{"id":11905,"date":"2018-07-04T08:00:43","date_gmt":"2018-07-04T06:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=11905"},"modified":"2018-07-04T08:00:43","modified_gmt":"2018-07-04T06:00:43","slug":"avantgarde-der-protesbewegung-68er-in-tuebingen-teil-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/07\/04\/avantgarde-der-protesbewegung-68er-in-tuebingen-teil-24\/","title":{"rendered":"\u201eAvantgarde der Protestbewegung\u201c : 68er in T\u00fcbingen &#8211; Teil 2\/4"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Dr. Bernd J\u00fcrgen Warneken ist ein waschechter T\u00fcbinger Alt-68er: Der Professor a.D. f\u00fcr Empirische Kulturwissenschaft studierte elf Jahre lang in T\u00fcbingen, engagierte sich im sozialdemokratischen Hochschulbund und schrieb f\u00fcr die Studentenzeitung \u201eNotizen\u201c. Im Interview erinnert er sich an diese Zeit zur\u00fcck.<\/em><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Herr Warneken, Sie studierten von 1964 bis 1975 in T\u00fcbingen. Was ist Ihnen aus der ereignisreichen Zeit um 1968\u00a0 besonders im Ged\u00e4chtnis geblieben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erinnere mich ungern, aber sehr gut an eine Versammlung im \u00fcberf\u00fcllten Festsaal, Anfang Juni 1967. Studierende diskutierten mit Lehrenden \u00fcber den Tod von Benno Ohnesorg. Und ich war v\u00f6llig entsetzt, dass renommierte Professoren, die ich bis dahin respektiert hatte, die Opfer zu T\u00e4tern erkl\u00e4rten und die Berliner Demonstranten mit dem \u201eMob\u201c der &#8217;30er Jahre verglichen. Mit meiner Emp\u00f6rung war ich nicht allein. Mehr noch als der Mord an Ohnesorg haben die Reaktionen des \u201eEstablishments\u201c auf diese Tat die fr\u00fche Studentenbewegung radikalisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In Ihrem Buch \u201eMein 68 begann 65\u201c schildern Sie Ihre Erinnerungen an Ihre Studentenzeit in T\u00fcbingen. Wieso begann Ihr 68 schon 1965?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im August 1965 wurde der wahlk\u00e4mpfende \u201eVolkskanzler\u201c Ludwig Erhard auf dem Marktplatz mit Pfiffen und Protestplakaten empfangen. Das war damals unerh\u00f6rt. Ich habe beim Texten und Malen der Transparente mitgemacht. Eines lautete: \u201eDer Pinscher H\u00f6lderlin gr\u00fc\u00dft den Volks-Abkanzler\u201c. Erhard hatte zuvor CDU-kritische Schriftsteller als Pinscher und Willy Brandt und seine SPD als gef\u00e4hrliche Volksverf\u00fchrer bezeichnet. Unsere Protestaktion war aber nicht etwa die erste T\u00fcbinger Regung der Studentenbewegung. Die begann schon fr\u00fcher, mit Kundgebungen gegen\u00a0 den Kolonialismus in Afrika, mit der Thematisierung der unaufgearbeiteten NS-Herrschaft an der Universit\u00e4t durch die hiesige Studentenzeitung \u201eNotizen\u201c, mit einer Gro\u00dfdemo gegen den Bildungsnotstand. Eine Zeit lang geh\u00f6rte T\u00fcbingen zur Avantgarde der Protestbewegung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11906\" aria-describedby=\"caption-attachment-11906\" style=\"width: 435px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11906 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Metzfoto-BJW-435x672.jpg\" alt=\"\" width=\"435\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11906\" class=\"wp-caption-text\">Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit von Prof. a.D. Dr. Warneken sind unter anderem Migration und Geschlechterkulturen.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie waren damals auch selbst politisch aktiv. An welchen Formen der politischen Partizipation und des Protests beteiligten Sie sich?