{"id":15216,"date":"2019-05-11T12:18:32","date_gmt":"2019-05-11T12:18:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=15216"},"modified":"2021-02-19T18:03:29","modified_gmt":"2021-02-19T18:03:29","slug":"der-groteske-fall-der-cap-anamur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/05\/11\/der-groteske-fall-der-cap-anamur\/","title":{"rendered":"Der groteske Fall der Cap Anamur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Lange vor den j\u00fcngsten Fluchtereignissen, rettete Stefan Schmidt Menschen vor dem Ertrinken auf dem Mittelmeer. Sein Weg f\u00fchrte ihn daraufhin vom Medienrummel in eine italienische Gef\u00e4ngniszelle bis in die Politik. Kupferblau hat den Kapit\u00e4n getroffen, der stets betont, dass er \u201enichts au\u00dfer seine Pflicht\u201c getan hat. <\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Boot aufgenommen in der Totale. Im Hintergrund ist nur die Weite des Meeres zu erkennen, w\u00e4hrend auf der Nussschale dicht gedr\u00e4ngt dutzende Menschen ausharren. Ihr schlechter Zustand ist schon aus dem etwa 50 Meter entfernten amerikanischen Kriegsschiff zu erkennen, von welchem aus das Video aufgenommen ist. Auf einmal kippt der Kahn. Zu sehen ist, wie die \u201eboat people\u201c tumultartig ins Wasser st\u00fcrzen. Die Besatzung des Kriegsschiffes reagiert, wirft den Schiffbr\u00fcchigen Rettungsringe zu und das Wasser f\u00e4rbt sich durch die Signalmittel gelb. \u201eGo get the Baby\u201c grellt die Stimme eines Amerikaners, der nicht zu sehen ist. Die panischen Schreie der Fl\u00fcchtlinge werden durch das Motorenger\u00e4usch eines Schlauchbootes \u00fcberlagert, das ins Wasser abgelassen wurde. Schnitt. Mehrere Matrosen versuchen einen regungslosen, kleinen K\u00f6rper wiederzubeleben, der an Deck liegt. Die Mienen der Anwesenden legen nahe, dass der Versuch zu sp\u00e4t kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVon 80 Leuten sind elf ertrunken, davon drei Kinder\u201c, wirft Stefan Schmidt in das sichtlich betroffene Publikum hinein. Es sind dramatische Bilder, die der ehemalige Kapit\u00e4n zeigt, Szenen die in unseren Medien nicht (mehr) zu sehen sind und die manche Politiker zynisch verharmlosen. \u201eEntweder die schauen sich so etwas gar nicht an oder sie haben ein unmenschlich dickes Fell\u201c, sagt er. Dennoch sind \u00e4hnliche Szenen an unseren Au\u00dfengrenzen Alltag, trotz engagierter Vereine, Freiwilliger und Organisationen, die sich in der Seenotrettung bet\u00e4tigen. Stefan Schmidt kann wohl mit Fug und Recht als einer der Initiatoren dieser Bewegung angesehen werden. Er gr\u00fcndete den Verein <a href=\"https:\/\/www.borderline-europe.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">borderline-europe, <\/a>ist seit 2011 Fl\u00fcchtlingsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein und wurde 2017 in seinem Amt best\u00e4tigt. Zu gr\u00f6\u00dferer Bekanntheit gelangte er aber im Sommer 2004.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15224\" aria-describedby=\"caption-attachment-15224\" style=\"width: 485px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/300-dpi-color.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15224 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/300-dpi-color-485x672.jpg\" alt=\"\" width=\"485\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15224\" class=\"wp-caption-text\">Ein Kapit\u00e4n, wie er im Buche steht: Er habe &#8222;au\u00dfer Indien die ganze Welt gesehen&#8220;, erz\u00e4hlt er.<\/figcaption><\/figure>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Sympathischer Seeb\u00e4r<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch bin von Beruf Seemann\u201c, erkl\u00e4rt der Seenotretter, \u201evom Schiffsjungen bis zum Kapit\u00e4n\u201c habe er alle Positionen durchlaufen. Nachdem der geb\u00fcrtige Stettiner, im Zuge des Weltkrieges als Kleinkind selbst geflohen, sein Kapit\u00e4nspatent absolviert hatte, wurde er Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland im Inselstaat Tuvalu. \u00dcber das s\u00fcdpazifische Land, was auch hierzulande aufgrund seiner Webdomain <em>.tv<\/em> zu einiger Ber\u00fchmtheit gekommen ist sagt er, es sei leider das erste Land, \u201ewas im Laufe des Klimawandels untergehen wird\u201c. Schmidt erz\u00e4hlt, er sei ein unpolitischer Mensch gewesen, bevor er mit dem Verein <a href=\"https:\/\/www.cap-anamur.