{"id":1213,"date":"2013-05-29T15:41:05","date_gmt":"2013-05-29T15:41:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=1213"},"modified":"2021-02-21T13:38:14","modified_gmt":"2021-02-21T13:38:14","slug":"wie-gut-sind-wir-wirklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2013\/05\/29\/wie-gut-sind-wir-wirklich\/","title":{"rendered":"WIE GUT SIND WIR WIRKLICH?"},"content":{"rendered":"<h3>Eine Studie stellt die Studierf\u00e4higkeit heutiger Studierender in Frage<\/h3>\n<p><span style=\"color: #004b88;\"><strong>Es ist nicht sch\u00f6n, wenn dir jemand sagt: \u201eDu bist nicht gut genug.\u201c Besonders, wenn es jemand ist,\u00a0 zu dem du aufschaust. Deine Eltern. Deine Lehrerin. Und jetzt \u2013 deine Uni?<\/strong><\/span><br \/>\n<em>von Hannah Steinhoff<\/em><br \/>\n<!--more--><br \/>\nIm vergangenen Sommer machte Professor Dr. Gerhard Wolf von der Uni Bayreuth das Ergebnis einer internen Umfrage des Philosophischen Fakult\u00e4tentags publik, an der 70 Dozenten geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Fakult\u00e4ten in Deutschland teilgenommen hatten und ihren Studierenden mangelnde Eignung f\u00fcr ein Universit\u00e4tsstudium bescheinigten.<br \/>\nDas Thema war in den Medien sehr pr\u00e4sent: Von \u201egro\u00dfen L\u00fccken\u201c und einem \u201evernichtenden Urteil\u201c war da die Rede und immer wieder fiel das Wort \u201ebest\u00fcrzend\u201c. Die Studie selbst wollte Professor Wolf nicht ver\u00f6ffentlichen, das war ihm zu heikel.<br \/>\nAuch einer Studie des Centrums f\u00fcr Hochschulentwicklung (CHE) zufolge, in der Professoren \u00fcber ihre Einsch\u00e4tzung der Studienleistungen befragt wurden, denken\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 44 % der Professoren, dass Studierende sich insgesamt verschlechtert h\u00e4tten \u2013 lediglich 8 % sind der Ansicht, sie seien besser geworden.<br \/>\nEs ist recht einfach, eine solche Kritik von sich zu weisen, den Zeigefinger auszustrecken und auf all die Faktoren zu deuten, die ein Studium so schwer machen.<br \/>\nNat\u00fcrlich lassen die Schulen zu w\u00fcnschen \u00fcbrig und es sind eben nicht alle Abiturienten allgemein hochschulreif \u2013 das Abitur ist daf\u00fcr deutschlandweit zu unterschiedlich. F\u00e4higkeiten, die Professoren an Studienanf\u00e4ngern vermissen, werden h\u00e4ufig schlicht und einfach in der Schule nicht vermittelt. Und nat\u00fcrlich leiden viele Studierende unter der Modularisierung der Bachelor- und Masterstudieng\u00e4nge, bei denen eben kaum Freiraum bleibt, um die \u201eeigenen Gedanken und Argumente\u201c zu entwickeln, an denen es der Studie zufolge fehlt.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #004b88;\">Waren Studierende fr\u00fcher tats\u00e4chlich f\u00e4higer, flei\u00dfiger und besser vorbereitet?<br \/>\n<\/span><\/h3>\n<p>Wenn dir jemand, den du wertsch\u00e4tzt, sagt: \u201eDu bist nicht gut genug\u201c, schuldest du es dir selbst, zu hinterfragen, was an diesem Vorwurf dran ist. Waren Studierende fr\u00fcher tats\u00e4chlich f\u00e4higer, flei\u00dfiger und besser vorbereitet?<br \/>\nEs war einmal, vor langer Zeit, da waren die Universit\u00e4ten St\u00e4tten des Wissens und junge Menschen str\u00f6mten dorthin, um zu erfahren, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt. Den ganzen Tag sa\u00dfen sie \u00fcber staubige W\u00e4lzer gebeugt im Bonatzbau und konnten nicht ruhen, ehe sie nicht eigenh\u00e4ndig die Odyssee \u00fcbersetzt und so jede Nuance des Originals verstanden hatten.<br \/>\nEs war einmal, aber wann war das eigentlich? Sicher nicht, als unsere Profs studiert haben. Wer wei\u00df schon, was deren Professoren \u00fcber sie gesagt h\u00e4tten? Sehr viele Studien gibt es zu dem Thema nicht, aber die wenigen, die es gibt, klingen \u00fcberraschend vertraut: Schon 1993, vor 20 Jahren, forderte der Hochschulverband \u201ewirksame Ma\u00dfnahmen zur Wiedergewinnung der Studierf\u00e4higkeit.\u201c<br \/>\nHaben wir es hier also mit einem typischen Fall von Fr\u00fcher-war-alles-besser-itis zu tun? Kann es sein, dass unsere Profs F\u00e4higkeiten an uns vermissen, die sie selbst erst \u00fcber eine jahrelange akademische Karriere entwickelt haben? Oder sind wir tats\u00e4chlich der vorl\u00e4ufige Tiefpunkt?<br \/>\nDie Anspr\u00fcche an uns sind hoch: Wir sollen uns umfassend bilden, gute Noten schreiben, ein Netzwerk aufbauen und Praxiserfahrungen sammeln \u2013 das alles in Regelstudienzeit in einem durchmodularisierten Bachelorsystem.