{"id":15947,"date":"2019-06-28T14:24:42","date_gmt":"2019-06-28T14:24:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=15947"},"modified":"2021-02-19T17:55:09","modified_gmt":"2021-02-19T17:55:09","slug":"gesundheit-ist-ein-menschenrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/06\/28\/gesundheit-ist-ein-menschenrecht\/","title":{"rendered":"\u201eGesundheit ist ein Menschenrecht\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>In T\u00fcbingen findet derzeit die <a href=\"https:\/\/mrw-tuebingen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Menschenrechtswoche <\/a>statt. In zahlreichen Veranstaltungen k\u00f6nnen sich die B\u00fcrger*innen \u00fcber die Menschenrechte informieren, sich zu dem Thema austauschen oder an Workshops teilnehmen. Am Mittwochabend ging es in der alten HNO um das Thema Gesundheit. Prof. Dr. Gerhard Trabert machte auf den Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit aufmerksam. Er verband seinen Vortrag mit einem Appell an die Menschenw\u00fcrde und an die gesellschaftliche Verantwortung eines jeden Einzelnen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschenrechte. Viele denken dabei an das Recht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit, an die Religionsfreiheit oder an das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Grunds\u00e4tzlich geht es dabei um die pers\u00f6nliche Selbstentfaltung. Und das Thema \u201eMenschenrechte\u201c erfreut sich trauriger Aktualit\u00e4t. T\u00e4glich h\u00f6rt man von Entrechtungen, unfairen Gerichtsverfahren und eingesperrten Journalist*innen. In vielen L\u00e4ndern der Welt wird Homosexualit\u00e4t weiterhin mit dem Tode bestraft. Sind Menschenrechtsverletzungen also ein Problem in anderen L\u00e4ndern, das es zu beklagen gilt? Wohl kaum. Auch hierzulande kommt es tagt\u00e4glich zum Bruch von Menschenrechten. Betroffen sind hiervon vor allem solche Menschen, die kaum M\u00f6glichkeiten haben, sich zu wehren. In der alten Hals-Nasen-Ohren-Klinik ging es am vergangenen Mittwochabend um Menschen in Armut \u2013 und warum gerade diese Menschen verst\u00e4rkt von chronischen und akuten Erkrankungen betroffen sind.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Wenn Armut krank macht<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hierzu lud die <a href=\"https:\/\/www.ippnw.de\/der-verein\/studierende\/studierendengruppen\/artikel\/de\/tuebingen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Studierendengruppe IPPNW\u00a0<\/a> und <a href=\"http:\/\/medinetz-tuebingen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Medinetz <\/a>zu einem Vortrag von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gerhard_Trabert\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Prof. Dr. Gerhard Trabert<\/a> ein. Der Mediziner ist Erster Vorsitzender des <a href=\"https:\/\/www.armut-gesundheit.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vereins \u201eArmut und Gesundheit in Deutschland\u201c<\/a> und lehrt an der Hochschule RheinMain. Er engagiert sich au\u00dferdem f\u00fcr das <a href=\"http:\/\/www.medinetzmainz.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Medinetz Mainz<\/a> \u2013 eine absolute Top-Besetzung f\u00fcr die Veranstaltung also.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15951\" aria-describedby=\"caption-attachment-15951\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15951 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/4-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15951\" class=\"wp-caption-text\">Gerhard Trabert ist Doktor der Allgemein- und Notfallmedizin und Professor f\u00fcr Sozialmedizin.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich zu Beginn stellte er eines unmissverst\u00e4ndlich klar: Gesundheit ist ein Menschenrecht. Das Transparent hinter ihm untermauerte diese Aussage. F\u00fcr ihn stand zweifelsfrei fest, dass eine ad\u00e4quate Gesundheitsversorgung nicht auf Barmherzigkeit beruhe, sondern verbrieftes Menschenrecht sei. Er machte sogleich deutlich, dass es einen eklatanten Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit gibt &#8211; und zwar in beide Richtungen. Als armutsgef\u00e4hrdet gilt hierbei, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens in einem Land bezieht. Unter strenger Armut leiden solche Menschen, die bei sogar weniger als 40 Prozent liegen. Die empirischen Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Fast alle Krankheitsbilder treten bei von Armut betroffenen Menschen h\u00e4ufiger auf, als bei solchen oberhalb der Armutsgrenze. Das reichste Viertel der deutschen Gesellschaft hat sogar eine Lebenserwartung, die knapp zehn Jahre \u00fcber der Lebenserwartung des \u00e4rmsten Viertels liegt. Knapp ein Drittel der armen M\u00e4nner erreicht das 65. Lebensjahr nicht. Das Suizidrisiko bei von Armut betroffenen Menschen liegt 20 Mal h\u00f6her als bei Menschen mit durchschnittlichem oder hohem Einkommen.