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Cap Anamur<\/a> in Kontakt kam. Dieser setzte sich schon seit der Gr\u00fcndung durch Rupert Neudeck (\u2020) Ende der Siebziger Jahre, f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und medizinische Nothilfe weltweit ein. Hier kommt Schmidt auch mit seinen sp\u00e4teren Mitstreitern, dem ehemaligen ARD-Journalisten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elias_Bierdel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Elias Bierdel<\/a> und Vladimir Daschkewitsch, dem sp\u00e4teren ersten Offizier seines Schiffes in Kontakt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die drei begaben sich mit einer internationalen Crew und einem umgebauten Frachter auf die Reise von L\u00fcbeck nach Westafrika, um dort Hilfsg\u00fcter und Medikamente abzugeben. \u201eAlle bekamen die gleiche Heuer\u201c, erinnert sich der Kapit\u00e4n, \u201e1100 Euro netto\u201c, sodass laufende Kosten gedeckt werden konnten. Es sei \u201eeine tolle Mannschaft\u201c gewesen, die im Sommer 2004 auf einen Hafen in Jordanien anlaufen wollte, um dort medizinische G\u00fcter abzuladen. Es kam aber anders.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15218\" aria-describedby=\"caption-attachment-15218\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cap-anamur-schule-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15218 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cap-anamur-schule-2-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15218\" class=\"wp-caption-text\">Unter Schmidts Leitung wurde das 90 Meter lange ehemalige Frachtschiff &#8222;Andra&#8220; zum Hilfs- und Hospitalschiff &#8222;Cap Anamur&#8220; umgebaut.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die <a href=\"https:\/\/blog.ankerherz.de\/blog\/kapitaen-schmidt-rettung-skandal-knast\/\">Crew am 20. Juni des Jahres 2004 knapp 86 Kilometer vor der lybischen K\u00fcste<\/a> auf ein Schlauchboot stie\u00df, hielt man die Insassen erst f\u00fcr Arbeiter einer nahegelegenen \u00d6lplattform. Die \u201e37 Leute, die mit roten T-Shirts winkten\u201c waren v\u00f6llig ersch\u00f6pft, ohne Proviant und der Motor ihres Bootes war ausgefallen. Schmidt und seine Mannschaft nahmen die Fl\u00fcchtlinge auf, die erkl\u00e4rten aus dem Sudan zu stammen und nach Lampedusa zu wollen. Sp\u00e4ter sollte sich herausstellen, dass sie eigentlich aus Ghana und Nigeria stammten. \u201e<a href=\"http:\/\/www.transportrecht.de\/transportrecht_content\/1024918920.pdf\">Ein Kapit\u00e4n, der Menschen in Seenot antrifft, hat die Pflicht diese in Sicherheit zu bringen<\/a>\u201c beschreibt Schmidt die v\u00f6lkerrechtliche Grundlage der Seenotrettung. Weil der Hafen in Lampedusa aber zu klein f\u00fcr die knapp 100 Meter Lange <em>Cap<\/em> <em>Anamur<\/em> ist, verst\u00e4ndigt der Kapit\u00e4n die Beh\u00f6rden im italienischen Port Empedocle. Eine Einfahrtgenehmigung wird erteilt, wie es \u00fcblich ist f\u00fcr ein europ\u00e4isches Schiff, das in einer Notsituation Einfahrt in einen europ\u00e4ischen Hafen erbittet. Hier beginnt der Zwischenfall, den der Seenotretter als \u201egrotesken Fall einer Seeblockade gegen 37 Fl\u00fcchtlinge\u201c bezeichnet.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn Menschenleben in Gefahr sind, darf man in jeden Hafen einlaufen\u201c<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz vor der Einfahrt in die Hoheitsgew\u00e4sser Italiens meldete sich die K\u00fcstenwache, die der <em>Cap<\/em> <em>Anamur<\/em> ohne Angabe von Gr\u00fcnden die Einfahrt verweigerte. Auf R\u00fcckfrage lie\u00df man verlauten, die Gefl\u00fcchteten <a href=\"https:\/\/blog.ankerherz.de\/blog\/kapitaen-schmidt-angeklagt-wegen-menschenschmuggels\/\">h\u00e4tten ihren Status als Schiffbr\u00fcchige verloren<\/a>. Die Lage versch\u00e4rfte sich weiter, als am Horizont Kriegsschiffe und ein Helikopter zu sehen waren: Die drei Fregatten seien \u201ewie im Krieg\u201c um den Frachter herumpatrouilliert. Schmidt als verantwortlicher Kapit\u00e4n wusste sich nicht zu helfen, kontaktierte die deutschen Beh\u00f6rden, die ihm aber erst keinen glauben schenken wollten und nach \u00dcbermittlung von Live-Bildern via Skype nur mitf\u00fchlende Worte f\u00fcr die Betroffenen \u00e4u\u00dferten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15221\" aria-describedby=\"caption-attachment-15221\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cap-anamur-schule-19.