{"id":12609,"date":"2018-11-18T12:54:32","date_gmt":"2018-11-18T11:54:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=12609"},"modified":"2018-11-18T12:54:32","modified_gmt":"2018-11-18T11:54:32","slug":"martin-walser-anstaendig-oder-unanstaendig-ist-erotik-mit-ethik-vereinbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/11\/18\/martin-walser-anstaendig-oder-unanstaendig-ist-erotik-mit-ethik-vereinbar\/","title":{"rendered":"Martin Walser: Anst\u00e4ndig oder unanst\u00e4ndig, ist Erotik mit Ethik vereinbar?"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: justify;\"><em><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Martin Walser<\/strong>, 91 Jahre alt und Deutschlands ber\u00fchmtester zeitgen\u00f6ssischer Schriftsteller, nahm am vergangenen Donnerstag an der Tagung der \u201eEthik der Lust\u201c teil. In seiner Lesung diskutierte der Schrifsteller, ob Ethik ein Vorwand sei, die Sexualit\u00e4t anst\u00e4ndiger erscheinen zu lassen als sie ist &#8211; und<\/span> <span style=\"font-size: 12pt;\">stellte damit das eigentliche Tagungsthema infrage. Die folgende Diskussion zwischen Walser und seinem Biographen, J\u00f6rg Magenau, weckte das Interesse des Publikums im vollen H\u00f6rsaal des Kupferbaus.<\/span><\/em><\/h3>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <span style=\"font-size: 12pt;\">Veranstaltung wurde vom<em> Forum Scientiarum <\/em>und dem Philosophischen Seminar veranstaltet und fand<\/span> vom 15. bis 17. November 2018 statt. Es gab verschiedene Vortr\u00e4ge zu philosophischen Fragestellungen, der \u201aLust\u2018 und ihrer Ethik. Im Zuge dessen wurde auch die Lesung mit Martin Walser am Donnerstagabend organisiert. W\u00e4hrend der Begr\u00fc\u00dfung zur Veranstaltung spielte man schmunzelnd darauf an, dass Walser sich nicht \u00fcber die Einladung gewundert h\u00e4tte, da er sich in den letzten 60 Jahren mit diesem Thema auseinandergesetzt habe. Als Walser das Wort ergriff, stellte er jedoch sogleich fest: \u201eAlso f\u00fcr Ethik komme ich nicht in Frage\u201c, woraufhin ein Lachen den ganzen Saal erf\u00fcllte. Das Publikum war daraufhin sehr daran interessiert, den Grund f\u00fcr Walsers Missbilligung des Tagungsthemas zu finden. So las er also zun\u00e4chst vier Texte aus seinen Tageb\u00fcchern vor und gab Einblicke in \u201eSp\u00e4tdienst\u201c (20.11 Neuerscheinung). Hier schildert er mal lyrisch &#8211; mal \u00fcberraschend direkt erotische Erlebnisse und Sex, ganz ohne dabei peinlich ber\u00fchrt zu sein.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12596\" aria-describedby=\"caption-attachment-12596\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12596\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_5174x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12596\" class=\"wp-caption-text\">H\u00f6rsaal im Kupferbau \/ Foto: Marko Knab<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Eine Lesung \u00fcber die sch\u00f6nste Sache der Welt<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Auszug aus seinem Tagebuch von 1998 schilderte eine Beziehung zwischen einem verheirateten Mann, der nicht in seiner Ehe aufgeht, sondern die N\u00e4he zu einer anderen anziehenden und intelligenten Frau sucht. Er nutzt seine Macht aus, da sie mit ihm schlafen will, doch er entzieht sich ihr und bringt sie dadurch zur Verzweiflung. Um sie zu dem\u00fctigen und unterwerfen, wird so ein Spiel inszeniert (zumindest solange sie nicht auf die Idee kommt er k\u00f6nne impotent sein): \u201eEs ist der Sieg, den man genie\u00dfen kann f\u00fcr ihre fr\u00fchere Zur\u00fcckweisung\u201c.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walser distanziert sich nach dem Lesen der Textstelle von seinem j\u00fcngeren Ich: \u201eIch kann nur hoffen ich sei nicht immer so gewesen. So spricht man nicht \u00fcber Frauen.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der n\u00e4chsten Textstelle aus seinem neuesten Buch \u201eSp\u00e4tdienst\u201c stellt er dies richtig. Die Stelle handelt von umgekehrten Geschlechterverh\u00e4ltnissen: Hier spricht ein Mann\u00a0 davon, wie es ist von einer Frau manipuliert zu werden: \u201eWie leicht es doch ist, einen Mann zu vergewaltigen.\u201c Weitaus knisternder geht es in den n\u00e4chsten beiden Texten zu: Im Tagebuch von 1979 \u00fcberlegt ein Mann, der in einem Flugzeug neben einer unbekannten sch\u00f6nen Frau sitzt, ihr ins Dekollet\u00e9 zu lugen. Doch er hat Angst, dass man ihm seine Erregung anmerken w\u00fcrde, wenn er mit ihr spricht. Und auch in ihren Gedanken entsteht eine erotisch aufgeladene Fantasie: \u00a0Sie stellt sich vor, das Flugzeug w\u00fcrde abst\u00fcrzen und er w\u00fcrde sie k\u00fcssen und \u201eim Augenblick des Zerschmettertwerdens seine ganze Zunge bis zur Wurzel in ihren Mund\u201c bringen und sie w\u00e4re noch daran erstickt bevor das Flugzeug abst\u00fcrzen k\u00f6nnte. Das Tagebuch von 1969 spiegelt durch die Enttabuisierung sexueller Themen ausgezeichnet die Stimmung der 68er wider:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walser las Passagen vor, die ungef\u00e4hr so klangen: \u201eDann wirst du steif\u201c, \u201esp\u00fcrst du wie nass ich bin\u201c und \u201emein Gott fick mich, ich bin so geil, komm \u2013 fick mich doch, FICK MICH!