{"id":12381,"date":"2018-09-21T14:36:36","date_gmt":"2018-09-21T12:36:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=12381"},"modified":"2018-09-21T14:36:36","modified_gmt":"2018-09-21T12:36:36","slug":"haruki-murakami-die-ermordung-des-commendatore","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/09\/21\/haruki-murakami-die-ermordung-des-commendatore\/","title":{"rendered":"Haruki Murakami &#8211; Die Ermordung des Commendatore"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Gerade hat <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haruki_Murakami\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Haruki Murakami<\/a> sich <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/literatur-murakami-will-die-alternative-zum-nobelpreis-nicht.2849.de.html?drn:news_id=925458\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">von der Nominierung zum alternativen Literaturnobelpreis zur\u00fcckgezogen<\/a>, um sich auf das Schreiben konzentrieren zu k\u00f6nnen. Der fast 70-J\u00e4hrige nimmt uns noch in viele surreale Welten mit, so auch in seinem neusten Roman \u201eDie Ermordung des Commendatore\u201c. In fast 1000 Seiten mischen sich die Unterwelt, Bildwelten, Metaphern und Musik mit banalem Alltag. <\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Farben sind das Fenster zur Seele <\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Ermordung des Commendatore\u201c besteht aus zwei B\u00e4nden: \u201eEine Idee erscheint\u201c und \u201eEine Metapher wandelt sich\u201c. Eigentlich handelt es sich um einen einzigen Roman, welcher in Japan auch als ein Buch erschienen ist. Fast 1000 Seiten auf einmal w\u00fcrden sich aber wohl etwas schwerf\u00e4llig lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch mit der Aufteilung in zwei B\u00e4nde tun sich zwischendurch L\u00e4ngen auf, vor allem am Anfang des zweiten Bandes. Auf das Wesentliche heruntergebrochen, ist die Handlung eigentlich auch nicht allzu ausufernd \u2013 von den komplexen Verbindungen zwischen den schicksalhaft verflochtenen Ebenen einmal abgesehen. Ein namenloser Ich-Erz\u00e4hler, ein Portr\u00e4tmaler von 36 Jahren, wird unvermittelt von seiner Frau verlassen und zieht in das verlassene Haus des Malers Tomohiko Amada am Berg. In einem k\u00fcnstlerischen Emeritentum versucht er, seine Malerei von blo\u00dfer Auftrags- und Broterwerbskunst zu einer wahren Kunst mit individuellem Stil zu machen. Mit solch einer Malerei kann der Erz\u00e4hler die \u00c4ngste und das tiefste Innere der Menschen festhalten, mit all ihren Geheimnissen und teilweise auch bedrohlichen Neigungen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12384\" aria-describedby=\"caption-attachment-12384\" style=\"width: 433px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12384 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/murakami-433x672.jpg\" alt=\"\" width=\"433\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12384\" class=\"wp-caption-text\">Nach dem ersten Band hat der Leser nur lose F\u00e4den in der Hand, die sich im zweiten Teil verbinden.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein farbloser Mann, eine Grube im Wald und ein Gem\u00e4lde <\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einem Portr\u00e4t jedoch hat er Schwierigkeiten, mit den richtigen Farben den Kern des Menschen zu erfassen: Der Erz\u00e4hler soll den geheimnisvollen, nahezu perfekten Herrn Menshiki portr\u00e4tieren, dessen Name so viel bedeutet wie \u201eFarben vermeiden\u201c. Schlie\u00dflich dringt er zu seinem Geheimnis vor, das etwas mit Marie, einem 13-j\u00e4hrigen M\u00e4dchen aus der Nachbarschaft, zu tun hat. Die Begegnung mit Menshiki ist ein Schl\u00fcsselerlebnis, das \u201eden Kreis \u00f6ffnet\u201c, wie der Erz\u00e4hler es ausdr\u00fcckt. Eine Reihe r\u00e4tselhafter Ereignisse wird in Gang gesetzt, Welten aus Gem\u00e4lden und die Wirklichkeit beginnen zu verschwimmen, und der Maler verstrickt sich als Vermittler in das Leben anderer und deren tiefster Geheimnisse. Der noch wichtigere Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Handlungskette ist der Fund von Tomohiko Amadas titelgebendem