{"id":11639,"date":"2018-06-19T09:43:26","date_gmt":"2018-06-19T09:43:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=11639"},"modified":"2021-02-19T18:30:09","modified_gmt":"2021-02-19T18:30:09","slug":"wer-bin-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/06\/19\/wer-bin-ich\/","title":{"rendered":"Wer bin ich?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Identit\u00e4t &#8211; der Begriff wird im Alltag h\u00e4ufig verwendet. Allerdings f\u00e4llt es oft schwer, in Worte zu fassen, was Identit\u00e4t genau ist. Deshalb haben wir mal nachgefragt, bei\u00a0<\/em><\/strong><strong><em>Jan Hinrichsen, empirischer Kulturwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig-Uhland Institut T\u00fcbingen.<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Herr Hinrichsen, w\u00fcrden Sie sagen, die Frage \u201eWer bin ich?\u201c ist die Frage nach Identit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00fcrde sagen, es ist die <em>Suche <\/em>nach Identit\u00e4t. Allerdings sollten wir uns dabei \u201eIdentit\u00e4t\u201c nicht als etwas Gegebenes vorstellen, dass wir nur freizulegen h\u00e4tten, sondern die Aufmerksamkeit darauf richten, dass Identit\u00e4t vielmehr etwas ist, dass wir permanent herstellen, hervorbringen, auff\u00fchren, neu erfinden. Identit\u00e4t, also wer wir selbst sind, sein wollen und k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir uns als Aufgabe und nicht als \u201eErgebnis\u201c, vorstellen &#8211; als einen Prozess der Selbstreflexion, in dem wir hervorbringen, wer wir sein wollen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verstehen kulturelle Identit\u00e4ten nicht als Gegebenes, sondern als offene Aushandlungsprozesse.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Welche Rolle spielt Identit\u00e4t in der Empirischen Kulturwissenschaft (EKW)?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die EKW schaut weniger auf individuelle, als vielmehr kollektive Identit\u00e4ten, denen wir uns mit dem Begriff der Kultur ann\u00e4hern. Das bedeutet, wir verstehen kulturelle Identit\u00e4ten nicht als Gegebenes, sondern als offene Aushandlungsprozesse, als \u201eimagined communities\u201c. Diese Perspektive erm\u00f6glicht auch ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Vielschichtigkeit von Identit\u00e4t, f\u00fcr ihre Fragilit\u00e4t, ihre Fluidit\u00e4t. Kulturelle Identit\u00e4t ist gestaltbar, sie ist hybrid, ambivalent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig ist sie ein machtvolles Konstrukt, ein Schl\u00fcsselbegriff in gesellschaftlichen Anerkennungsk\u00e4mpfen, in den sogenannten \u201epolitics of identity\u201c &#8211; also weit mehr, und weit m\u00e4chtiger, als ein beliebiges Konstrukt: Ein Konstrukt mit Wirklichkeitseffekten, das \u00fcber gesellschaftliche Zugeh\u00f6rigkeit, Teilhabe, Sichtbarkeit und Anerkennung entscheidet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11812\" aria-describedby=\"caption-attachment-11812\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11812 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_3908-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11812\" class=\"wp-caption-text\">Jan Hinrichsen besch\u00e4ftigt sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Ludwig-Uhland Instituts unter anderem mit der \u201eVerwundbarkeit kultureller Ordnungen\u201c und \u201ePraktiken des guten Lebens\u201c<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie entsteht Identit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage nach der Entstehung impliziert, dass wir \u201eeine\u201c Identit\u00e4t \u201ebekommen\u201c, die dann fixiert und eindeutig ist. Das Problem steckt im Begriff der Identit\u00e4t selbst, der suggeriert, dass es einen wahren Kern g\u00e4be, mit dem es sich abzugleichen gilt. Aber die Prozesse der Sozialisation sind nie abgeschlossen und haben kein klares \u201eZiel\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Welche Faktoren beeinflussen dann die Identit\u00e4tsbildung?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind durch die unterschiedlichsten Einfl\u00fcsse gepr\u00e4gt. Schule und Bildung, Familie und Freunde, Wohnort, Arbeit usw. Diese Einfl\u00fcsse schreiben sich in uns ein &#8211; in unser Denken, unser Handeln, unsere K\u00f6rper. Sie fixieren uns einerseits, andererseits erm\u00f6glichen sie uns, \u00fcber uns und unser Sein zu reflektieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Identit\u00e4t ist also weniger statisch als vielmehr dynamisch?