{"id":1167,"date":"2013-05-26T20:18:29","date_gmt":"2013-05-26T20:18:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=1167"},"modified":"2021-02-21T13:38:22","modified_gmt":"2021-02-21T13:38:22","slug":"der-zweifelhafte-demokrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2013\/05\/26\/der-zweifelhafte-demokrat\/","title":{"rendered":"Der zweifelhafte Demokrat"},"content":{"rendered":"<h3>Ein T\u00fcbinger Wissenschaftsmonument ger\u00e4t ins Wanken<\/h3>\n<p><span style=\"color: #004b88;\"><strong>Theodor Eschenburg, Pionier der Politikwissenschaft in Deutschland und Gr\u00fcnder des hiesigen Instituts f\u00fcr Politikwissenschaft wird neuerdings angezweifelt. Der Grund: Seine Rolle als \u201eFunktionsbestandteil\u201c in einer Beh\u00f6rde zu Zeiten des Nationalsozialismus. Doch erst einmal gilt: In dubio pro reo\u2026<\/strong><\/span><br \/>\n<em>von Alexander Link<\/em><br \/>\n<!--more--><br \/>\nVor einem Jahr kam ein Stein ins Rollen, der das Fundament einer Statue ersch\u00fctterte \u2013 der Statue einer T\u00fcbinger Ikone. Gemeint ist ein Gr\u00fcnder der demokratischen deutschen Politikwissenschaft und geistiger Wegbereiter, W\u00e4chter der deutschen Demokratie: Theodor Eschenburg. 1952 war er am Aufbau des ersten bundesweiten Instituts f\u00fcr Politikwissenschaft in T\u00fcbingen beteiligt, dessen erster Direktor er wurde.<br \/>\n2011 kamen neue Aspekte \u00fcber Eschenburgs Vergangenheit w\u00e4hrend des Nationalsozialismus ans Licht. Professor Rainer Eisfeld, der schon die Rolle des Raketenbaupioniers Wernher von Braun im NS-Regime kritisch aufzuarbeiten wusste, formulierte schwerwiegende Vorw\u00fcrfe gegen Eschenburg: Er habe ma\u00dfgeblich an der \u201eArisierung\u201d einer Berliner Firma mitgewirkt \u2013 diese Vergangenheit aber nie aufgearbeitet.<br \/>\nDiese Vorw\u00fcrfe f\u00fchrten zu einer Debatte um den Namen der \u201eEschenburg-Vorlesung\u201d, die j\u00e4hrlich in T\u00fcbingen stattfindet, und den alle drei Jahre verliehenen \u201eEschenburg-Preis\u201d der Deutschen Vereinigung f\u00fcr Politische Wissenschaft (DVPW). Darf man diese Namen beibehalten?<\/p>\n<h3><span style=\"color: #004b88;\"><strong>Ein Gutachten soll Licht ins Dunkel bringen<\/strong><\/span><\/h3>\n<p>&nbsp;<br \/>\nZum Sachverhalt des \u201eEschenburg-Preises\u201c gab die DVPW ein Gutachten bei Dr. Hannah Bethke, einer Mitarbeiterin des damals amtierenden Vorsitzenden der DVPW, in Auftrag. Sinn des Gutachtens war es laut Dr. Bethke, zu kl\u00e4ren, \u201ewie Theodor Eschenburg hinsichtlich seiner T\u00e4tigkeit in der NS-Zeit\u201d und deren Aufarbeitung zu bewerten sei und ob man den Preisnamen noch rechtfertigen k\u00f6nne.<br \/>\nWas konnte das Gutachten herausfinden? Eschenburg war zwar von 1933 bis 1934 Mitglied in der SS, trat jedoch nach nur einem Jahr wieder aus \u2013 m\u00f6glicherweise wegen des blutigen \u201eR\u00f6hm-Putschs\u201c der SS im Jahr 1934. Auf jeden Fall wurde Eschenburg hier nicht auff\u00e4llig. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP besa\u00df er nicht.<br \/>\nUnter der \u201eArisierung\u201d verstanden die Nazis die systematische Enteignung von j\u00fcdischen Personen. Ihr rechtm\u00e4\u00dfiges Eigentum wurde nach der Enteignung in die H\u00e4nde \u201earischer\u201c Personen transferiert. Die Beteiligung an einem solchen Verfahren wird nun auch Eschenburg vorgeworfen.<br \/>\nKonkret geht es um den Fall des j\u00fcdischen Unternehmers Wilhelm Fischbein. Er besa\u00df in den 1930ern einen Kunstharzprodukthandel und war Teilhaber an einer Firma, die ein soge\u00adnanntes Neocell-Verfahren entwickelt hatte. Mit der Vorbereitung der \u201eArisierung\u201d dieser Firmen hatte\u00a0 Eschenburg jedoch nichts zu tun gehabt, wie das Gutachten aussagt: \u201eErst nach diesen Vorverhandlungen und Besprechungen zur \u201eArisierungsfrage\u201c taucht der Name Theodor Eschenburg in den Akten auf.