{"id":15431,"date":"2019-05-25T13:00:58","date_gmt":"2019-05-25T13:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=15431"},"modified":"2021-02-19T18:00:39","modified_gmt":"2021-02-19T18:00:39","slug":"der-kampf-der-indigenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/05\/25\/der-kampf-der-indigenen\/","title":{"rendered":"Der Kampf der Indigenen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>In Brasilien hat zu Jahresbeginn die neue Regierung unter Pr\u00e4sident Jair Bolsonaro ihre Arbeit aufgenommen. Wie sich die Lage f\u00fcr indigene V\u00f6lker seitdem verschlechtert hat, berichtete Ursel Habermann am Donnerstagabend in einem Vortrag im Rahmen des Forums Pensamiento Latinoamericano.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist acht Uhr.\u201c Mit diesen Worten begr\u00fc\u00dfte Dipl. Geografin Ursel Habermann die rund 25 Zuh\u00f6rer*innen, die sich am Donnerstagabend im Verf\u00fcgungsgeb\u00e4ude versammelt hatten und begann ihren Vortrag dazu passend mit <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/video\/video-531855.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">einem kurzen Ausschnitt aus der Tagesschau<\/a>. Das Video zeigte die Proteste der indigenen V\u00f6lker Brasiliens im April gegen die massive Regenwaldabholzung und die Politik der neuen Regierung. Durch die Abholzungen verlieren die Indigenen ihre Lebensr\u00e4ume und damit auch ihre Traditionen. Um genau diesen Konflikt ging es Ursel Habermann in ihrem Vortrag.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15445\" aria-describedby=\"caption-attachment-15445\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15445 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/DSCF8149-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-15445\" class=\"wp-caption-text\">Ursel Habermann zeigte ihr gro\u00dfes Interesse an der indigenen Bev\u00f6lkerung Brasiliens auch mit der passenden Kleidung.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geografin, die eigentlich im Bereich der Raumordnung im Regierungspr\u00e4sidium arbeitet, reist seit mehreren Jahren immer wieder privat nach S\u00fcdamerika und hat dort viele Kontakte gekn\u00fcpft, unter anderem zu verschiedenen Aktivist*innen in Brasilien. Im gr\u00f6\u00dften s\u00fcdamerikanischen Land gibt es \u00fcber 300 unterschiedliche indigene V\u00f6lker. Einige leben nach wie vor v\u00f6llig abgeschieden im Amazonas-Dschungel, die meisten aber in Reservaten, wo der Kontakt zur \u201emodernen\u201c Welt unterschiedlich stark ausgepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Schwierige politische Situation<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brasiliens Indigene sind Schwierigkeiten gewohnt. Auch unter einigen vorherigen Regierungen mussten sie um ihre Rechte und ihr Land k\u00e4mpfen. Unter Bolsonaro haben sich die Probleme jedoch rapide versch\u00e4rft: Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Funda%C3%A7%C3%A3o_Nacional_do_%C3%8Dndio\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Indigenenbeh\u00f6rde FUNAI<\/a> wurde dem Ministerium f\u00fcr Frauen und Kinder einverleibt, die Einteilung der Indigenengebiete unterliegt nun dem Agrarministerium. Dessen vorsitzende Ministerin, Tereza Cristina, wird auch als \u201eMuse des Agrar-Gifts\u201c bezeichnet, weil sie die Interessen der Agrar-Lobby vertrete.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15432\" aria-describedby=\"caption-attachment-15432\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/IMG_7049.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15432 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/IMG_7049-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15432\" class=\"wp-caption-text\">Brasilien ist das Land mit den meisten unkontaktierten V\u00f6lkern der Welt. Die Regierung Bolsonaro m\u00f6chte den Indigenen teilweise die Autonomie aberkennen.