{"id":15304,"date":"2019-05-17T17:17:04","date_gmt":"2019-05-17T17:17:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=15304"},"modified":"2021-02-19T18:02:19","modified_gmt":"2021-02-19T18:02:19","slug":"__trashed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/05\/17\/__trashed\/","title":{"rendered":"Muss Inklusion eine Utopie bleiben?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Sechs junge Menschen, sechs verschiedene Wege und ein Blick zur\u00fcck auf das, was w\u00e4hrend und seit ihrer gemeinsamen Schulzeit in einer Inklusionsklasse passiert ist. Mit der Dokumentation \u201eDie Kinder der Utopie\u201c wurden diese Perspektiven am vergangenen Mittwoch im Kino Museum gezeigt. Die anschlie\u00dfende Diskussion regte zum Reflektieren dar\u00fcber an, wo Deutschland nach 10 Jahren UN-Behindertenrechtskonvention in Sache Inklusion steht.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Marvin und Christian sitzen auf einem Hausdach und beobachten, wie die Sonne \u00fcber Berlin untergeht. Es ist viel passiert seit sie sich das letzte Mal gesehen haben und es gibt viel zu erz\u00e4hlen. Gemeinsam mit Johanna, Luca, Natalie und Dennis haben sie vor zw\u00f6lf Jahren eine inklusive Grundschulklasse in Berlin besucht. In der Dokumentation <a href=\"https:\/\/www.diekinderderutopie.de\/home\">\u201eDie Kinder der Utopie\u201c<\/a> von Hubertus Siegert treffen sie sich nun wieder und wagen einen Blick zur\u00fcck. Ein Klassenkamerad trifft auf den n\u00e4chsten, bis sich der Kreis schlie\u00dft und sie gemeinsam an ihre alte Grundschule zur\u00fcckkehren. Zwischen den Begegnungsszenen erz\u00e4hlen die einzelnen Protagonisten von ihrem Weg. Sie lassen Revue passieren wie sie sich entwickelt haben und erz\u00e4hlen davon wie die Zeit in der Inklusionsklasse sie gepr\u00e4gt hat. W\u00e4hrend er \u00fcber den Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen in seiner Studienzeit nachdenkt, meint Dennis:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eW\u00e4re ich nicht Sch\u00fcler einer Integrationsklasse gewesen, kann ich mir vorstellen, dass ich damit sp\u00e4ter gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten gehabt h\u00e4tte&#8220;.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15305\" aria-describedby=\"caption-attachment-15305\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-15305\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/TITEL-1038x584.jpg\" alt=\"\" width=\"1038\" height=\"584\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-15305\" class=\"wp-caption-text\">Johanna und Marvin bei den Dreharbeiten. Im Gespr\u00e4ch tauschen sie sich dar\u00fcber aus wo sie im Leben stehen, was sie f\u00fcr Pl\u00e4ne haben und was sie mit ihrer Schulzeit verbinden.<\/figcaption><\/figure><\/blockquote>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eWir [konnten] herausfinden, was aus den Kindern dieser Schule geworden war, deren Idee von echter Inklusion uns damals fast wie eine Utopie erschienen war.\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon im Jahr 2004 hatte der Regisseur die inklusive Schulklasse der Fl\u00e4ming-Schule in Berlin f\u00fcr die Dokumentation \u201e<a href=\"http:\/\/www.klassenleben.de\/zum-film.php\">Klassenleben<\/a>\u201c\u00a0 begleitet. Die Klasse war damals eine der ersten in Deutschland, in der Kinder mit und ohne Behinderung zusammen lernten und war ein Beispiel daf\u00fcr, wie Inklusion funktionieren kann. Der neue Film bildet daran anschlie\u00dfend einen zweiten Teil und l\u00e4sst sechs junge Menschen \u00fcber ihre pers\u00f6nlichen Erfahrungen in einer inklusiven Klasse zu Wort kommen. Alle sechs Protagonisten erinnern sich dabei an ein besonderes Klassengef\u00fchl, einen besonderen Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe, die in den weiterf\u00fchrenden Schuljahren, nachdem die Inklusionsklasse auseinanderging, verloren gingen. Jegliche Aussagen zu Diagnosen, Kommentare von Experten und Wertungen von Lehrern oder Eltern bleiben dabei bewusst aus. Abseits der bildungspolitischen Diskussion \u00fcber Inklusion an Schulen bietet der Film so eine neue, pers\u00f6nlichere Perspektive auf das Thema und \u00fcberl\u00e4sst das Urteil seinen Zuschauer*innen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eInklusion kann nicht scheitern, weil Inklusion ein Menschenrecht ist. Was scheitert ist unser Schulsystem!