{"id":15783,"date":"2019-06-15T08:27:11","date_gmt":"2019-06-15T06:27:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=15783"},"modified":"2019-06-15T08:27:11","modified_gmt":"2019-06-15T06:27:11","slug":"ein-zimmermann-als-maulwurf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/06\/15\/ein-zimmermann-als-maulwurf\/","title":{"rendered":"Ein Zimmermann als Maulwurf"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Bei Hechingen-Stein wird ein r\u00f6mischer Gutshof aus der Endzeit des Imperiums wieder aufgebaut. Gleichzeitig wird dort immer noch ausgegraben. Unser Redakteur hatte die Gelegenheit, sich dort als Ausgr\u00e4ber einzubringen \u2013 Eine Reportage \u00fcber Arch\u00e4ologie durch die Augen eines Zimmermanns.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Ich hatte im Juni 2017 mit nunmehr 33 Jahren das Abitur nachgeholt, konnte aber zum Wintersemester 17\/18 auf Grund einiger erwarteter und unerwarteter Schwierigkeiten nicht zu studieren beginnen. Gl\u00fccklicherweise wusste ich aber dank meiner zahlreichen Besuche im <a href=\"http:\/\/www.villa-rustica.de\/index.php\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">R\u00f6mischen Freilichtmuseum Hechingen-Stein <\/a>um die dortige Ausgrabungsstelle. Und auch wenn mein Interesse an Alter Geschichte nun schon rund zwanzig Jahre anhielt, war ich mir \u00fcber mein Wunschstudienfach noch nicht ganz im Klaren und schwankte im Groben zwischen Geschichte und Arch\u00e4ologie, sodass die Gelegenheit nicht h\u00e4tte g\u00fcnstiger sein k\u00f6nnen, um die Probe aufs Exempel zu machen. Auf Grund meiner elfj\u00e4hrigen Erfahrung in der Baubranche schien ich gut geeignet f\u00fcr die Arbeit auf einer Grabung und wurde sofort engagiert.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Die Ausgangslage<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die etwas versteckt liegende Grabungsfl\u00e4che bestand derzeit aus einem rund 7 auf 8 Meter gro\u00dfen Rechteck, in dem eine Stelle untersucht wurde, an der ein Eckturm einer Au\u00dfenmauer auf eine vorbeif\u00fchrende Stra\u00dfe gest\u00fcrzt war. Die Grabung war hier noch nicht sehr weit gediehen &#8211; die oberste Steinlage lag offen. Vereinfacht gesagt wurde Lage f\u00fcr Lage erst mit grobem, dann mit immer feiner werdendem Werkzeug abgetragen, bis die n\u00e4chste Lage zum Vorschein kam. Die ges\u00e4uberte n\u00e4chste Lage wurde dann fotografiert und abgezeichnet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15785\" aria-describedby=\"caption-attachment-15785\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Ausgrabung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15785 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Ausgrabung-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15785\" class=\"wp-caption-text\">Sehr weit war die Ausgrabung noch nicht vorangeschritten &#8211; Es gab einiges zu tun.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Personal, welches ich im Laufe der n\u00e4chsten Tage noch kennenlernen sollte, setzte sich zusammen aus Martin vom Denkmalamt, seinem Mitarbeiter Holger, der hauptberuflicher Arch\u00e4ologe war, einem noch sehr jungen, ehemaligen Schatzj\u00e4ger mit Namen Tim, zwei aus der Umgebung angeworbenen Arbeitskr\u00e4ften, n\u00e4mlich dem \u201eanderen Martin\u201c und Theresa, sowie einigen Ehrenamtlichen vom F\u00f6rderverein, der eigentlich f\u00fcr den Wiederaufbau der Anlage zust\u00e4ndig war.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Die Arbeit im Detail<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Praxis sah das dann so aus, dass ich als einer der J\u00fcngsten mit der Spitzhacke den \u201eAbbruch\u201c besorgte und auch mit dem Schubkarren die schweren Steine abfuhr. Danach kratzten wir mit Kellen und Spachteln die zum Vorschein gekommenen Steine frei, wobei man darauf achten musste, niemals die aktuelle Grabungsfl\u00e4che zu betreten, um nichts zu verschieben. Zum Schluss s\u00e4uberte einer der Erfahrenen die Funde noch einmal mit einem sogenannten \u201eScherrer\u201c, einem gekr\u00fcmmten Metallb\u00fcgel. Ge\u00fcbte Arbeiter k\u00f6nnen einen Stein damit so sauber bekommen, wie mit einer Zahnb\u00fcrste.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15786\" aria-describedby=\"caption-attachment-15786\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Scherrer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15786 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Scherrer-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15786\" class=\"wp-caption-text\">Eines der wichtigsten Utensilien bei der Ausgrabung: Der &#8222;Scherrer&#8220;.