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit vertritt sie die <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2019-05\/brasilien-umweltschutz-jair-bolsonaro-wald-zerstoerung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gleiche Linie wie Pr\u00e4sident Bolsonaro selbst<\/a>, der es laut Habermann in etwa so formuliert: \u201eWir wollen den Indigenen helfen, ihre R\u00fcckst\u00e4ndigkeit abzubauen und sich als vollwertige Brasilianer zu etablieren\u201c. Erreichen will er das, indem er das Land der Indigenen zum Acker- und Bergbau freigibt. Die jetzigen Bewohner k\u00f6nnten durch die Verpachtung des Landes Geld verdienen und sich damit ein \u201enormales\u201c Leben finanzieren, so der Pr\u00e4sident. Dass er dabei keine R\u00fccksicht auf die W\u00fcnsche und die Traditionen der Indigenen nimmt, sagt er nicht. \u201eWenn wir alle so leben w\u00fcrden wie die Indigenen, h\u00e4tten wir keine Probleme, zum Beispiel mit dem Klimawandel. Und so eine Lebensweise soll zerst\u00f6rt werden? Das ist einfach sehr bitter\u201c, so Habermann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Gl\u00fcck gibt es nationale und internationale NGOs, die sich f\u00fcr die Rechte der indigenen V\u00f6lker einsetzen. So zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.adveniat.de\/news\/news-detail\/indigenenmissionsrat-bolsonaro-verachtet-indigene\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">CIMI (Conselho Indigenista Mision\u00e1rio)<\/a>. Die katholische Organisation wurde bereits 1972 gegr\u00fcndet, inzwischen engagieren sich \u00fcber 300 haupt- und ehrenamtliche Mitglieder f\u00fcr die indigene Bev\u00f6lkerung. Unter anderem ver\u00f6ffentlich CIMI jedes Jahr eine Publikation, in der detaillierte Gewalttaten jeglicher Art gegen\u00fcber Indigenen aufgelistet werden. F\u00fcr ihr Engagement erhielt die Organisation 2009 einen Menschenrechtspreis vergeben von der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gesellschaft_f%C3%BCr_bedrohte_V%C3%B6lker\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gesellschaft f\u00fcr bedrohte V\u00f6lker.<\/a><\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Zu Besuch bei den Bororo<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Habermann berichtete von einer Reise, die sie mit einer schwedischen Journalistin und einem CIMI-Mitarbeiter zu einem Indigenenstamm machen durfte \u2013 eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Erfahrung. \u201eDie Siedlung der Bororo liegt im Bundesstaat Mato Grosso nahe der Gro\u00dfstadt Rondon\u00f3polis. Sie hat ca. 400 Einwohner\u201c, erkl\u00e4rte Habermann. Im Dorf gebe es einen Stromanschluss, vor einigen Jahren wurde eine neue Schule gebaut. Dort lernten die Kinder des Dorfes sowohl etwas \u00fcber die Traditionen ihres Stammes als auch grundlegende Allgemeinbildung \u2013 damit diejenigen, die es wollen, sp\u00e4ter auf die Universit\u00e4t gehen k\u00f6nnen. Am meisten beeindruckt habe sie allerdings das Gespr\u00e4ch mit dem H\u00e4uptling der Bororo, erz\u00e4hlte Habermann. \u201eEr erkl\u00e4rte, dass sein Stamm im Einklang mit der Natur leben m\u00f6chte, jedes noch so kleine Lebewesen, jeder Stein, jeder Fluss hat gro\u00dfe Bedeutung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Dorfbewohner*innen merken, dass sich ihr Lebensraum ver\u00e4ndert: \u201eIm Fluss gibt es inzwischen viel weniger Fische, sie sind kleiner, und schmecken nicht mehr so gut, wie es noch vor 25 Jahren der Fall war.\u201c Die Indigenen f\u00fchren das auf die Abw\u00e4sser und die in die Fl\u00fcsse geschwemmten Pestizide und D\u00fcngemittel der umliegenden Gro\u00dfbetriebe zur\u00fcck. Mato Grosso geh\u00f6rt zum sogenannten Sojag\u00fcrtel, wo immer mehr Regenwald f\u00fcr riesige Soja-Monokulturen weichen muss. Auch rund um das Dorf der Bororo gibt es riesige Plantagen, Abw\u00e4sser und Pestizide landen ungefiltert im Fluss. \u201eDer H\u00e4uptling sagte: Es ist uns egal, was der wei\u00dfe Mann mit seinem Land macht, aber wir wollen auf unserem Land nach unseren Traditionen leben\u201c, zitierte Habermann.