{"id":1250,"date":"2013-06-08T17:17:01","date_gmt":"2013-06-08T17:17:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=1250"},"modified":"2021-02-21T13:35:43","modified_gmt":"2021-02-21T13:35:43","slug":"gibt-es-ein-richtiges-leben-im-falschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2013\/06\/08\/gibt-es-ein-richtiges-leben-im-falschen\/","title":{"rendered":"\u201eGIBT ES EIN RICHTIGES LEBEN IM FALSCHEN?\u201c"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Gespr\u00e4ch mit Professor Dr. J\u00fcrgen Wertheimer \u00fcber die Studenten von heute<\/h3>\n<p><span style=\"color: #004b88;\"><strong>Auch ein T\u00fcbinger Professor hat an der Studie von Professor Wolf teilgenommen. Kupferblau sprach mit Professor J\u00fcrgen Wertheimer, Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Internationale Literaturen \/ Neuere Deutsche Literatur, \u00fcber die T\u00fcbinger Studierenden, ihre Studierf\u00e4higkeit und Anforderungen im heutigen Unialltag.<\/strong><\/span><br \/>\n<!--more--><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>kupferblau: Zu Beginn, Professor Wertheimer, wie sieht f\u00fcr Sie der \u201eperfekte\u201c Student aus?<\/strong><\/span><strong><br \/>\nProfessor J\u00fcrgen Wertheimer:<\/strong> Hier mit dem Begriff der Perfektion zu arbeiten halte ich f\u00fcr schwierig. Ich halte es jedenfalls f\u00fcr die am wenigsten wichtige Ebene, immer nur auf die Orthografie und die Interpunktion zu schauen, wie das oft der Fall ist, denn das ist ein formales und nur scheinbar \u00fcberzeugendes Kriterium. Wichtiger w\u00e4re mir, wie Studenten mit der Sprache umgehen, also wie und ob sie nach Bedeutungen fragen oder ob sie wirklich nur mehr an der Oberfl\u00e4che der Inhalte entlang lesen. Und da ist vielleicht tats\u00e4chlich eine Tendenz hin zu Letzterem\u00a0\u00a0 \u2013 eventuell auch aufgrund der Einfl\u00fcsse des Internets, das ich \u00fcberhaupt nicht verteufle \u2013 zu beobachten.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Das Internet k\u00f6nnte an der Entwicklung von Sprachdefiziten beteiligt sein?<\/strong><\/span><br \/>\nEs sind nicht prim\u00e4r Sprachdefizite, die das Internet hervorruft. Es kommt im Netz darauf an, die kl\u00fcgste Suchmaschine zu haben und die kl\u00fcgste Suchmaschine ist der Kopf. Je mehr Informationen man hat, desto mehr muss man f\u00e4hig sein, Selektionen zu treffen und nach Bedeutungen zu fragen, denn die liefert das Internet nicht.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Texte lesen, verstehen und verarbeiten \u2013 das ist also die zentrale Anforderung, die manchmal unerf\u00fcllt bleibt?<\/strong><\/span><br \/>\nVerstehen und auch auf Hintergr\u00fcnde, auf Zwischent\u00f6ne, auf Nichtgesagtes, auf Angedeutetes, auf das Wie achten. Wenn in einer Staatsexamensklausur zwei Drittel des Textes Paraphrase des Inhalts sind, ist das kein gutes Zeichen. Ich m\u00f6chte damit nicht sagen, dass das fr\u00fcher nicht so gewesen w\u00e4re.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Vergleichen Sie einen Studienanf\u00e4nger heute und vor zehn Jahren. Wo liegen die gravierenden Unterschiede?<\/strong><\/span><br \/>\nDie Studenten haben immer weniger Zeit. Das ist ein objektiver Faktor, nicht mein pers\u00f6nlicher Eindruck. Man hat uns fr\u00fcher empfohlen zwei Seminare zu machen, vergleichen Sie das jetzt mal mit Ihrem Stundenplan.<br \/>\nEin seit der Schulzeit durchmodularisierter, durchbachelorisierter Student kennt nur mehr ein einziges System. Das ist eine Generation, die gelernt hat, schnell, effizient, punktuell und sehr selektiv mit Blick auf das was man braucht zu arbeiten. Mit allen Vor- und Nachteilen: Ein Studierender, mitten im Geflecht der Bacheloranforderungen, fragte mich beispielsweise einmal: \u201eKann ich diese Vorlesung auch aus Interesse besuchen?\u201c. Dass so eine Frage zustande kommt, sagt alles.