Gem\u00e4lde \u201eDie Ermordung des Commendatore\u201c, welches dieser auf dem Dachboden des Hauses sorgf\u00e4ltig vor der \u00d6ffentlichkeit verborgen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menshikis Geheimnis ist gel\u00fcftet, die Luke zum Dachboden ist ge\u00f6ffnet, die \u201eErmordung des Commendatore\u201c ist freigelegt: Mit den Figuren aus Mozarts Oper <a href=\"https:\/\/www.opera-online.com\/de\/items\/works\/don-giovanni-mozart-da-ponte-1787\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Don Giovanni <\/em><\/a>hat Tomohiko Amada offenbar das schmerzvollste Ereignis seines Lebens metaphorisch abgebildet. Auf dem Gem\u00e4lde wird der Commendatore blutig vom Geliebten seiner Tochter erstochen. Das R\u00e4tsel um die wahre Bedeutung des Bildes gilt es zu l\u00f6sen, wie auch ein R\u00e4tsel um eine ge\u00f6ffnete Grube im Wald. Damit der Erz\u00e4hler mit den eigenen Verlusterfahrungen und der Ereigniskette abschlie\u00dfen kann, muss er alle Ebenen und Mysterien verbinden. Als Vermittler zwischen den verschiedenen Welten erscheinen dem Erz\u00e4hler Figuren aus dem Gem\u00e4lde und helfen ihm: Der Commendatore, der sich als \u201eeine Idee\u201c ausgibt, und eine Metapher, die eine Luke zur Unterwelt \u00f6ffnet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12385\" aria-describedby=\"caption-attachment-12385\" style=\"width: 434px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12385 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Murakami1-434x672.jpg\" alt=\"\" width=\"434\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12385\" class=\"wp-caption-text\">Der zweite Band von \u201eDie Ermordung des Commendatore\u201c erschien in deutscher \u00dcbersetzung im April dieses Jahres. Die englische Fassung wird in einem einzigen Band ver\u00f6ffentlicht und erscheint erst im Oktober.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwischen Realismus und Magie \u00a0<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass sich am Schluss die Welten aus dem titelgebenden Gem\u00e4lde und den eigenen Bildern des Malers mit der Vergangenheit und den \u00c4ngsten des Malers, Menshikis, Maries und Tomohiko Amadas verbinden, zeugt von einer \u00fcberzeugenden, durchdachten Komposition. Die Beziehungen zwischen den Ereignissen werden hinreichend aufgel\u00f6st, es bleibt jedoch viel Spielraum zur Interpretation. Verbindende Motive wie Enge und Verlust, vor allem der zentrale fr\u00fche Tod der Schwester des Malers, durchziehen den Roman von Anfang an und halten die Ebenen zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Faszination an Murakami macht gerade das Nebeneinander von lapidarem Realismus und surrealer Mystik aus. Der ruhige Stil spiegelt Vertrauen darauf wider, dass die in Band 1 noch sehr unzusammenh\u00e4ngenden Ereignisse von etwas wie Schicksal gesteuert werden. Trotzdem sind die Beschreibungen von Banalit\u00e4ten oder Absurdit\u00e4ten wie Kleidung, Mahlzeiten und den Sorgen der 13-j\u00e4hrigen Marie \u00fcber ihren zu kleinen Busen stellenweise etwas repetitiv und befremdlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch einige Motive \u2013 die Unterwelt mit F\u00e4hrmann, Jungfrauengeburt, Psychoanalyse \u2013 werden relativ klischeehaft eingesetzt. Durch die einmalige, alles umfassende Metapher des Gem\u00e4ldes \u201eDie Ermordung des Commendatore\u201c kann man aber tats\u00e4chlich sagen: \u201eEine Metapher, und auch diese Motive, wandeln sich.\u201c Alles in allem ist der Roman also durchaus lesenswert und auch auf fast 1000 Seiten noch spannend \u2013 als Reise in das Unterbewusstsein, in die Offenbarungen aber auch die Abgr\u00fcnde der Kunst und in die Seele der Figuren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Fotos:<\/u> Titelbild\/Grafik: Marko Knab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Coverfotos: DuMont Buchverlag\/Presse<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade hat Haruki Murakami sich von der Nominierung zum alternativen Literaturnobelpreis zur\u00fcckgezogen, um sich auf das Schreiben konzentrieren zu k\u00f6nnen. 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