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15221 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cap-anamur-schule-19-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15221\" class=\"wp-caption-text\">Statt eines sicheren Hafens bekamen die Gefl\u00fcchteten Milit\u00e4rhubschrauber und Kriegsschiffe zu sehen.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gefl\u00fcchteten richteten sich derweil auf dem Schiff auf einen l\u00e4ngeren Aufenthalt ein. Schmidt zeigt ein weiteres Video: Diesmal sieht man einige afrikanische M\u00e4nner, die auf der <em>Cap Anamur<\/em> ihre Mahlzeit zubereiten, beten und Interviews geben: Der Fall war n\u00e4mlich l\u00e4ngst \u00f6ffentlich geworden. \u201eWir standen auf der ersten Seite in New York, in Tokio, \u00fcberall\u201c, res\u00fcmiert der Seenotretter \u00fcber die damalige Berichterstattung nicht ohne einen Anflug von Stolz. Und tats\u00e4chlich: Allein das Archiv von <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/suche\/?suchbegriff=Cap+anamur\">Spiegel Online f\u00fchrt \u00fcber 200 Treffer auf<\/a>, bei der Suche nach Schmidts damaligen Schiff <em>Cap<\/em> <em>Anamur<\/em>. Hilfsorganisationen wie die <a href=\"https:\/\/www.aerzte-ohne-grenzen.de\/\">\u00c4rzte ohne Grenzen<\/a> fuhren hinaus in die internationalen Gew\u00e4sser, um die Gefl\u00fcchteten zu versorgen, Nahrung wurde an Bord gebracht und Medienvertreter dokumentierten die Lage. Die verweigerte Einreiseerlaubnis der sizilianischen Beh\u00f6rde hatte die Situation der <em>Cap<\/em> <em>Anamur<\/em> zu einem Politikum gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach elf Tagen spitzte sich die Lage zu. Zwei Gefl\u00fcchtete \u201ewollten sich ins Meer st\u00fcrzen\u201c, erkl\u00e4rt Stefan Schmidt, ihr psychischer Zustand sei aufgrund der Unklarheit labil gewesen. \u201eWenn Menschenleben in Gefahr sind, darf man in jeden Hafen einlaufen\u201c, daher habe er ein Ultimatum an die Regierung gestellt, f\u00e4hrt er fort. Als daraufhin keine R\u00fcckmeldung kam, entschied sich der Kapit\u00e4n dazu, den Hafen dennoch anzusteuern.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Von der Br\u00fccke in die Zelle<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdessen hatte der Vorfall auch die politische und mediale \u00d6ffentlichkeit Deutschlands erreicht: Ausgerechnet der Cap Anamur-Gr\u00fcnder <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/fluechtlingsaffaere-cap-anamur-chef-greift-neudeck-und-schily-an-a-309382.html\">Rupert Neudeck\u00a0(\u2020) \u00fcbte, ob der medialen Aufmerksamkeit, \u00f6ffentlich Kritik<\/a> an den Seenotrettern , die gro\u00dfen Zeitungen schrieben \u00fcber den Vorfall, Bundesinnenminister Otto Schily warnte vor einem \u201egef\u00e4hrlichen Pr\u00e4zedenzfall\u201c und das Fernsehmagazin Panorama schaltete zwei Sondersendungen. Mit dem ARD-Format geht Schmidt am h\u00e4rtesten ins Gericht. Panorama habe \u201eabsichtlich gelogen, um eine tolle Sendung zu haben\u201c. Das Oberlandesgericht Hamburg hat den Seenotrettern nachtr\u00e4glich tats\u00e4chlich recht gegeben und festgestellt, dass Panorama in 19 F\u00e4llen die Unwahrheit behauptet hat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15220\" aria-describedby=\"caption-attachment-15220\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Isler-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15220 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Isler-1-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15220\" class=\"wp-caption-text\">Private Hilfsorganisationen m\u00fcssen mittlerweile die Seenotrettung an der europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenze \u00fcbernehmen. <a href=\"https:\/\/sea-watch.org\/spenden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Seawatch<\/a>, <a href=\"https:\/\/mission-lifeline.