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Zwischen Tradition und Moderne<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur die NGOs, auch die Indigenen selbst setzen sich mehr und mehr f\u00fcr ihre Rechte ein: Zum j\u00e4hrlichen Protest in Brasiliens Hauptstadt, der im Video am Anfang gezeigt wurde, kamen in diesem Jahr so viele Teilnehmer*innen aus allen Teilen des Landes wie noch nie. Indigene Aktivist*innen wie <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/S%C3%B4nia_Guajajara\">S\u00f4nia Guajajara<\/a> erheben lautstark ihre Stimmen, um ihr Land und ihre Traditionen zu bewahren. Pr\u00e4sident Jair Bolsonaro dagegen findet: \u201eWir k\u00f6nnen nicht zulassen, dass Indigene weiter in ihren Reservaten wie Tiere im Zoo leben.\u201c Dass aus Sicht der Indigenen vielleicht er, beziehungsweise wir alle diejenigen sind, die in unseren engen Zimmern und vollen St\u00e4dten wie im Zoo leben, ist ihm anscheinend noch nicht in den Sinn gekommen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15433\" aria-describedby=\"caption-attachment-15433\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15433 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/IMG_7057-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-15433\" class=\"wp-caption-text\">Allein der brasilianische Bundesstaat Mato Grosso ist doppelt so gro\u00df wie Deutschland, die Anzahl der Indigenen ist daher schwierig zu sch\u00e4tzen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Indigene_Bev%C3%B6lkerung_Brasiliens\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">In ganz Brasilien sollen es noch 350.000 <\/a>sein.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es auch zwischen den Indigenen unterschiedliche Meinungen gibt, macht Ursel Habermann in der anschlie\u00dfenden, angeregten Diskussion klar: \u201eNat\u00fcrlich leben viele der Indigenen heute schon gewisserma\u00dfen in zwei Welten. Und nat\u00fcrlich gibt es auch einige, die gehen, um in der \u201emodernen\u201c Welt zu leben. Und dann gibt es andere, die wieder zur\u00fcckkommen. Das wichtigste sollte doch sein, was die Indigenen wollen. Und denjenigen, die nach ihren Traditionen leben wollen, sollte man nicht die Grundlage daf\u00fcr \u2013 ihr Land \u2013 wegnehmen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das studentische Diskussionsforum <a href=\"https:\/\/de-de.facebook.com\/groups\/322264264486604\/\">Pensamiento Latinoamericano<\/a> (&#8222;Lateinamerikanisches Denken&#8220;) wurde bereits in den 90er Jahren ins Leben gerufen. In diesem Semester findet zum inzwischen 29. Mal eine w\u00f6chentliche Vortragsreihe statt, bei der \u00fcber diverse politische und kulturelle Themen des lateinamerikanischen Kontinents referiert und diskutiert wird. Die Vortr\u00e4ge finden immer donnerstags um 20 Uhr im Verf\u00fcgungsgeb\u00e4ude (Wilhelmstr. 19) statt. Einige der Vortr\u00e4ge werden auf Portugiesisch oder Spanisch gehalten, k\u00f6nnen jedoch bei Bedarf ins Deutsche \u00fcbersetzt werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Fotos<\/strong><\/span>: Ursel Habermann, Lisamarie Haas<br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Titelbild<\/strong><\/span>: <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/midianinja\/\">M\u00eddia NINJA<\/a> via <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/midianinja\/32682776550\/in\/album-72157677096865214\/\">Flickr<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/2.0\/\"><span class=\"cc-license-identifier\">CC BY-NC-SA 2.0<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Brasilien hat zu Jahresbeginn die neue Regierung unter Pr\u00e4sident Jair Bolsonaro ihre Arbeit aufgenommen. 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