{"id":15321,"date":"2019-05-19T06:02:19","date_gmt":"2019-05-19T06:02:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=15321"},"modified":"2021-02-19T18:01:57","modified_gmt":"2021-02-19T18:01:57","slug":"spd-4-0-kuenstliche-intelligenz-im-sudhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/05\/19\/spd-4-0-kuenstliche-intelligenz-im-sudhaus\/","title":{"rendered":"SPD 4.0: K\u00fcnstliche Intelligenz im Sudhaus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b><i>Am Freitagabend holte sich die SPD f\u00fcr ihre Diskussion zum maschinellen Lernen namhafte Fachleute auf\u2019s Podium. Bei einem m\u00e4\u00dfigen Zustrom an Interessierten sprachen sie \u00fcber das Cyber Valley und k\u00fcnstliche Intelligenz in der Arbeitswelt.\u00a0<\/i><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><\/b><i><\/i><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die einen ist es wohlklingende Zukunftsmelodie, f\u00fcr die anderen eine uns\u00e4gliche Kakophonie \u00fcberdrehter Fachbegriffe: Das Thema k\u00fcnstliche Intelligenz bewegt die Menschen. Auch in T\u00fcbingen ist die Debatte um Cyborgs, autonomes Fahren und digitalisierte Pflege l\u00e4ngst angekommen. Kontroversen Z\u00fcndstoff bietet vor allem das umstrittene Gro\u00dfprojekt <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2018\/12\/20\/cyber-valley-besetzer-treffen-befuerworter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Cyber Valley<\/a>, eines der gr\u00f6\u00dften im Bereich der k\u00fcnstlichen Intelligenz in Europa. Doch die Rechnung der Veranstalter schien zun\u00e4chst nicht aufzugehen: Gerade einmal ein Viertel der Sitzpl\u00e4tze war an diesem Abend besetzt. Der Freitagabend scheint nicht die Prime-Time f\u00fcr politische Diskussionen zu sein \u2013 vor allem nicht f\u00fcr die Generation U-30.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Machine Learning: Revolution oder alter Hut?<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch von Beginn an: Durch die Diskussion leitete an diesem Abend Dr. Dorothea Kliche-Behnke, Kreisvorsitzende der SPD. Obwohl Kliche-Behnke betonte, dass nicht alle Diskuntant*innen aus dem sozialdemokratischen Umfeld kommen, lie\u00df sich ein Ungleichgewicht nicht abstreiten. Drei der vier Teilnehmer*innen sind f\u00fcr die SPD aktiv, Kliche-Behnke selbst nicht mitgez\u00e4hlt. Auf dem Podium diskutierten Werner Walser, Vorsitzender des Ortsvereins der T\u00fcbinger SPD und Dekan an der Hochschule f\u00fcr Polizei Baden-W\u00fcrttemberg. Zu seiner Linken sa\u00df Gisela Grabe. Die Fachinformatikerin engagiert sich ebenfalls f\u00fcr die SPD. F\u00fcr die anstehende Kreistagswahl h\u00e4lt sie einen Listenplatz. Auch zu Gast an diesem Abend war Welf Schr\u00f6ter. Er ist Leiter des <a href=\"https:\/\/bw.dgb.de\/ueber-uns\/ansprechpartner\/forum-soziale-technikgestaltung-beim-dgb\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Forums \u201eSoziale Technikgestaltung\u201c<\/a>. Ihm war vor allem eine Einordnung der Debatte in den gesellschaftspolitischen Diskurs wichtig. Einziger Nicht-SPDler war der T\u00fcbinger Professor Phillip Hennig. Er hat den internationalen Studiengang \u201eMachine Learning\u201c in T\u00fcbingen mitkonzipiert und leitet den <a href=\"https:\/\/www.wsi.uni-tuebingen.de\/lehrstuehle\/methoden-des-maschinellen-lernens\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lehrstuhl f\u00fcr Methoden des Maschinellen Lernens<\/a>.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15323\" aria-describedby=\"caption-attachment-15323\" style=\"width: 1001px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/2-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15323 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/2-2-1001x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1001\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15323\" class=\"wp-caption-text\">Phillip Hennig m\u00f6chte den Zuh\u00f6rer*innen das Thema n\u00e4her bringen (v. l. Gisela Grabe, Dorothea Kliche-Behnke, Welf Schr\u00f6ter, Phillip Hennig).