{"id":15679,"date":"2019-07-22T16:02:01","date_gmt":"2019-07-22T14:02:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=15679"},"modified":"2019-07-22T16:02:01","modified_gmt":"2019-07-22T14:02:01","slug":"wer-war-eigentlichruemelin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/07\/22\/wer-war-eigentlichruemelin\/","title":{"rendered":"Wer war eigentlich\u2026R\u00fcmelin?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><i><strong>Tagt\u00e4glich kommen wir an Orten vorbei, die nach historischen Pers\u00f6nlichkeiten benannt wurden. Doch wer waren diese Menschen und was leisteten sie, dass Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze und Denkm\u00e4ler zu ihren Ehren erbaut wurden?<\/strong><span style=\"color: #ff6600;\"><b><span style=\"color: #000000;\"> Aus bekannter Familie geboren, an der Universit\u00e4t Karriere gemacht und verschrien als &#8222;meistgehasster Mann W\u00fcrttembergs&#8220;: R\u00fcmelin, viel mehr als der Name einer Bushaltestelle. <\/span><br \/>\n<\/b><\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf den falschen Bus gesetzt<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Prof hat mal wieder ma\u00dflose zehn Minuten \u00fcberzogen. Jeder normal denkende Student w\u00e4re wohl l\u00e4ngst aus dem Kupferbau geflohen, w\u00e4re der Stoff nicht absolut klausurrelevant. Jetzt aber los. In ein paar Minuten mit dem Bus zum Hauptbahnhof? Das klappt bestimmt. Schnell in den n\u00e4chstbesten Bus gehuscht und \u2013 <em>R\u00fcmelinstra\u00dfe<\/em>. Verdammt! Falscher Bus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16053\" aria-describedby=\"caption-attachment-16053\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/DSCF3594.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16053 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/DSCF3594-1038x584.jpg\" alt=\"\" width=\"1038\" height=\"584\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16053\" class=\"wp-caption-text\">Die Bushaltestelle R\u00fcmelinstra\u00dfe in der Innenstadt ist wohl eine der meistbedienten in T\u00fcbingen.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Studierende werden diese oder eine \u00e4hnliche Situation wohl schon einmal durchlebt haben. Da stellt sich doch fast zwangsl\u00e4ufig die Frage, wer R\u00fcmelin eigentlich war. Und ist er wirklich so unwichtig, dass nicht jeder Bus an seiner Haltestelle h\u00e4lt? Mitnichten. Tats\u00e4chlich gab es in T\u00fcbingen nicht nur einen Herren, der hinten R\u00fcmelin hie\u00df. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/R%C3%BCmelin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gleich mehrere Vertreter der von R\u00fcmelins haben sich in T\u00fcbingen einen Namen gemacht.<\/a> Die R\u00fcmelinstra\u00dfe, die so unscheinbar aus der H\u00f6lderlinstra\u00dfe hervorgeht, ist jedoch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gustav_von_R%C3%BCmelin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gustav von R\u00fcmelin <\/a>gewidmet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Christian Heinrich Wilhelm Gustav von R\u00fcmelin wurde am 26. M\u00e4rz 1815 in Ravensburg geboren. Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Schwabenland. In den 1830ern studierte er evangelische Theologie an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Er schloss sich einer Burschenschaft an, obwohl er nicht fechten konnte, wie sich sein Sohn sp\u00e4ter erinnern sollte. Im Jahre 1837 promovierte Gustav von R\u00fcmelin zum Doktor der Philosophie. Danach arbeitete er als provisorischer Lehrer an verschiedenen Lateinschulen. Vier Jahre lang war er sogar Rektor und Erster Lehrer der Lateinschule zu N\u00fcrtingen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15680\" aria-describedby=\"caption-attachment-15680\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/R\u00fcmelin.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15680 size-full\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/R\u00fcmelin.jpeg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"276\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15680\" class=\"wp-caption-text\">Gustav von R\u00fcmelin im Kanzlerornat. 1856 wurde der Familie der Adelstitel verliehen. Gem\u00e4lde von Roland Risse via<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:R%C3%BCmelin_Gustav_von_Roland_Risse.jpg\"> Wikimedia Commons\u00a0<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Der meistgehasste Mann W\u00fcrttembergs<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon zu dieser Zeit engagierte sich R\u00fcmelin sowohl als p\u00e4dagogischer als auch als politischer Schriftsteller. Der Politik blieb er Zeit seines Lebens treu. So geh\u00f6rte er als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung an. In der Paulskirche war er zun\u00e4chst <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frankfurter_Nationalversammlung#Fraktionen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mitglied des W\u00fcrttemberger Hofs, sp\u00e4ter des Augsburger Hofs<\/a>. Dort eckte er vor allem durch seine preu\u00dfische Gesinnung an. