{"id":12223,"date":"2018-07-14T07:45:55","date_gmt":"2018-07-14T07:45:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=12223"},"modified":"2021-02-19T18:24:22","modified_gmt":"2021-02-19T18:24:22","slug":"schluss-mit-selfiejournalismus-und-postfaktizitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/07\/14\/schluss-mit-selfiejournalismus-und-postfaktizitaet\/","title":{"rendered":"Schluss mit Selfiejournalismus und Postfaktizit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Wer sich am Donnerstag zur 15. T\u00fcbinger Mediendozentur\u00a0 im Festsaal der Neuen Aula einfand, wurde zumindest inhaltlich wahrscheinlich nicht entt\u00e4uscht. Juli Zeh, eine der bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen und Ehrengast des Abends, lie\u00df das Publikum an ihren bildhaften, lockeren und doch sehr tiefsinnigen \u00dcberlegungen zum Menschen im heutigen Medienzeitalter teilhaben.<\/em><\/strong><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Juli Zeh auf Umwegen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch freue mich, hier zu sein\u201c, verk\u00fcndet <a href=\"http:\/\/www.juli-zeh.de\/author.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Juli Zeh<\/a> mit einem L\u00e4cheln in die Runde, \u201eund das habe ich wahrscheinlich noch nie in meinem Leben so ernst gemeint.\u201c\u00a0 Wer die entspannt mit Jeans und Pulli dort oben stehende Schriftstellerin anschaut, dem w\u00fcrde nicht in den Sinn kommen, dass sie soeben nach einer vierzehnst\u00fcndigen, chaotischen Anreise direkt auf die B\u00fchne gehastet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber von Anfang an: Nachdem sich um 18:30 Uhr hunderte von Menschen mehr schlecht als recht, sitzend und stehend in den Festsaal der Neuen Aula gezw\u00e4ngt hatten, wurde zerknirscht verlautet, dass sich durch Komplikationen bei Zehs Anreise die Veranstaltung um etwa eine Stunde nach hinten verschieben w\u00fcrde. Anderthalb Stunden, mehrere technische Probleme und mehrere Ortswechsel sp\u00e4ter (ein gro\u00dfer Teil des Publikums wurde nun zur Live\u00fcbertragung ins Audimax umquartiert) war es dann endlich so weit: Juli Zeh betrat unter Applaus die B\u00fchne.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12220\" aria-describedby=\"caption-attachment-12220\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12220 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_2671x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12220\" class=\"wp-caption-text\">Anderthalb Stunden nach geplantem Veranstaltungsbeginn betritt Juli Zeh den immer noch vollen Festsaal.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Der Mensch auf seinem Egotrip<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Rede beginnt sie, ganz zur \u00dcberraschung des Publikums, mit dem Abspielen eines Ausschnitts eines <em>Bibi Blocksberg-<\/em>H\u00f6rspiels. In diesem weicht der Erz\u00e4hler von seiner auktorialen Rolle ab und versetzt sich selbst in den Mittelpunkt des Geschehens. Diesen Rollenwechsel empfindet Zeh als sehr bezeichnend f\u00fcr die heutige Zeit und pl\u00e4diert: \u201eUm das Medienzeitalter zu verstehen, muss man den Menschen dieses Zeitalters verstehen.\u201c Der Mensch sehe sich nun als Sch\u00f6pfer, nicht mehr l\u00e4nger als Produkt. Diesen Menschen, der sich in der Moderne zwar von fast allen gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen emanzipiert, dabei aber auch seine Zugeh\u00f6rigkeit verloren habe, nennt Zeh das \u201eTurbo-Ich\u201c. Er als Individuum bef\u00f6rdere sich im Zuge seines Egotrips in das Zentrum jedes Diskurses und sehe sich dadurch in grenzenloser Auseinandersetzung mit sich und der Welt konfrontiert. Konsequenzen seien Bed\u00fcrftigkeit, die st\u00e4ndige Suche nach Aufmerksamkeit und irrationale \u00c4ngste. Der Mensch frage nicht l\u00e4nger, was er f\u00fcr die Welt tun k\u00f6nne, sondern wie er pers\u00f6nliches Gl\u00fcck aus der Welt ziehen k\u00f6nne.