{"id":13100,"date":"2019-01-18T12:43:57","date_gmt":"2019-01-18T12:43:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=13100"},"modified":"2021-02-19T18:10:24","modified_gmt":"2021-02-19T18:10:24","slug":"biografie-eines-autisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/01\/18\/biografie-eines-autisten\/","title":{"rendered":"Biografie eines Autisten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Julian lebt seit neun Jahren mit der Diagnose Autismus. Seit einigen Jahren h\u00e4lt er Vortr\u00e4ge \u00fcber seinen Alltag und will Bewusstsein f\u00fcr das Thema schaffen. Am vergangenen Mittwochabend war er im Psychologischen Institut der Uni T\u00fcbingen mit seinem Vortrag \u201eAutismus &#8211; Ein autobiographischer Alltagsbericht\u201c zu Besuch. Lustig, offen und ganz pers\u00f6nlich erz\u00e4hlte er vor vollbesetztem H\u00f6rsaal von seiner Kindheit, allt\u00e4glichen Herausforderungen und gab Tipps zum Umgang mit Menschen mit Autismus.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Julian ist 27 Jahre alt und hat mit achtzehn die Diagnose Autismus-Spektrums-St\u00f6rungen bekommen. F\u00fcr ihn war dies kein negativer Einschnitt in sein Leben, viel mehr bedeutete die Diagnose Freiheit und die M\u00f6glichkeit mit der Sicherheit dar\u00fcber, dass er Autist ist, zu \u00fcberlegen wer er sein will und wie er sein Leben weiter gestalten will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner Kindheit wurden die Schwierigkeiten, die er hatte, \u00a0von \u00c4rzten und P\u00e4dagogen das eine Mal als k\u00f6rperliche und das andere Mal als geistige Behinderung eingestuft. Nachdem er auf einer Familienfeier ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Autismus f\u00fchrte und er mehr dar\u00fcber recherchierte, ahnte er selbst zum ersten Mal, dass er Autist sein k\u00f6nnte. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie bekam er die Diagnose dann schwarz auf wei\u00df. Er bekam therapeutische Begleitung und machte trotz vieler Gegenstimmen das Fachabitur und eine Ausbildung. Heute arbeitet er auf dem ersten Arbeitsmarkt als Verwaltungsfachangestellter und begann vor einigen Jahren, Vortr\u00e4ge \u00fcber sein Leben und seinen Werdegang zu halten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13102\" aria-describedby=\"caption-attachment-13102\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13102 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/DSCF3095-1038x584.jpg\" alt=\"\" width=\"1038\" height=\"584\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13102\" class=\"wp-caption-text\">Im H\u00f6rsaal ist jeder Platz besetzt. Wer keinen Sitzplatz mehr bekommt sucht sich einen Platz auf dem Boden oder bleibt an der Wand stehen und h\u00f6rt Julian von dort zu.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Autismus bei Julian<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autismus-Spektrums-St\u00f6rungen \u00e4u\u00dfern sich bei jedem Betroffenen unterschiedlich und sind tagesformabh\u00e4ngig. Bei Julian machen sie sich unter anderem durch das Bed\u00fcrfnis nach klaren Strukturen bemerkbar. Er erz\u00e4hlt, dass er zum Beispiel bei einem mehrt\u00e4gigen Ausflug nach Berlin ein Outfit f\u00fcr jeden Tag parat vorbereitet hatte, eingeschwei\u00dft und verpackt in einer Plastikbox.