{"id":13002,"date":"2019-01-07T12:49:29","date_gmt":"2019-01-07T11:49:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=13002"},"modified":"2019-01-07T12:49:29","modified_gmt":"2019-01-07T11:49:29","slug":"ein-abend-bei-arbeiterkind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/01\/07\/ein-abend-bei-arbeiterkind\/","title":{"rendered":"Ein Abend bei&#8230;Arbeiterkind"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Studierende an deutschen Universit\u00e4ten geben sich gerne betont vielf\u00e4ltig, anti-elit\u00e4r und divers. Der \u201ebunte Mix\u201c geh\u00f6rt zum Zeitgeist und wird nicht nur im H\u00f6rsaal, sondern auch in den sozialen Medien gerne demonstriert. Schlie\u00dflich ist unsere Gesellschaft doch immer gemischter, durchl\u00e4ssiger und liberaler geworden \u2013 w\u00fcrde man meinen. Tats\u00e4chlich ist die Studierendenschaft an deutschen Hochschulen in einem Punkt erstaunlich homogen: Die weit \u00fcberwiegende Mehrheit stammt aus Akademikerhaushalten.<br \/>\n<\/em><\/strong><br \/>\n<!--more--><br \/>\nDas sind Haushalte, in denen mindestens ein Elternteil einen Universit\u00e4tsabschluss erlangt hat. Nach einem SPIEGEL-Artikel vom Mai 2018, welcher sich auf Zahlen des Deutschen Zentrums f\u00fcr Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) beruft, gehen 79 von 100 Akademikerkindern nach dem Schulabschluss studieren \u2013 bei den Arbeiterkindern, also Kinder aus Haushalten, in denen kein Elternteil studiert hat, sind es hingegen nur 21 von 100. Tats\u00e4chlich sind auch Kinder von B\u00fcroangestellten und Handwerkern Arbeiterkinder, wenn die Eltern nicht studiert haben. Um ihnen beiseite zu stehen und diese falsche Vorstellungen &#8211; ebenso wie die durchaus realen Benachteiligungen &#8211; aufzuzeigen, gibt es die Initiative <em>Arbeiterkind<\/em>.<br \/>\nBundesweit ist die Initiative mit 6000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an 75 Standorten vertreten, darunter auch an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Zwei dieser Mitarbeiter sind Christopher, ein Doktorand in Geschichte, und Kira, die gerade in Kriminologie promoviert. F\u00fcr sie ist der Begriff \u201eArbeiterkind\u201c zu Unrecht negativ konnotiert: Arbeiterkind, das sei ein positiver, affirmativer und empathischer Begriff, der auch ein Bewusstsein f\u00fcr die eigene Herkunft ausdr\u00fccke. Niemand m\u00fcsse sich daf\u00fcr sch\u00e4men, ein Arbeiterkind zu sein. Die Initiative steht Studierenden beispielsweise bei finanziellen Fragen zur Seite. Viele Studierende, aber auch und vor allem Dozierende, die selber meist nicht aus Arbeiterhaushalten stammen, haben n\u00e4mlich kein Bewusstsein f\u00fcr die institutionalisierten finanziellen Schranken, die das Studium Arbeiterkindern, welche statistisch gesehen weniger finanziellen R\u00fcckhalt haben, entgegenstellt. Anja, die ebenfalls bei der Initiative aktiv ist und soeben ihr Studium der evangelischen Theologie und Latein auf Lehramt erfolgreich beendet hat, hat solche Erfahrungen gemacht: In ihrem Studium wurden Studierende verpflichtend Exkursionen zugeteilt, diese kosteten zwischen 200\u20ac und 1000\u20ac. Was f\u00fcr viele aus Akademikerhaushalten eine zu stemmende Ausgabe ist, rei\u00dft hingegen vielen Arbeiterkindern ein geh\u00f6riges Loch in die Kasse.<br \/>\n<strong>\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-13004\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/lqvVt3rw-1009x672.jpeg\" alt=\"\" width=\"1009\" height=\"672\" \/><\/strong><\/p>\n<h3><strong>Wissenschaft \u2013 Zutritt f\u00fcr Arbeiterkinder verboten?<\/strong><\/h3>\n<p>Auch Tobias, der in Soziologie promoviert und seit der Gr\u00fcndung der T\u00fcbinger Gruppe 2010 dabei ist, kennt das Problem. Sehr vielen Dozentinnen und Dozenten mangelt es an Bewusstsein daf\u00fcr, dass nicht alle die finanziellen Mittel f\u00fcr ihre Vorgaben haben. 99% aller Doktoranden sind n\u00e4mlich Akademikerkinder; dementsprechend findet sich erst recht unter Dozierenden kaum ein Arbeiterkind. Kira gibt ein weiteres Beispiel: W\u00e4hrend ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen in den Ferien Praktika antreten konnten, musste sie am Supermarkt an der Kasse arbeiten, um \u00fcber die Runden zu kommen. Auch ein Auslandssemester gestaltet sich oft schwierig: Dieses verl\u00e4ngert oft das Studium um ein Semester; das wiederum kann zu Konflikten mit dem Baf\u00f6g-Amt f\u00fchren, was dann wiederum zu finanziellen Engp\u00e4ssen f\u00fchrt.