\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_12597\" aria-describedby=\"caption-attachment-12597\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12597\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_5199x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12597\" class=\"wp-caption-text\">Martin Walser \/ Foto: Marko Knab<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Ethik der Lust? Wof\u00fcr \u00fcbertriebene Formulierungen f\u00fcr schlichte Sachverhalte?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem anschlie\u00dfenden Gespr\u00e4ch bekundet Walser, dass der Titel der Tagung f\u00fcr ihn wie ein Paradox klinge. Lust habe doch nichts mit Ethik zu tun. Auch er wolle zwar \u2013 mittlerweile &#8211; anst\u00e4ndig sein, aber Ethik sei eine Theorie, die mit der Literatur nichts zu tun habe. Magenau versuchte daraufhin mehrmals, Walser mit dem Thema zu vers\u00f6hnen, doch der winkt ab und sch\u00fcttelt seinen Kopf. Man m\u00fcsse das Anst\u00e4ndigsein nicht unn\u00f6tig kompliziert machen mit dem Denksystem \u201aEthik\u2018. F\u00fcr Walser geht es nicht um solche Fragestellungen. Er bezeichnet die Lust eines grabschenden L\u00fcstlings lieber als \u201eSchweinerei\u201c oder \u201eUnbeherrschtheit\u201c und unterscheidet lediglich zwischen anst\u00e4ndig und unanst\u00e4ndig. \u201eEine exzessive Redeweise \u00fcber Sexuelles \u2013 die Ethik kann dazu gar nicht kommen\u201c, stellt er fest. Ethik und das Denksystem einer Theorie seien ihm fremd, er m\u00f6chte durch das Schreiben die Welt einfach sch\u00f6ner machen, als sie ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12595\" aria-describedby=\"caption-attachment-12595\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12595\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_5206x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12595\" class=\"wp-caption-text\">Walsers B\u00fccher und Gehstock<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Schreiben ist Spa\u00df und keine Lust<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schreiben bedeute f\u00fcr ihn zudem Spa\u00df und keine Lust \u2013 auch von diesem Begriff distanziert er sich. Lust sei ihm zu theoretisch aufgeladen, es ginge einfach um den Spa\u00df an sich. Durch diese Aussagen manifestierte sich Walsers Ablehnung von Theorie auf ganzer Linie. Der Versuch ihm das Tagungsthema schmackhafter zu machen, ihm die Ethik der Lust n\u00e4her zu bringen, scheiterte kl\u00e4glich. Man kann die Literatur auch lesen ohne ein solches Erkl\u00e4rungsmuster mit \u201aVokabular\u2018, wie er es ausdr\u00fcckt, heraufzubeschw\u00f6ren. Walser unterscheidet ganz allgemein zwischen Sprache und Vokabular. Die Sprache ist etwas authentisches aus dem Leben und \u00e4u\u00dfere sich direkt und urspr\u00fcnglich in der Literatur ohne dabei Theorie zu treiben. Vokabular hingegen ist universit\u00e4r, ist lehrbar und definierbar. Also auch vorgeben und begrenzt in seiner Ausdruckskraft. Den Philosophen Nietzsche sieht Walser auch als Dichter, er bewundere dessen direkte Schriftstellerei und, dass auch er kein Vokabular verwende. So gibt er zumindest an einer Stelle zu, sich der Theorie schuldig gemacht zu haben, da auch er sich in fr\u00fcheren Werken mit Nietzsche auseinandergesetzt hat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12594\" aria-describedby=\"caption-attachment-12594\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12594\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_5204x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12594\" class=\"wp-caption-text\">Frage aus dem Publikum<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Denkt weniger und lebt einfach!<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Woher also die Ethik bei der Lust herr\u00fchrt, also der Anstand im Menschen und unser Handeln nach moralischen Fragen, blieb diesen Abend unbeantwortet. Erotik ist, laut Walser, vereinbar mit unserem Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein pers\u00f6nliches Fazit f\u00fcr diesen kontroversen und witzvollen Abend lautet: Walser brachte frischen Wind in unser universit\u00e4res Theoriegeb\u00e4ude. Denken die Menschen zu viel und f\u00fchlen zu wenig beim Lesen von Literatur? Den Zugang, den ihr euch sucht zu B\u00fcchern, der sei euch \u00fcberlassen. Doch an diesem Abend hat mich Martin Walser zum Nachdenken gebracht: Das Konstruieren von Theoriemonstern kann den Blick auf das Wesentliche und Urspr\u00fcngliche auch verstellen, sodass man gar nicht merkt worum es eigentlich wirklich geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fotos: Marko Knab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Walser, 91 Jahre alt und Deutschlands ber\u00fchmtester zeitgen\u00f6ssischer Schriftsteller, nahm am vergangenen Donnerstag an der Tagung der \u201eEthik der Lust\u201c teil. 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