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr den Anschluss W\u00fcrttembergs an die preu\u00dfische Verfassung. Diese Standpunkte brachten ihm den Titel einer der \u201emeistgehassten M\u00e4nner W\u00fcrttembergs\u201c ein. Vielleicht ist es also nicht nur die Verkehrsf\u00fchrung, die eine hundertprozentige Busanbindung an dieser Stra\u00dfe verhindert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem Briefwechsel mit einem gewissen Robert Kern machte er 1849 seine politische Haltung in der Preu\u00dfenfrage unverhohlen klar:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Der bornierte w\u00fcrttembergische Eigensinn, der vom \u00fcbrigen Deutschland nichts wei\u00df und mit l\u00e4cherlichem Stolz seinen eigenen Weg einschlagen will, wird uns noch viel zu schaffen machen. Es ist mir oft unbegreiflich, wie dumm bei uns auch die gescheitesten Leute politisieren. Wenn man immer noch vom Festhalten an der Reichsverfassung, vom einigen Deutschland ohne Preu\u00dfen und Oesterreich reden h\u00f6rt, so wei\u00df man nicht, ob man lachen oder weinen soll \u00fcber solche Dummheit, die sich dazu noch f\u00fcr patriotische Weisheit ausgibt, und doch mu\u00df ich alle Augenblicke von irgendeinem Freunde oder Bekannten, den ich bisher f\u00fcr einen gescheiten Menschen gehalten habe, solche Sachen h\u00f6ren.&#8220;<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_15681\" aria-describedby=\"caption-attachment-15681\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/R\u00fcmelinGrab.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15681 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/R\u00fcmelinGrab-896x672.jpeg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15681\" class=\"wp-caption-text\">Das Grab der R\u00fcmelins auf dem T\u00fcbinger Stadtfriedhof. Gleich mehrere Familienmitglieder wirkten in T\u00fcbingen. (Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:GustavRuemelin.jpg\">Wikimedia Commons<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>R\u00fcmelin, der Statistiker und Kanzler<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seiner politischen Karriere tat R\u00fcmelins zweifelhafter Ruf allerdings keinen Abbruch. Als Ministerialrat im w\u00fcrttembergischen Kultusministerium und sp\u00e4ter sogar als Kultusminister, stand er f\u00fcr eine Reihe progressiver Gesetzes\u00e4nderungen. So ist er f\u00fcr das 1858 erlassene Volksschulgesetz verantwortlich. Dieses verhalf dem Lehrerstand zu mehr Ansehen und lie\u00df auch Frauen zum Unterricht zu. Nach seinem R\u00fcckzug aus der aktiven Politik leitete er \u00fcber Jahre hinweg das <a href=\"https:\/\/www.statistik-bw.de\/Service\/Veroeff\/Monatshefte\/20141109\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Statistisch-Topographische B\u00fcro in Stuttgart<\/a>. Die Statistik wurde zu seiner neuen Lebensaufgabe. In den Jahren 1867 bis 1888 unterrichtete er an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen in Statistik, vergleichende Staatenkunde und Philosophie. Ab 1870 war er zus\u00e4tzlich Kanzler der Universit\u00e4t T\u00fcbingen, sicherlich der H\u00f6hepunkt seiner p\u00e4dagogischen Karriere. Als Kanzler war er nicht nur Leiter des Verwaltungsapparats der Uni, sondern agierte auch als Mittler zwischen Universit\u00e4t und Ministerium.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verstarb am 28. Oktober 1889 nach schwerer Krankheit in T\u00fcbingen. Seine Krankheit hielt er bis kurz vor seinem Tod auch vor seinem engsten Familienkreis geheim. Sein Sohn <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_von_R%C3%BCmelin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Max von R\u00fcmelin <\/a>(1861-1931) schlug einen \u00e4hnlichen Weg wie sein Vater ein. Auch er war ab 1908 Kanzler der Universit\u00e4t T\u00fcbingen und etablierte sich als herausragender Zivilrechtler des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quellen und weitere Informationen:<\/em> <strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Dvorak, Helge. <em>Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft<\/em>. Bd. 1: Politiker, Teilbd. 5: R-S, Heidelberg: Winter, 2002.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Hockerts, Prof. Dr. Hans G\u00fcnther. <em>Neue Deutsche Biographie<\/em>. Bd. 22, Berlin: Duncker &amp; Humboldt, 2005.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Raberg, Frank. <em>Biographisches Handbuch der w\u00fcrttembergischen Landtagsabgeordneten 1815-1933<\/em>. Stuttgart: Kohlhammer, 2001.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">R\u00fcmelin, Max. <em>Gustav R\u00fcmelin: Erinnerungen an meinen Vater<\/em>. T\u00fcbingen: Mohr, 1927.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Beitragsbild<\/strong><\/span>: Sven Rottner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagt\u00e4glich kommen wir an Orten vorbei, die nach historischen Pers\u00f6nlichkeiten benannt wurden. 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