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Liveline<\/a>, <a href=\"https:\/\/jugendrettet.org\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Jugend rettet <\/a>und <a href=\"https:\/\/www.borderline-europe.de\/spenden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">borderline-europe<\/a> sind die bekanntesten.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies war aber nicht der einzige Prozess, den der Kapit\u00e4n zu f\u00fchren hatte. Denn anstatt im Hafen von Porto Empedocle \u201eerst einmal einen Kaffee zu trinken\u201c, wie man es insgeheim auf dem Schiff gehofft hatte, lud man Schmidt und Elias Bierdel in ein Polizeiauto ein. Die Polizisten h\u00e4tten zwar \u201eerst mal an einer Eisdiele gehalten\u201c und \u201esich daf\u00fcr entschuldigt, dass sie so einen Schei\u00df machen m\u00fcssen\u201c, dennoch kamen die zwei mit dem Vorwurf der Schlepperei vorerst in italienische Gef\u00e4ngniszellen. \u201eIch sa\u00df mit einem Autodieb, Elias mit einem M\u00f6rder\u201c, beschreibt Schmidt. Den Gefl\u00fcchteten erging es auch nicht besser: Zwar hatte man sie unter Anwesenheit von dutzenden Medienvertretern in Busse gesetzt und Richtung Rom gefahren, jedoch wurden 36 von ihnen in den folgenden Wochen direkt abgeschoben. Die <em>Cap Anamur<\/em> wurde von den italienischen Beh\u00f6rden beschlagnahmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bierdel und Schmidt kamen zwar nach etwa einer Woche frei, doch es folgte ein f\u00fcnfj\u00e4hriger Prozess mit der Anklage \u201ebandenm\u00e4\u00dfige Beihilfe zur illegalen Einreise\u201c, <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/panorama\/weltgeschehen\/cap-anamur-kapitaen-schmidt--lebensretter-anzuklagen--ist-irrwitzig--3307834.html\">die Staatsanwaltschaft forderte vier Jahre Haft und 400.000\u20ac Strafzahlung.<\/a> \u201eIch war vorher ein ganz harmloser Kapit\u00e4n\u201c, erkl\u00e4rt Schmidt, aber nach diesen elf Tagen im Juli 2004 war nichts mehr wie zuvor: Der Angeklagte musste w\u00f6chentlich nach Italien reisen, um Gerichtstermine wahrzunehmen, 80 Zeugen wurden vorgeladen, um gegen die Besatzung der <em>Cap Anamur<\/em> auszusagen. Gerichtskosten in H\u00f6he von \u201e\u00fcber einer Million Euro\u201c kamen auf den Verein zu. Schmidt erz\u00e4hlt von einem Zeugen, der f\u00e4lschlicherweise vor Gericht behauptete, der Kapit\u00e4n h\u00e4tte der K\u00fcstenwache die genaue Lage der <em>Cap Anamur<\/em> vorenthalten. Nachdem die Aufzeichnungen dann vor Gericht das Gegenteil bewiesen, bestand er darauf \u201esich geirrt zu haben\u201c. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2009-10\/cap-anamur-freispruch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Erst 2009 erfolgte der Freispruch.<\/a> Der \u201eKampf gegen politische Windm\u00fchlen, gegen seelenlose Gesetze und Verordnungen\u201c war damit zu Ende. Der Kapit\u00e4n vermutet \u201eeine kleine Geheimdiplomatie\u201c hinter dem pl\u00f6tzlichen Ende des Verfahrens, \u201ekurz zuvor hatte ich n\u00e4mlich mit Wolfgang Sch\u00e4uble gesprochen\u201c merkt er an.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">&#8222;Auf jeden Fall immer mit auf die Stra\u00dfe gehen!&#8220; &#8211; Ein Interview mit Kapit\u00e4n Stefan Schmidt<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie haben Sie sich in den elf Tagen gef\u00fchlt, haben Sie innerlich gekocht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, es wurde immer schlimmer. Um die 37 auch ein bisschen zu beruhigen, haben wir jeden Abend kurz vor meiner Wache, die um 20 Uhr anfing, eine halbe Stunde Gottesdienst gemacht und zwar mit 27 Moslems und zehn Christen. Gemeinsam. Das war \u00fcberhaupt kein Problem. Ich habe den Gefl\u00fcchteten beigebracht, dass das wichtigste in der Bibel ist, und in allen Religionen gibt es diesen Satz, dass man anderen nicht das antut, was man selber nicht m\u00f6chte. Eigentlich so einfach, dass selbst Idioten das begreifen m\u00fcssten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15219\" aria-describedby=\"caption-attachment-15219\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cap-anamur-schule-22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15219 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cap-anamur-schule-22-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15219\" class=\"wp-caption-text\">Interkulturelle Verst\u00e4ndigung der besonderen Art. Schmidt und die Crew versuchten den Westafrikanern durch Gottesdienste Hoffnung zu geben.