{"id":11859,"date":"2018-06-21T07:44:14","date_gmt":"2018-06-21T07:44:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=11859"},"modified":"2021-02-19T18:29:35","modified_gmt":"2021-02-19T18:29:35","slug":"meine-daten-meine-rechte-oder-etwa-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/06\/21\/meine-daten-meine-rechte-oder-etwa-nicht\/","title":{"rendered":"Meine Daten, meine Rechte \u2013 oder etwa nicht?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Geschockt von der Menge an Daten, die Facebook \u00fcber sie gespeichert hat, begibt sich unsere Redakteurin auf die Spuren ihrer eigenen digitalen Identit\u00e4t. Wer darf was speichern und ab wann ist das \u00fcberhaupt problematisch? Wie viel Macht habe ich \u00fcber meine Daten? Und ja, es gibt Alternativen und Kontrollmechanismen \u2013 ein paar werden in diesem Artikel vorgestellt.<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor kurzem lud ich mir die Zip-Datei mit allen von Facebook gesammelten Daten \u00fcber mich herunter. Das ist nun dank dem Recht auf Auskunft in der neuen europaweiten Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) m\u00f6glich. Ich bin begeistert, alles wird transparenter! Zwei Minuten sp\u00e4ter bereue ich meine Entscheidung. Jede Nachricht, jedes Like, jeder Kommentar \u2013 alles gespeichert. Ebenso wie jeder Begriff, den ich in die Facebook-Suchmaske eingegeben habe. Mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit wei\u00df Facebook nun, wann ich auf wen stand, allein aufgrund meines Profil-Stalking-Verhaltens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zutiefst beunruhigend sind auch die Stichw\u00f6rter, mit denen Facebook meine (angeblichen) Interessensgebiete analysiert, um Werbung zu schalten. Auf der Liste sind unter anderem Begriffe wie \u201eMann\u201c, \u201eBierbrauerei\u201c, \u201eSchule\u201c(!) oder \u201eVizepr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Kommission\u201c. Ebenso verunsichernd ist die Liste mit den 31 Werbeanbietern, die auf mehr oder weniger dubiose Weise an meine Daten gekommen sind und jetzt gezielt auf meinem Profil Werbung schalten (darunter AirBnB, Spotify, Netflix, Zalando, Instagram oder \u2013 wer kennt ihn nicht \u2013 Ali Shaheed Muhammad ?!).<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Bin ich die Einzige, die das noch schockt?<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manches stimmt, einiges \u00fcberhaupt nicht, aber sogar ich glaube nicht, dass das alle Daten sind, die Facebook von mir hat (Stichwort Datenverkn\u00fcpfung aus verschiedenen Diensten). Nennt mich naiv, es ist mir egal, aber ich finde es reicht \u2013 ich habe Redebedarf und begebe mich auf die Suche nach mehr Informationen. Daf\u00fcr besuche ich einen Fachmann f\u00fcr Datenverarbeitung, Professor Thomas Walter, zust\u00e4ndig f\u00fcr das Zentrum f\u00fcr Datenverarbeitung (ZDV) der Uni T\u00fcbingen.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_11870\" aria-describedby=\"caption-attachment-11870\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-11870\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/fullsizeoutput_1fec-896x672.jpeg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11870\" class=\"wp-caption-text\">Thomas Walter ist Professor f\u00fcr Informationsdienste und Leiter des Zentrum f\u00fcr Datenverarbeitung (ZDV) an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen.<\/figcaption><\/figure><br \/>\nEr unterscheidet der Einfachheit halber zwischen drei Ebenen des Identit\u00e4tsmanagements und der Datenspeicherung: Universit\u00e4t, kleine und mittlere Unternehmen\/Vereine und als letztes die gro\u00dfen Firmen und globalen Netzwerke. \u201eAuf der Universit\u00e4tsebene versuchen wir aus praktischen Gr\u00fcnden nur ein Konto pro Person anzulegen\u201c, erkl\u00e4rt Walter. Im elektronischen Personenverzeichnis <a href=\"https:\/\/epv.uni-tuebingen.de\/OpenPages\/Login.aspx?ReturnUrl=%2fRestrictedPages%2fStartSearch.aspx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(epv)<\/a> k\u00f6nnen Mitglieder der Uni andere Personen finden, sofern sie deren Namen wissen. Nach der Exmatrikulation werden die Daten aus dem System genommen, aber zun\u00e4chst archiviert.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grunds\u00e4tzlich d\u00fcrfen personenbezogenen Daten nur gespeichert werden, wenn die betroffene Person freiwillig zustimmt oder ein Gesetz (wie die DSGVO) es erlaubt, betont Walter. Seiner Meinung nach m\u00fcsse sich niemand, der sich vorher schon an das bundesweite Datenschutzgesetz gehalten hat, \u00fcber strengere Regeln Sorgen machen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Ist Werbung ein \u201eberechtigtes Interesse&#8220;?<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Davor hat n\u00e4mlich vor allem \u201edie zweite Ebene\u201c, kleinere Initiativen, Unternehmen und Vereine, Angst: Opfer der Abmahnindustrie zu werden, weil irgendein Absatz \u00fcbersehen wurde. Zudem ist die DSGVO in manchen Punkten noch sehr vage formuliert: Es bleibt zum Beispiel unklar, was genau ein \u201eberechtigtes Interesse\u201c eines Anbieters ist, um Daten zu sammeln. F\u00fcr die \u00dcberpr\u00fcfung von Verst\u00f6\u00dfen gegen Rechtsvorschriften sind au\u00dferdem letztlich die nationalen bzw. f\u00f6deralen Datenschutzbeauftragten zust\u00e4ndig \u2013 und diese haben angek\u00fcndigt, in der n\u00e4chsten Zeit zun\u00e4chst Milde walten zu lassen. Allerdings \u201esollten die Vereine das Gesetz auch als Chance sehen, sich endlich mal vern\u00fcnftig mit Datenschutz auseinanderzusetzen\u201c, findet Walter.