{"id":13144,"date":"2019-01-22T16:04:27","date_gmt":"2019-01-22T15:04:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=13144"},"modified":"2019-01-22T16:04:27","modified_gmt":"2019-01-22T15:04:27","slug":"wie-wagt-man-einen-widerspruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/01\/22\/wie-wagt-man-einen-widerspruch\/","title":{"rendered":"Wie wagt man einen Widerspruch?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Seit vergangener Woche brilliert das Z\u00fcrcher Aktivismus-Kollektiv \u201eNeue Dringlichkeit\u201c mit ihrem neuen Lehrst\u00fcck \u201eDer Widerspruch\u201c im Zimmertheater T\u00fcbingen. Wer denkt, Theater sei nur ein passives Sich-Berieseln-Lassen von klassischen Texten, der wird von dem Trio eines Besseren belehrt. <\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gesellschaftspolitische Polarsierungen stehen im kritischen Fokus des Abends. Das Lehrst\u00fcck ist jedoch keineswegs belehrend, denn die Theatermacher sehen ihren eigenen Lernprozess als Denkansto\u00df f\u00fcr das Publikum, indem die Zuschauer aktiv miteinbezogen werden. Mit viel musikalischem Input, glamour\u00f6sen Glitzervorh\u00e4ngen und skurrilen Charakteren schafft es das Kollektiv, auf unterhaltsame Weise den Blick auf destruktive Entwicklungen in unserer Welt zu lenken.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Bewusstseinserweiterung gef\u00e4llig?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Teil der Inszenierung besch\u00e4ftigt sich mit dem Effekt der zwischenmenschlichen Sprache auf den gesellschaftlichen Diskurs. Dieser Aspekt wird dem Publikum von einer ulkigen Meditationslehrerin nahegebracht, die hierf\u00fcr auf bewusstseinserweiternde \u00dcbungen zur\u00fcckgreift.\u00a0 Schmerzstillender Aggressionsabbau durch degradierende Sprache ist die ironische Message. Bei Verwendung dieser Sprache gegen\u00fcber anderen bestehe jedoch die Gefahr eines physischen Angriffs. Au\u00dferdem seien Worte stark mit Emotionen assoziiert und unser Hirn sei formbar. Auf einer weiteren Meditationsreise zeigt uns die immer wiederkehrende Figur, wie manipulative Politiker unser Hirn falsche Wahrheiten glauben l\u00e4sst, indem es oft genug wiederholt wird.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13147\" aria-describedby=\"caption-attachment-13147\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13147 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190118212920_IMG_3835-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13147\" class=\"wp-caption-text\">Eine bewusstseinserweiternde Meditationsreise.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Im Rausch von Social Media<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Instagram, Twitter und Co. sind seit den letzten Jahren auf dem Vormarsch und beeinflussen \u00fcber ihre immense Reichweite die politische Debatte. Daher wird in dem St\u00fcck auf die politische Zweckentfremdung sozialer Netzwerke aufmerksam gemacht und die Assoziation von fremdenfeindlicher Gewalt und entsprechender Posts hinterfragt. Zwingt uns das Brandfeuer in Social Media durch Sch\u00fcren von Wut und Angst dazu, auf bestimmte Weise zu handeln und zu denken? Die unvermeidbaren Zw\u00e4nge der Digitalisierung werden durch gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Utopien parodiert, in der Maschinen eine intergalaktische Zivilisation bilden. Wom\u00f6glich werde die Technologie zu einer unkontrollierbaren Macht und der Mensch zu dessen abh\u00e4ngigem Handlanger. Der versierte Social Media-Experte auf der B\u00fchne warnt davor, dass durch dieses Lenken politische Clowns gew\u00e4hlt werden, die die Demokratie zerst\u00f6ren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13145\" aria-describedby=\"caption-attachment-13145\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13145 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190118213355_IMG_3840-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13145\" class=\"wp-caption-text\">\u00dcbernimmt Social Media die Weltmacht?<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Ideologien im Imagewechsel<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der antifaschistische Part der Inszenierungen lenkt den Blick auf den derzeit stattfindenden Imagewechsel extremer Radikalisierungen. Altbekannte Vorurteile gegen\u00fcber gewaltbereiten und erscheinungstechnisch auffallenden Gruppierungen schwinden laut der linkspopulistischen Frau auf der B\u00fchne. Diese w\u00fcrden durch politisch versierte Akademiker ersetzt, die alte Ideologien neu verk\u00f6rpern. Inwiefern lassen rhetorische Tricks radikale Positionen als relativ und vern\u00fcnftig erscheinen? Findet dadurch eine Grenzverschiebung des Verhandelbaren statt?<\/p>\n<figure id=\"attachment_13146\" aria-describedby=\"caption-attachment-13146\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13146 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190118215342_IMG_3843-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13146\" class=\"wp-caption-text\">Der kritische Monolog einer Linkspopulistin.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Ambivalente Auseinandersetzung<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Lehrst\u00fcck bedient sich w\u00e4hrend der Performance verschiedenster B\u00fchnenmittel. Auf am\u00fcsante, skurrile Mitmachmomente folgen nachdenklich, kritische Monologe. Die Zuschauer werden dabei immer wieder von Melodien der Backstreet Boys und Coldplay wachger\u00fcttelt und dazu animiert Zeilen \u00fcber Linkspopulismus und Machtumverteilung mitzusingen. Letztlich findet jedoch stets eine R\u00fcckkopplung zwischen den Schauspielern und den Zuschauern statt. Die Charaktere verk\u00f6rpern realistische Tr\u00e4umer, die auf der Suche nach Antworten sind und zu diesem Zweck im k\u00fcnstlerischen Dialog mit dem Publikum stehen. Es wird auf die Problematik einer konstruktiven Streitkultur hingewiesen, wenn die Gesellschaft politisch gespalten ist. Das Erkennen ausgrenzender Aussagen und sich dagegen zu positionieren, scheint laut des Trios ein guter Richtwert zu sein, um einem Diskussionsgegner zu begegnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das St\u00fcck wird nach jeder Vorstellung mit einer offenen Diskussionsrunde abgerundet, in dem das Kollektiv Meinungen und Widerspr\u00fcche mit dem Publikum austauscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Widerspruch ist noch an folgenden Terminen im Zimmertheater zu sehen:\u00a0 24.01., 25.01., 26.01., 31.01., 01.02., 02.02., 07.02., 08.02.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos<\/span>: Gizem Gueler<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit vergangener Woche brilliert das Z\u00fcrcher Aktivismus-Kollektiv \u201eNeue Dringlichkeit\u201c mit ihrem neuen Lehrst\u00fcck \u201eDer Widerspruch\u201c im Zimmertheater T\u00fcbingen. 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