<br \/>\nPersonaler beschweren sich, dass Absolventen nach Bologna \u201epers\u00f6nlich noch nicht gen\u00fcgend entwickelt\u201c seien, wenn sie in den Arbeitsmarkt eintreten. Das ist es auch, woran wir in drei bis f\u00fcnf Jahren an der Universit\u00e4t vor allem arbeiten: an einer pers\u00f6nlichen Entwicklung, bezeichnet mit dem sch\u00f6nen Begriff \u201ePers\u00f6nlichkeitskompetenz\u201c. Dabei kommt es vor allem darauf an, sich selbst darzustellen. Statt Fach- und Allgemeinwissen entwickeln viele einen Katalog an Fremdw\u00f6rtern und Zitaten, aus dem zu jedem Thema eine intelligent klingende Meinung zusammengesetzt werden kann. Und weil das eigentlich fast jeder so macht, f\u00e4llt es immer schwerer, zu unterscheiden, wer Wissen vorgaukelt und wer es tats\u00e4chlich hat. Pr\u00e4sentation ist alles. Es reicht auch, um ein geisteswissenschaftliches Studium zu \u00fcberstehen: Man muss die Odyssee eben nicht gelesen haben, es reicht, die handelnden Personen zu kennen und dann das Motiv der Irrfahrt auf das Leben des modernen Menschen zu \u00fcbertragen, um vom Gegen\u00fcber als Teil der geistigen Elite akzeptiert zu werden. Den Text zu lesen, und zwar im Original, das scheint Studierenden heute wie eine absurde Zeitverschwendung. Es stimmt, dass wir wenig Zeit daf\u00fcr haben \u2013 aber wenn wir sie h\u00e4tten, w\u00fcrden wir sie nicht auf das Erlernen des Altgriechischen f\u00fcr die Lekt\u00fcre der Odyssee verwenden.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #004b88;\">Wir k\u00f6nnen von Idealvorstellungen lernen<br \/>\n<\/span><\/h3>\n<p>Die gew\u00fcnschten guten Noten bekommt man jedenfalls auch so. Ein im November erschienener Bericht des Wissenschaftsrates zeigt, dass 80 % der Absolventen ihr Studium mit der Note \u201egut\u201c oder \u201esehr gut\u201c abschlie\u00dfen, nur 1,1 % mit der Note \u201eausreichend\u201c \u2013 vor zw\u00f6lf Jahren waren es noch 70 % beziehungsweise 4 %.<br \/>\nDa mutet es absurd an, Studierenden vorzuwerfen, sie seien nicht gut genug.<br \/>\nEs ist klar, was Professoren sich von ihren Studenten w\u00fcnschen: dass sie ihnen \u00e4hnlich sind. Eine CHE-Studie fand heraus, dass tats\u00e4chlich nur 13 % der Studierenden dem Wunschtyp ihrer Dozenten entsprechen. Diese \u201eTraumkanditat(inn)en\u201c sind positiv eingestellt, identifizieren sich mit ihrer Hochschule, sind zielstrebig und flei\u00dfig, motiviert, extrovertiert und bereit, Hilfe anzunehmen. Den Rest der Studierenden teilt der \u201eDiversity Report\u201c in \u201eLonesome Rider\u201c, \u201ePragmatiker(innen)\u201c, \u201eErn\u00fcchterte\u201c, \u201ePflichtbewusste\u201c, \u201eNicht-Angekommene\u201c, \u201eMitschwimmer(innen)\u201c und \u201eUnterst\u00fctzungsbed\u00fcrftige\u201c ein. Auch f\u00fcr diese Studierenden m\u00fcssen Dozenten ein Angebot schaffen.<br \/>\nDie M\u00e4r vom flei\u00dfigen Studenten l\u00e4sst sich nicht \u00fcberpr\u00fcfen. Wahrscheinlich ist, dass es fr\u00fcher wie heute Studierende gab, die sich ganz der Ansammlung von Wissen verschrieben, und andere, die zwar aus Interesse studierten aber dennoch einige Zeit in der Kneipe verbrachten. Doch wir k\u00f6nnen von der Idealvorstellung sicher etwas lernen: Dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen, nachzufragen und sich umfassend zu informieren.<br \/>\nWenn in einer Beziehung Schwierigkeiten auftreten, weil ein Partner nicht genug leistet, dann gibt es nur eine M\u00f6glichkeit, die Probleme zu l\u00f6sen. Es reicht nicht, zu sagen: \u201eDu bist nicht gut genug\u201c \u2013 man muss miteinander sprechen, gemeinsam L\u00f6sungen suchen und etwas tun.<br \/>\nEin solcher Dialog zwischen Lehrenden und Studierenden existiert nicht. Es gibt Dozenten, denen eine geringe Erwartungshaltung deutlich anzumerken ist, und andere, die offen ihre Entt\u00e4uschung zeigen, wenn die Studierenden ihrer Ansicht nach nicht genug leisten. Doch wir Studierenden profitieren weder von Unter- noch von \u00dcberforderung. Wir haben das Studium gew\u00e4hlt, weil wir etwas lernen wollen. Wir schulden es uns, unser Bestes zu geben \u2013 aber umgekehrt schulden unsere Dozenten es uns, uns offen zu sagen, ob wir \u201enicht gut genug\u201c sind und was wir tun m\u00fcssen, um es zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Studie stellt die Studierf\u00e4higkeit heutiger Studierender in Frage Es ist nicht sch\u00f6n, wenn dir jemand sagt: \u201eDu bist nicht gut genug.\u201c Besonders, wenn es &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":214,"featured_media":1217,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-1213","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1213","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/214"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1213"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1213\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24293,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1213\/revisions\/24293"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}