{"id":11248,"date":"2018-05-05T14:50:39","date_gmt":"2018-05-05T12:50:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=11248"},"modified":"2018-05-05T14:50:39","modified_gmt":"2018-05-05T12:50:39","slug":"ueber-populismus-und-pudding-den-man-nicht-an-die-wand-nageln-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/05\/05\/ueber-populismus-und-pudding-den-man-nicht-an-die-wand-nageln-kann\/","title":{"rendered":"\u00dcber Populismus und Pudding, den man nicht an die Wand nageln kann"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Ob Orb\u00e1n, Trump oder die AfD: Das Thema Populismus ist im Moment allgegenw\u00e4rtig in der \u00f6ffentlichen Debatte. Am Donnerstagabend debattierten Experten von vier Universit\u00e4ten \u00fcber das Ph\u00e4nomen. Die Podiumsdiskussion wurde ausgerichtet vom Seminar f\u00fcr Allgemeine Rhetorik in Kooperation mit der Wochenzeitung DIE ZEIT.<\/strong> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Audimax konnte die Brisanz des Themas Populismus f\u00f6rmlich von den R\u00e4ngen abgelesen werden: Die G\u00e4ste sa\u00dfen teils auf der Treppe oder teilten sich sogar einen der ergatterten Sitze. Und obwohl die Diskussion keinen spannenden Schlagabtausch bieten konnte, sorgte das Zusammentreffen der vier Sozialwissenschaftler f\u00fcr einen unterhaltsamen Abend mit einigen kontroversen Aussagen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eDie da oben und die da drau\u00dfen\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Diskussion zeigt sich fr\u00fch ein Problem, dass die Forschung immer wieder besch\u00e4ftigt: Die knifflige Definition von Populismus. Die emeritierte Prof. Dr. Karin Priester von der Universit\u00e4t M\u00fcnster beschreibt ihn dabei als einen \u201eProzess, der mit Protest beginnt\u201c. Der Populismus sei eine Weltsicht, die in \u201edie da oben, wir da unten\u201c unterscheide. Diese Spaltung funktioniere auch horizontal: Populistische Parteien seien nicht mehr nur \u201egegen die da oben, sondern gegen die da drau\u00dfen\u201c. Dabei h\u00e4tten besonders die Wirtschafts- und Migrationskrisen, aber auch die \u201eHegemonie des Neoliberalismus\u201c und die damit einhergehende Spaltung von Arm und Reich zum Aufkommen des Populismus beigetragen, sagt die Politikwissenschaftlerin. Viele Menschen sehnten sich in einer Art \u201er\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Utopie\u201c in eine fr\u00fchere Zeit zur\u00fcck.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11231\" aria-describedby=\"caption-attachment-11231\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-11231\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/IMG_6578x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11231\" class=\"wp-caption-text\">Populismus ist eine \u201eAntwort auf Hegemonie des Neoliberalismus\u201c sagt emeritierte Prof. Karin Priester von der Uni M\u00fcnster.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagegen argumentierte ein weiterer Politikwissenschaftler, Prof. Dr. Lothar Probst von der Uni Bremen: Populismus sei ein \u201ePudding, den man nicht an die Wand nageln kann\u201c.\u00a0 Er meint damit scherzhaft, man k\u00f6nne die Ursachen f\u00fcr Populismus nicht nur in sozio\u00f6konomischen Faktoren finden, sondern auch in kulturellen und historischen. Auff\u00e4llig sei, dass Populisten gerade auch in wirtschaftlich starken Regionen im Aufwind seien, wie zum Beispiel j\u00fcngst bei der Parlamentswahl in Italien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch Globalisierung, Migration und europ\u00e4ische Integration erlitten viele Menschen eine \u201ekulturelle Verunsicherung\u201c, aufgrund derer die \u201eLebenswelten zwischen Bev\u00f6lkerung und Teilen der Eliten immer weiter auseinander driften\u201c w\u00fcrden. Genau hier setzten Populisten gezielt an, wenn sie sich als einzige Gegeneliten oder ausnahmslose Alternativen inszenierten und einen \u201ehomogenen Volksk\u00f6rper\u201c konstruierten. Durch die Schw\u00e4che des Nationalstaats als \u201eidentit\u00e4tsstiftendes Geh\u00e4use\u201c resultiere dann die Sehnsucht in der Bev\u00f6lkerung nach Orientierung und Dazugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11233\" aria-describedby=\"caption-attachment-11233\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-11233\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/IMG_6605x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11233\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Probst aus Bremen erachtet besonders die Untergrabung der Gewaltenteilung durch Populisten als gef\u00e4hrliche Tendenz.