{"id":11924,"date":"2018-06-24T14:13:02","date_gmt":"2018-06-24T14:13:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=11924"},"modified":"2021-02-19T18:29:05","modified_gmt":"2021-02-19T18:29:05","slug":"erinnerungen-an-sorau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/06\/24\/erinnerungen-an-sorau\/","title":{"rendered":"Erinnerungen an Sorau"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Sorau ist heute polnisch und hei\u00dft \u017bary. Die kleine Stadt in der Niederlausitz hat Konrad Rumbaurs Kindheit gepr\u00e4gt, die Flucht aus ihr im zweiten Weltkrieg sein ganzes Leben. Der Heimatvertriebene und Herausgeber der \u201eSorauer Heimathefte\u201c, der heute in Hirschau lebt, erz\u00e4hlt, wie er sein altes Zuhause wiederentdeckt hat und warum es gef\u00e4hrlich ist, Heimat zu romantisieren. <\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konrad Rumbaur kennt nicht nur die Heimat, er hat auch die H\u00f6lle gesehen. F\u00fcr den damals F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen war das das Balinger Lager. Vor dem Krieg war es eine KZ-Au\u00dfenstelle, dann ein Kriegsgefangenenlager, nach dem ein Krieg Camp f\u00fcr die Displaced Persons. Die Einrichtung blieb unver\u00e4ndert. So verschlang es dann auch Fl\u00fcchtlinge wie den jungen Rumbaur und seine Familie: \u201eEine Holzbaracke mit 20 Doppelstockbetten. Wer niemals aus \u2018nem Blechnapf fra\u00df, naja\u2026 Und samstags gab es die Reste der ganzen Woche zusammengeschmissen und aufgew\u00e4rmt.\u201c Fast ein Jahr mussten sie im Durchgangslager bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allm\u00e4hlich wich die H\u00f6lle einem neuen Zuhause: \u201eWo man sich wohl und geborgen gef\u00fchlt, das ist meiner Ansicht nach Heimat. Ich bin jetzt hier in T\u00fcbingen verwurzelt.\u201c Die Freunde, die er fand, lie\u00dfen ihn ankommen. Am Anfang hat er sie noch nicht verstanden, \u201edie sprechen ja so richtig brooaat.\u201c Wenige Jahre sp\u00e4ter leitete er schon eine Jugendgruppe. Sie h\u00e4lt bis heute. Aber er hat auch Ablehnung erfahren: \u201eSo \u2018n Pole, so wird man eingestuft. Ich sag immer, ich bin Deutscher mit Migrationshintergrund.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_11900\" aria-describedby=\"caption-attachment-11900\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11900 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_1782x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11900\" class=\"wp-caption-text\">Rumbaur in seinem Garten vor seinem Haus in Hirschau. Auch T\u00fcbingen ist f\u00fcr ihn eine Heimat geworden.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Nachrichten aus der Niederlausitz<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine \u201ealte Heimat Sorau\u201c, wie Rumbaur sagt, kann er nicht wegschieben: \u201eMit dem Alter bin ich auf die Vergangenheit zur\u00fcckgekommen. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man sagen, was soll&#8217;s, vorbei ist vorbei.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs gibt eben doch so etwas wie Heimatverbundenheit. Das geh\u00f6rt zu meinem Leben, das hat meine Identit\u00e4t gepr\u00e4gt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie er f\u00fchlen sich viele heimatvertriebene Sorauer. Das \u201eSorauer Heimatblatt\u201c stillte ihre Sehnsucht. Als es dessen gealterter Herausgeber nach gut 50 Jahren nicht mehr fortf\u00fchren konnte, baten sie Rumbaur \u2013 selbst Leser des Blatts \u2013 die Sache lebendig zu halten: \u201eDass noch eine Verbindung da ist, die letzte Verbindung unter uns heimatvertriebenen Sorauern.