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin 1964, bald nach Studienbeginn, in den SHB eingetreten, den Sozialdemokratischen Hochschulbund. Der war damals noch parteifromm, entwickelte sich aber bald weiter nach links. Meine Pressearbeit f\u00fcr den SHB gab den Ansto\u00df daf\u00fcr, dass ich 1965 vom AStA zum Chefredakteur\u00a0 der damals offiziellen Studentenzeitung \u201eNotizen\u201c, gew\u00e4hlt wurde. Das war ich dann zwei Semester lang. Durch die Arbeit in der Redaktion lernte ich interessante Leute kennen, die mir linke Literatur von Marx bis Marcuse empfahlen \u2013 etwa G\u00fcnter Maschke, Wolfram Burisch, J\u00fcrgen Peters, Katrin Pallowski. Ich n\u00e4herte mich dann dem T\u00fcbinger SDS an und trat aus dem SHB aus. Demonstrationen habe ich damals viele mitgemacht, aber ich tat mich da nicht besonders hervor. In der linken Szene z\u00e4hlte ich zur \u201eTheoriefraktion\u201c. Ich half dabei, Lekt\u00fcrekurse zu organisieren und hielt sp\u00e4ter einige der Freien Tutorien ab, die im Streik gegen ein neues Hochschulgesetz durchgesetzt wurden.<\/p>\n<blockquote><p>\u00dcberhaupt habe ich die 68er-Jahre nicht zuletzt als eine Zeit des Lesens, Diskutierens, Schreibens, eines gewagten, aber ertragreichen, Selbststudiums erlebt.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Welche Themen waren Ihnen dabei wichtig und was st\u00f6rte Sie besonders am Status quo?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst trat ich mit der SPD f\u00fcr die Ost-West-Entspannung ein &#8211; etwa durch den Verzicht auf die alten deutschen Ostgebiete. Bald darauf demonstrierte auch ich, anders als die SPD, \u00a0gegen die US-Intervention in Vietnam. Wie viele war ich als Bewunderer der USA gro\u00df geworden und entsetzt, welche brutale Kriegsf\u00fchrung diese nun praktizierten. Meine erste \u00a0wissenschaftliche Publikation befasste sich mit dem Vietnamkrieg.<\/p>\n<blockquote><p>Aber ich wollte bzw. wir wollten nicht nur die Politik ver\u00e4ndern, sondern auch die Geistes- und Sozialwissenschaften, in denen ich eingeschrieben war: \u00a0die Germanistik und die Geschichtswissenschaft.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sollten sich endlich den gesellschaftskritischen Impulsen \u00f6ffnen, welche die marxistisch, aber auch die psychoanalytisch beeinflusste Wissenschaft bereithielt. Und mit dieser Forderung nach \u00d6ffnung der wissenschaftlichen Diskussion sind wir ja durchaus nicht gescheitert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11907\" aria-describedby=\"caption-attachment-11907\" style=\"width: 866px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11907 size-full\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/BJWarneken-etwa-1965-2.png\" alt=\"\" width=\"866\" height=\"576\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11907\" class=\"wp-caption-text\">Bernd J\u00fcrgen Warneken, um 1965. Man beachte die Krawatte. Bis<br \/>mindestens 1967 ist sie auch auf Demonstrationen noch h\u00e4ufig zu sehen.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie schreiben von einer studentischen Vollversammlung im Fr\u00fchjahr 1968, bei der 3000 StudentInnen anwesend waren, und von Wahlen zum Studentenparlament im Juni 1968, bei denen sich 62,4% der StudentInnen beteiligten. Bei der studentischen Vollversammlung dieses Jahr herrschte g\u00e4hnende Leere, die letztj\u00e4hrigen Wahlen zum Studierendenrat hatten eine Wahlbeteiligung von 12%. Haben Sie eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr diesen riesigen Unterschied zwischen den Jahren 1968 und 2018, was die politische Partizipation von Studierenden angeht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte relativieren: Die hohen Beteiligungen, die Sie erw\u00e4hnen, wurden schon bald danach nicht mehr ann\u00e4hernd\u00a0 erreicht.<\/p>\n<blockquote><p>Dass Hochschulpolitik heute immer weniger Studierende interessiert, liegt \u2013 so vermute ich \u2013 zum einen an einer langen Entw\u00f6hnung.