{"id":12320,"date":"2018-08-25T09:39:52","date_gmt":"2018-08-25T09:39:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=12320"},"modified":"2021-02-19T18:21:10","modified_gmt":"2021-02-19T18:21:10","slug":"kfurt-eine-langzeitstudie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/08\/25\/kfurt-eine-langzeitstudie\/","title":{"rendered":"K&#8217;furt &#8211; eine Langzeitstudie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>W\u00e4hrend in T\u00fcbingen Tag f\u00fcr Tag das bunte Treiben herrscht, vergisst der T\u00fcbinger oft ein einsames, stilles V\u00f6lkchen, weit hinter den sieben Bergen. Ein unbeugsames Dorf lebt dort vor sich hin, fernab jeglicher Zivilisation. Einige werden den fernen Ort kennen, den ich meine: Kirchentellinsfurt. Noch nie geh\u00f6rt? Zwei Jahre lang habe ich dort ge- und \u00fcberlebt.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kirchentellinsfurt &#8211; Der Name ist Programm. Ein Name, der unn\u00f6tig lang und kompliziert ist und dir praktisch \u201eDORF\u201c entgegenschreit, kann nichts Gutes bedeuten. Ich h\u00e4tte es wissen m\u00fcssen. Doch bei der Wohnungssuche haben es besonders Erstis in T\u00fcbingen manchmal sehr schwer, und so kam es, dass ich, wenn ich nicht im Bota h\u00e4tte zelten wollen, die Wohnung kurz vor Studienbeginn im Wintersemester 2016\/17 angenommen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An sich ist K\u2019furt eigentlich \u2013 das muss ich zugeben \u2013 wirklich sch\u00f6n. Ein Vorstadtidyll, wie es f\u00fcr Eltern und Kinder nicht besser sein k\u00f6nnte. Das Ding ist nur, dass ich (noch) in keine dieser demografischen Kategorien hineinfalle und mich, nach achtzehn Jahren Dorfleben, nach etwas mehr Trubel gesehnt hatte. \u201eIst ja nur zum \u00dcbergang\u201c, beruhigte ich mich. Ha, ha, ha&#8230;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eKaa-Furt? Wohnst du noch bei deinen Eltern?\u201c<\/em><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">So begann mein unfreiwilliges Selbstexperiment mit ungeahnten Folgen. Bereits im ersten Semester entwickelte ich eine schwere \u201e\u00d6ffiritis\u201c. Jeder Hin- und R\u00fcckweg bedeutete dreimal Umsteigen (Bus zum Bahnhof in K\u2018furt \u2013 Bahn von K\u2018furt nach T\u00fcbingen \u2013 Bus vom Bahnhof zur Uni). Wenn ich das Kommilitonen erz\u00e4hlt habe, kam oft die Frage, ob ich denn dann noch bei meinen Eltern wohnen und pendeln w\u00fcrde. Das w\u00e4re ja noch in Ordnung gewesen, wenn ich bei der unangenehmen Fahrerei wenigstens noch &#8222;Hotel Mama&#8220; h\u00e4tte genie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres Problem lie\u00df nicht lange auf sich warten: Aufgrund der hohen Umsteigefrequenz ist die Wahrscheinlichkeit \u2013 und so viel habe ich selbst in meinem Powi-Studium gelernt \u2013 dass mindestens ein Verkehrsmittel Versp\u00e4tung hat, relativ hoch. Und so kam es auch: Irgendetwas war immer zu sp\u00e4t oder fiel aus. Bahn und Bus wechselten sich dabei lustig ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-12350\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2434-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>Wer abends mit Bus und Bahn nicht mehr nach T\u00fcbingen kommt, schaut sich eben den Sonnenuntergang an &#8211; ist ja auch sch\u00f6n &#8230;<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch ein \u201eIch-bin-so-frei\u201c-Studenten-Partyleben zu entwickeln gestaltet sich in K\u2019furt eher schwerig. Die Busse fahren ab einer unschuldigen Zeit von 20.30 nicht mehr, samstags ist um 15.30 Schluss, sonntags fahren sie gar nicht. Wer gewillt ist, den Berg (ja, Berg!) zu erklimmen und somit nur Bahn fahren muss, der darf sich beim Feiern zun\u00e4chst entscheiden: Fahre ich um 23 Uhr nach Hause oder um 4 Uhr morgens? Ganz oder gar nicht ist das Motto der Kirchentellinsfurter. Play hard or don\u2019t play at all! Nach dem ersten Semester hatte ich dann die M\u00f6glichkeit, auf das Auto umzusteigen, und so er\u00fcbrigte sich das alles. Seit Neustem gibt es jedoch eine Entwicklung, die ich mit Stolz verk\u00fcndigen kann: Es soll seit Neustem Nachtbusse geben &#8211; Hallelujah!<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Ort, an dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen<\/em><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zentrum, K\u2019furt City sozusagen, besteht aus einer Bank, einem Naturladen (hier ist schlie\u00dflich immer noch Kreis T\u00fcbingen), einem B\u00e4cker, einem Metzger, und dem Rathaus. Unten gibt es dann noch Aldi &amp; Co. Das Coolste, was K\u2019furt zu bieten hat, ist das relativ bekannte Orchester und eine Stra\u00dfe, die den Namen \u201eEinhornstra\u00dfe\u201c tr\u00e4gt. Man sieht: The party is in the house. Diese These wird auch dadurch belegt, dass das Aufregendste, was mir je in K\u2018furt passiert ist, eine schicksalshafte Begegnung mit einem Fuchs war. Wir starrten uns f\u00fcnf Sekunden lang in die Augen und er dachte sich vermutlich: \u201eOh shit, ein Mensch\u201c, und ich dachte mir: \u201eOh shit, ein Fuchs\u201c und dann gingen wir wieder beide unseres Weges. Das war\u2019s. Krass, ich wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun jedoch, nach zwei harten Jahren, werde ich von meinen Qualen erl\u00f6st und ziehe in die S\u00fcdstadt. An den Moment, in dem ich die Nachricht erhielt, erinnere ich mich genau:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mir f\u00e4llt augenblicklich das Handy aus der Hand. Ich bin wie erstarrt. Kann es denn tats\u00e4chlich wahr sein? Meine Augen werden glasig, f\u00fcllen sich mit Tr\u00e4nen der Freude, denn mir wird sofort klar: Dieser Umzug bringt mir eine Zeitersparnis von ganzen zwanzig Minuten pro Fahrt. Zwanzig Minuten morgens l\u00e4nger schlafen, und zwanzig Minuten Dienstag abends l\u00e4nger nach Kupferblau in den Bierkeller. Womit hatte ich dieses Gl\u00fcck verdient? Was sollte ich nur mit so viel extra Zeit tun?! Ersch\u00f6pft sinke ich auf die Knie. \u201eEs gibt doch noch einen Gott\u201c, murmle ich leise.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinne: K\u2019furt, du bist ja echt ganz sch\u00f6n und nett und so, aber es ist vorbei. Die Studie ist beendet, die Protokolle abgeben. Ich kann es einfach nicht mehr. Nein, ich meine es genau so, und ja, ich hab auch schon was Neues gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du musst mir glauben, es liegt nicht an dir \u2013 es liegt an mir!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Leonie M\u00fcller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend in T\u00fcbingen Tag f\u00fcr Tag das bunte Treiben herrscht, vergisst der T\u00fcbinger oft ein einsames, stilles V\u00f6lkchen, weit hinter den sieben Bergen. 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