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau. Wenn wir davon ausgehen, dass wir eine Identit\u00e4t \u201ehaben\u201c, dann sollten wir uns dieses \u201eHaben\u201c als Prozess vorstellen. Wer wir sind, wer wir sein wollen, aber auch wer wir sein k\u00f6nnen, \u00e4ndert sich permanent. Und zwar nicht im Sinne von einer stabilen Identit\u00e4t zur n\u00e4chsten, sondern als andauerndes Werden. Als eine nie abgeschlossene Produktion unserer Selbst \u00fcber das was wir tun, sagen, wie wir uns kleiden, was wir m\u00f6gen, wie wir \u00fcber uns nachdenken. Gleichzeitig hat unsere Sozialisation erheblichen Einfluss darauf, wie wir im sozialen Raum positioniert sind und wie und wohin wir uns darin bewegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Problem steckt im Begriff der Identit\u00e4t selbst, der suggeriert, dass es einen wahren Kern g\u00e4be.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Und wie frei ist man in seiner Identit\u00e4tsbildung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist eine besonders schwierige Frage. Das bisher Gesagte k\u00f6nnte den Eindruck erwecken, als handle es sich bei Identit\u00e4t um ein restlos beliebiges Konstrukt. Das ist allerdings nicht richtig. Wir sind zwar Produkte unserer Selbst, aber unser Selbst m\u00fcssen wir wiederum als Produkt der Gesellschaft verstehen &#8211; gesellschaftlicher Anforderungen, Deutungen, Zw\u00e4nge, Urteile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das l\u00e4sst sich an der Geschlechtsidentit\u00e4t gut nachvollziehen. Kulturwissenschaftlich betrachtet ist das Geschlecht eine Performanz, auch das vermeintlich \u201enat\u00fcrliche\u201c oder \u201ebiologische\u201c Geschlecht. Allerdings sind es gesellschaftliche, kulturelle Machtverh\u00e4ltnisse, die entscheiden, was es hei\u00dft ein Mann bzw. eine Frau zu sein, was es hei\u00dft, in einem entsprechend geschlechtsmarkierten K\u00f6rper zu leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Denken Sie, dass der Frage nach Identit\u00e4t heutzutage mehr Bedeutung beigemessen wird als fr\u00fcher?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es l\u00e4sst sich auf der individuellen Ebene sicherlich sagen, dass es einen zunehmenden Zwang zur Individualisierung gibt. Jeder soll \u201esich selbst finden\u201c, \u201eman selbst sein\u201c. Wir sind scheinbar dazu angehalten, st\u00e4ndig jemand sein zu m\u00fcssen, jemand besonderes, einzigartiges.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Und welche Fragestellungen verfolgt man in der EKW in Hinblick auf Identit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die EKW richtet ihr Augenmerk nicht auf die Frage nach dem Wesen, der Essenz, oder der faktischen Existenz von kultureller Identit\u00e4t. Sondern fragt nach den Prozessen, in denen sie hervorgebracht und wirkm\u00e4chtig werden. Sie analysiert die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse und deren Effekte auf die soziale Realit\u00e4t &#8211; nimmt sie also nicht als selbstverst\u00e4ndlich hin, sondern, eben ganz EKW, hinterfragt die vermeintliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit unseres Alltagslebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Titelbild:<\/span> Andrej Stern<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Foto:<\/span> Raphael Reichel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Identit\u00e4t &#8211; der Begriff wird im Alltag h\u00e4ufig verwendet. Allerdings f\u00e4llt es oft schwer, in Worte zu fassen, was Identit\u00e4t genau ist. Deshalb haben wir &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":295,"featured_media":11648,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[534],"tags":[2129,2130,4266,11,3922,1331,4267,4268,34,301,18,145,4269],"class_list":["post-11639","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-alltagswelten","tag-ekw","tag-empirische-kulturwissenschaft","tag-experten","tag-featured","tag-gruppe","tag-identitaet","tag-individualitaet","tag-kollektivitaet","tag-kultur","tag-philosophie","tag-studierende","tag-uni","tag-werbinich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11639","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/295"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11639"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11639\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23585,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11639\/revisions\/23585"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11639"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11639"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11639"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}