{"id":11758,"date":"2018-06-15T08:00:27","date_gmt":"2018-06-15T08:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=11758"},"modified":"2021-02-19T18:30:53","modified_gmt":"2021-02-19T18:30:53","slug":"von-menschen-die-sich-wuerdig-verabschieden-wollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/06\/15\/von-menschen-die-sich-wuerdig-verabschieden-wollen\/","title":{"rendered":"Von Menschen, die sich w\u00fcrdig verabschieden wollen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2026und einem Staat, der das schwierig gestaltet. Prof. Dr. Bernd Hecker (Strafrechtsprofessor in T\u00fcbingen) und Dr. Roger Kusch (Vorsitzender des Vereins <em>Sterbehilfe Deutschland e.V<\/em>.) sprachen am 12. Juni zum Thema \u201eSterbehilfe und Selbstbestimmung am Lebensende\u201c.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Abend beginnt mit einem Exkurs in die Juristerei. Prof. Dr. Hecker erkl\u00e4rt zun\u00e4chst die aktuelle Gesetzeslage zu den vier verschiedenen Arten der Sterbehilfe: Die <strong>aktive Sterbehilfe<\/strong>, bei der der Sterbewillige seinen Tod nicht selbst herbeif\u00fchrt, ist <strong>strafbar<\/strong> wegen T\u00f6tung auf Verlangen. Die <strong>indirekte Sterbehilfe<\/strong> (z.B. Palliativmedizin) und die <strong>passive Sterbehilfe<\/strong>\/der gerechtfertigte Behandlungsabbruch\u00a0(Abschaltung von Lebenserhaltungsma\u00dfnahmen) bleiben<strong>\u00a0straffrei<\/strong>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <strong>Suizidassistenz<\/strong>, um die es an diesem Abend prim\u00e4r gehen soll, ist vor allem seit der Einf\u00fchrung des <strong>\u00a7217 StGB<\/strong>\u00a0kontrovers diskutiert. Beim Vortrag wird\u00a0 klar, dass \u00a7217 in sich einige Probleme birgt, aber auch in der \u00d6ffentlichkeit teils falsch verstanden wird.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a7 217<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(1) Wer in der Absicht, die Selbstt\u00f6tung eines anderen zu f\u00f6rdern, diesem hierzu gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig die Gelegenheit gew\u00e4hrt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig handelt und entweder Angeh\u00f6riger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als erstes sticht das Wort <strong>\u201egesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig\u201c<\/strong> ins Auge. Hier erscheinen im Hinterkopf vieler Menschen, Bilder von Gesch\u00e4ftsleuten, die sich am Tod bereichern. Aber halt. Deutlich weist Prof. Dr. Hecker darauf hin, dass \u201egesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig\u201c nach juristischer Definition nichts anderes bedeutet, als <strong>\u201eauf Wiederholung angelegt\u201c<\/strong>. Es geht also nicht um Profit und Bereicherung, sondern um die Frage, ob einem oder mehreren Menschen beim Suizid assistiert werden sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inwiefern die Strafbarkeit der \u201eGesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigkeit\u201c ggf. zu einem Problem werden k\u00f6nnte, verdeutlicht ein Beispiel:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tamaras (T) Vater Olaf (O) ist dement, wusste aber schon vor den ersten Anzeichen der Demenz, dass er daf\u00fcr anf\u00e4llig ist. In seiner Patientenverf\u00fcgung hielt er somit fest, dass er gerne bei schwerem Grad der Demenz Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen w\u00fcrde. T m\u00f6chte ihren Vater nicht dazu zwingen, dement weiterzuleben und erkl\u00e4rt sich bereit, diesem einen Becher eines todbringenden Medikaments ans Bett zu stellen. O versteht noch, was sich in dem Becher befindet, trinkt und stirbt. <\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im oben genanntem Fall w\u00e4re T nach \u00a7217 Abs. 2 nicht strafbar, da die Tat nicht auf Wiederholung angelegt ist. W\u00e4re im selben Fall allerdings die Mutter von T auch schwer krank, k\u00f6nnte sie sich strafbar machen, da in der Suizidassistenz von Mutter <b>und<\/b>\u00a0Vater schon eine \u201eGesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigkeit\u201c erkannt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11760\" aria-describedby=\"caption-attachment-11760\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11760 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_5606_print-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11760\" class=\"wp-caption-text\">Der Vortrag war trotz der Gesetzlastigkeit sehr gut besucht.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Brechen mit einer 140 Jahre langen Tradition<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Suizid ist in Deutschland straffrei &#8211; und auch die Suizidassistenz war es die l\u00e4ngste Zeit. Warum also gibt es \u00a7217?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prof. Dr. Hecker nennt einige Gr\u00fcnde, weshalb man die Einf\u00fchrung des \u00a7217 als notwendig ansah. So hie\u00df es unter anderem, dass Vereine wie z.B. <em>Sterbehilfe Deutschland e.V.<\/em> den Suizid sozusagen salonf\u00e4hig machen w\u00fcrden, und man Angst gehabt habe, es k\u00f6nne sich eine Suizidkultur entwickeln. (Dr. Kusch sagt dazu sp\u00e4ter, dass es zu keiner Zeit explodierende Zahlen bez\u00fcglich des Suizids gab, und vor allem die Anzahl der Suizidassistenzen im Vergleich zum \u201eBrutalsuizid\u201c verschwindend gering waren). Mit der Einf\u00fchrung des \u00a7 wollte man Betroffene au\u00dferdem vor einer \u00fcbereilten Entscheidung bewahren und die Selbstbestimmung sch\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prof. Dr. Heckers zweifelt an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des \u00a7217 und bef\u00fcrwortet deren Pr\u00fcfung. Der Paragraph \u201ebeschneide in unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Weise die Autonomie von Sterbehilfevereinen\u201c.