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Jetzt sind Sie in einer politisch verantwortlichen Position und gestalten nat\u00fcrlich auch das Asylsystem mit. Was sollte man in Deutschland \u00e4ndern, um einen humaneren Umgang mit diesen Menschen zu erreichen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu habe ich erst letzte Woche der RSH [Radio Schleswig-Holstein, <em>Anm. d. Red.<\/em>] ein Interview gegeben. Ich w\u00fcrde den Spurwechsel einf\u00fchren. Wer abgeschoben werden soll, kann \u201edie Spur wechseln\u201c und mit entsprechenden Referenzen ein Arbeitsvisum beantragen. Diese Leute brauchen wir und warum sollen wir Leute abschieben, die wir brauchen und die nichts getan haben? Das ist f\u00fcr mich nur logisch und das wird auch ein Thema bei der kommenden Preisverleihung f\u00fcr <a href=\"https:\/\/jugendrettet.org\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Jugend rettet<\/a> werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Kritik an Ihnen war oft, dass Sie angeblich versucht h\u00e4tten, den Vorfall 2004 zu nutzen, um die mediale Aufmerksamkeit politisch oder f\u00fcr den Verein zu nutzen. Was sagen Sie zu solchen Vorw\u00fcrfen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist alles Bl\u00f6dsinn. Der Verein war so bekannt, dass die Leute, die ich nach ihm gefragt habe, fast schon beleidigt waren. Das andere waren die Medien, die wir bei uns an Bord hatten: Wir haben niemandem gesagt, kommt mal an Bord. Die kamen alle von sich aus. Ist ja klar: Bekannt wird das. Da hat zum Beispiel jemand von einer Zeitung bei uns angerufen und meinte, das Innenministerium dementiere, dass Kriegsschiffe um uns herumfahren. Dann haben wir nat\u00fcrlich per Skype sofort Bilder geschickt, lebendige Bilder, wie das gerade passiert. Da wusste er sofort, dass die Regierung l\u00fcgt, von Anfang an. Also Medien sind enorm wichtig, gerade jetzt, wo zum Beispiel von der AfD versucht wird Fake News in die Welt zu setzen. Medien m\u00fcssen unterst\u00fctzt werden. Die richtigen aber, auf keinen Fall die Bild-Zeitung. (lacht)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Im Endeffekt haben sie mediale Aufmerksamkeit dennoch ein St\u00fcck weit auch als Waffe eingesetzt \u2026<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026aber nicht f\u00fcr den Verein. Warum Rupert Neudeck das gemacht hat, das wusste nicht einmal seine Frau. Der war dann pl\u00f6tzlich wieder mediengeil oder so, sonst war er ja \u00f6fter in der \u00d6ffentlichkeit. Wir haben Leute gerettet und da greift er uns an. Da sind die Spenden f\u00fcr den Verein um 40% runtergegangen. Durch ihn, der den Verein Cap Anamur gegr\u00fcndet hat, das hat niemand verstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was kann man als einzelne Person tun, wenn man nicht gerade ein Kapit\u00e4n ist, damit es an den Grenzen humaner zugeht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also auf jeden Fall immer mit auf die Stra\u00dfe gehen! Immer seine Meinung vertreten, keine Angst haben. Das kann jeder. Im Freundeskreis hat man ja wahrscheinlich auch eher andere, die auf der gleichen Schiene laufen, als irgendwelche komischen AfD-Leute. Was mir Hoffnung macht: Als wir 2004 oder 2005 den ersten Vortrag an der Uni in Kiel gehalten haben, sa\u00dfen im Audimax 10 Studenten, obwohl das gerade in den Medien lief. Als ich dann mit den Studenten geredet habe, sagten sie, sie h\u00e4tten viel zu tun und k\u00f6nnten sich nicht auch noch um Politik k\u00fcmmern. Das hat sich ge\u00e4ndert. Gottseidank hat das sich ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Interview.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><u>Fotos:<\/u><\/strong> Stefan Schmidt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Interview ist am Montag den 06.05.2019 im Rahmen einer Veranstaltung der Demokratie in Bewegung T\u00fcbingen im Sudhaus entstanden. Der Autor dieses Beitrages engagiert sich kommunalpolitisch f\u00fcr diese Partei.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange vor den j\u00fcngsten Fluchtereignissen, rettete Stefan Schmidt Menschen vor dem Ertrinken auf dem Mittelmeer. 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