{"id":11221,"date":"2018-05-03T09:28:44","date_gmt":"2018-05-03T09:28:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=11221"},"modified":"2021-02-20T13:38:29","modified_gmt":"2021-02-20T13:38:29","slug":"von-lisas-und-anderen-language-experts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/05\/03\/von-lisas-und-anderen-language-experts\/","title":{"rendered":"Von Lisas und anderen (Language) Experts"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Klischees gibt es nicht ohne Grund, sagt man. Deshalb schauen wir uns die Studieng\u00e4nge mal genauer an. Im Mittelpunkt steht dieses Mal ein Haufen, der den Brechtbau nicht nur fashion-wise ma\u00dfgeblich shaped: Die Anglistik.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Komplexit\u00e4t des Anglistikstudenten ist in wenigen Zeilen nur schwer zu erfassen. \u00a0Da gibt es zum einen \u201eLisa, 19\u201c (Anm. d. Red.:\u00a0 trotz des inflation\u00e4ren Namens l\u00e4sst sich diese Gruppierung weder auf ein Alter noch ein Geschlecht begrenzen), \u00a0aber auch den Nerd und den Lehr\u00e4mtler. Obwohl die Grenzen zwischen oben genannten Kategorien zunehmend verschwimmen, wird an dieser Stelle versucht eine kurze Charakterisierung vorzunehmen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eTo travel is to live\u201d<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lisa, 19, hat nach dem Abitur vorzugsweise ein Jahr in Australien verbracht, deutsch verlernt und nennt sich jetzt mit breitestem Akzent einen \u201etrue Aussie\u201c. Mit weniger Prestige verbunden, trotzdem aber noch im Qualifikationsbereich liegend, gelten L\u00e4nder wie die USA, Neuseeland, Kanada und Gro\u00dfbritannien als Destination f\u00fcr einen l\u00e4ngeren (oder auch k\u00fcrzeren) Auslandsaufenthalt. Nicht selten sind daher passiv aggressive battles um den besten accent im Seminarraum zu vernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lisa klingt selbstverst\u00e4ndlich wie ein native speaker, das haben ihr all ihre Freunde an der amerikanischen High School, die sie w\u00e4hrend der 11. Klasse besucht hat, best\u00e4tigt. Nat\u00fcrlich f\u00fchrt sie mit diesen immer noch regelm\u00e4\u00dfige Skype-Telefonate und postet gelegentliche \u201eThrowback-Thursday\u201c-Bilder mit der Bildunterschrift: \u201eMiss you guys! #bestyearofmylife #classof2012 #germangirl #tbt\u201c auf ihrem Instagram-Account.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine \u00fcberdurchschnittliche Social-Media-Nutzung wird fast allen Lisa-Vertretern nachgesagt. Dementsprechend kann auch oftmals heute noch der Tumblr-Travel-Blog des ausgew\u00e4hlten Exemplars mit einem Blick auf die Facebook Timeline gefunden und gelesen werden \u2013 zumindest die drei Beitr\u00e4ge lang, die er gef\u00fchrt wurde. M\u00e4nnliche Lisas hingegen gl\u00e4nzen online typischerweise eher durch Fotos als durch lange Texte oder Zitate wie \u201eto travel is to live\u201c. Auf diesen gut inszenierten Fotos sorgen nicht selten typische Requisiten wie Str\u00e4nde, Surfbretter, der Grand Canyon oder braungebrannte weibliche Lisas f\u00fcr den gew\u00fcnschten effect. W\u00e4hrend die Gattung der m\u00e4nnlichen Lisas in sozialen Netzwerken eher wortkarg erscheint, wird die Haut einiger nicht selten von deepen Spr\u00fcchen wie \u201enot all those who wander are lost\u201c geziert \u2013 unegachtet dessen, dass viele von ihnen \u201eJ. R. R. Tolkien\u201c wahrscheinlich nicht einmal buchstabieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11224\" aria-describedby=\"caption-attachment-11224\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11224 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/27017324_1602274363196069_157302887_o-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11224\" class=\"wp-caption-text\">Das Backpacking ist die gro\u00dfe Leidenschaft vieler Anglistik-Studierenden. Und J. R. R. Tolkien ist sowieso Pflichtlekt\u00fcre.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>To be (a nerd) or not to be (a nerd)<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz im Gegensatz dazu verhalten sich die Nerds, in Fachkreisen der Anglistik auch \u201eWeirdos\u201c genannt. Anders als Lisa gl\u00e4nzt der Weirdo eher inner- statt au\u00dferhalb des H\u00f6rsaals. Auch wenn er, reichlich besch\u00e4ftigt mit Videospielen und Serien, keine perfekte Aussprache bei irgendwelchen Auslandsaufenthalten erlangt hat, beeindruckt er \u2013 ganz zum Missfallen seiner Kommilitonen \u2013 Dozenten oft mit seinen Beitr\u00e4gen. Jedes in der Vorlesung erw\u00e4hnte Buch hat er bereits gelesen, jede zu analysierende Fernsehserie (ja, sowas macht man im Anglistikstudium) gesehen und sich zu beinahe allen Diskussionsthemen schon in Onlineforen ausgetauscht. Sein grammatikalisch fehlerfreies Englisch und beeindruckendes Vokabular hat er sich bei eben diesen Aktivit\u00e4ten (in der Originalsprache!11!!) selbst beigebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn zur Sprachpraxis ein f\u00fcnfmin\u00fctiges Referat zu einem Thema seiner Wahl gehalten werden soll, dann erkl\u00e4rt der Weirdo seinen Kommilitonen die Spielregeln von Dungeons &amp; Dragons oder stellt seine liebste Heavy-Metal-Band vor. Glaubt eine Herde von Weirdos unter sich zu sein, so k\u00f6nnten die Gespr\u00e4che von Au\u00dfenstehenden glatt f\u00fcr hoch wissenschaftliche Diskussionen gehalten werden. In Wahrheit geht es jedoch nur darum, wie Luke Skywalkers Rolle im neuen Star Wars empfunden wurde oder ob\u00a0 Game of Thrones den B\u00fcchern gerecht wird. \u00c4u\u00dferlich erkennt man die Weirdos zum Beispiel an Fan-Merchandise, wie Star Wars T-Shirts oder Hoodies bedruckt mit dem Logo besagter Metal-Band. Hierbei wird in vielen F\u00e4llen nicht zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Haarl\u00e4nge und Kleidungsstil differenziert.