{"id":12687,"date":"2018-11-25T09:17:25","date_gmt":"2018-11-25T08:17:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=12687"},"modified":"2018-11-25T09:17:25","modified_gmt":"2018-11-25T08:17:25","slug":"das-zeicheninstitut-ein-guter-raum-um-die-freude-wieder-zu-entdecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2018\/11\/25\/das-zeicheninstitut-ein-guter-raum-um-die-freude-wieder-zu-entdecken\/","title":{"rendered":"Das Zeicheninstitut: Ein guter Raum, um die Freude wieder zu entdecken"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Ein Jahr ist es her, dass Frido Hohberger seine Stelle als Leiter des Zeicheninstituts abgetreten hat. Kupferblau hat sich mit ihm, Maike Gerstenkorn und Henriette Lempp getroffen und gemeinsam mit den zwei Dozentinnen ein Res\u00fcmee gezogen. Wir sprechen \u00fcber die aktuelle Lage und Bedeutung des Zeicheninstituts, r\u00e4umen mit einem Ger\u00fccht auf und sinnieren \u00fcber die \u00d6konomisierung der Universit\u00e4t und die Zukunft der K\u00fcnste.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<h4>Erz\u00e4hlen Sie uns zum Einstieg ein bisschen was Historisches. Wann und zu welchem Zweck wurde das ZI gegr\u00fcndet?<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hohberger<\/strong>: Die ersten Dokumente tauchten Ende des 18. Jhd. auf. Zeichnen war ein fester Bestandteil des humanistischen Bildungsideals, auch von Erkenntnisinteresse aus wissenschaftlicher Sicht. Da hat man z.B. anatomisches oder botanisches Zeichnen gepflegt. Zeichnen geh\u00f6rte damals zu den Tugenden einer allseits gebildeten Pers\u00f6nlichkeit. Die Universit\u00e4t hat damals sehr viel Wert darauf gelegt. <em>(\u00fcberlegt)<\/em> Es verschwindet mit der Absage eines Universit\u00e4tszeichenlehrers nicht nur eine gro\u00dfe Tradition der Universit\u00e4t, sondern auch ein wichtiger Arbeitsplatz.<\/p>\n<h4>Kann man angesichts der Umstrukturierung von einer allgemeinen abnehmenden Bedeutung der Kunst sprechen?<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hohberger<\/strong>: Es ist nat\u00fcrlich riskant, das zu sagen. Ich habe das Gef\u00fchl, dass die K\u00fcnste eine immer geringere Rolle spielen, au\u00dfer dann, wenn sie \u00f6konomisch verwertbar sind. Da muss man allgemein denken und sich an der Zukunft orientieren. Das ZI ist 230 Jahre alt, da muss man auch 230 Jahre in die Zukunft schauen und da sieht es vielleicht ganz anders aus.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wenn die Leute viel weniger arbeiten, was machen die dann mit ihrer Zeit? Was machen wir, wenn es eine Automatisierung des Arbeitsbereichs gibt? Die Leute m\u00fcssen ja irgendwie auch was Sinnvolles tun.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnten es uns leisten, ein humanistisch gepr\u00e4gtes Leben zu f\u00fchren. Das ist ein Stichwort, das ich f\u00fcr Universit\u00e4ten ganz wichtig finde. Es geht beim Studieren nicht nur um lauter angstvolle Studierende, die denken, &#8222;hoffentlich schaffe ich das&#8230;&#8220;. Es geht auch um sowas wie Lebensqualit\u00e4t oder sinnstiftende Aktionen, da ist die bildende Kunst eminent wichtig, auch als Ausgleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der private Reichtum ist immens. Die \u00f6ffentliche Armut entsprechend gering. Fr\u00fcher war das gerade anders rum. Da stimmt etwas mit der gesellschaftlichen Entwicklung nicht, denn gleichzeitig haben wir eine Armut in dem Bildungssektor, in dem man Zufriedenheit nur bekommt durch eigene Auseinandersetzung gestalterischer Art, ob man tanzt singt oder sonst was mit Freude macht. Die Freude zu lernen, das geh\u00f6rt auch zu so einer Institution wie einer Universit\u00e4t.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12691\" aria-describedby=\"caption-attachment-12691\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12691\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/DSC_0001-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12691\" class=\"wp-caption-text\">Studierende konzentriert beim Zeichnen im Kurs &#8218;Schattierungen&#8216;.<\/figcaption><\/figure>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Ist es die Atmosph\u00e4re in den Zeichenkursen, die Studierenden anlockt, um einen Alltags- Ausgleich zu bekommen?<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gerstenkorn<\/strong>: Ich sehe das nicht so, dass die Kurse absolute Kuschelkurse sind. Es geht einfach nur darum, den Freiraum zu haben, um ein paar Dinge auszuprobieren. Wir sind ja recht nah dran an den Studierenden, ich schaue in meinen Kursen den Leuten recht stark \u00fcber die Schulter und rede mit ihnen. Sie sind auch sehr wissbegierig, auch ohne den Leistungsruck, interessanterweise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hohberger<\/strong>: Man hat fr\u00fcher immer unterschieden in extrinsische und intrinsische Motivation, was f\u00fcr mich immer der Inbegriff eines Studiums an der Universit\u00e4t war. Selbstst\u00e4ndig Interesse entwickeln und dieses zu verfolgen. Das ECTS-System passt leider gar nicht in die k\u00fcnstlerische Struktur. Nat\u00fcrlich hat die Universit\u00e4t als Institution andere Paradigmen, aber sie sollte sich ein Institut leisten, wo es nicht um Punkte und Leistungsmessung geht.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Das Hochschulleben braucht solche Institutionen wie das ZI, damit die Leute nicht so schnell abspringen. Das ist unabdingbar.