{"id":11157,"date":"2018-04-29T10:00:13","date_gmt":"2018-04-29T08:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=11157"},"modified":"2018-04-29T10:00:13","modified_gmt":"2018-04-29T08:00:13","slug":"der-meister-der-taeuschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/04\/29\/der-meister-der-taeuschung\/","title":{"rendered":"Der Meister der T\u00e4uschung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Ein geisteskranker L\u00fcgner? Ein narzisstischer Selbstdarsteller? Oder doch einer, der entlarvte, Missst\u00e4nde aufdeckte und der Branche den Spiegel vorhielt? Der Hochstapler Gert Postel polarisiert &#8211; so auch wieder diesen Donnerstagabend bei seiner Lesung im Haus der Landsmannschaft Schottland.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Protzige Boliden und adrett gekleidete Mittzwanziger stehen vor dem Haus der Landsmannschaft Schottland. Ein Mann ist zu Besuch, der sowohl Anerkennung als auch Ablehnung hervorruft wie kaum ein anderer: Der verurteilte Hochstapler Gert Postel. Der gelernte Postbote hatte mehrfach unter Vort\u00e4uschung falscher Tatsachen als Facharzt in h\u00f6chsten \u00c4mtern gearbeitet.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Eine filmreife Geschichte<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der geb\u00fcrtige Bremer Postel schloss nach seiner mittleren Reife die Lehre zum Postboten ab. Als seine unter Depressionen leidende Mutter aufgrund von falscher psychiatrischer Behandlung Suizid beging, begann Postel nach eigenen Aussagen sich \u201e\u00f6ffentlich \u00fcber die Psychiatrie lustig zu machen\u201c. Der falsche Doktor bewarb sich mehrfach auf diverse Stellen als Facharzt, Rechtspfleger und bei der Bundeswehr. Obwohl Postel mehrmals aufflog und verurteilt wurde, ergab sich f\u00fcr ihn nach der Wende eine unglaubliche Gelegenheit: Im Landkreis Leipzig wurde er als Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik angenommen. Dort arbeitete er fast zwei Jahre lang, schrieb Gutachten und lie\u00df \u00c4rzte zu. Das Groteske: \u201eDr. Postel\u201c t\u00e4uschte die akademische Welt sogar unter seinem Klarnamen!<\/p>\n<figure id=\"attachment_11159\" aria-describedby=\"caption-attachment-11159\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11159 size-full\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Psychatrie-Zschadra\u00df.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11159\" class=\"wp-caption-text\">In dieser Psychiatrie in Zschadra\u00df (Sachsen) arbeitete Postel bis Juli 1997 als Oberarzt.<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>\u201eDer ph\u00e4notypische Professor in Deutschland ist eine Diva.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lesung seines Buches \u201eDoktorspiele \u2013 Gest\u00e4ndnisse eines Hochstaplers\u201c fand als \u00f6ffentliche Veranstaltung im Haus der Studentenverbindung Landsmannschaft Schottland statt. Der mit Holz vert\u00e4felte, dunkle Raum war gef\u00fcllt mit \u201ealten Herren\u201c und Aktiven, w\u00e4hrend Postel seinen Feldzug gegen die Psychiatrie und die Medizin unter gro\u00dfem Gel\u00e4chter als lustigen Lausbubenstreich inszenierte.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich bin ein grundehrlicher Mensch!&#8220;<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gelernte Postbote beharrt darauf, ein \u201eHochstapler unter Hochstaplern\u201c gewesen zu sein und kommt zu dem Schluss:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Psychiatrie ist keine Wissenschaft\u201c, sondern eine Scheinkunst, \u201edie jede dressierte Ziege kann\u201c.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Abneigung gegen\u00fcber diesen Fachbereichen bringt \u201eDoktor Postel\u201c mit polemischen Parolen zum Ausdruck, die der aufmerksame Zuh\u00f6rer schon aus diversen Talkshows kennt, bei denen Besagter zu Gast war. Er nutzt au\u00dferdem immer wieder das Bild des K\u00fcnstlers: Er, der Schauspieler, der mit seiner Rolle die akademische Welt auf den Kopf stellte. Auf die Frage, wie er denn sein Treiben rechtfertige, antwortet er, die Psychologie sei in einem Rechtfertigungszwang, nicht er. Professoren attestiert er gar \u201eantisoziale Potenzen\u201c die n\u00f6tig seien, um in ein solches Amt zu gelangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die markige Wortwahl, das selbstbewusste Auftreten und die Vortragsweise, die vor Komik nur so strotzt, entgehen dem Betrachter dieser Selbstinszenierung leicht die Ungereimtheiten hinter dieser Rolle.