<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrer kurzen Er\u00f6ffnungsrede steckte Kliche-Behnke den Rahmen f\u00fcr den Abend ab. Diskutiert werden sollten die Auswirkungen von k\u00fcnstlicher Intelligenz auf die Arbeitswelt. Auch einen der Hauptkritikpunkte am Cyber Valley machte sie bereits deutlich: Die Menschen haben das Gef\u00fchl, das Thema werde nicht ausreichend diskutiert. Viele f\u00fchlen sich \u00fcbergangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem zwanzigmin\u00fctigen Vortrag f\u00fchrte Prof. Hennig in die Thematik der k\u00fcnstlichen Intelligenz ein. Er bem\u00fchte sich, <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2019\/01\/18\/kritisch-hinterfragen-und-mutig-ausprobieren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die Materie auch f\u00fcr den Laien greifbar zu machen<\/a>. Stellenweise kam ihm dabei allerdings die Komplexit\u00e4t der Problematik in die Quere. Sein Anspruch an diesen Abend: Er m\u00f6chte neutral bleiben und sich der Polarisierung der Debatte um k\u00fcnstliche Intelligenz entziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder betonte Hennig, dass die Grundidee nicht neu sei. So revolution\u00e4r wie k\u00fcnstliche Intelligenz von mancher Stelle angepriesen werde, sei sie keineswegs. Tats\u00e4chlich <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geschichte_der_k%C3%BCnstlichen_Intelligenz\">lasse sie sich sogar bis ins 14. Jahrhundert<\/a> nachvollziehen. Auch den teilweise fantastischen Ideen, die zweifelsohne im Raum stehen, erteilte er eine klare Absage. Lernende Maschinen seien immer vom Menschen abh\u00e4ngig, nicht umgekehrt.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eDas Problem sitzt vor dem Bildschirm\u201c<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach den wissenschaftlichen Fakten ergriff Welf Schr\u00f6ter das Wort. Sein Vortrag erinnerte an eine Zeitreise. So erz\u00e4hlte er von Valentin Braitenberg, seiner Zeit bedeutender T\u00fcbinger Kybernetiker. Dieser \u00fcberzeugte Schr\u00f6ter zu Studienzeiten von der Notwendigkeit der k\u00fcnstlichen Intelligenz. Ganz abgew\u00f6hnt habe sich Schr\u00f6ter eine kritische Sicht auf die Dinge allerdings nie. Er ist \u00fcberzeugt: Wer von Technik betroffen ist, der m\u00fcsse sich auch in die Technik einmischen d\u00fcrfen \u2013 und zwar von Anfang an. Auch er bestritt die Neuheit der Debatte. Was einst smart war, hie\u00df sp\u00e4ter 4.0 und wird heute k\u00fcnstliche Intelligenz genannt. Er sprach von einer \u201enachholenden Digitalisierung\u201c. Vieles werde lediglich als neu empfunden. Schr\u00f6ter w\u00fcnschte sich einen Paradigmenwechsel in der Debatte: \u201eDas Problem sitzt <em>vor<\/em> dem Bildschirm.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_12747\" aria-describedby=\"caption-attachment-12747\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_1884.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12747 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_1884-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12747\" class=\"wp-caption-text\">Transparent am Kupferbau: Gegner*innen des Cyber Valleys besetzten im November nach einer Demonstration das Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude. .<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz der teilweise flapsigen Kommentare von Schr\u00f6ter, war es streckenweise schwierig, ihm zu folgen. Man hatte das Gef\u00fchl, er wolle alles sagen, was ihm auf dem Herzen liegt \u2013 am besten in m\u00f6glichst wenig Zeit. Auch Kliche-Behnke schien das zu sp\u00fcren und er\u00f6ffnete die Diskussio. Sie begann mit einem Thema, das schnell zum Kernthema der Diskussion avancierte: die Angst vor negativen Folgen von maschinellem Lernen. Gisela Grabe hielt eine gesunde Portion Skepsis gegen\u00fcber dem Thema f\u00fcr geboten. Bei dieser Gelegenheit erw\u00e4hnte sie auch <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2018\/12\/01\/der-kupferbau-ist-besetzt\/\">die Besetzung des Kupferbaus Ende 2018<\/a>. Sie begr\u00fc\u00dfte die Debatte, die durch diese Aktion entflammt ist. Walser pflichtete ihr bei. Er verwies auf Entwicklungen in China, wo selbst die Konzentration von Sch\u00fclern aufgezeichnet wird. Trotzdem halte er k\u00fcnstliche Intelligenz f\u00fcr nicht aufhaltbar. Man m\u00fcsse sich fragen, wie man mit dieser zwangsl\u00e4ufigen Entwicklung am besten umgeht.