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Soziale Medien als populistisches Instrument<u> <\/u><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Dr. Georg Eckmayr konnten die Organisatoren auch einen Medienwissenschaftler aus Wien f\u00fcr die Diskussion gewinnen. Der \u00d6sterreicher erkl\u00e4rt, wie Populisten versuchen, den Diskurs zu bestimmen, indem \u201eBegriffe aufgeweicht und neu besetzt\u201c werden. Als Beispiel nennt er den Umgang der in \u00d6sterreich regierenden FP\u00d6 mit Journalisten, die von Veranstaltungen der Partei ausgeschlossen und als Mitglieder der \u201eL\u00fcgenpresse\u201c diskreditiert wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Berichterstattung sei daraufhin von parteinahen Unterst\u00fctzern \u00fcbernommen und \u00fcberwiegend auf sozialen Netzwerken ausgestrahlt worden. Dadurch finde eine Neubesetzung der Begriffe Journalismus und Presse statt, die gerade in Zusammenhang mit den sozialen Medien \u201eneue M\u00f6glichkeiten der Steuerung\u201c bewirken. Entgegen vieler Behauptungen seien diese Netzwerke \u201ekein \u00f6ffentlicher Raum\u201c, sondern bieten durch Algorithmen privater Konzerne nur \u201eeine Illusion der Teilnahme\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11234\" aria-describedby=\"caption-attachment-11234\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-11234\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/IMG_6654x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11234\" class=\"wp-caption-text\">Die globalen, sozialen Medien bieten (zum Beispiel durch Bot-Netzwerke) ungeahnte M\u00f6glichkeiten der Manipulation, erkl\u00e4rt Dr. Eckmayr von der Uni Wien.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201ePopulismus ist zun\u00e4chst einmal Bewegung\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als letzter Gast in der Runde f\u00fcgt Prof. Dr.\u00a0 Hans-J\u00fcrgen Puhle von der Universit\u00e4t Jena der Debatte eine historische und globale Dimension hinzu: Er sieht die Wurzeln des Populismus in nordamerikanischen Agrarparteien des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts. Zudem sei der Term Populismus in manchen Weltregionen positiv konnotiert, so in der kemalistischen T\u00fcrkei oder in Algerien. Um der derzeitigen \u201eInflation des Begriffs\u201c zu entgehen, schl\u00e4gt er eine strikte Trennung in populistische Methodik (die viele Politiker nutzen) und Populismus als Politikkonzept vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterhin kritisiert der Politikwissenschaftler und Historiker die fehlende Differenzierung innerhalb dieser Thematik und behauptet, es g\u00e4be \u201edemokratische Populismen\u201c, denen wir unter anderem das Frauenwahlrecht in den USA und diverse Freiheitsrechte zu verdanken h\u00e4tten. Trotzdem seien diverse gegenw\u00e4rtige Entwicklungen besorgniserregend. Rechte Populisten seien auf dem Vormarsch, weil Argumente der Linken \u201ezu rational und abstrakt\u201c seien. Als beste Gegenstrategie empfiehlt er \u201egute Politik zu machen und diese erfolgreich zu kommunizieren\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11232\" aria-describedby=\"caption-attachment-11232\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-11232\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/IMG_6582x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11232\" class=\"wp-caption-text\">\u201eDie AfD ist kein Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft!\u201c stellt Prof. Dr. Puhle aus Jena klar.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eDiese Str\u00f6mungen werden nicht einfach so verschwinden\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Aussage sind sich alle Experten einig, wie in der Fragerunde zum Schluss der Podiumsdiskussion klar wird. \u201eStigmatisieren hat nicht funktioniert, ignorieren hat nicht funktioniert\u201c, bemerkt Probst gegen Ende der Veranstaltung. Priester sieht gar eine Zukunft vor uns in der traditionelle Volksparteien nur noch eine kleine Rolle zwischen mehreren populistischen Parteien spielen k\u00f6nnten. Doch \u00fcber m\u00f6gliche Strategien zur Eind\u00e4mmung dieser Entwicklung wurde kaum debattiert. Wie die Krise der repr\u00e4sentativen Demokratie \u00fcberwunden werden kann, bleibt offen. Angesichts eventueller Kruzifix-Pflicht in bayrischen Beh\u00f6rden scheint Puhles Empfehlung, \u00a0\u201egute Politik zu machen\u201c, allerdings gar nicht so leicht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Marko Knab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob Orb\u00e1n, Trump oder die AfD: Das Thema Populismus ist im Moment allgegenw\u00e4rtig in der \u00f6ffentlichen Debatte. 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