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11160\" aria-describedby=\"caption-attachment-11160\" style=\"width: 927px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11160 size-full\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Postel-Beitragsbild.jpg\" alt=\"\" width=\"927\" height=\"626\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11160\" class=\"wp-caption-text\">\u201eIch bin ein grundehrlicher Mensch!\u201c, behauptet der verurteilte Postel.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Postel stellte als Oberarzt mehrere psychatrische Gutachten aus, die daraufhin als Beweismittel vor Gericht genutzt wurden. Der ehemalige Brieftr\u00e4ger hatte also einen enormen Einfluss auf das Leben vieler Menschen, die auf Grundlage seiner Gutachten verurteilt wurden. Auch wenn nach seiner Enttarnung keine seiner Beurteilungen f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt wurde, ist die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit dieser mehr als fraglich. Postel sagt selbst \u00fcber die Zeit vor seiner T\u00e4tigkeit als Oberarzt: \u201eH\u00e4tte ich eine Verantwortung gehabt, und sei es f\u00fcr einen Hund, h\u00e4tte ich mich nie beworben\u201c. Hier offenbart sich ein widerspr\u00fcchliches Bild von Verantwortung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiter behauptet Postel, die Enth\u00fcllung seines Feldzugs kaum geplant zu haben. Er, der durch akribische Planung erst in ein solches Amt gelangt war, der mit unglaublicher Dreistigkeit Beh\u00f6rden und Beamten t\u00e4uschte, von telefonischen Empfehlungen hoher \u00c4rzte (er rief nat\u00fcrlich selbst an und empfahl nat\u00fcrlich sich selbst) bis hin zu gef\u00e4lschten Beh\u00f6rdenstempeln, die er sich in der Rolle eine Stempelfabrikanten beschaffte. Dieses Genie der Berechnung und der Organisation soll keinen Plan f\u00fcr die letztendliche Enth\u00fcllung seines Streichs gehabt haben?<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Selbstkritik? Fehlanzeige.<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grunds\u00e4tzlich wei\u00dft Postel jedwede Schuldzuweisung zur\u00fcck. Der \u201eHerr Doktor\u201c wurde geradezu ausf\u00e4llig, wenn er kritisiert wurde. Zum Beispiel, als er einen Zuh\u00f6rer, der sein Handeln verurteilte, fast bedr\u00e4ngte. Der falsche Facharzt steht heute immer noch in der \u00d6ffentlichkeit (sein Buch avancierte zum Bestseller, diverse Fernsehauftritte folgten) und scheint den Zuspruch und die Bewunderung f\u00fcr seinen Betrug zu genie\u00dfen. Selbstkritik? Fehlanzeige. Passend dazu bekommt das Thema seines Vortrags zur Bewerbung auf die Oberarztstelle eine ironische Note: Die L\u00fcgensucht zum Zwecke der Ich-Erh\u00f6hung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch gerade, weil man Gert Postel kaum eine bekannte Bezeichnung zuschreiben kann (Postel selbst wehrt sich vehement gegen diese Form des \u201eEtikettierens\u201c), bleibt er eine so spannende Pers\u00f6nlichkeit. Ist er eine moderne Form des \u201eHauptmanns von K\u00f6penick\u201c oder doch nur ein Egozentriker mit M\u00fcnchhausen-Syndrom? Ganz gewiss ist er einer der spannendsten T\u00fcbinger B\u00fcrger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Beitragsbild und Foto 2:<\/u> Florian Sauer<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Foto 1:<\/u> wikimedia.org<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein geisteskranker L\u00fcgner? Ein narzisstischer Selbstdarsteller? Oder doch einer, der entlarvte, Missst\u00e4nde aufdeckte und der Branche den Spiegel vorhielt? 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