\u201c Also 1938, ein Jahr nach dem Denkansto\u00df f\u00fcr das Verfahren.<br \/>\nAls Beauftragter der zust\u00e4ndigen Industrie-Vorpr\u00fcfstelle wurde Eschenburg beratend hinzugezogen. Zun\u00e4chst empfahl er, man solle das Verfahren \u201eschnell vorantreiben\u201c, da ihm das Neocell-Verfahren als vielversprechender Exportartikel erschien. Im Zuge der \u201eArisierung\u201c schlug er auch \u201earische\u201c Unternehmen f\u00fcr die \u00dcbernahme der Firma vor.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #004b88;\"><strong>Stand das Fazit des Gutachtens schon vorher fest?<\/strong><\/span><\/h3>\n<p>&nbsp;<br \/>\nSeine zweite Empfehlung: Es sei eventuell \u201esinnvoll\u201c dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Wilhelm Fischbein den Reisepass zu entziehen, da eine Emigration nicht unwahrscheinlich erschien. Geldgeber aus dem Ausland h\u00e4tten ihm schon eine Anstellung\u00a0 angeboten, vielleicht w\u00fcrde der j\u00fcdischst\u00e4mmige Unternehmer dort ein \u00e4hnliches Unternehmen aufziehen.<br \/>\nKurze Zeit sp\u00e4ter aber \u00e4nderte Eschenburg \u2013 wie ein Protokoll aussagt \u2013 seine Meinung. Er empfahl stattdessen, Fischbein doch den Reisepass auszustellen \u2013 ihm Auslandsreisen zu erlauben. Ganz offiziell erkl\u00e4rte er, dass der Nutzen gr\u00f6\u00dfer w\u00e4re, wenn Fischbein weiterhin Gesch\u00e4ftsmann bliebe und mit seinen ausl\u00e4ndischen Gesch\u00e4ftspartnern verhandeln k\u00f6nne. Eventuell hatte Eschenburg aber lediglich ein schlechtes Gewissen bekommen \u2013 dies l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich nicht \u00fcberpr\u00fcfen. Das Reichsministerium lie\u00df sich aber nicht mehr umstimmen und nahm dem j\u00fcdischen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer die Passunterlagen ab. Dessen Flucht nach England gelang aber dennoch.<br \/>\nIm Fazit des Gutachtens wird zwar erl\u00e4utert, dass Eschenburg nur als \u201ekleines R\u00e4dchen im Getriebe\u201c des NS-Regimes zu bezeichnen w\u00e4re, Dr. Bethke kommt dennoch zur Empfehlung, den Namen des \u201eEschenburg-Preises\u201c zu \u00e4ndern.<br \/>\nIn der Begr\u00fcndung der Greifswalder Politologin geht es um die allgemeinere Tatsache, dass Eschenburg \u201ezur Funktionsf\u00e4higkeit beigetragen hat und sich auch nach 1945 diesem Teil seiner Vergangenheit nicht gestellt hat.\u201c Dies reiche schon aus, von einer \u201enicht geringen Funktion im NS-Regime\u201d zu sprechen.<br \/>\nProfessor Dr. Hans-Georg Wehling, Honorarprofessor f\u00fcr Politik in T\u00fcbingen, fr\u00fcher Student bei Eschenburg, hegt die Vermutung mangelnder Unvoreingenommenheit beim Gutachten: \u201eDr. Bethke hat eine gewisse Erwartung\u00a0 gesp\u00fcrt und dem entsprechen wollen.\u201c Wehling sieht die Umbennenung des Eschenburg-Preises auf der Grundlage des Gutachtens als nicht gerechtfertigt. Vielmehr geht der Eschenburg-Bewunderer in die Offensive: \u201eWenn man bedenkt, die ganze Argumentation vorher ist eher entlastend, wie kommt man dann zu diesem Fazit? Diese Arbeit gibt das nicht her.\u201c<\/p>\n<h3><span style=\"color: #004b88;\"><strong>Verdienste Eschenburgs nach 1945 bleiben unbestritten<\/strong><\/span><\/h3>\n<p>&nbsp;<br \/>\nDie Politikwissenschaftler sind zerstritten. Bef\u00fcrworter des Preisnamens (Professor Wehling oder auch der ehemalige Mitarbeiter von Eschenburg, Professor Gerhard Lehmbruch) messen dabei insbesondere Eschenburgs Lebenswerk nach 1945 mehr Gewicht bei als seinen Verwicklungen in der NS-Zeit. \u201eDie Frage ist, was gewichten Sie h\u00f6her?\u201c, fragt Wehling, \u201edie 12 Jahre in schwierigster Zeit im Dritten Reich oder die 54 Jahre, die er in T\u00fcbingen wirkte?