{"id":1342,"date":"2013-06-24T17:44:32","date_gmt":"2013-06-24T17:44:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=1342"},"modified":"2021-02-21T13:30:54","modified_gmt":"2021-02-21T13:30:54","slug":"finanzielle-und-ideelle-forderung-nicht-nur-fur-einserkandidaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2013\/06\/24\/finanzielle-und-ideelle-forderung-nicht-nur-fur-einserkandidaten\/","title":{"rendered":"FINANZIELLE UND IDEELLE F\u00d6RDERUNG \u2013 NICHT NUR F\u00dcR EINSERKANDIDATEN"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: justify;\">Studierende berichten von ihren Stipendien und den zugeh\u00f6rigen Programmen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #004b88;\"><strong>Stipendien \u2013 an Universit\u00e4ten fast so normal wie Hausarbeiten und Partys. Trotzdem wei\u00df so mancher Studierende quasi nichts dar\u00fcber. Vorurteile, dass \u201enur Streber\u201c eine F\u00f6rderung erhalten k\u00f6nnen, sind in vielen K\u00f6pfen noch fest verankert. Kupferblau hat einige Stipendiaten getroffen.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>von Ines Pfister<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung unterst\u00fctzt verschiedene Begabtenf\u00f6rderungswerke \u2013 parteinahe, staatliche und gewerkschaftliche Stiftungen gleicherma\u00dfen und auch solche, die die Wirtschaft oder die Kirche tr\u00e4gt. Trotz Unterschieden haben die vorgestellten Programme auch viel gemeinsam. Beispielsweise ist die finanzielle Unterst\u00fctzung meist einkommensabh\u00e4ngig und leitet sich vom BAf\u00f6G-Satz ab. Aber auch, wer das nicht bekommt, erh\u00e4lt ein B\u00fcchergeld von 150 Euro monatlich. Die ideelle F\u00f6rderung bietet etwa Seminare zu verschiedenen Themen an, welche die Stipendiaten besuchen k\u00f6nnen oder m\u00fcssen. Zu den Pflichten geh\u00f6ren auch regelm\u00e4\u00dfige Berichte \u00fcber den Studienfortschritt. Dennoch sind sich die Befragten einig: Der Nutzen \u00fcberwiegt das Muss bei Weitem. F\u00fcr die Aufnahme sind neben den Noten Kriterien wie das soziale Engagement oder die ethnische Herkunft vielmals genauso wichtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letzteres spielt etwa bei der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung eine Rolle. Diese lege viel Wert darauf, auch Studierende mit Migrationshintergrund zu f\u00f6rdern, sagt Patryk Grudzinski, selbst Stipendiat dieses Programms. Seinem Eindruck nach war der Auswahlkommission beim Bewerbungstag in Berlin vor allem wichtig, dass die Kandidaten sich kritisch mit verschiedenen Inhalten auseinandersetzten und auch nach der Zeit an der Uni weiterhin gr\u00fcne Werte vertreten w\u00fcrden. Das parteinahe F\u00f6rderungswerk von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen ist aber unabh\u00e4ngig: Parteimitglied zu sein bringt einem Anw\u00e4rter keinen Vorteil. Patryk kann seinen Master der Friedensforschung und Internationalen Politik durch das Programm finanzieren. Die ideelle F\u00f6rderung bietet dem 27-J\u00e4hrigen Wochenenden mit Workshops und Diskussionen zu gesellschaftspolitischen Themen. \u201eMir gef\u00e4llt gut, dass das immer ein bunter Haufen an Leuten ist. Die Stiftung legt viel Wert auf Diversit\u00e4t\u201c, freut sich der T\u00fcbinger. \u201eMeinen Auslandsaufenthalt h\u00e4tte ich ohne das Stipendium wohl nicht bezahlen k\u00f6nnen. So aber blieb mir Raum, mich zu entfalten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich positiv sieht Mathias Winkler seine F\u00f6rderung. Als Stipendiat des Cusanuswerks kann er beispielsweise Ferienakademien besuchen, die jeweils rund zehn Tage dauern. \u201eMan lernt dort viele neue Menschen mit verschiedenen Interessen kennen und arbeitet zusammen konzentriert an einem Thema \u2013 das finde ich absolut klasse\u201c, schw\u00e4rmt er.