<br \/>\nAber auch abseits des Finanziellen spricht <em>Arbeiterkind <\/em>Probleme an, f\u00fcr die wenig Bewusstsein besteht. So sind es oft kleine Dinge, die Arbeiterkindern das Studium erheblich erschweren. Allen voran die Einstellung vieler Dozierenden: Die Runde ist einer Meinung, dass viele von diesen in einem \u201eElfenbeinturm\u201c lebten. Kira beispielsweise wurde von einem Professor gesagt, sie m\u00fcsse ihr Auftreten und Ausdrucksweise ver\u00e4ndern, wenn sie in der Wissenschaftscommunity Zugang finden wolle. Sprich: Sie solle auf keinen Fall zeigen, dass sie nicht aus einer Akademikerfamilie komme. Kira jedoch sieht das anders: \u201eIch bin froh, einen Blick von au\u00dfen auf den Elfenbeinturm zu haben\u201c. Schlie\u00dflich habe man eine andere Perspektive. Tobias meint: \u201eDie andere Perspektive macht einen auch resilienter gegen\u00fcber Niederlagen\u201c. Und diese Resilienz braucht man als Arbeiterkind auch, denn neben abgehobenen Professorinnen und Professoren und verst\u00e4ndnislosen Kommilitoninnen und Kommilitonen gibt es da einen weiteren wichtigen Faktor: Die eigenen Eltern.<br \/>\nF\u00fcr viele Arbeiterhaushalte stellt das Studium der eigenen Kinder n\u00e4mlich eine starke finanzielle Belastung dar. Deshalb versuchen viele, ihre Kinder zu einer Ausbildung zu bewegen oder aber sie in vermeintlich \u201esichere\u201c Laufbahnen zu lenken. So bei Anja: \u201eMeine Eltern haben mir gesagt \u201eWerd Beamtin, da hast du was G\u2019scheits!\u201c.\u201c Ihre Eltern sind B\u00fcrokaufleute. W\u00e4hrend Akademikerkinder oft Unterst\u00fctzung durch die Eltern in Planung und Durchf\u00fchrung des Studiums erhalten, oft auch \u00fcber deren Kontakte (beispielsweise zur Beschaffung eines Praktikumsplatzes), fehlen Arbeiterkindern diese Informationsnetzwerke. Tobias meint dazu: \u201eAkademikerkinder erhalten Informationsnetzwerke, die nicht-Arbeiterkinder gar nicht erst kriegen.\u201c Unter anderem um dieses Informationsdefizit auszugleichen, gibt es <em>Arbeiterkind<\/em>.<\/p>\n<h3><strong>Was Arbeiterkind bietet<\/strong><\/h3>\n<p>Neben all diesen Hilfestellungen zu finanziellen, famili\u00e4ren oder studienbedingten Problemen bietet <em>Arbeiterkind <\/em>allerdings auch einfach eine gem\u00fctliche Runde zum Austausch mit anderen Studierenden aus \u00e4hnlicher Herkunft \u00fcber ganz allt\u00e4gliche Dinge. Auch bietet die Gruppe Informationsveranstaltungen in Schulen an, um auf die Lage von Arbeiterkindern aufmerksam zu machen und auch ganz konkret daran etwas zu \u00e4ndern. Deshalb sind Informationsveranstaltungen und Vortr\u00e4ge in Schulen essentielle Aktivit\u00e4ten der Gruppe, um f\u00fcr Arbeiterkinder als Ansprechpartner sichtbar zu bleiben. Auch gibt es ein umfassendes Mentoring-Angebot und damit konkrete Hilfestellungen f\u00fcr bereits Studierende. Jeder und jede Interessierte kann sich bei der Initiative ehrenamtlich engagieren und so zu einem guten Zweck beitragen.<br \/>\nZu guter Letzt gibt es dann noch ein gro\u00dfes und etabliertes Online-Netzwerk, was die verschiedenen <em>Arbeiterkind-<\/em>Standorte verbindet und den Kontakt mit vielen Gleichgesinnten erm\u00f6glicht. Schlie\u00dflich ist das erkl\u00e4rte Ziel von <em>Arbeiterkind<\/em> eigentlich folgendes: Dass alle Studierenden ungeachtet ihrer Herkunft oder ihrer finanziellen Lage durch eigenen Flei\u00df den Abschluss erreichen k\u00f6nnen, den sie wollen und dass sich niemand sch\u00e4men braucht, ein Arbeiterkind zu sein. Im Gegenteil, &#8222;Arbeiterkind&#8220; soll eine Eigenbezeichnung sein, die man mit stolz tragen kann. Oder um es mit Anjas Worten zu sagen: \u201eMich unterscheidet irgendwie etwas. Aber das macht mich auch aus und das ist auch gut so.\u201c<br \/>\n<em>Interesse geweckt? Arbeiterkind trifft sich an jedem 1. Montag jeden Monats um 18:00 im Bierkeller&#8230; Alle Interessierte, egal ob aus Akademikerhaushalten oder Arbeiterhaushalten, sind herzlich eingeladen vorbei zu kommen!<\/em><br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Marko Knab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Studierende an deutschen Universit\u00e4ten geben sich gerne betont vielf\u00e4ltig, anti-elit\u00e4r und divers. 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