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_12689\" aria-describedby=\"caption-attachment-12689\" style=\"width: 448px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12689\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/DSC_0011-448x672.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12689\" class=\"wp-caption-text\">Zeichnen als Ausgleich des stressigen Uni Alltags.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lempp<\/strong>: Auf der anderen Seite ist es aber wichtig, dass es nicht zu abgehoben k\u00fcnstlerisch wird. In den Kursen sitzen keine Kunststudenten. Was wir machen k\u00f6nnen, ist die Studenten, die zum Teil wenig Ahnung von Kunst haben, zu sensibilisieren, sie f\u00fcr Kunst zu interessieren und ihnen eine bestimmte Richtung zu vermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hohberger<\/strong>: Ja, wir leisten hier im Grunde genommen eine kunstp\u00e4dagogische Arbeit. Es geht nicht um die Duplizierung der eigenen k\u00fcnstlerischen Auffassungen. Es muss eine \u00dcberlegung da sein, was in unseren Kursen vermittelt wird, im Bildungsinteresse einer \u00e4sthetischen Erziehung.<\/p>\n<h4>Letztes Jahr wurde das Konzept der \u201eInvited Artists\u201c beschlossen. Funktioniert das in der Praxis?<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lempp<\/strong>: Ich finde das grunds\u00e4tzlich nicht verkehrt. Das ist eine gute Sache. Aber das Andere sind diese basic Sachen, die von den Studenten wahnsinnig gerne angenommen werden und die eigentlich auch irgendwie bisschen getragen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hohberger<\/strong>: <em>(\u00fcberlegt)<\/em> Der Bestand an Kursleitern ist ja noch der alte in dieser \u00dcbergangssituation, aber was passiert in drei vier Jahren? Wer beurteilt, welcher Kursleiter, welche Kursleiterin hier arbeiten kann? Es geh\u00f6rt eine k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t in den Aufgaben, eine p\u00e4dagogische Qualit\u00e4t dazu und wer beurteilt die? Ein guter K\u00fcnstler ist noch lange kein guter P\u00e4dagoge. Es bedarf einer Betreuung und wenn das Rektorat absolet ist, dann wird es schwierig.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12690\" aria-describedby=\"caption-attachment-12690\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12690 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/DSC_0008-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12690\" class=\"wp-caption-text\">Betreut werden die Studierenden von angeworbenen K\u00fcnstlern.<\/figcaption><\/figure>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Lange kursierte das Ger\u00fccht der drohenden Schlie\u00dfung des ZI. Wurde diese durch das neue Konzept abgewendet?<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gerstenkorn<\/strong>: Das ist nur ein Ger\u00fccht. Es entstand durch die Verbreitung der Info \u201edas ZI hat keinen Leiter mehr\u201c. Davon, dass es innerhalb der n\u00e4chsten paar Jahre geschlossen wird, gehen wir mal nicht aus. Es wurde jetzt in den Carrier Service eingegliedert.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Was war f\u00fcr Sie in Ihrer T\u00e4tigkeit im ZI ein Highlight und was macht die Arbeit hier besonders?<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lempp<\/strong>: Also Highlights waren f\u00fcr mich in der Zeit, als die Keramik noch im Keller in der alten Physik untergebracht war und wir mindestens einmal im Jahr eine Ausstellung organisieren konnten. Wie die Leute sich da wirklich reingeh\u00e4ngt haben. Diese Ausstellung war dann auch immer sehr gut besucht und hat einen guten Eindruck hinterlassen. Das ist aber leider jetzt gar nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gerstenkorn<\/strong>: Zwei Dinge bei mir. Einmal hat sich aus dem Comic Zeichenkurs ein Stammtisch entwickelt, bei dem wir uns treffen um miteinander zu reden und zu zeichnen. Daraus ist tats\u00e4chlich auch ein Comic Buch [\u201eWas S\u00fc\u00dfes\u201c] entstanden. Das Andere ist, dass eine Studentin mir eine Art Brief geschrieben hat und sich darin f\u00fcr den Kurs bedankt hat und meinte, dass die Kurse sie dazu motiviert haben, wieder Freude am Zeichnen zu haben. Das Zeicheninstitut ist f\u00fcr die Studenten ein guter Raum, um die Freude wieder zu entdecken. Das hat mir das Herz gew\u00e4rmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hohberger<\/strong>: Ich muss sagen, ich fand es so wunderbar. Ich empfand es als gro\u00dfes Gl\u00fcck \u00fcberhaupt diese Stelle zu bekommen. Das Sch\u00f6nste ist nat\u00fcrlich die Begegnung mit den jungen Leuten, die oft mehrfach begabt sind. Die Ausstellung in der Kunsthalle [2015] war der absolute Hammer. Wir haben mit allen Kursleitern und Studierenden in f\u00fcnf Wochen ein Ding gestemmt, unter schikan\u00f6sesten Bedingungen, z.B. die Abgabe innerhalb von zwei Stunden der Arbeiten. Hinterher gab es ein tolles Ausstellungsergebnis mit wunderbaren Arbeiten und einem gro\u00dfen Zuspruch durch die Leute. Es waren ungef\u00e4hr 800 Leute da. Das hat uns gezeigt, was m\u00f6glich ist und was m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos<\/span>: Theresa Heil, Maike Gerstenkorn<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Jahr ist es her, dass Frido Hohberger seine Stelle als Leiter des Zeicheninstituts abgetreten hat. 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