{"id":1559,"date":"2013-10-21T18:46:45","date_gmt":"2013-10-21T18:46:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=1559"},"modified":"2021-02-21T13:18:28","modified_gmt":"2021-02-21T13:18:28","slug":"tubingen-als-experiment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2013\/10\/21\/tubingen-als-experiment\/","title":{"rendered":"T\u00fcbingen als Experiment"},"content":{"rendered":"<h3>Was Werbe- und Konsumforschung von einer Stadt wie T\u00fcbingen lernen k\u00f6nnte<\/h3>\n<p><strong><span style=\"color: #004b88;\">Die Mails von den Verteilern der Uni quellen \u00fcber: Befragungen \u00fcber Befragungen. Aber was f\u00fcr Viele nervig erscheint, ist f\u00fcr die Forschung immens wichtig. Einige St\u00e4dte werden dabei direkt von Wissenschaftlern auseinandergenommen. Welche Rolle k\u00f6nnte T\u00fcbingen dabei spielen?<\/span><\/strong><br \/>\n<em>von Alexander Link<\/em><br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie pf\u00e4lzische Stadt Ha\u00dfloch ist langweilig normal \u2014 und deswegen etwas Besonderes: Sie gilt als das repr\u00e4sentativste St\u00e4dtchen in Deutschland. Ganz anders als T\u00fcbingen.<br \/>\nDie Gesellschaft f\u00fcr Konsumforschung (GFK) testet dort neue Werbespots und Anzeigen, die es noch nirgendswo gibt. In Superm\u00e4rkten soll sp\u00e4ter dann der beobachtete Einkauf von Kunden auf die \u201etats\u00e4chliche Wirkung\u201c der Werbung erschlossen werden. Ein Experiment, das man auch in T\u00fcbingen machen k\u00f6nnte?<br \/>\nLaut GFK stimmen erstaunliche 90% der Ergebnisse aus Ha\u00dfloch mit dem sp\u00e4teren Absatz \u00fcberein. Eine gute Quote. Aber funktioniert \u00a0Forschung in Ha\u00dfloch wirklich so gut wie behauptet? Und wenn ein Experiment f\u00fcr eine ganze Stadt \u2014 was sehr an den Film \u201eTruman-Show\u201d erinnert \u2014 \u00a0funktioniert, k\u00f6nnte man dann nicht auch Erkenntnisse aus T\u00fcbingen ziehen?<br \/>\nDr. Tino Meitz, Medienwissenschaftler und Werbeforscher an der Uni T\u00fcbingen, ist solcher Forschung gegen\u00fcber eher skeptisch: \u201eHa\u00dfloch ist eine Stadt, die in sehr vielen f\u00fcr Konsum relevanten Merkmalen mit dem Bundesdurchschnitt \u00fcbereinstimmt\u201d, erkl\u00e4rt er die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Wahl der Stadt als ein \u00a0Mekka der Konsumforschung. Dennoch sollte man die Forschung auch dort kritisch betrachten: \u201eHa\u00dfloch gibt nicht die Konsumwirklichkeit wieder\u201d,\u00a0so Dr. Meitz.<br \/>\nGr\u00fcnde gibt es viele: Auch die Kleinstadt stellt nicht in allen Merkmalen den Bundesdurchschnitt dar, \u00fcber den man etwas herausfinden m\u00f6chte. Viele Otto-Normal-Verbraucher machen noch keine Kopie des ganzen Landes. Au\u00dferdem sind die Befragungen h\u00f6chst selektiv, denn die Teilnahme ist freiwillig, entsprechend machen eher Personen mit, die \u00a0der Konsumforschung gegen\u00fcber positiv eingestellt sind.<br \/>\nDr. Meitz vermutet sogar optimistische Verzerrungen bei den Befragungen: \u201eIch w\u00fcrde sagen, dass das Bild grunds\u00e4tzlich positiver gegen\u00fcber Konsum sein d\u00fcrfte.\u201c<br \/>\nAu\u00dferdem sind auch Trotzeffekte, die sogenannte Reaktanz, nicht un\u00fcblich. Merken die Menschen, dass sie immer wieder gezielt mit neuer Werbung konfrontiert werden? Konsumieren sie vielleicht bewusst die beworbenen Produkte nicht mehr oder boykottieren Befragungen?<br \/>\nSolche Effekte w\u00fcrden wahrscheinlich auch in T\u00fcbingen auftauchen. Warum sollte man also T\u00fcbingen \u00fcberhaupt als Modellstadt verwenden? Ginge das \u00fcberhaupt und wenn ja, f\u00fcr welche Forschungsfragen?