{"id":15155,"date":"2019-05-03T11:41:05","date_gmt":"2019-05-03T09:41:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=15155"},"modified":"2019-05-03T11:41:05","modified_gmt":"2019-05-03T09:41:05","slug":"von-goethe-und-geheimsprachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/05\/03\/von-goethe-und-geheimsprachen\/","title":{"rendered":"Von Goethe und Geheimsprachen"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Klischees gibt es nicht ohne Grund, sagt man. Deshalb schauen wir uns die Studieng\u00e4nge mal genauer an. Heute tritt die klischeebelastete Germanistik auf die Trauerspiel-B\u00fchne.<\/em><\/strong><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den typischen Germanistik-Studenten erkennt man vor allem an den vielen W\u00e4lzern, die er stets fest an seine Brust gedr\u00fcckt mit sich herumschleppt. Er ist meist im Brechtbau der Universit\u00e4t T\u00fcbingen anzutreffen, wo er sich in Pausen manchmal mit seinem &#8222;Werther\u2018&#8220; besch\u00e4ftigt, um ihn vor den Augen anderer Studierender nur erhaben zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>30 Minuten vor der Zeit, ist die Germanistik-studentische P\u00fcnktlichkeit<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die mit B\u00fcchern bepackte Luise sich erfolgreich in den eh schon \u00fcberf\u00fcllten Aufzug dr\u00e4ngelt, um 30 Minuten vor Vorlesungsbeginn in ihrem H\u00f6rsaal zu sitzen, dann kann man sich sicher sein, dass man eine Germanistik-Studentin gesichtet hat. Wenn man neben ihr sitzt und nicht still vor sich hin vegetieren m\u00f6chte, entsteht meist ein sehr z\u00f6gerlicher Small Talk, bei dem nicht mehr als \u00fcber die eigenen Seminare ausgetauscht wird. Wer beim ersten Kennenlern-Versuch nicht gleich kapituliert, kann mit viel Geduld durchaus Freundschaften schlie\u00dfen. Falls man jedoch eine Freundschaft mit viel Partyausgang w\u00fcnscht, ist man hier schlecht bedient. Nach einer Weinschorle bei nun fortgeschrittenem Small Talk ist der Abend f\u00fcr den Germanistik-Studenten auch schon wieder vollendet.<\/p>\n<h3><strong>Grammar-Nazi<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres Merkmal des Germanistikstudenten ist seine Verbesserungsfreudigkeit. Vor Verbesserungen in Wortschatz und Satzbau von Freunden oder Familie macht er keinen Halt. Das kann schon einmal nach hinten losgehen, denn beliebt macht er sich dadurch keineswegs &#8211; h\u00f6chstens unter seinesgleichen. Den ironischen Meme-Spruch \u201eYou must be fun at parties\u201c bekommt der Germanistik-Student durch diese Aktionen regelm\u00e4\u00dfig zu h\u00f6ren. Und selbst wenn er einmal seine unerw\u00fcnschten Verbesserungen unterdr\u00fccken kann, alarmiert ihn stets sein zuverl\u00e4ssiger, tiefsitzender innerer Trigger, dass er sein Gegen\u00fcber jetzt eigentlich unbedingt verbessern sollte.<\/p>\n<h3><strong>Buchtitel-Dropping<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem der Germanistik-Student das erste und letzte Mal in der universit\u00e4tseigenen Mensa dinierte, pr\u00e4pariert er sich gelegentlich f\u00fcr seine Vorlesungen. \u00dcberdies frohlockt es ihn regelrecht, unergiebig salbungsvoll im Alltag zu konversieren. Nicht selten, um zu kompensieren, dass er das Buch in seiner Hand eigentlich gar nicht gelesen hat, sondern nur dessen Einband. Wenn der Germanistik-Student sich einmal hochmotiviert f\u00fchlt, dann liest er auch schon einmal eine Wikipedia-Zusammenfassung durch oder schaut sich ein dreimin\u00fctiges Video auf YouTube an, in dem der F\u00fcnfakter, den er eigentlich schon im ersten Semester gelesen haben sollte, l\u00fcckenhaft und zusammenhangslos erl\u00e4utert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So zu tun, als h\u00e4tte man einen Plan, wo garkeiner vorhanden ist, ist ja bekanntlich ein allgemeines Studenten-Klischee. Jedoch wird dies vom Germanistik-Studenten noch getoppt: Nicht selten kommt es vor, dass er sogenanntes Name-Dropping betreibt &#8211; oder sollte man sagen \u201aBuchtitel-Dropping\u2018 &#8211; obwohl er weder Kenntnisse \u00fcber den genannten Autor besitzt, noch den Inhalt der Lekt\u00fcre studiert hat.<\/p>\n<h3><strong>Vom Massenfach zur Taxifahrt<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Germanistik-Student f\u00e4hrt oft in seine Heimat. Wenn dann auch noch ein gro\u00dfes Familientreffen ansteht, merkt er auf seiner Hinfahrt schon die sich langsam anschleichende, aber stets zuverl\u00e4ssige Panik aufkommen. Grund daf\u00fcr: Die Verwandten m\u00f6chten h\u00f6ren, wie es im Studium denn so l\u00e4uft, und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter tritt die Frage \u201eUnd was kannst du denn nochmal mit deinem Studium sp\u00e4ter machen?\u201c zum Vorschein. Wer sich im Voraus nicht schon ein wenig \u00fcber Google informiert hat, was die Germanistik nach dem Studium eigentlich zu bieten hat, wird seine Familie in diesem Moment mit leeren Worten abfertigen m\u00fcssen. Um Zeit zu gewinnen, gibt der Germanistik-Student ein \u201e\u00c4hm, naja, \u2026\u201c von sich oder beteuert, dass er mit seinem Studium f\u00fcr die Zukunft breit aufgestellt ist. Wenn vom Onkel dann auch noch die Bemerkung ert\u00f6nt, dass nach dem Studium eine gro\u00dfe Karriere in der Taxibranche ansteht, gibt der Germanistik-Student seine Rechtfertigung meist endg\u00fcltig auf und schenkt sich stillschweigend noch mehr Wein ein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Titelbild:<\/span> Michelle Pfeiffer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klischees gibt es nicht ohne Grund, sagt man. Deshalb schauen wir uns die Studieng\u00e4nge mal genauer an. 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