun\u00e4chst verwirrenden Klangkarussell seine ganz individuelle Position ein. Dennoch war zunehmend eine gewisse Harmonie zwischen den Musikern erkennbar.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10944\" aria-describedby=\"caption-attachment-10944\" style=\"width: 672px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10944 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/nico1-672x672.jpg\" alt=\"\" width=\"672\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10944\" class=\"wp-caption-text\">Willkommen in einer mystischen, improvisierten Welt!<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich an diesem Abend auf eine gem\u00fctliche Jam-Session zum Zur\u00fccklehnen und Genie\u00dfen gefreut hatte, wurde entt\u00e4uscht. Das Publikum war vielmehr gefordert aktiv zuzuh\u00f6ren, was sich in den gebannten Gesichtern der Zuschauer widerspiegelte. Die Darbietung, die keineswegs einer studierten Performance folgte, lie\u00df enorm viel Raum zur freien Interpretation, die vermutlich bei jeder Person anders gestaltet wurde. Die leisen melancholischen Kl\u00e4nge wurden oft von einem abrupten Gesangswechsel von sanft zu laut und expressiv durchbrochen. Die S\u00e4ngerin mit der zarten Stimme erfreute sich dabei an einer nicht-existierenden Fantasie-Sprache. Die geheimnisvollen Worte schienen nordisch-keltische Einfl\u00fcsse zu haben. Deshalb erinnerte es stark an Sprachen wie Sindarin, die Elben-Sprache aus Tolkiens bekannten B\u00fccherwerken.<\/p>\n<h3>Tanz der Farben<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zweite Herzst\u00fcck des Schauspiels war die mitrei\u00dfende Videoperformance, die auf die Leinwand hinter der B\u00fchne projiziert wurde. Der Videok\u00fcnstler PPLC gab sein Talent zum Besten, indem er farbenfrohe Kunstwerke dynamisch in Szene setzte. Auch bei der visuellen Unterhaltung war kein klares Muster zu erkennen. Der wilde \u00dcbergang von Farben und Mustern hatte eine leicht hypnotische Wirkung und harmonierte in seiner unerwarteten Skurrilit\u00e4t mit der musikalischen Untermalung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch der s\u00fc\u00dfen Verwirrung war noch nicht Gen\u00fcge getan! Im Lauf des Abends stie\u00df ein weiterer Improvisator hinzu, der das Geschehen durch lyrische Inputs aufmischte. An einem Nachttisch mit L\u00e4mpchen und einem Buch in der Hand, streute der Vorleser zus\u00e4tzliche Fantasieelemente in die Show. Hierbei war die Sprache zwar deutsch, jedoch war die Stimme sehr leise und die Worte undeutlich, sodass man nur zeitweise Worte wie Gewalt, Angst, Liebe erahnen konnte. Durch die etwas verst\u00f6rt wirkende Person in der B\u00fchnenmitte bekam das Gesamtbild einen zus\u00e4tzlichen emotionalen Schub.<\/p>\n<h3>Theatralische Harmonie<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Ferne betrachtet war zudem eine starke \u00c4hnlichkeit zu einem Naturtreiben zu erkennen. Der mitrei\u00dfende Fluss war gepr\u00e4gt von undefinierter Unordnung, die jedoch gleichzeitig eine nat\u00fcrliche Harmonie ausstrahlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das mysteri\u00f6se Zusammenspiel endete genauso unerwartet wie es begonnen hatte. Das singenden Vogelm\u00e4dchen und der Lyriker, die zuvor nur \u00fcber die Kl\u00e4nge und Stimme kommuniziert hatten, fingen langsam an die physische Existenz des anderen auf theatralische Weise wahrzunehmen. Einer misstrauischen Distanz folgte eine innige Umarmung der beiden, die bis zum Verstummen aller Instrumente im Mittelpunkt der B\u00fchne stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Kunstereignis der besonderen Art war definitiv ein Sprung ins Ungewisse und damit die reine Verk\u00f6rperung von Improvisation. Neben der au\u00dfergew\u00f6hnlichen musikalischen und visuellen Reize, hinterlie\u00df die Show zudem eine tiefgreifende Message in den K\u00f6pfen der Zuschauer.\u00a0 Man fing an die heutige Welt zu hinterfragen, in der ein perfekt geplanter Alltag mit starren Mustern zum idealen Standard (oder zum Verh\u00e4ngnis) der Gesellschaft geworden ist. Hierbei vergessen die Meisten von uns, wie sch\u00f6n es sein kann einfach mal loszulassen und Dinge im Moment geschehen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Niels Ott<span style=\"text-decoration: underline;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Tag str\u00f6men tausende von Worte auf uns ein, ohne dass wir ihrer tats\u00e4chlichen Bedeutung auf den Grund gehen. 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