<br \/>\nStichproben aus T\u00fcbingen k\u00f6nnten gewisse R\u00fcckschl\u00fcsse auf \u00a0Gruppen in Gesamtdeutschland zulassen. Denn T\u00fcbingen hat eine interessante Bev\u00f6lkerungsstruktur: \u201eEine junge Stadt, ein gewisses politisches Meinungsbild, \u00f6kologisch interessierte Menschen \u2014 eine typische Studentenstadt\u201c, bringt<br \/>\nDr. Meitz an.<br \/>\nSo lie\u00dfe sich \u00fcberlegen, ob man durch Forschung hier R\u00fcckschl\u00fcsse auf bestimmte Zielgruppen, wie beispielsweise den 19 bis 29-J\u00e4hrigen, bekommen k\u00f6nnte.<br \/>\n\u201eErhebungen in T\u00fcbingen sind also sinnvoll, wenn man sich den Grenzen der Aussagekraft bewusst ist\u201c, so Dr. Meitz. F\u00fcr Gesamtdeutschland w\u00fcrde man in T\u00fcbingen wohl kaum \u00a0repr\u00e4sentative Befragungen hinbekommen.<br \/>\nAu\u00dferdem m\u00fcsste man diese Konsumforschung dann auch eher in homogenen \u201eStudenten-Stadtteilen\u201d wie dem WHO oder dem franz\u00f6sischen Viertel betreiben. Dr. Meitz bezeichnet sie als \u201eeinzelne Stadtteile, die sehr geschlossen sind und das Bild, das man von T\u00fcbingen kolportiert, auch eher darstellen k\u00f6nnen.\u201d<br \/>\nDenn nicht jeder Stadtteil ist gleicherma\u00dfen studentisch \u2014 die Kluft zwischen alter\u00a0und junger Stadtbev\u00f6lkerung ist gro\u00df. Daher kann man T\u00fcbingen wahrscheinlich als Ganzes sowieso nicht als repr\u00e4sentative Stadt f\u00fcr irgendeine Zielgruppe verwenden. \u201eIch w\u00fcrde T\u00fcbingen nicht als symptomatisch bezeichnen\u201d, merkt Dr. Meitz daher an.<br \/>\nDoch wenn weder Ha\u00dfloch noch T\u00fcbingen hundertprozentig sichere Ergebnisse liefern k\u00f6nnen, bleibt ein wesentlicher Vorteil: die billigen Produktionskosten. Um die Einf\u00fchrung eines neuen Joghurts oder die Beliebtheit einer kleinen Werbekampagne zu testen, lohnt es sich kaum, bundesweite Umfragen in den Zielgruppen zu machen.<br \/>\nUm junge Zielgruppen zu erforschen, k\u00f6nnte man also auch in Teilen T\u00fcbingens Konsum- und Werbeforschung betreiben, wenn Zeit und Geld fehlen und man sich der jungen Zielgruppe bewusst ist: \u201eT\u00fcbingen als ein Soziotop eignet sich dann, wenn die Forschung gewisse Fragen unbedingt beantworten will\u201d, so Dr. Meitz.<br \/>\nForschungs\u00f6konomie nennt man das. Und die gibt es in der Wissenschaft nicht selten. Aber T\u00fcbingen wird wohl nie zu einer Modellstadt werden, denn daf\u00fcr ist T\u00fcbingen einfach zu bunt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was Werbe- und Konsumforschung von einer Stadt wie T\u00fcbingen lernen k\u00f6nnte Die Mails von den Verteilern der Uni quellen \u00fcber: Befragungen \u00fcber Befragungen. Aber was &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":232,"featured_media":1560,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[188],"tags":[505],"class_list":["post-1559","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wissenschaft","tag-konsumforschung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1559","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/232"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1559"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1559\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24243,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1559\/revisions\/24243"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1559"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1559"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1559"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}