\u201c<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der anschlie\u00dfenden kurzen Diskussion waren Schulleiterin Frau von Kutzschenbach, Frau R\u00f6sch, Mutter einer Tochter mit Down-Syndrom, Frau W\u00fcrz, Lehrbeauftragte am Englischen Seminar und selbst Rollstuhlfahrerin, und Prof. Dr. Bohl vom Institut f\u00fcr Erziehungswissenschaften zu Gast. Nach einigem Diskutieren waren sich alle \u00fcber einen Punkt einig: Der Grundstein f\u00fcr gelingende Inklusion muss im Schulsystem gelegt werden und dies scheitert oft heute noch. N\u00f6tig sind mehr Lehrkr\u00e4fte und bessere Ausstattung um Rahmenbedingungen f\u00fcr Inklusion an Regelschulen zu schaffen. Aber vor allem eins sei n\u00f6tig, betonte Frau R\u00f6sch auf die Nachfrage einer angehenden Lehrerin, wie sie sich auf Inklusion in der Schule vorbereiten kann: Offenheit und Mut, die Sache anzugehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15306\" aria-describedby=\"caption-attachment-15306\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15306 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/02-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-15306\" class=\"wp-caption-text\">Luca und Natalie<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Gesetze und Co. \u2013 Welche Rechte haben Menschen mit Behinderung in Deutschland?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt verschiedene Gesetze, die Menschen mit Behinderung in Deutschland sch\u00fctzen. Artikel 3 des Grundgesetzes besagt, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf und sichert so die gleichberechtigte Behandlung aller Menschen vor dem Staat. Weitere Gesetze stellen sicher, dass Formulare von Beh\u00f6rden barrierefrei erh\u00e4ltlich und leicht verst\u00e4ndlich sein m\u00fcssen oder Menschen bei der Bewerbung um einen Job nicht wegen ihrer Behinderung benachteiligt werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 2009 gilt in Deutschland zudem die <a href=\"https:\/\/www.behindertenbeauftragte.de\/SharedDocs\/Publikationen\/UN_Konvention_deutsch.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2\">UN-Behindertenrechtskonvention<\/a>. Grunds\u00e4tzlich setzt die Konvention das Recht auf gleichberechtigte Teilnahme aller Menschen am gesellschaftlichen Leben fest. Das bedeutet beispielsweise, dass Menschen mit Behinderung das Recht haben, in das allgemeine Bildungssystem integriert zu werden oder dass ein barrierefreier Zugang zu \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden vorhanden sein muss. Die Unterzeichnung der Konvention galt als Meilenstein f\u00fcr Inklusion in Deutschland und erweckte Hoffnung auf Verbesserungen. Zehn Jahre danach ist die Bilanz \u00fcber die Durchsetzung der gesteckten <a href=\"https:\/\/www.aktion-mensch.de\/ds\/img\/content\/aktion\/soviel\/parallax\/AKM-Kurzbilanz_10Jahre_UN-BRK.pdf\">Ziele <\/a>jedoch gemischt.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_15307\" aria-describedby=\"caption-attachment-15307\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15307 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/03-1038x583.jpg\" alt=\"\" width=\"1038\" height=\"583\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-15307\" class=\"wp-caption-text\">Manuela W\u00fcrz hat Germanistik und Anglistik in T\u00fcbingen studiert und arbeitet als Lehrbeauftragte am Englischen Seminar.<\/figcaption><\/figure><br \/>\nIm Interview fragten wir Frau W\u00fcrz nach ihrer pers\u00f6nlichen Einsch\u00e4tzung nach zehn Jahren UN-Behindertenrechtskonvention:<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kupferblau: Was hat sich ver\u00e4ndert, seit die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten ist?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt;\"> Frau W\u00fcrz: Leider nicht sehr viel. Die Gesetze sind die gleichen geblieben, die gab es auch schon vor den Konventionen. Allerdings habe ich das Gef\u00fchl, dass es heute mehr Aufkl\u00e4rungsangebote dar\u00fcber gibt, welche Rechte Menschen mit Behinderung haben. Meine Eltern mussten sich damals noch selbst durch Gesetzestexte k\u00e4mpfen.<\/span><\/p>\n<h5>Wie gut funktioniert Inklusion Ihrer Meinung nach, und wie steht Deutschland im Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern da?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau W\u00fcrz: Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es in Deutschland viel mit Gl\u00fcck zu tun hat, ob Inklusion funktioniert. Auf meinem Ausbildungsweg \u00fcber das Abitur bis hin zum Studium hatte ich viel Gl\u00fcck mit den Menschen, die mir auf dem Weg begegnet sind. Hat man dieses Gl\u00fcck nicht, kann es sehr schwierig werden.<br \/>\nWas den Vergleich mit anderen L\u00e4ndern angeht habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass beispielsweise Schottland beim Thema Barrierefreiheit viel weiter ist. Es gibt in nahezu jedem Laden oder Caf\u00e9 barrierefreie Eing\u00e4nge, Lifts oder sonstige M\u00f6glichkeiten, die es mir mit dem Rollstuhl leichter gemacht haben, mich frei zu bewegen. Deutschland ist von Barrierefreiheit in den allermeisten St\u00e4dten weit entfernt. Stellen sie sich schon allein vor, wie schwierig es in der T\u00fcbinger Altstadt mit dem Rollstuhl ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Titelbild: Friederike Streib, Bild 1: Josephine Links, Bild 2: M. Bothor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sechs junge Menschen, sechs verschiedene Wege und ein Blick zur\u00fcck auf das, was w\u00e4hrend und seit ihrer gemeinsamen Schulzeit in einer Inklusionsklasse passiert ist. 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