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferdem sind soziale Interaktionen f\u00fcr ihn eine Herausforderung. Durch den Autismus ist Julians soziale Wahrnehmung verschoben. Es f\u00e4llt ihm schwer, in zwischenmenschlicher Interaktion intuitiv richtig zu reagieren und die Emotionen Anderer wahrzunehmen und einzusch\u00e4tzen. Hier helfen ihm Freunde und Familie, die ihm sozial komplexe Situationen erkl\u00e4ren. Auch er selbst hat sich eine Art \u201aFirst-Aid-Kid\u2018 f\u00fcr solche Situationen angeeignet: \u00a0Sein breites Allgemeinwissen und seine Erfahrungen verhelfen ihm, f\u00fcr Gespr\u00e4che mit den verschiedensten Personen \u00fcber jegliche Themen gewappnet zu sein. Wider vieler Klischees \u00fcber Autisten ist er jedoch kein Mathe-Ass. Von allem was mit Zahlen zu tun hat lasse er lieber die Finger, erz\u00e4hlt er. Trotz der allt\u00e4glichen Herausforderungen hat der Autismus f\u00fcr ihn aber auch positive Seiten: Er ist selbstdiszipliniert und kann in emotional aufgeladenen Situationen sachlich bleiben, Kompromisse finden und schlichten.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIf you\u2019ve met one person with autism, you\u2018ve met one person with autism.\u201c \u2013 Dr. Stephen Shore<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autismus \u00e4u\u00dfert sich bei Julian vor allem durch das Strukturbed\u00fcrfnis und die Herausforderungen in der sozialen Interaktion \u00a0&#8211; aber eben nur bei ihm, das betont er. Es gibt keine Abhark-Liste daf\u00fcr was ein Mensch mit Autismus gut kann und was nicht. Denn, wie der Name schon sagt, ist das Spektrum der Autismus-Spektrums-St\u00f6rungen riesig und jeder Betroffene hat ganz individuell unterschiedliche St\u00e4rken und Schw\u00e4chen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Tipps zum Umgang mit Autisten<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird jeder einmal mit Autisten in Kontakt kommen, sei es im beruflichen oder im privaten Kontext. Da Julian wei\u00df, dass in seinem Publikum an diesem Abend auch viele angehende Lehrer, \u00c4rzte und Psychologen sitzen, gibt er Tipps zum Umgang mit autistischen Menschen. Grundlegend sei, dass man Normalit\u00e4t schafft und Strukturen gibt, an denen sich die Person entlanghangeln kann. Wichtig sei auch, dass man das eigene emotionale Erleben \u00e4u\u00dfert, erkl\u00e4rt und sich an Absprachen h\u00e4lt. Au\u00dferdem helfe es den Betroffenen, wenn bei sozialen Ritualen, wie Umarmungen oder H\u00e4ndesch\u00fctteln, abgesprochen wird wie viel N\u00e4he in Ordnung ist.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir m\u00fcssen von diesem stereotypenbesetzten Bild \u00fcber Autismus wegkommen. Das ist das gro\u00dfe Ziel!\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Julian heute das Angebot bekommen w\u00fcrde, nicht mehr autistisch zu sein, w\u00fcrde er sich trotzdem f\u00fcr Autismus entscheiden, sagt er. Der, der er heute ist, baue auf seinem autistischen Ich auf und alles was er erreicht hat, habe sich daraus entwickelt. Sein pers\u00f6nliches Ziel ist es, die Schw\u00e4chen seines Autismus nahezu vollst\u00e4ndig zu kompensieren und sich laufend, aber in seinem Tempo, immer weiterzuentwickeln. Mit seinen Vortr\u00e4gen will er weiter Menschen f\u00fcr das Thema sensibilisieren und Stereotypen aus der Welt schaffen. In den eineinhalb Stunden Vortrag an diesem Abend hat Julian das auf jeden Fall geschafft und konnte ohne gro\u00dfe M\u00fche mit seiner guten Rhetorik und seinem Humor den ganzen H\u00f6rsaal f\u00fcr sich gewinnen.<\/p>\n<p><em>Weitere Veranstaltungen der Fachschaft Psychologie findet ihr auf deren <\/em><a href=\"https:\/\/de-de.facebook.com\/pg\/Fachschaft-Psychologie-T%C3%BCbingen-113813885372145\/events\/?ref=page_internal\"><em>Facebook-Seite.<\/em> <\/a><br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Friederike Streib<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julian lebt seit neun Jahren mit der Diagnose Autismus. 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