<br \/>\nEtwas, das nur dieses Programm veranstaltet, ist das Jahrestreffen aller Mitglieder, bei dem sie unter anderem etwa \u00fcber Generationengerechtigkeit diskutieren. Mathias\u2018 finanzielle Unterst\u00fctzung stellt au\u00dfer dem Staat auch die katholische Kirche bereit, das Werk f\u00f6rdert aber alle Fachrichtungen. Beim Bewerbungsgespr\u00e4ch seien nicht Glaubensfragen, sondern haupts\u00e4chlich Tagespolitik und Allgemeinbildung Gegenstand gewesen. Oft ist es beim Cusanuswerk auch so, dass eine Schule oder ein Ehemaliger einen potenziellen Stipendiaten vorschl\u00e4gt. Der 25-J\u00e4hrige bewarb sich allerdings selbst. \u201eAls Student der Katholischen Theologie lag das ja nahe\u201c, sagt Mathias, der inzwischen im zehnten Semester seines Diplomstudiums ist und auch seinen Bachelor in Judaistik bald abschlie\u00dft. Keine andere Stiftung sei f\u00fcr ihn eine Option gewesen. \u201eIch wollte ein Programm, in dem ich mich wohl f\u00fchle.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch f\u00fcr Claudia Hagenlocher kam kein anderes F\u00f6rderungswerk in Frage, allerdings aus einem anderen Grund. Nach dem Realschulabschluss absolvierte sie eine Lehre zur Gesundheits- und Krankenpflegerin und anschlie\u00dfend eine Fortbildung zur Stationsleiterin. So qualifizierte sie sich f\u00fcr ein Studium \u2013 und f\u00fcr das Aufstiegsstipendium der SBB (Stiftung Begabtenf\u00f6rderung berufliche Bildung). Dieses unterst\u00fctzt Begabte, die nach einer Ausbildung samt Berufserfahrung an eine Hochschule m\u00f6chten. Nachdem Claudia zehn Jahre lang in ihrer Anstellung war und es keine Aufstiegsm\u00f6glichkeiten mehr gab, wollte sie sich weiterentwickeln. Sie hatte Spa\u00df daran, neue Azubis zu unterrichten, und deshalb studiert sie nun auf Lehramt, n\u00e4mlich Chemie im f\u00fcnften und Biologie im dritten Semester. Nebenbei arbeitet die 31-J\u00e4hrige in Teilzeit. Das ist bei diesem Programm kein Problem, denn anders als bei den bereits genannten Stipendien h\u00e4ngt die finanzielle Bezuschussung nicht vom Einkommen ab: Ein Vollzeitstudent erh\u00e4lt neben der ideellen F\u00f6rderung insgesamt 750 Euro im Monat. Obwohl es nicht notwendig war, holte Claudia noch die Fachhochschulreife nach, bevor sie an die Uni kam. \u201eVor allem in Chemie h\u00e4tte mir die Mathematik aus der Oberstufe gefehlt. Ich h\u00e4tte keine Chance gehabt\u201c, sagt sie. Studieren sei zwar anstrengend, aber es gefalle ihr. \u201eIch bin sehr froh, dass ich das Stipendium habe, ohne h\u00e4tte ich wohl kein Studium aufgenommen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hans-B\u00f6ckler-Stiftung richtet sich mit dem Programm \u201eB\u00f6ckler-Aktion Bildung\u201c gezielt an Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die sich ohne F\u00f6rderung gegen ein Studium entschieden h\u00e4tten, weil sie glauben, es sich nicht leisten zu k\u00f6nnen. Das zeigt sich dadurch, dass das Familieneinkommen so bemessen sein muss, dass ein voller BAf\u00f6G-Anspruch besteht. Marina Vukoja ist seit \u00fcber f\u00fcnf Jahren dabei. Dieses Semester begann die 27-J\u00e4hrige mit ihrem Master in International Business and Economics. Das F\u00f6rderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes erh\u00e4lt neben den Mitteln vom Bund auch Gelder von Arbeitnehmervertretern. Das ideelle Angebot der Stiftung reicht von Seminaren mit verschiedenen Inhalten bis zur M\u00f6glichkeit, selbst Projekte durchzuf\u00fchren. \u201eSomit k\u00f6nnen wir uns mit den Themen auseinandersetzen, die uns wirklich interessieren\u201c, sagt Marina. Daf\u00fcr muss sie Gespr\u00e4che mit neuen Bewerbern f\u00fchren und anschlie\u00dfend Gutachten verfassen. Wer also die Leistung dieses Programms in Anspruch nehmen m\u00f6chte, muss zum Interview mit Vertrauensdozenten und Stipendiaten. Die endg\u00fcltige Entscheidung trifft die Auswahlkommission. Genauso kann ein Anw\u00e4rter seine Unterlagen bei der \u00f6rtlichen Gewerkschaft einreichen oder sich von dieser vorschlagen lassen. \u201eDas gesellschaftspolitische Engagement ist meiner Meinung nach das wichtigste Kriterium bei der Auswahl\u201c, folgert die Reutlingerin. Trotz der Pflichten lohne sich die M\u00fche aber allemal, \u201evor allem f\u00fcr die Gemeinschaft und das umfangreiche Angebot an Seminaren, Praktika und Sprachreisen\u201c, findet Marina.