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem \u201eAbscherren\u201c der Steine wurde von einer aufgestellten Leiter aus eine Aufnahme aus der H\u00f6he gemacht, wobei die Kamera genau nach unten zeigen sollte. Hin und wieder wurde dazu auch eine Teleskopstange eingesetzt, an deren Spitze ebenfalls eine Kamera befestigt war. Auf dieses konnte man mittels Tablet zugreifen. Da diese Aufnahme in der Natur der Sache liegend immer verzerrt sein muss, insbesondere zum Rand hin, wurde die Mauerlage abgezeichnet und zwar in der Draufsicht, egal wie die Steine lagen. Dazu hatten wir eine Maschine mit raffinierter Mechanik, welche die Bewegung, die man mit einer Stahlnadel ausf\u00fchrte, untersetzte und mit einem beschwerten Bleistift Stein f\u00fcr Stein im Ma\u00dfstab 10:1 nachzeichnete. Immer wenn aber die Strichf\u00fchrung unterbrochen werden sollte, musste ein zweiter Arbeiter den Stift anheben. Deshalb mussten immer zwei gleichzeitig die Maschine bedienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kamen irgendwann an einer Stelle keine Steine mehr, wurde der Lehmboden mit \u201eAbziehern\u201c \u2013 eigentlich nur Metallklingen quer zu einem Stil \u2013 abgezogen, um Farbunterschiede sichtbar zu machen, die die Arch\u00e4ologen interpretieren konnten. Da leider die Lichtverh\u00e4ltnisse meistens zu schlecht f\u00fcr Fotografien waren und es oft regnete, wiederholten wir diese T\u00e4tigkeit des \u00d6fteren, das hei\u00dft nach jedem Regen und hofften dann auf besseres Licht.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Die gesammelten Erkenntnisse<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die spannendste T\u00e4tigkeit, die wir auszuf\u00fchren hatten, war der \u201eSchnitt durch eine Wand\u201c, um das Fundament analysieren zu k\u00f6nnen. Wenn also ein Mauerrest beispielsweise von links nach rechts verlief, dann legten wir einen Graben von 60 cm Breite rechtwinklig dazu an, der vor der Mauer begann und dahinter endet. Am Schnittpunkt der Mauer mit dem Graben konnte man dann ins \u201eInnere\u201c des Bauteils blicken. Die Fundamentgr\u00e4ben waren erstaunlicherweise 60-70 cm tief, was auch heute als frostsichere Gr\u00fcndung gilt und mit im Verh\u00e4ltnis zu den Mauersteinen kleinen Brocken von schlechter Qualit\u00e4t aufgef\u00fcllt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15784\" aria-describedby=\"caption-attachment-15784\" style=\"width: 958px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Felix-Zeichnung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15784 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Felix-Zeichnung-958x672.jpg\" alt=\"\" width=\"958\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15784\" class=\"wp-caption-text\">Schnitt durch einen Mauerrest. I) Sch\u00fcttung aus spitzen Steinen ohne M\u00f6rtel, die sich verkeilen II) Schutt III) hochwertige Steine; der Anschaulichkeit halber wurde von der ma\u00dfst\u00e4blichen Wiedergabe abgewichen.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Funde waren aber recht uninteressant oder nicht zu deuten. Am h\u00e4ufigsten gruben wir Dachziegelscherben gefolgt von Keramikschutt aus. Interessant und einzigartig dagegen, leider aber auch schwer zu deuten, war ein Feuersteinschnipsel, den ich selbst ausgrub. Laut Holger war er offensichtlich bearbeitet, konnte aber in keiner Beziehung zu den hier ans\u00e4ssig gewesenen R\u00f6mern stehen. Seiner Aussage nach war der H\u00fcgel aber schon seit der Jungsteinzeit besiedelt, was eine Erkl\u00e4rung sein mochte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach meinem letzten Arbeitstag war ich mir aber sicher, dass das nicht war, was ich auf Dauer machen wollte. \u201eDreckeln\u201c und Schuften nur eben mit Diplom und jeden Winter die Gefahr saisonaler Arbeitslosigkeit, wie Holger es mir angedeutet hatte? Wom\u00f6glich einen Zeitarbeitsvertrag f\u00fcr k\u00f6rperliche Schwerstarbeit, im Sommer und im Winter nichts? Auch die st\u00e4ndig wiederkehrenden Probleme waren eigentlich die gleichen, die ich vom Bau her kannte: Personalmangel oder \u2013\u00fcberschuss, Materialmangel oder kaputtes Werkzeug. Einfach eine Liga h\u00f6her weiter im Schmutz w\u00fchlen, daf\u00fcr w\u00fcrde ich nicht studieren. Also fiel die Entscheidung f\u00fcr Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Namen des Personals wurden im Artikel aus Gr\u00fcnden des Datenschutzes ver\u00e4ndert.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Bilder<\/strong><\/span>: Felix Peterlik<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Hechingen-Stein wird ein r\u00f6mischer Gutshof aus der Endzeit des Imperiums wieder aufgebaut. Gleichzeitig wird dort immer noch ausgegraben. 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