{"id":15720,"date":"2019-07-01T17:55:23","date_gmt":"2019-07-01T17:55:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=15720"},"modified":"2021-02-19T17:54:40","modified_gmt":"2021-02-19T17:54:40","slug":"wer-war-eigentlichgmelin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/07\/01\/wer-war-eigentlichgmelin\/","title":{"rendered":"Wer war eigentlich\u2026Gmelin?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Tagt\u00e4glich kommen wir an Orten vorbei, die nach historischen Pers\u00f6nlichkeiten benannt wurden. Doch wer waren diese Menschen und was leisteten sie, dass Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze nach ihnen benannt und Denkm\u00e4ler zu ihren Ehren erbaut wurden? Heute begegnet ihr Chemikern und Pharmazeuten, Doktoren und Professoren, und ein B\u00fcrgermeister ist auch mit dabei.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterwegs zwischen den wichtigsten Geb\u00e4uden der Wilhelmstra\u00dfe begegnen wir ihr tagt\u00e4glich: Unscheinbar beginnt sie zwischen der Neuen Aula und der Alten Arch\u00e4ologie, f\u00fchrt weiter am Kupferbau vorbei, nimmt noch das Theologicum und die Tal-Kliniken mit und verschwindet schlie\u00dflich bergauf im K\u00e4senbachtal: Die Gmelin-Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Offiziell benannt wurde die Stra\u00dfe nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Gottlob_Gmelin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Christian Gottlob Gmelin <\/a>(*1792 &#8211; \u2020 1860, T\u00fcbingen). Bereits mit 25 Jahren \u00fcbernahm er den Lehrstuhl f\u00fcr Chemie und Pharmazie an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen und brach daf\u00fcr seine Studienreisen durch Europa (unter anderem mit <a href=\"https:\/\/www.chemie.de\/lexikon\/J%C3%B6ns_Jakob_Berzelius.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">J. J. Berzelius<\/a>) ab, obwohl ihm in T\u00fcbingen nicht einmal ein Laboratorium zur Verf\u00fcgung stand. Stattdessen musste er sich mit der (nicht heizbaren) alten Schlossk\u00fcche Vorlieb nehmen. Dass ausgerechnet die Stra\u00dfe neben der Alten Arch\u00e4ologie nach Christian Gottlieb Gmelin benannt wurde, liegt wohl daran, dass sich in dem Geb\u00e4ude urspr\u00fcnglich das Chemische Institut befand \u2013 <a href=\"https:\/\/www.tuepedia.de\/wiki\/Alte_Arch%C3%A4ologie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">wie es die T\u00dcpedia Autor*innen treffend ausdr\u00fccken, m\u00fcsste das Geb\u00e4ude deshalb eigentlich \u201eUralte Chemie\u201c hei\u00dfen.<\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_15721\" aria-describedby=\"caption-attachment-15721\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSCF7148.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15721 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSCF7148-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15721\" class=\"wp-caption-text\">Inmitten des Campus: Tausende laufen t\u00e4glich durch die Gmelin-Stra\u00dfe.<\/figcaption><\/figure>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Eine Familie mit Geschichte<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christian Gottlieb war allerdings nicht der einzige bedeutende Spross der Gmelin-Familie: Tats\u00e4chlich w\u00fcrde es den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle Familienmitglieder vorzustellen, die in ihrem Leben Bedeutendes geleistet haben. Der Familienname, der wahrscheinlich aus den Adjektiven \u201egemach\u201c bzw. \u201egem\u00e4chlich\u201c, entstand, findet in T\u00fcbingen zum ersten Mal im 13. Jahrhundert Erw\u00e4hnung. Als Stammvater der Gmelin-Familie gilt Michael Gmelin (ca. 1510-1576), ein Praeceptor ((Haus-) Lehrer) zu Weilheim. Seine Nachkommen sind bis heute in ganz Deutschland zu finden und unterteilen sich in verschiedene Linien, so zum Beispiel die Heidelsheim-Sinsheimer Linie, die Stuttgarter und auch die T\u00fcbinger Linie. Die Ortsnamen beziehen sich dabei auf die jeweiligen Gr\u00fcnder der Linien und stimmen nicht zwangsl\u00e4ufig mit Wohn- oder Wirkungsort der Familienmitglieder \u00fcberein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00fcbinger Linie wurde durch Johann Georg Gmelin (1674-1728) begr\u00fcndet, der nach seiner Heirat mit der Tochter eines T\u00fcbinger Apothekers die <a href=\"https:\/\/www.tuepedia.de\/wiki\/Mayer%c2%b4sche_Apotheke_am_Markt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Apotheke am Markt \u00fcbernahm (heute Mayer\u00b4sche Apotheke)<\/a>. Eine Gedenktafel erinnert noch heute an den ber\u00fchmten Apotheker, der auch an der Uni lehrte, und seine Nachkommen, von denen viele Apotheker, \u00c4rzte oder Professoren, insbesondere der Chemie, Pharmazie und Medizin, wurden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15724\" aria-describedby=\"caption-attachment-15724\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSCF7170.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15724 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSCF7170-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15724\" class=\"wp-caption-text\">Die Wirkungsst\u00e4tte Johann Georg Gmelins: Die heutige Mayer&#8217;sche Apotheke.