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Meinung ist auch Johanna Oloff. Die 22-J\u00e4hrige ist Stipendiatin der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Regelm\u00e4\u00dfige Treffen mit der Regionalgruppe und bundesweite Veranstaltungen sind zwar Pflicht, Johanna empfindet das aber nicht als negativ. \u201eIm Gegenteil, die Seminare sind eine echte Bereicherung\u201c, freut sie sich. \u201eDar\u00fcber hinaus hat man durch das Netzwerk stets die M\u00f6glichkeit, Kontakte zu kn\u00fcpfen, zum Beispiel zu Firmen.\u201c Das F\u00f6rderungswerk tragen zu einem gro\u00dfen Teil Arbeitgeberverb\u00e4nde und Unternehmen. Dennoch unterst\u00fctzt das Programm alle Fachrichtungen \u2013 so konnte sich Johanna, die inzwischen im siebten Semester ihres Lehramtsstudiums f\u00fcr Mathe und Deutsch ist, dort bewerben. Dem Antrag musste sie eine fachliche Einsch\u00e4tzung ihrer Lehrer beilegen. Nach mehreren Schritten erhielt sie schlie\u00dflich die Einladung zum Assessment-Center nach Berlin, wo jeder Kandidat an Gruppendiskussionen und Einzelgespr\u00e4chen teilnehmen, einen Aufsatz schreiben und eine Pr\u00e4sentation halten musste. \u201eSelbst wenn die Stiftung einen nicht nimmt, bringt einen diese Erfahrung in jedem Fall weiter.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes besteht seit Kurzem die M\u00f6glichkeit, sich selbst zu bewerben. Normalerweise schl\u00e4gt jedoch beispielsweise der Schulleiter einen Anw\u00e4rter vor: So war es bei Thomas Kr\u00fcger. Der 23-J\u00e4hrige ist Stipendiat des gr\u00f6\u00dften und \u00e4ltesten Begabtenf\u00f6rderungswerks in Deutschland, das derzeit rund 11.000 Studierende und Doktoranden unterst\u00fctzt. Als einziges ist es politisch, konfessionell und weltanschaulich unabh\u00e4ngig. \u201eGef\u00f6rdert werden vor allem Leute, die sp\u00e4ter in der Gesellschaft Verantwortung \u00fcbernehmen\u201c, sagt er. \u201eDabei wird stark auf Leistung geachtet.\u201c Nach Thomas\u2018 Erfahrung sind dabei Akademikerkinder h\u00e4ufiger vertreten als Studierende mit bildungsfernem Hintergrund. Die Stiftung bietet zweiw\u00f6chige Sommerakademien an. \u201eDa die Themen interdisziplin\u00e4r sind, kann man seinen Horizont erweitern\u201c, freut sich Thomas, der im dritten Semester seines Bachelorstudiums in Politikwissenschaften und \u00d6ffentlichem Recht ist. Au\u00dferdem bietet das Programm etwa Sprachkurse im jeweiligen Land an und kommt f\u00fcr die Kosten auf. \u201eIch kann nur jedem empfehlen, sich zu bewerben\u201c, sagt er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der finanzielle Aspekt ist also nur eine der positiven Seiten eines Stipendiums. Die meisten der befragten Stipendiaten betonen vor allem, wie positiv sie die Aufnahme in das Netzwerk sehen, das ihnen erm\u00f6glicht, Kontakte zu Gleichgesinnten oder Firmen herzustellen. Dabei ist der Notenschnitt l\u00e4ngst nicht alles \u2013 auch gesellschaftliches Engagement und die eigene Pers\u00f6nlichkeit z\u00e4hlen bei den vorgestellten Begabtenf\u00f6rderungswerken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Anmerkung der Redaktion: Das Foto von Johanna Oloff wurde aus privaten Gr\u00fcnden gel\u00f6scht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Studierende berichten von ihren Stipendien und den zugeh\u00f6rigen Programmen Stipendien \u2013 an Universit\u00e4ten fast so normal wie Hausarbeiten und Partys. 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