<br \/>\nUnd wenn ich in diesem System jede Kleinigkeit mit einer Abschlussklausur versehen muss, auch eine Vorlesung, dann kann das fatale Folgen haben. Keiner kann 300 Vorlesungsklausuren korrigieren, also macht man \u201emultiple choice\u201c. Wenn man \u201emultiple choice\u201c in Geisteswissenschaften anwendet, ist es, wie wenn man Nichts macht \u2013 schlimmer, weil eine Scheinsicherheit hergestellt wird, die nichts mehr mit Reflexion, nicht mal mit fundiertem Wissen, sondern aber eher mit dem Zufallsprinzip zu tun hat.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Haben Sie ein tendenziell schlechtes Bild vom Studenten von heute?<\/strong><\/span><br \/>\nNein, das habe ich gar nicht. Wenn man sich von Formaten und Strukturen nicht einengen l\u00e4sst und sich die Zeit nimmt, in ein Thema einzudringen, ist kein Unterschied festzustellen. Im Gegenteil, vielleicht sogar eine gr\u00f6\u00dfere Fixigkeit der Studenten oder eine st\u00e4rkere Realit\u00e4tsbezogenheit der Art und Weise des Vorgehens. Und dann nat\u00fcrlich eine starke Kompetenz in Erfahrungen mit anderen Kulturen und Lebenswelten.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Finden Sie, dass von den Studenten heute viel erwartet wird? Vor allem auch neben dem Studium?<\/strong><\/span><br \/>\nAlso ich habe den Eindruck, dass es viel ist. Ich kann das nat\u00fcrlich nur von der Seite des Zuschauers her beurteilen. Zehnstundentage scheinen keine Seltenheit zu sein und ich glaube nicht, dass f\u00fcnf Seminare hintereinander in einem Kopf gleichzeitig Platz haben.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Aber ist es dann nicht logisch, dass man Abstriche machen muss?<\/strong><\/span><br \/>\nJa, nat\u00fcrlich, und im Grunde muss sich dieses System mit seinen Anforderungen von sich selbst wieder emanzipieren. Das Bachelorsystem abzuschaffen ist nicht m\u00f6glich, aber man kann das Intelligenteste daraus machen und daran arbeitet man jetzt. Aber die Frage ist, gibt es ein richtiges Leben im falschen? Gibt es ein richtiges Studieren in einer falsch angelegten Grundkonzeption? Und die ist nicht ganz so einfach zu beantworteten.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>In der Studie ist auch von gro\u00dfen L\u00fccken im Allgemeinwissen die Rede. Einige Studenten sollen den Zweiten Weltkrieg f\u00fcr ein Ereignis des 19. Jahrhunderts halten. Haben Sie auch derartige Erfahrungen gemacht?<\/strong><\/span><br \/>\nDas mag es in Einzelf\u00e4llen geben, gab es vielleicht aber immer schon. Aber wer h\u00e4tte sich vor 20 Jahren die M\u00fche gemacht, immer wieder solche Befragungen vorzunehmen um das herauszufinden? Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass da eine Asymmetrie der Wissenskulturen entstanden ist. Ich muss mir w\u00e4hrend einer Vorlesung\u00a0 immer wieder klarmachen \u2013 das ist eine richtige Anstrengung \u2013 dass Ihre Generation noch nicht mal die Wende aktiv mitgemacht hat. Etwas, das f\u00fcr meine Generation jetzt schon die Nahvergangenheit ist. Geschweige denn fernerliegende Ereignisse. Wenn man das vergisst, f\u00fchrt das vermutlich zu Fehlurteilen. Ich bin sicher, dass Sie umgekehrt Kompetenz in anderen Wissensbereichen haben, die mir verborgen sind.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Es gibt also auch Dinge, die Studenten von heute besser k\u00f6nnen als fr\u00fcher?<\/strong><\/span><br \/>\nAlso eines k\u00f6nnen sie sicher besser: Pr\u00e4sentation. Die Oberfl\u00e4chen werden immer perfekter und das hat eine nicht ungef\u00e4hrliche Nebenwirkung. Es kann eine \u201eScheinperfektionalit\u00e4t\u201c entstehen, die vom Inhalt nicht mehr gedeckt wird \u2013 das \u201eGuttenberg-Syndrom\u201c. Vielleicht beherrschen sie auch Zeitmanagement besser, obwohl ich nicht wei\u00df, wie viele verborgene Trag\u00f6dien oder Zusammenbr\u00fcche sich abspielen. Das kriegt man ja alles nicht mit. Wenn einer scheitert, ist er weg.