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">So zum Beispiel auch Leopold Gmelin (1788-1853), Johann Georgs Urenkel. Er studierte urspr\u00fcnglich Medizin und Chemie, interessierte sich aber auch f\u00fcr eine Vielzahl anderer Forschungsgebiete, beispielsweise f\u00fcr Mineralogie und Geologie. Ihm gelangen eine Vielzahl wichtiger Entdeckungen auf mehreren Gebieten. Besonders bekannt wurde er aber f\u00fcr sein \u201eHandbuch der theoretischen Chemie\u201c, das zu seinem Lebenswerk werden sollte: Aufgrund des immer umfangreicher werdenden Materials wuchs das Handbuch mit jeder Ausgabe, bei Leopolds Tod hatte die 4. Auflage bereits siebzehn B\u00e4nde. Auch nach seinem Tod wurde die Arbeit an dem Handbuch fortgef\u00fchrt, unter dem Titel \u201e<a href=\"https:\/\/www.chemie.de\/lexikon\/Gmelins_Handbuch_der_anorganischen_Chemie.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gmelins Handbuch der anorganischen Chemie<\/a>\u201c, ab 1922 durch das <a href=\"https:\/\/www.chemie.de\/lexikon\/Gmelin-Institut.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gmelin-Institut<\/a>. Bei dessen Schlie\u00dfung im Jahr 1997 waren circa 760 B\u00e4nde des Handbuchs erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Johann Georg Gmelins Sohn (1709-1755), das zweite Kind des Linienbegr\u00fcnders, machte seinerzeit von sich reden: Er war Professor f\u00fcr Chemie, Botanik und Medizin und gilt als einer der bedeutendsten Botaniker seiner Zeit. Ber\u00fchmt wurde er vor allem durch sein vierb\u00e4ndiges Werk \u201eReisen durch Sibirien\u201c und sein ebenfalls Hauptwerk \u201eFlora Sibirica\u201c, in welchem er diverse bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse darlegte. Beide Werke entstanden nach einer Sibirienreise, die er 1733 auf Befehl des Kaisers antrat und die neuneinhalb Jahre dauern sollte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15725\" aria-describedby=\"caption-attachment-15725\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSCF7175.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15725 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSCF7175-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15725\" class=\"wp-caption-text\">Eine Gedenktafel r\u00fchmt noch heute die wahrscheinlich bekannteste Familie T\u00fcbingens.<\/figcaption><\/figure>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Die Gmelins heute<\/h2>\n<p>In der j\u00fcngeren Vergangenheit sind im T\u00fcbinger Kontext vor allem zwei Mitglieder der Familie erw\u00e4hnenswert: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Herta_D%C3%A4ubler-Gmelin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Herta D\u00e4ubler-Gmelin <\/a>(*1943), die viele Jahre f\u00fcr die T\u00fcbinger SPD im Bundestag sa\u00df und von 1998-2002 Bundesjustizministerin war, und ihr Vater <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Gmelin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hans Gmelin<\/a> (1911-1991). Dieser machte der beeindruckenden Familiengeschichte jedoch keine Ehre: Er gilt als Mitt\u00e4ter der Nazis, der unter anderem an der Verfolgung Homosexueller und der Deportation slowakischer Juden beteiligt war. Trotzdem wurde der studierte Jurist 1954 zum T\u00fcbinger Oberb\u00fcrgermeister gew\u00e4hlt und erhielt 1975 sogar die Ehrenb\u00fcrgerw\u00fcrde. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.die-ns-vergangenheit-des-frueheren-ob-von-tuebingen-es-geht-hans-gmelin-an-die-ehre.9f70d939-e908-403c-8dba-f9c8c516e47d.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Erst 2018 wurde ihm diese posthum aberkannt.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei so vielen prominenten Mitgliedern (nicht nur die T\u00fcbinger Linie brachte viele anerkannte Wissenschaftler hervor) ist es kaum verwunderlich, dass sich die Gmelins schon lange um eine detaillierte Dokumentation der Familiengeschichte bem\u00fchen. Bereits 1903 wurde ein <a href=\"https:\/\/www.familienverband-gmelin.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Familienverband<\/a> gegr\u00fcndet, der seitdem regelm\u00e4\u00dfig Familientage veranstaltet. Auch ein Gmelin-Archiv wurde 1936 in T\u00fcbingen gegr\u00fcndet, allerdings wurde es in den 90ern dem Stadtarchiv angegliedert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15726\" aria-describedby=\"caption-attachment-15726\" style=\"width: 489px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gmelin.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15726 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gmelin-489x672.jpeg\" alt=\"\" width=\"489\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15726\" class=\"wp-caption-text\">Alle drei Jahre treffen sich die Nachkommen der einstigen Ber\u00fchmtheiten. Das Wappen geht auf das 17. Jahrhundert zur\u00fcck.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>F\u00fcr weitere Informationen \u00fcber die Familie Gmelin und ihre herausragendsten Mitglieder empfehlen wir die Familien-Genealogie von 1973, erschienen im Degener Verlag, <a href=\"https:\/\/rds-tue.ibs-bw.de\/opac\/RDSIndex\/Search?join=AND&amp;lookfor=co_display_lower%3A%22Familienverband+Gmelin%22&amp;type=allfields\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ausleihbar in der Uni-Bibliothek.<\/a><\/em><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>In dieser Reihe bereits erschienen ist: <\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2019\/06\/24\/wer-war-eigentlich-ludwig-uhland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wer war eigentlich&#8230; Ludwig Uhland?<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Bilder<\/strong><\/span>: Luke Liscio<br \/>\n<strong><span style=\"text-decoration: underline;\">Wappen<\/span><\/strong>: Familienverband Gmelin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagt\u00e4glich kommen wir an Orten vorbei, die nach historischen Pers\u00f6nlichkeiten benannt wurden. 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