{"id":11651,"date":"2018-06-08T23:37:52","date_gmt":"2018-06-08T21:37:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=11651"},"modified":"2018-06-08T23:37:52","modified_gmt":"2018-06-08T21:37:52","slug":"die-evolution-der-empathie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/06\/08\/die-evolution-der-empathie\/","title":{"rendered":"Die Evolution der Empathie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Vertrauen, Zuneigung, Mitgef\u00fchl. Grundmenschliche Gef\u00fchle, die jeder von uns sp\u00fcren kann. Doch auch Tiere besitzen einen Sinn f\u00fcr Empathie. Dies war unter anderem das Thema der diesj\u00e4hrigen \u201eUnseld Lecture\u201c, bei der Neurophilosphin Patricia Churchland die neurologischen Prozesse hinter\u00a0 Moral und\u00a0 Gewissen beleuchtete.<\/strong> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht darum, uns selbst zu verstehen. Das stellt Patricia Churchland am Mittwochabend klar, nachdem diverse technische Probleme im gl\u00fchend hei\u00dfen Audimax auf humoristische Weise gel\u00f6st werden konnten. Ehe die Neurophilosophin die evolution\u00e4ren Prozesse hinter unserer Sozialit\u00e4t erl\u00e4utern konnte, hatte Rektor Engler aus Solidarit\u00e4t mit dem Publikum sein Sakko und seine Krawatte abgelegt und der Techniker hatte sich zwischenzeitlich mehrmals einen Applaus f\u00fcr sein Eingreifen abgeholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann konnte die Vorlesung mit dem Titel \u201eThe Neurobiology of Moral Conscience\u201c des Forum Scientiarum starten und die Professorin aus dem kalifornischen San Diego erkl\u00e4rte dem Publikum den gro\u00dfen Unterschied zwischen S\u00e4ugetieren und anderen Tierklassen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren hatten gleichwarmes Blut. W\u00e4hrend andere Tierarten auf das Wetter und die Tageszeit angewiesen waren, konnten S\u00e4ugetiere zu jeder Tageszeit und bei jeder Wetterlage aktiv sein. Ein gro\u00dfer Vorteil in der feindlichen Welt von damals, der aber auch mit Nachteilen verbunden war.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11654\" aria-describedby=\"caption-attachment-11654\" style=\"width: 943px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-11654\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/15.png\" alt=\"\" width=\"943\" height=\"564\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11654\" class=\"wp-caption-text\">Professorin Patricia Churchland erkl\u00e4rt, wie sich neurologische Prozesse auf Gruppenverhalten auswirken.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eOne thing you need to be is smart\u201d<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die warmbl\u00fctigen S\u00e4ugetiere brauchen die zehnfache Futtermenge, um ihren Organismus auf die wohlig warmen Temperaturen zu bringen, die es ihnen gestatten, unabh\u00e4ngiger von der feindlichen Umwelt zu leben. Wie aber k\u00f6nnen diese enormen Nahrungsmengen beschafft werden? Churchland erkl\u00e4rt, es sei hierf\u00fcr n\u00f6tig, komplexer denken zu k\u00f6nnen und die Welt damit besser zu verstehen. Die S\u00e4ugetiere von damals entwickelten eine h\u00f6here Lernkapazit\u00e4t und begannen die Kausalzusammenh\u00e4nge ihrer Umwelt zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Anpassung war nur m\u00f6glich durch ein bestimmtes Gehirnareal: Der Cortex.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eCortex is a funny looking thing\u201c, bemerkt Churchland. Tats\u00e4chlich erwartet man von diesem faltigen Organ, das sich wie eine ungekochte Wurst um unser restliches Hirn windet, kaum, dass es uns erm\u00f6glicht ellenlange Hausarbeiten zu schreiben oder uns an den Freuden der Infinitesimalrechnung zu erg\u00f6tzen. Dennoch war die Entwicklung des Cortex ein riesiger Schritt in Richtung Hegemonie der S\u00e4ugetiere. Aber wie immer gibt es auch hier wieder einen Haken.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Mammalia sind Mutters\u00f6hnchen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend zum Beispiel Amphibien, wie die Schildkr\u00f6ten, hunderte von Eiern legen k\u00f6nnen, sich daraufhin aber kaum um ihren Nachwuchs k\u00fcmmern, sind S\u00e4ugetiere (Mammalia) echte Helikoptereltern. Sie umsorgen ihre Spr\u00f6sslinge, besch\u00fctzen und belehren sie. Churchland erkl\u00e4rt, der Nachwuchs der S\u00e4ugetiere sei besonders abh\u00e4ngig, da sich wichtige Strukturen im Hirn erst noch bilden m\u00fcssten. Bei einem neugeborenen Menschen etwa bildeten sich sch\u00e4tzungsweise 10 Milliarden Synapsen pro Tag.