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Gewerkschaft f\u00fcr k\u00fcnstliche Intelligenz<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schr\u00f6ter griff diesen Gedanken auf und r\u00fcckte die Diskussion wieder in die N\u00e4he der Arbeitswelt. Er warf ein, \u201edass wir es mit einem strukturellen Wandel des Orts \u201aBetrieb\u2018 zu tun haben.\u201c Immer mehr Arbeitnehmer*innen h\u00e4tten einen Betrieb noch nie von innen gesehen. Sie w\u00fcrden keinerlei Schutz von Betriebsr\u00e4ten erfahren. Solche Entwicklungen m\u00fcssten Teil des gewerkschaftlichen Diskurses werden. Soziale Standards im Bereich k\u00fcnstliche Intelligenz seien dringend n\u00f6tig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daraufhin sprach Kliche-Behnke die Risiken des maschinellen Lernens an. Vorw\u00fcrfe nach einer Beteiligung an R\u00fcstungsforschung wies Hennig aber entschieden zur\u00fcck. Die Pr\u00e4ambel der Grundordnung der Uni T\u00fcbingen lasse so etwas gar nicht zu. Walser schloss sich ihm an, relativierte allerdings: Im Cyber Valley werde Grundlagenforschung betrieben. Was damit geschehen darf und was nicht, m\u00fcssten Gesetze festlegen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15322\" aria-describedby=\"caption-attachment-15322\" style=\"width: 1001px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15322 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/1-1-1001x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1001\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15322\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Dorothea Kliche-Behnke moderierte die Veranstaltung am Freitagabend.<\/figcaption><\/figure>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Digitalisierung im Lehrplan<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach anderthalbst\u00fcndiger Diskussion war das Plenum an der Reihe. Trotz der eher sp\u00e4rlichen Zahl an Zuh\u00f6rer*innen, meldeten sich viele Interessierte zu Wort. Dabei stellte sich besonders die Schwierigkeit, konkrete Fragen zu formulieren \u2013 sicherlich ein Nebeneffekt des komplexen Sachverhalts. Die Diskutant*innen lie\u00dfen sich davon jedoch nicht beirren und gingen auf einzelne Punkte n\u00e4her ein. Sie waren sich einig, dass junge Menschen fr\u00fch an die Thematik herangef\u00fchrt werden m\u00fcssen. Grabe sprach sich daf\u00fcr aus, Digitalisierung zum festen Bestandteil des Lehrplans zu machen. Schr\u00f6ter hingegen war sich unsicher, wann der richtige Zeitpunkt ist, Kinder mit dem Thema vertraut zu machen. Zustimmung daf\u00fcr erhielt er von einem pensionierten Sonderschullehrer aus dem Publikum. Dieser empfindet einen Niveauverlust der Leistung bei Schulkindern, herbeigef\u00fchrt durch die Digitalisierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Debatte hat vor allem eines gezeigt: Maschinelles Lernen ist weder neu noch vom Himmel gefallen. Die Gesellschaft steht vor der Herausforderung, Antworten auf ungel\u00f6ste Fragen zu finden. Diese betreffen vor allem die Arbeitswelt, ein Bereich, der an diesem Abend aufgrund der kontroversen Diskussion nicht immer in ausreichendem Ma\u00dfe im Blick war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Fotos:<\/strong><\/span> Heinz Hau\u00dfmann<br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Foto Transparent<\/strong><\/span>: Leo Schnirring<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitagabend holte sich die SPD f\u00fcr ihre Diskussion zum maschinellen Lernen namhafte Fachleute auf\u2019s Podium. 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