{"id":12150,"date":"2018-07-08T23:46:59","date_gmt":"2018-07-08T21:46:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=12150"},"modified":"2018-07-08T23:46:59","modified_gmt":"2018-07-08T21:46:59","slug":"verdammt-zur-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/07\/08\/verdammt-zur-freiheit\/","title":{"rendered":"Verdammt zur Freiheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Seit knapp 13 Jahren bringt die <a href=\"http:\/\/www.scenario-tuebingen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Theatergruppe Scenario<\/a> jedes Semester spannende Inszenierungen auf die B\u00fchnen T\u00fcbingens. Vergangenen Freitag feierte das dreik\u00f6pfige Schauspielteam zusammen mit Regisseur Thomas R\u00f6sner die Premiere des diessemestrigen St\u00fccks. Die vielen Zuschauer im Fichtehaus durften sich an einer expressiven Interpretation eines philosophischen Kammerspiels von Sartre erfreuen. <\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Drei Abwesende in der H\u00f6lle<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt wohl wenige Theaterst\u00fccke, die es schaffen, sich so weniger Charaktere und Requisiten zu bedienen und dennoch mit ausdrucksstarken Texten zu beeindrucken. In Jean-Paul Sartres minimalistischen Kammerspiel <strong>\u201eGeschlossene Gesellschaft\u201c<\/strong> treffen drei unterschiedliche Charaktere nach ihrem irdischen Tod aufeinander.\u00a0 Die allgegenw\u00e4rtige Hitze, die den Journalisten Garcin plagt, ist eine gelungene Metapher f\u00fcr die bedr\u00fcckenden inneren Konflikte der Protagonisten. Eingesperrt in einem kargen Raum sind die irdisch Abwesenden gezwungen, ihre S\u00fcnden miteinander zu teilen. Die seelische H\u00f6llenfahrt beginnt, als sie sich als gegenseitige Folterknechte entpuppen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Ein spiegelloses Dasein<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><u><\/u>Die eitle Estelle, gespielt von Hanna Wei\u00df, verliert den Boden unter den F\u00fc\u00dfen, da sie ihre Identit\u00e4t nur in ihrem Spiegelbild reflektieren kann.\u00a0 Die hochintellektuelle Ines vertraut auf ein substantielles Ich-Empfinden von innen &#8211; im Gegensatz zu Estelles sinnlichkeitsbetontem Selbstbild. Eines haben alle drei jedoch gemeinsam: Geplagt von irdischen S\u00fcnden, suchen sie sich auf egoistische Weise in ihrem Gegen\u00fcber zu reflektieren. Estelle bettelt um die sexuelle Aufmerksamkeit von Garcin. Der erfolgsorientierte pazifistische Journalist kann hingegen nur durch die Anerkennung und das Vertrauen anderer existieren. Er scheint besessen von den Gedanken seiner irdischen Kollegen und verzweifelt bei dem Gedanken, in Vergessenheit zu geraten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12152\" aria-describedby=\"caption-attachment-12152\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12152 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180706204201_IMG_2826-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12152\" class=\"wp-caption-text\">Der Journalist Garcin geht ins Gericht mit sich selbst und verzweifelt an dem Gedanken, nach seinem Tod vergessen zu werden.<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote>\n<h3><strong>\u201e<\/strong>Ich will meine H\u00f6lle selbst w\u00e4hlen&#8220;<\/h3>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einzig und allein Ines predigt auf zynische Weise existenzialistische Gedanken. W\u00e4hrend sich ihre beiden H\u00f6llengef\u00e4hrten mit dem Glauben an Zufall ihrer moralischen Verantwortung entziehen wollen, blickt Ines den ungesch\u00f6nten Tatsachen ins Gesicht. Schauspielerin Nora Martetschl\u00e4ger verk\u00f6rpert auf sehr authentische Weise Sartres Grundgedanken des Freiheitsdilemmas. Der Mensch hat die Freiheit, sich selbst zu erfinden, steht jedoch in der vollen Verantwortung f\u00fcr jede Tat, da es keinen \u00fcbernat\u00fcrlichen Determinismus gibt.<\/p>\n<blockquote>\n<h3><strong>\u201e<\/strong>In meinem Kopf wird es immer hell sein&#8220;<\/h3>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entgegen der weitl\u00e4ufigen Meinung, nach dem Tod Frieden zu finden, inszeniert vor allem Micha Himpel in der Rolle des stolzen Garcins auf eindrucksvolle Weise die Tragweite der moralischen Verantwortung. Seine innere Zerrissenheit l\u00e4sst ihn den irdischen Verlust nicht akzeptieren. Der verzweifelte Versuch, sein Leben im Tod noch zu ordnen, scheitert. Was f\u00fcr immer bleibt, sind die selbstverschuldeten Taten, durch die die Charaktere sich w\u00e4hrend ihres Lebens definiert haben. Alle Protagonisten leiden auf ihre Art und Weise am Prozess der Selbstakzeptanz.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12153\" aria-describedby=\"caption-attachment-12153\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12153 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180706203056_IMG_2824-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12153\" class=\"wp-caption-text\">Freiheit bringt unendliche M\u00f6glichkeiten, aber auch gro\u00dfe Unsicherheit und Verantwortung mit sich. Als sie frei sein k\u00f6nnten, bleiben die drei Protagonisten freiwillig in der H\u00f6lle.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wohl eindrucksvollste Szene ist der Moment, in dem die T\u00fcr der H\u00f6lle ge\u00f6ffnet wird. Alle Charaktere lechzten bisher nach einer Flucht. Als ihnen alle T\u00fcren offen stehen, blicken sie der nackten Freiheit aber mit Skepsis ins Gesicht \u2013 eingesch\u00fcchtert von den endlosen M\u00f6glichkeiten der Welt.<\/p>\n<p><em>Weitere Auff\u00fchrungen: 12. und 13. Juli im L\u00f6wenkino (Altstadt).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Beginn jeweils um 20 Uhr. Eintritt 6 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Fotos:<\/u> Gizem Gueler<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit knapp 13 Jahren bringt die Theatergruppe Scenario jedes Semester spannende Inszenierungen auf die B\u00fchnen T\u00fcbingens. 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