\u201c<br \/>\nEbenso f\u00fchren die Verteidiger Eschenburgs an, man m\u00fcsse den zeitlichen Kontext beachten, schlie\u00dflich sei \u201eeine Minimalleistung an Anpassung \u2013 selbst wenn man andere \u00dcberzeugungen gehabt h\u00e4tte \u2013 notwendig gewesen. Ganz einfach, um zu \u00fcberleben,\u201c so Wehling. Die gesamte Kontroverse um den Politologen dreht sich also auch um die Frage, ob er anders h\u00e4tte handeln k\u00f6nnen. Skeptisch betrachten die Eschenburg-Bef\u00fcrworter die These aus dem Gutachten, die DVPW sei daf\u00fcr angreifbar, den Preis nicht \u201enach jemandem, der Widerstand geleistet hat und Opfer des NS-Regimes geworden ist\u201c benannt zu haben. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Nur ein Widerstandsk\u00e4mpfer oder ein Opfer der Nazis\u00a0 h\u00e4tte\u00a0 als Namensgeber dienen k\u00f6nnen. Oder jemand, der nach 1945 geboren wurde. Wehling fasst die Kritik zusammen: \u201eDer Preis ist nicht nach den gr\u00f6\u00dften Verdiensten im Widerstand gegen Hitler benannt worden, sondern den Verdiensten als Politikwissenschaftler.\u201c<br \/>\nDie Leistungen Eschenburgs nach 1945 gelten weitgehend als unangefochten. Die Verdienste des \u201ePioniers\u201c Eschenburg sind immer noch Tenor in der wissenschaftlichen Community und Zivilgesellschaft.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #004b88;\"><strong>Der Streit bleibt \u2013 die \u201eEschenburg-Vorlesung\u201c auch<\/strong><\/span><\/h3>\n<p>&nbsp;<br \/>\nDer Fall der T\u00fcbinger \u201eEschenburg-Vorlesung\u201c scheint fast gekl\u00e4rt zu sein \u2013 obwohl die Veranstaltung letztes Jahr ausfiel. Gastredner Professor Wolfgang Streeck h\u00e4tte eine Teilnahme an der Vorlesung als Parteinahme in der Kontroverse gesehen. Als Angelegenheit der Uni wird die Veranstaltung wohl weiterhin unter dem Namen stattfinden. Der Grund ist laut Presserkl\u00e4rung, dass man auch weiterhin \u201ean die Verdienste von Theodor Eschenburg um den Aufbau unseres Institutes und die institutionelle Verankerung des Faches\u201c erinnern will. Aber eine Namensbeibehaltung ist wohl alternativlos \u2013 die Vorlesung wird schlie\u00dflich aus Geldern der Theodor Eschenburg-Stiftung mitfinanziert.<br \/>\nDie Debatte wird hitzig und emotional gef\u00fchrt. In der n\u00e4chsten Zeit wird diskutiert, ob Theodor Eschenburgs Leistungen nach 1945 am Aufbau von Baden-W\u00fcrttemberg, der deutschen Politikwissenschaft und des kritischen Journalismus\u2018 h\u00f6her zu gewichten sind als die Vorw\u00fcrfe, an einem Arisierungsverfahren beteiligt gewesen zu sein. Egal, wie die Diskussion ausgeht: Der Name \u201eTheodor Eschenburg\u201d hat einen negativen Beigeschmack bekommen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nInfo:<br \/>\nTheodor Eschenburg<br \/>\nwurde 1904 in Kiel geboren und studierte sp\u00e4ter National\u00f6konomie und Geschichte in T\u00fcbingen und Berlin, wo er auch promovierte.<br \/>\nNach 1945 war Eschenburg \u201eFl\u00fcchtlingskommissar\u201d in W\u00fcrttemberg-Hohenzollern und arbeitete bis 1951 als Mitarbeiter des Innenministeriums an der Gr\u00fcndung des Bundeslandes Baden-W\u00fcrttemberg mit.<br \/>\nAb 1951 lehrte Eschenburg Politikwissenschaft in T\u00fcbingen, wo er 1952 als \u201eunbefang\u00adener\u201d Akademiker \u2013 er hatte nicht unter den Nazis gelehrt \u2013 zum Gr\u00fcndungsdirektor des Instituts f\u00fcr Politikwissenschaft ernannt wurde. Bekannt wurde er auch f\u00fcr die lange regelm\u00e4\u00dfig in der ZEIT erschienenen Kolumnen \u2013 einer der Gr\u00fcnde, warum man den DVPW-Preis nach ihm benannte: \u201eMan hat gesagt, wir brauchen jemanden, der \u00fcber das engere Fachpublikum hinaus bekannt und gesch\u00e4tzt ist \u2013 und das war Eschenburg\u201c, so sein Sch\u00fcler Prof. Hans-Georg Wehling.<br \/>\n1999 verstarb Theodor Eschenburg in T\u00fcbingen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein T\u00fcbinger Wissenschaftsmonument ger\u00e4t ins Wanken Theodor Eschenburg, Pionier der Politikwissenschaft in Deutschland und Gr\u00fcnder des hiesigen Instituts f\u00fcr Politikwissenschaft wird neuerdings angezweifelt. 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