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Neutralit\u00e4t ade<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach diesen allgemeinen Beobachtungen zieht Zeh gekonnt Parallelen zur Krise der Medien und Demokratie. Der Mensch als Angstwesen, der sich nicht wie ein m\u00fcndiger B\u00fcrger, sondern infantil wie ein unsicheres Kind verhalte, vertrage sich nicht gut mit der Demokratie. Das liegt laut Zeh daran, dass demokratische Systeme auf m\u00fcndige B\u00fcrger angewiesen sind, die nicht ihre Bed\u00fcrfnisse restlos von der Regierung gestillt wissen wollen, sondern sich selbst beteiligen und bereit sind, mitzuwirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch Juli Zeh rechnet nicht nur mit der Privatperson ab, vielmehr sieht sie Politik und Medien verantwortlich f\u00fcr die bestehende Misere. \u201eSelfie-\u201c und \u201eTKKG-Journalismus\u201c nennt Zeh die Form, bei der sich JournalistInnen, ganz so wie der Erz\u00e4hler bei <em>Bibi Blocksberg<\/em>, selbst in den Mittelpunkt des Geschehens r\u00fccken, anstatt m\u00f6glichst neutral zu berichten. \u00c4hnlich wie bei der Kinderbuchreihe \u201eTKKG\u201c w\u00fcrden verschiedene Rollen erf\u00fcllt und so k\u00f6nne sich der Konsument die vorgekaute Meinung der rechtspopulistischen, feministischen oder linksliberalen Medienvertreter entspannt aussuchen und simplifiziert wiedergeben. Dies kritisiert Juli Zeh und fordert:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eObjektiv, neutral und unbestechlich: So sollten Journalisten sein.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn Respekt erfordere Neutralit\u00e4t. Es k\u00f6nne nicht sein, dass JournalistInnen das postfaktische Verhalten von PolitikerInnen anprangern, w\u00e4hrend sie selbst einen Kommentar nach dem anderen schrieben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12221\" aria-describedby=\"caption-attachment-12221\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12221 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_2704x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12221\" class=\"wp-caption-text\">Die Juristin und Autorin, die selbst auch journalistisch t\u00e4tig ist, fordert: JournalistInnen m\u00fcssen wieder neutraler berichten und den B\u00fcrgern nicht nur eine Auswahl m\u00f6glicher Meinungen vorkauen.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Das Internet als gr\u00f6\u00dfter Narzissmusgenerator<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">PolitikerInnen verhalten sich laut Zeh nicht angemessener. Sie betrieben eine \u201epervertierte Form von Transparenz\u201c, indem sie ihr Privatleben mithilfe von Social Media Profilen nach au\u00dfen tr\u00fcgen. Dies f\u00fchre zu Entt\u00e4uschung in der Bev\u00f6lkerung und vor allem in rechtspopulistischen Reihen zu der Frage: \u201eWarum sollten wir uns von jemandem regieren lassen, der genau so normal und unzul\u00e4nglich ist wie wir?\u201c Als positives Gegenbeispiel nennt Zeh Angela Merkel, deren Privatleben nach so vielen Jahren immer noch mehr oder weniger ein Mysterium darstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeh, die sich auch schon in der Vergangenheit <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/nsa-protest-mit-juli-zeh-schoen-dass-ihr-da-wart-1.1774018\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auf die Seite von Datensch\u00fctzern wie Edward Snowden gestellt hatte<\/a>,\u00a0sieht im Internet die M\u00f6glichkeit einer grenzenlosen Individualisierung. W\u00e4hrend au\u00dferhalb des Internets die Bed\u00fcrfnisse des Einzelnen in der Masse untergingen, sei im Internet alles personalisiert, von der Werbung bis zum Suchmaschinenalgorithmus. Das Internet sei eine \u201eIch-Maschine\u201c, der \u201egr\u00f6\u00dfte Narzissmusgenerator der Welt\u201c. Deswegen spricht sich Zeh gegen st\u00e4ndige Selbstdarstellung und f\u00fcr eine kollektive Gesamtdarstellung aus. Dies gelte auch f\u00fcr Medien und Politik.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSchluss mit Selfiejournalismus, Schluss mit Postfaktizit\u00e4t, Schluss mit B\u00fcrgern\u00e4he! Entschleunigung bedeutet nicht, weniger und langsamer zu arbeiten, sondern Entschleunigung bedeutet, sich selbst weniger wichtig zu nehmen.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anschlie\u00dfend endet sie ihre Rede mit einem spitzen Seitenhieb gegen Horst Seehofer: \u201e69 abgeschobene Asylsuchende sind kein Geburtstagsgeschenk f\u00fcr ein 69 Jahre altes infantiles Turbo-Ich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach tosendem Applaus und einer humorvollen Fragerunde mit Juli Zeh scheint es, als h\u00e4tte sich das lange Warten f\u00fcr viele der ZuschauerInnen gelohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wer die gestrige Mediendozentur verpasst hat, hat immer noch die M\u00f6glichkeit, die \u00dcbertragung\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-5djf2rZMD4&amp;t=1559s9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> online\u00a0 nachzuschauen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Fotos:<\/u> Marko Knab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich am Donnerstag zur 15. 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