\u201c Der Journalist im Ruhestand tr\u00e4gt nun seit 18 Jahren historisches und aktuelles, ernstes und unterhaltsames aus der deutschen und polnischen Niederlausitz zusammen. Die meisten Leser sind \u00fcber 80, Menschen, die selbst noch dort gelebt haben. Sie sind dankbar f\u00fcr die Erinnerungen an ihre jungen Jahre, die die Hefte wieder hochbringen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck in der Kindheit<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine eigenen Erinnerungen fand Rumbaur 1988, noch vor der Wende, wieder. Mit einer Reisegruppe ehemaliger Sorauer kam er das erste Mal zur\u00fcck in die alte Heimat, zur\u00fcck vor sein altes Haus. Die neue Besitzerin lie\u00df ihn erst hinein, als die obligatorische Reiseleiterin f\u00fcr ihn \u00fcbersetzte:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eUnd ich sag, Menschenskinder. Der Herd ist noch genauso wie damals. Ja, sagt die Hausbesitzerin, das ist nicht mehr der alte Herd, aber es ist der gleiche Herd.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sieben Jahre war er, als er den Herd zuletzt gesehen hatte. Das erste Schuljahr hat er noch in Sorau gemacht, da wurde die Schule ausgebombt. Er floh mit seiner Familie nach Halle, da wurden sie bei einem Bombenangriff versch\u00fcttet: \u201eLagen wir da im Keller, irgendwann wurden wir doch tats\u00e4chlich freigeschaufelt. Mein Gro\u00dfvater sagte, wir lassen uns nicht mehr in der Stadt nieder.\u201c Sie lie\u00dfen sich in ein Dorf einquartieren und kamen vom Regen in die Traufe. Hinter dem Dorf war eine Flakstellung. Wenige Jahre sp\u00e4ter mussten sie zum zweiten Mal die Flucht ergreifen. Ein Schmuggler brachte sie aus der DDR auf die Westseite. Dann kamen sie in die H\u00f6lle nach Balingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die R\u00fcckkehr an den Ort seiner Kindheit w\u00fchlte Rumbaur auf: \u201eDas war ein Schockerlebnis. Da kam alles wieder hoch. Alles was versch\u00fcttet war. Alles was man erlebt hat. Als ich wiederkam, sagte meine Frau, du siehst ja aus wie 80.\u201c Seitdem f\u00e4hrt er immer wieder nach Sorau.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11902\" aria-describedby=\"caption-attachment-11902\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-11902\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_1796x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11902\" class=\"wp-caption-text\">Erinnerungen an Sorau h\u00e4ngen auch in Konrad Rumbaurs neuem Heim. Was f\u00fcr ihn wichtiger ist? \u201eIch meine, die Gegenwart z\u00e4hlt nat\u00fcrlich immer mehr, nicht?\u201c<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Grenzenlose Heimat<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sorauer Hefte zehren vom Heimatgef\u00fchl ihrer Leser. Rumbaur will die alte Heimat aber nicht mit einem Glorienschein \u00fcberw\u00f6lben. Denn die Hefte sollen auch dazu beitragen, dass die alten und neuen Bewohner einander verstehen. Als Basis f\u00fcr diese Freundschaft sieht er die historische Wahrheit. Deshalb freut es ihn, dass unter jungen Polen das Interesse an der Geschichte, auch der deutschen Geschichte, w\u00e4chst. Er sch\u00e4tzt auch, dass es in der Region enge Verbindungen zu den Heimatvertriebenen gibt: \u201eWenn da Dorffeste sind, werden sie eingeladen.\u201c Sein Wunsch ist, dass dieser rege Austausch weitergef\u00fchrt wird \u2013 \u00fcber Grenzen hinweg und entgegen nationalistischer Tendenzen. Deren Vormarsch verteidige nicht die Heimat, sondern schade ihr:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir brauchen ein einiges Europa. Nie. Wieder. Krieg. Das ist unsere Aufgabe.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heimat, denkt Rumbaur, k\u00f6nne man nicht besitzen wie Eigentum, \u00fcber das man beliebig verf\u00fcgen kann: \u201eIch kann aber mitgestalten. Und das tun auch die Sorauer Heimathefte.\u201c<\/p>\n<p><u>Fotos:<\/u> Marko Knab<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorau ist heute polnisch und hei\u00dft \u017bary. 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