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von 1977 bis 2012 gab es im Land keine Allgemeine Studierendenvertretung mehr<em>.<\/em> Sie war der CDU zu sehr auf die Nerven gegangen. Und die studentischen Mitbestimmungsm\u00f6glichkeiten an den Instituten wie an der Uni \u00fcberhaupt sind gering geblieben. Zum andern haben viel weniger Studierende als in den 1960er Jahren eine Chance auf eine Unistelle; das mindert nat\u00fcrlich auch das hochschulpolitische Engagement. Hinzu kommt \u201eBologna\u201c: Wir hatten fr\u00fcher viel mehr freie Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Finden Sie, die heutigen Studierenden sind zu unpolitisch?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jein. Viele bet\u00e4tigen sich ja in zivilgesellschaftlichen Organisationen. Eine verbreitete Rat- und Tatenlosigkeit in allgemeinpolitischen Fragen l\u00e4sst sich allerdings nicht leugnen. Aber die 1960er Jahre haben gezeigt, wie schnell sich das \u00e4ndern kann. Allerdings sicher nicht durch Appelle von Alt-68ern<em>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wof\u00fcr lohnt es sich Ihrer Meinung nach heute, 50 Jahre nach 68, zu k\u00e4mpfen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oh, das w\u00fcrde jetzt eine lange Liste. Was ich \u2013 jetzt nicht als Alt-68er, sondern als alter Kultursoziologe \u2013 f\u00fcr AkademikerInnen besonders wichtig finde:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">nicht nur den Rassismus, sondern auch den oft unbewussten Klassenrassismus \u00fcberwinden. Beziehungen zu anderen kulturellen Milieus und Sozialschichten ankn\u00fcpfen \u2013 im Alltag und in der wissenschaftlichen T\u00e4tigkeit.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das verbessert dann auch die Chancen f\u00fcr gemeinsames politisches Handeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Interview!<\/strong><\/p>\n<p><u>Foto 1:<\/u> Metz<br \/>\n<u>Foto 2:<\/u> Warneken<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In seinem 2018 erschienen Buch <a href=\"https:\/\/www.kloepfer-meyer.de\/Buecher\/458\/Mein-68-begann-65.html\">\u201eMein 68 begann 65\u201c<\/a> erz\u00e4hlt Bernd J\u00fcrgen Warneken auf 230 Seiten seine Erinnerungen an die Umbruchjahre in T\u00fcbingen nach.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Bernd J\u00fcrgen Warneken ist ein waschechter T\u00fcbinger Alt-68er: Der Professor a.D. f\u00fcr Empirische Kulturwissenschaft studierte elf Jahre lang in T\u00fcbingen, engagierte sich im sozialdemokratischen &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":319,"featured_media":11907,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[534,62,49,188],"tags":[4361,4373,787,4374,4375,90,4376,2130,11,4377,73,4378,4366,4379,4369,4371,4380,18,19,4372,1004,4381],"class_list":["post-11905","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-alltagswelten","category-kultur","category-unipolitik","category-wissenschaft","tag-4361","tag-60er-jahre","tag-asta","tag-bernd-juergen-warneken","tag-bildungsnotstand","tag-buch","tag-doktor","tag-empirische-kulturwissenschaft","tag-featured","tag-germanistik","tag-hochschulpolitik","tag-notitzen","tag-notstandsgesetze","tag-professor","tag-studentenbewegung","tag-studentenrevolte","tag-studentenzeitung","tag-studierende","tag-tubingen","tag-vietnamkrieg","tag-vollversammlung","tag-warneken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11905","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/319"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11905"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11905\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11905"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11905"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11905"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}