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11655\" aria-describedby=\"caption-attachment-11655\" style=\"width: 943px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-11655\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/14.png\" alt=\"\" width=\"943\" height=\"629\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11655\" class=\"wp-caption-text\">S\u00e4ugetiere, wie Affen, sind in ihrer Entwicklung unglaublich abh\u00e4ngig von ihren Eltern.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und genau hier hat Mutter Natur die n\u00e4chste geniale L\u00f6sung entstehen lassen. Damit die Mutter sich um den Nachwuchs sorgt und nicht nur der eigene \u00dcberlebenswille im Zentrum ihrer Handlungen steht, ben\u00f6tigt sie einen Anreiz, eine Belohnung sozusagen. Bei S\u00e4ugetieren wirken dabei Oxytocin und k\u00f6rpereigene Cannabinoide als Anreiz, sich an den Nachwuchs zu binden (\u201ebonding\u201c). Diese Neurotransmitter werden vom Hypothalamus ausgesch\u00fcttet, wenn sich M\u00fctter um ihre Spr\u00f6\u00dflinge k\u00fcmmern. Wir merken die Wirkung von Oxytocin, wenn wir einer Person nahe sind, die wir m\u00f6gen. Die Wirkung von Cannabinoiden kann man zum Beispiel aber auch bei einem kurzen Trip nach Amsterdam erforschen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">40 Stunden Sex am St\u00fcck oder Sharing is caring<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleinste genetische Mutationen f\u00fchrten dazu, dass unsere Vorfahren Rezeptoren aufwiesen, die sensibel f\u00fcr Neurotransmitter wie Oxytocin waren. Eine Laune der Natur erm\u00f6glichte sp\u00e4ter auch m\u00e4nnlichen Tieren mit diesem Chemiecocktail zugedr\u00f6hnt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ersichtlich ist das besonders bei einer kleinen Mausart aus den USA: Die Pr\u00e4riew\u00fchlmaus lebt, im Gegensatz zu nah verwandten Mausarten, dauerhaft monogam zusammen. Und wie so oft steht am Anfang der Liebschaft der Sex. Die kleinen Nagetiere treiben es am Anfang ihrer Beziehung bis zu 40 Stunden lang, und zwar nur aus Spa\u00df. Dieser Akt dient rein dem \u201ebonding\u201c und hat nichts mit der Fortpflanzung zu tun, die darauffolgend eher unspektakul\u00e4r und kurz abl\u00e4uft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnliche Mutationen k\u00f6nnten bei unseren n\u00e4heren Verwandten, den Affen zu ausgepr\u00e4gter Sozialit\u00e4t beigetragen haben: Schimpansen erleben ein Hochgef\u00fchl ausgel\u00f6st durch Oxytocin, wenn sie zum Beispiel Essen verschenken. Das tr\u00e4gt dazu bei, dass sich einzelne Individuen der Gruppe vertrauen. Gef\u00fchle wie Zuneigung oder Vertrauen sind also bei diesen haarigen Gl\u00fccks-Junkies nur aufgrund von winzigen Ver\u00e4nderungen der Gene vor Jahrtausenden m\u00f6glich.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11657\" aria-describedby=\"caption-attachment-11657\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-11657\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/12.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"449\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11657\" class=\"wp-caption-text\">Der H\u00f6rsaal in der neuen Aula war \u00fcberf\u00fcllt \u2013 viel Oxytocin wurde wahrscheinlich nicht ausgesch\u00fcttet.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eGood luck with that!\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau hier schl\u00e4gt Churchland wieder den Bogen in die Welt der Gef\u00fchle und der Werte von Menschen, bei dem das Belohnungssystem zentral ist. W\u00e4hrend es bei manchen Tierarten zu beneidenswerten Liebesleistungen f\u00fchrt, tr\u00e4gt es bei uns Menschen dazu bei, Normsysteme und Werte innerhalb von Gesellschaften zu etablieren, sowie Individuen zu bestimmten Handlungsweisen und Vorlieben zu zwingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Frage wie genau bestimmte Werte dann aber zustande kommen und welche richtig oder falsch sind, bleibt uns die Wissenschaftlerin aus den USA eine Antwort schuldig. Hier er\u00f6ffnet sich wohl neben der Taxi-Branche ein weiteres Arbeitsfeld f\u00fcr Philosophen &#8211; oder wie Churchland meinte: \u201eGood luck with that!\u201c.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Info:<\/strong> Die Unseld Lecture wurde initiiert vom Forum Scientiarium, welches mit dem Format den Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften vorantreiben m\u00f6chte. Gef\u00f6rdert wird die Vorlesung von der Udo Keller Stiftung Forum Humanum <\/em><em>in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span>\u00a0Florian Sauer, Pixabay<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vertrauen, Zuneigung, Mitgef\u00fchl. Grundmenschliche Gef\u00fchle, die jeder von uns sp\u00fcren kann. Doch auch Tiere besitzen einen Sinn f\u00fcr Empathie. 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