{"id":11911,"date":"2018-06-22T10:02:08","date_gmt":"2018-06-22T08:02:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=11911"},"modified":"2018-06-22T10:02:08","modified_gmt":"2018-06-22T08:02:08","slug":"wer-bin-ich-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/06\/22\/wer-bin-ich-teil-2\/","title":{"rendered":"Wer bin ich? &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Dass &#8222;Identit\u00e4t&#8220; viele Facetten hat, hat uns die bisherige Kupferblau-Themenwoche gezeigt. Auch in der Wissenschaft wird unterschiedlich mit diesem Begriff umgegangen: Im folgenden Interview berichten Claudia Friedrich, Lehrstuhlinhaberin f\u00fcr Entwicklungspsychologie, und Thomas Sattig, Lehrstuhlinhaber f\u00fcr Theoretische Philosophie, von den Vorstellungen des Selbst, von \u00dcber-Ich und Es und dar\u00fcber, ob mehrere Personen in einem K\u00f6rper \u201ewohnen\u201c k\u00f6nnen.<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Welches Verst\u00e4ndnis von &#8222;Identit\u00e4t&#8220; hat man in Ihrer jeweiligen Disziplin?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich: In der Psychologie ist Identit\u00e4t eng mit dem Konstrukt des &#8222;Selbst&#8220; verbunden. Das Selbst besteht aus dem Wissen um das, was die eigene Person ausmacht &#8211; Neigungen, Interessen oder typische Verhaltensweisen. Zus\u00e4tzlich flie\u00dft in das Selbstkonzept aber auch ein, wie andere mich bewerten bzw. wie ich denke, dass andere mich bewerten. Das Selbstkonzept ist eben immer auch mit sozialen Vergleichsprozessen verbunden. Aus meinen eigenen aktuellen Bewertungen der verschiedenen Aspekte des Selbstkonzeptes bildet sich dann mein Selbstwert \u2013 sozusagen die emotionale Komponente des Selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Und in der Philosophie?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sattig:\u00a0Der zentrale Begriff der Identit\u00e4t in der Philosophie ist der Begriff der\u00a0<em>numerischen Identit\u00e4t<\/em>. Jedes Ding ist numerisch identisch mit sich selbst und mit keinem anderen Ding.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11860\" aria-describedby=\"caption-attachment-11860\" style=\"width: 538px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11860 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Sattig_Imagea-538x672.jpg\" alt=\"\" width=\"538\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11860\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Person&#8220; und &#8222;Selbst&#8220; geh\u00f6ren mit zu den Forschungsschwerpunkten des theoretischen Philosophen.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was hei\u00dft das f\u00fcr den Menschen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sattig: In der Metaphysik und Philosophie des Geistes fragt man sich in Bezug auf Identit\u00e4t vor allem: &#8218;Was macht eine Person zu einem Zeitpunkt\u00a0identisch mit einer Person zu einem anderen Zeitpunkt?&#8216; Mit anderen Worten: Unter welchen Bedingungen beginnt eine Person zu existieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Haben sich diese \u00dcberlegungen zum Identit\u00e4tsbegriff \u00fcber die Zeit hinweg\u00a0ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich: Historisch wurden in der Psychologie erkl\u00e4rende Ans\u00e4tze gew\u00e4hlt, deren empirische \u00dcberpr\u00fcfbarkeit keine zentrale Bedeutung hatte. In der Tradition der Psychoanalyse wurden innerpsychische Konflikte und deren L\u00f6sung als entscheidend f\u00fcr die Entwicklung des Selbst angesehen. Bei den Annahmen Siegmund Freuds kollidieren die W\u00fcnsche des &#8222;Es&#8220; und des &#8222;\u00dcber-Ich&#8220; und m\u00fcssen durch das vermittelnde &#8222;Ich&#8220; gel\u00f6st werden. Dabei geht es vor allem um psycho-sexuelle Konflikte. Heute w\u00fcrde man eher von Entwicklungsthemen in den unterschiedlichen Lebensphasen sprechen und mehr auf Empirie setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sattig: Philosophische Fragen zur Identit\u00e4t von Person und selbst werden seit der Antike diskutiert. Zeitgen\u00f6ssische Antworten weichen von traditionelleren Perspektiven u.a. im Hinblick auf die Ber\u00fccksichtigung von Erkenntnissen in den vergleichsweise jungen Kognitionswissenschaften ab.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11858\" aria-describedby=\"caption-attachment-11858\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11858 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/BabyKindLab-005-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11858\" class=\"wp-caption-text\">Claudia Friedrich besch\u00e4ftigt sich unter anderem mit der Entwicklung der Sprachf\u00e4higkeit bei Kindern.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W\u00fcrde Sie sagen, dass man als Person die\u00a0<em>eine<\/em>\u00a0Identit\u00e4t hat?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sattig: In der Philosophie fragen wir, ob mehr als eine Person in einem K\u00f6rper &#8218;wohnen&#8216;\u00a0kann. Die Antwort h\u00e4ngt davon ab, wie die Identit\u00e4t einer Person verstanden wird. Falls die Identit\u00e4t einer Person vollst\u00e4ndig durch die Identit\u00e4t eines biologischen Organismus erkl\u00e4rt wird, dann lautet die Antwort &#8217;nein&#8216;. Wenn man personale Identit\u00e4t aber durch pers\u00f6nlichkeitsrelevante psychologische Faktoren erkl\u00e4rt, dann k\u00f6nnen verschiedenen Personen\u00a0durchaus in einem K\u00f6rper &#8218;wohnen&#8216;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich: Man w\u00fcrde schon von <em>einem<\/em> Selbst sprechen &#8211; \u00fcber die Zeit erhalten allerdings verschiedene Aspekte unterschiedliche Gewichtung. Das Wissen \u00fcber meine Eigenschaften und F\u00e4higkeiten in verschiedenen Situationen nimmt nat\u00fcrlich mit dem Alter zu. So lerne ich auch, , dass diese Aspekte je nach Kontext variieren k\u00f6nnen. Eine Jugendliche kann im Elternhaus zum Beispiel eher verschlossen und in sich gekehrt sein oder mit ihren Eltern gar nicht harmonieren. Von Gleichaltrigen wird sie dagegen als gesellig wahrgenommen und f\u00fchlt sich in dieser Gruppe auch als sehr sozial kompetent. Die Frage \u201eWer bin ich?\u201c ist damit als Entwicklungsthema zu verstehen. Sie nimmt eine zentrale Bedeutung im Jugendalter ein. \u00a0Bis ins junge Erwachsenenalter bleibt das Selbst noch weniger stabil als in sp\u00e4teren Entwicklungsabschnitten. Das hei\u00dft aber nicht, dass die Entwicklung des Selbst dann irgendwann abgeschlossen ist. Das Ganze bleibt ein lebenslanger dynamischer Prozess.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vielen Dank!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Titelbild:<\/u>\u00a0Andrej Stern<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Fotos:<\/u>\u00a0Heinz Heiss\/Universit\u00e4t T\u00fcbingen, Thomas Sattig<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass &#8222;Identit\u00e4t&#8220; viele Facetten hat, hat uns die bisherige Kupferblau-Themenwoche gezeigt. 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