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Teachers-to-be<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lehr\u00e4mtler sind die am schwierigsten zu klassifizierende Gruppierung, da sie sich oftmals heimt\u00fcckisch und unbemerkt einer der beiden ersten anschlie\u00dfen. Wer sehr aufmerksam ist, wird jedoch auch sie entlarven. Sofern sie sich nicht selbst dadurch verraten, dass nur sie, ihrem Schicksal ins Auge blickend, \u00fcber die Sparwitze einiger Dozenten lachen. Die Lehr\u00e4mtler \u2013 oder auch \u201eteachers-to-be *-*\u201c \u2013 machen einen gro\u00dfen Teil des Englischen Seminars aus; was will man auch sonst mit dem Studium anfangen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie diskutieren gerne \u00fcber Themen, wie die Vorz\u00fcge und Nachteile von Bilingualit\u00e4t bei Kindern und Jugendlichen und allgemein, wer die besten fachdidaktischen Methoden auf Lager hat. Selbst sind sie jedoch die ersten, die sich \u00fcber das Lernpensum beschweren, die Pflichtlekt\u00fcren nicht lesen und den Dozenten bei so ziemlich jeder Aufgabe fragen, was ihnen das f\u00fcr sp\u00e4ter bringt. Selbstverst\u00e4ndlich nur, um sich schon einmal in ihre zuk\u00fcnftigen Sch\u00fclern hineinzuversetzen. Viele von ihnen studieren ausgerechnet Englisch auf Lehramt, weil sie wie die Lisas \u00a0Auslandsaufenthalte hinter sich haben \u2013 oder nichts Anderes k\u00f6nnen. Gewissheit gibt ihnen der Gedanke, dass sie im Gegensatz zu den Lisas und Weirdos keine Taxifahrer werden; eine Motivation, die sich hilfreich darin erweist, das Studium zu meistern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend sie zwar optisch meist weniger hipster- oder nerdm\u00e4\u00dfg unterwegs sind als die beiden bereits genannten Gruppierungen, wissen die Lehr\u00e4mtler trotzdem die Aufmerksamkeit im Seminarraum auf sich zu ziehen: ob mit der Frage, ob man die \u00dcberschrift auch mit gr\u00fcn anstatt blau unterstreichen darf oder auch mit dem lieb gemeinten Hinweis an den Lehr\u2026 \u00e4h \u2026 Dozenten, dass er irgendwo einen Buchstaben vergessen hat.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>#sorrynotsorry<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was alle drei gemein haben, ist, dass sie sich beinahe ausschlie\u00dflich in der Filzh\u00f6lle des Brechtbaus aufhalten (die sie sich mit \u00e4hnlich wenig prestigetr\u00e4chtigen Studieng\u00e4ngen teilen). Der \u00c4rger dar\u00fcber, dass ihr Studium von anderen nicht ernst genommen wird, vereint die Lisas, Weirdos und Lehr\u00e4mtler in der Anglistik. Gegenseitig versichern sie sich, dass sowohl \u201eInterdisciplinary American Studies\u201c als auch alle anderen Fachrichtungen eine Vielzahl an Karrierem\u00f6glichkeiten bieten und nur das Beste aus Sprache, Soziologie und Politikwissenschaft in sich vereinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch egal, wie sehr unsere Anglisten auch untersch\u00e4tzt werden, w\u00fcrde sie doch niemand an der Uni missen wollen. Denn wie awkward w\u00e4re es, wenn hier niemand richtig Englisch k\u00f6nnte (und sein Umfeld mit Anglizismen nerven w\u00fcrde)? Wie trostlos w\u00e4re das Tal ohne die individuelle Vielfalt, die die Kleiderschr\u00e4nke der Anglisten zu bieten haben? Und wer w\u00fcrde nur die Universit\u00e4t auf Instagram repr\u00e4sentieren? Deshalb, liebe Anglisten, bleibt hier nur noch eines zu sagen: sorrynotsorry.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Leonie M\u00fcller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klischees gibt es nicht ohne Grund, sagt man. Deshalb schauen wir uns die Studieng\u00e4nge mal genauer an. Im Mittelpunkt steht dieses Mal ein Haufen, der &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":334,"featured_media":11223,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,14,922],"tags":[944,2591,1684,2384,11,4144,4104,1591,928,3320,4145,4146,1250,4147,4148,4149,18,4150,4151,288,21,2435],"class_list":["post-11221","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-kupferplausch","category-student-lifestyle","tag-anglistik","tag-australien","tag-brechtbau","tag-englisch","tag-featured","tag-featured-universitaet","tag-geisteswissenschaft","tag-harry-potter","tag-hipster","tag-instagram","tag-lehraemtler","tag-lisas","tag-mode","tag-native-speaker","tag-nerds","tag-studentenklischees","tag-studierende","tag-studierendenklischees","tag-tolkien","tag-unileben","tag-universitaet","tag-vorurteile"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11221","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/334"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11221"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11221\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23603,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11221\/revisions\/23603"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11221"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11221"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11221"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}