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eT\u00fcbingen als Wiege der Sterbehilfediskussion\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dr. Kuschs, Vorsitzender des Vereins <em>Sterbehilfe Deutschland e.V.<\/em> \u2013 dem Schweizer <em>exit<\/em> nachempfunden &#8211; hat in T\u00fcbingen studiert. T\u00fcbingen begreift er aufgrund des Buchs \u201eMenschenw\u00fcrdig sterben\u201c von Walter Jens und Hans K\u00fcng als die Wiege der deutschen Sterbehilfediskussion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er erz\u00e4hlt, dass der Verein (vor 2015) 252 Sterbenwilligen geholfen hatte, und alle diese F\u00e4lle problemlos verlaufen seien. Durch \u00a7217 werde sein Verein in seiner Handlungsf\u00e4higkeit extrem eingeschr\u00e4nkt, da die Suizidassistenz, f\u00fcr die der Verein eigens gegr\u00fcndet wurde, nicht mehr durchgef\u00fchrt werden kann.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11761\" aria-describedby=\"caption-attachment-11761\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-11761\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_5616_print-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11761\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Roger Kusch sprach ohne Powerpoint und bewegte mit Worten.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Ableger in der Schweiz \u2013<em> Verein StHD<\/em> \u2013 bietet dort noch\u00a0 Hilfe an. Viele der Mitglieder wollen aber nach wie vor in Deutschland sterben. Deswegen haben Mitglieder des Vereins Verfassungsbeschwerde gegen den \u00a7217 eingelegt. Eine entg\u00fcltige Entscheidung steht aber noch aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zuh\u00f6rer an diesem Abend zeigen sich sehr bewegt von dem Thema Sterbehilfe. Viele \u00e4u\u00dfern tiefe Empathie und Betroffenheit. So fragt ein Taxifahrer, ob er denn einem Sterbewilligen helfen k\u00f6nne, indem er ihn in die Schweiz fahren w\u00fcrde. (Antwort: Wenn er w\u00fcsste, warum und wohin er den Sterbewilligen f\u00e4hrt, dann ja.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine \u00e4ltere Dame, deren Mann querschnittsgel\u00e4hmt und kaum zu einem normalen Leben in der Lage sei, fragt, ob es eine M\u00f6glichkeit g\u00e4be, dass ihr Mann sich w\u00fcrdig verabschieden und seinen Todeszeitpunkt selber w\u00e4hlen k\u00f6nne, obwohl er motorisch weder in der Lage ist, einen Schalter zu bedienen, noch selbst\u00e4ndig aus einem Becher zu trinken. (Die juristisch eindeutige Antwort hier lautet: Nein, da eventuell sogar T\u00f6tung auf Verlangen in Frage k\u00e4me.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Diskussion der Zuh\u00f6rer macht deutlich, dass das Thema Sterbehilfe einen Platz in der Mitte der Gesellschaft verdient, aber auch wie komplex diese Thematik ist.<\/p>\n<p><u>Fotos:<\/u> Daniel B\u00f6ckle<\/p>\n<hr \/>\n<p>Weiterf\u00fchrende Links\/Artikel f\u00fcr Interessierte:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.sthd.ch\/index.php?site=ueber_uns\">Internetauftritt des Vereins StHD<\/a> , 14.06.18,15:47<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.bverfg.de\/e\/rk20151221_2bvr234715.html\">Verfassungsbeschwerde gegen \u00a7217<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/2018\/02\/rs20180213_2bvr065116.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\">Ablehnung des Richters M\u00fcller<\/a>, 14.06.18, 15:47<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/18\/053\/1805373.pdf\">Gesetzesentwurf \u00a7217 und Begr\u00fcndung der Notwendigkeit<\/a>, 14.06.18,15:49<br \/>\nAnsonsten: M\u00fcnchener Kommentar zum StGB, 3. Auflage 2017, StGB \u00a7217 Gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026und einem Staat, der das schwierig gestaltet. Prof. Dr. Bernd Hecker (Strafrechtsprofessor in T\u00fcbingen) und Dr. Roger Kusch (Vorsitzender des Vereins Sterbehilfe Deutschland e.V.) sprachen &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":338,"featured_media":11759,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[49,307,188],"tags":[675,592,4087,11,4319,4089,4320,482,221,4321,310,4093,4322,185,4323,4324,1062,18,1063,4325,21,550,3246],"class_list":["post-11758","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unipolitik","category-uni-inside","category-wissenschaft","tag-debatte","tag-diskussion","tag-ethik","tag-featured","tag-geschaeftsmaessig","tag-hans-kueng","tag-hecker","tag-jura","tag-kupferbau","tag-kusch","tag-menschenrechtswoche","tag-moral","tag-patientenverfuegung","tag-podiumsdiskussion","tag-recht","tag-selbsttoetung","tag-sterbehilfe","tag-studierende","tag-suizid","tag-suizidassistenz","tag-universitaet","tag-vortrag","tag-walter-jens"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11758","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/338"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11758"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11758\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23587,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11758\/revisions\/23587"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11758"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11758"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11758"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}