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Je mehr Daten, desto gr\u00f6\u00dfer das Risiko<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die dritte Ebene ist die gr\u00f6\u00dfte und globalste von allen: Soziale Medien und weltweit agierende Konzerne wie Google, Apple oder Facebook (inklusive Instagram und Whatsapp). Durch ihre Monopolstellung haben sie die M\u00f6glichkeit, gro\u00dfe Datenmengen zu sammeln und diese unterschiedlichen Daten dann miteinander zu verkn\u00fcpfen. Ihre starke Machtposition f\u00fchrt zu dem gr\u00f6\u00dften Sicherheitsrisiko unserer Zeit. \u201eAllein ein Bewegungsprofil auf Google Maps oder einer anderen App, die den eigenen Standort erfasst, gibt sehr viel \u00fcber eine Person preis. Das geht bis ins tiefste Privatleben hinein\u201c, warnt Thomas Walter.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe nie bei Facebook angegeben, in T\u00fcbingen zu wohnen, auch nie meinen Standort freigeschaltet. Trotzdem begr\u00fc\u00dft es mich jeden Morgen mit der aktuellen Wetterempfehlung f\u00fcr T\u00fcbingen. Denn alleine die IP-Adresse reicht schon aus, um den Standort zu bestimmen. Zus\u00e4tzlich kann Facebook nat\u00fcrlich auf den Standort meiner Freunde, meiner besuchten Orte oder Veranstaltungen zur\u00fcckgreifen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_11873\" aria-describedby=\"caption-attachment-11873\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11873 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Bildschirmfoto-2018-06-10-um-17.46.21-1038x487.png\" alt=\"\" width=\"1038\" height=\"487\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11873\" class=\"wp-caption-text\">Auf haveibeenpwned.com kann man \u00fcberpr\u00fcfen, ob die eigenen Daten Opfer eines Hacker-Angriffs wurden.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Wie kann ich mich sch\u00fctzen?<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walter empfiehlt die Seite <a href=\"https:\/\/haveibeenpwned.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eHave I been pwned?\u201c<\/a><em> (w\u00f6rtlich: Wurde ich geschlagen\/besiegt?)<\/em> auf der man \u00fcberpr\u00fcfen kann, ob die eigene E-Mail-Adresse und sogar Passwort und andere Daten schon einmal geleaket wurden.\u00a0 Besonders gef\u00e4hrlich wird es, wenn das geleakte Passwort mehr als einmal verwendet wurde, zum Beispiel f\u00fcr den eigenen E-Mail-Account. S\u00e4mtliche Passw\u00f6rter k\u00f6nnten so neu gesetzt, E-Mails an private Kontakte oder gesch\u00e4ftlich Kontakte verschickt und im Prinzip volle Kontrolle \u00fcber die eigene digitale Identit\u00e4t \u00fcbernommen werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11874\" aria-describedby=\"caption-attachment-11874\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11874 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Bildschirmfoto-2018-06-10-um-17.45.34-1038x277.png\" alt=\"\" width=\"1038\" height=\"277\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11874\" class=\"wp-caption-text\">Schlechte Nachrichten: Im Jahr 2013 wurde auf \u00fcber 65 Millionen Nutzerkonten auf Tumblr zugegriffen. Darunter war auch meine E-Mailadresse und mein Passwort.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Politik kann bei solchen wie auch in anderen F\u00e4llen nur beschr\u00e4nkt Einfluss nehmen \u2013 deswegen ist die Erziehung zum &#8222;m\u00fcndigen digitalen B\u00fcrger&#8220; umso wichtiger, findet Walter. Au\u00dferdem gibt es in der Tat Alternativen zu manchen Internet-Monopolen (siehe blauer Info-Kasten).<\/p>\n<figure id=\"attachment_11863\" aria-describedby=\"caption-attachment-11863\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11863\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Bildschirmfoto-2018-06-20-um-11.15.52-610x672.png\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"522\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11863\" class=\"wp-caption-text\">Ein paar Beispiele f\u00fcr alternative Anwendungen und Dienste.<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich hab nix zu verbergen&#8220;, ist ein ziemlich bl\u00f6der Spruch. Wir m\u00fcssen bewusst entscheiden, welche Daten wir preisgeben und das regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachhaltig mit meinen eigenen Daten umzugehen, scheint mir nicht mehr so leicht \u2013 aber auch nicht unm\u00f6glich. Bis dahin bleibt mein pers\u00f6nlicher Trost, dass selbst der Facebook-Algorithmus noch nicht alles versteht. Zum Beispiel, wenn er Querfeldeinrennen als mein Hobby einspeichert oder meiner Freundin ein Interesse an Hausschafen zuschreibt. Von dem T\u00fcbinger Veranstaltungsformat Querfeldein oder dem ber\u00fcchtigten Schwarzen Schaf hat er wohl noch nichts geh\u00f6rt \u2013 gut so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Graphik &#8222;Digitale Identit\u00e4t&#8220;:\u00a0\u00a0<\/span>Vivian Jochens<br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Clara Thier<br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\">Graphik &#8222;Von wegen alternativlos&#8220;:<\/span> Clara Thier<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschockt von der Menge an Daten, die Facebook \u00fcber sie gespeichert hat, begibt sich unsere Redakteurin auf die Spuren ihrer eigenen digitalen Identit\u00e4t. 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