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>K\u00f6nnten Professoren auf die ver\u00e4nderten F\u00e4higkeiten der Studenten mehr eingehen, sie vielleicht mehr nutzen?<\/strong><\/span><br \/>\nSie denken vielleicht an die Medien-Kompetenz oder den Umgang mit dem Netz? Das mag wichtig sein, wichtiger w\u00e4re mir, die Flexibilit\u00e4t und fr\u00fche Expertise der Studenten im Umgang mit anderen Kulturen zu nutzen. Und zudem ihre Multitasking-Qualit\u00e4ten so einzusetzen, dass komplexen Wirklichkeiten mit entsprechend komplexen Wahrnehmungssensoren begegnet wird.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Wenn man die Aussagen der Professoren in der Studie von Professor Wolf h\u00f6rt, wundert man sich vor allem deshalb, weil doch gerade hier in T\u00fcbingen st\u00e4ndig \u00fcber Elite gesprochen wird. Wie kann es sein, dass gleichzeitig den Studierenden in Befragungen von Professoren solche miserablen Leistungen unterstellt werden?<\/strong><\/span><br \/>\nNun, so \u201emiserabel\u201c sind Sie nun wirklich nicht. Und bez\u00fcglich der Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Diskrepanzen zwischen Elite einerseits und Aussagen \u00fcber die Studenten andererseits w\u00fcrde ich sagen, dass die intellektuellen Exzellenzbem\u00fchungen nat\u00fcrlich prim\u00e4r der Forschung und weniger der Lehre gelten.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Aber ist das nicht eine sehr gef\u00e4hrliche Entwicklung, wenn man diese Trennung von Lehre und Forschung auch noch pr\u00e4miert?<\/strong><\/span><br \/>\nJa, das k\u00f6nnte eine gef\u00e4hrliche Entwicklung sein, denn das w\u00fcrde ein zentrales Element der deutschen Universit\u00e4ten \u2013 den Zusammenhalt von Forschung und Lehre \u2013 aufl\u00f6sen. Ich denke aber, man hat diese Gefahr zum Teil schon erkannt und versucht ihr mit geeigneten Ma\u00dfnahmen zu begegnen. Man verleiht ja schlie\u00dflich andererseits auch Lehrpreise und manchmal f\u00e4llt beides zusammen.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Den Studierenden wird vorgeworfen, sich nicht mehr richtig ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen. Bei manchen wissenschaftlichen Publikationen gewinnt man dagegen leicht den Eindruck, dass die komplizierte Ausdrucksweise zum Selbstzweck wird. Sehen Sie nicht in beidem ein Problem?<\/strong><\/span><br \/>\nDiese Entwicklung hat wahrscheinlich mit einem gewissen Zwang zur Standardisierung zu tun. Es gibt da einen gewissen Kanon von Begriffen, von Theorien, von Sprechweisen, von Ausdrucksformen, die einfach \u201esein m\u00fcssen\u201c. Sie k\u00f6nnen am Ende eine Promotion von der anderen nicht mehr unterscheiden. Das hei\u00dft, zu Originalit\u00e4t wird nicht ermutigt, sondern sie wird als Defizit betrachtet und das w\u00e4re vielleicht so ein Punkt, an dem man arbeiten muss: Die Ermutigung zur Eigenwilligkeit, zur wissenschaftlichen Renitenz, sie nicht als Dilettantismus zu diffamieren, sondern als Qualit\u00e4t zu sehen.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Zum Schluss, Professor Wertheimer, bitten wir Sie um eine Prognose. Wie sehen Sie die Zukunft?<\/strong><\/span><br \/>\nTrotz allem tendenziellen Optimismus, sehe ich die Schreib- und Schriftkultur zugunsten des Umgangs mit virtuellen Medien bedroht. Powerpointartiger Reduktionismus f\u00fchrt in eine Sackgasse. Die Suche nach Pr\u00e4gnanz darf nicht zur mentalen Verk\u00fcmmerung f\u00fchren.<br \/>\n<em>Das Interview f\u00fchrte Henrike Junge.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Professor Dr. J\u00fcrgen Wertheimer \u00fcber die Studenten von heute Auch ein T\u00fcbinger Professor hat an der Studie von Professor Wolf teilgenommen. 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