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Sag\u2018 mir, wie viel du verdienst und ich sage dir, wie lange du lebst<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein d\u00fcsteres Bild also, das sich abzeichnet. Doch woran liegt das h\u00f6here Erkrankungsrisiko bei armen Menschen? Trabert machte schnell klar, dass es eine ganze F\u00fclle an Ursachen g\u00e4be. Letztendlich liefe es aber immer auf das Einkommen hinaus. Es mache einen himmelweiten Unterschied, ob man ein Haus in einem gepflegten Vorstadtgebiet bes\u00e4\u00dfe, oder ob man nahe einer Einflugschneise von Flugzeugen lebe. Die Mieten in solchen Gebieten seien meist deutlich g\u00fcnstiger als anderswo. Das Gesundheitsrisiko solcher Gegenden w\u00fcrde meist untersch\u00e4tzt. Weniger Geld bedeutet also weniger Gesundheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trabert brach diesen Zusammenhang auf einfache Erkl\u00e4rungsmuster herunter. Erwachsene litten demnach vor allem unter dem Selektionseffekt. Die hohen Kosten im Gesundheitswesen verhinderten eine angemessene Versorgung. Armut sei dann h\u00e4ufig die Folge. Bei vielen Kindern greife hingegen meist der Kausationseffekt. Hier sei die Krankheit direkt von der bereits vorhandenen Armut verursacht. Solche Kinder erkrankten laut Trabert wesentlich h\u00e4ufiger an psychischen Krankheiten wie Depressionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mediziner machte auf einen weiteren interessanten Zusammenhang aufmerksam. Mithilfe einer Grafik belegte er, dass die Lebenserwartung von Menschen steige, je gerechter die Ressourcen verteilt werden. Trabert ist vor allem das deutsche Sozialsystem ein Dorn im Auge. Die strikte Durchrechnung der Hartz-IV-S\u00e4tze s\u00e4hen f\u00fcr ein f\u00fcnfj\u00e4hriges Kind weniger als 1 Euro pro Mahlzeit vor. Eine bewusst gesunde Ern\u00e4hrung sei hier selbstverst\u00e4ndlich unm\u00f6glich.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eDas wissen die Menschen doch \u00fcberhaupt nicht\u201c<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trabert reichte es allerdings nicht, auf die blo\u00dfen Zusammenh\u00e4nge aufmerksam zu machen. Ihm lag es ebenso am Herzen, die Rolle der Gesellschaft zu thematisieren. Seine Haltung war ganz klar: \u201eVon Armut betroffen zu sein, in diesem reichen Land, ist auch ein Trauma.\u201c\u00a0 Er hob dabei vor allem die sequenzielle Traumatisierung hervor. Traumata entst\u00fcnden auch dadurch, mit seinen Problemen allein gelassen zu werden. Die Gesellschaft spiele also eine entscheidende Rolle dabei, wenn arme Menschen krank w\u00fcrden. Viel wichtiger w\u00e4re es, so Trabert weiter, den Menschen auf Augenh\u00f6he zu begegnen, ihnen zuzuh\u00f6ren und sie zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Sorge beobachtete er einen um sich greifenden Sozialrassismus. Viele Menschen in unserem Land seien der Auffassung, besondere Privilegien st\u00fcnden vor allem solchen Menschen zu, die hohe Steuern zahlten. Dass viele \u00fcberhaupt nicht \u00fcber diese Mittel verf\u00fcgen, w\u00fcrde dabei h\u00e4ufig \u00fcbersehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15949\" aria-describedby=\"caption-attachment-15949\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15949 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/21-1038x563.jpg\" alt=\"\" width=\"1038\" height=\"563\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15949\" class=\"wp-caption-text\">Trotz tropischer Temperaturen war der H\u00f6rsaal gut gef\u00fcllt. Die Zuschauer*innen lauschten gespannt Traberts Vortrag.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Trabert war vollkommen klar, was praktisch passieren m\u00fcsste. \u00c4rzt*innen m\u00fcssten auf die Menschen zugehen, und nicht anders herum. Angebote st\u00fcnden massenhaft zur Verf\u00fcgung, doch der Mediziner bem\u00e4ngelte: \u201eDas wissen die Menschen doch \u00fcberhaupt nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem will Trabert Abhilfe schaffen. Mit dem <a href=\"http:\/\/www.armut-gesundheit.de\/was-wir-tun\/mainzer-modell\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Arztmobil<\/a> k\u00f6nnte er eben jene Patient*innen erreichen, die nicht mehr in regul\u00e4re Praxen gehen. H\u00e4ufig w\u00e4ren das Wohnungslose, Migrant*innen und Menschen ohne g\u00fcltige Papiere, aber auch Haftentlassene und immer mehr Privatversicherte suchten das Hilfsangebot auf. Viele privat Krankenversicherte k\u00f6nnten sich die hohen Beitr\u00e4ge schlicht nicht mehr leisten. Ein Wechsel in die gesetzliche Kasse ist ab einem gewissen Alter schier unm\u00f6glich.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eDiese Augen erpressen uns nicht\u201c<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Parallelmedizin will Trabert unbedingt verhindern. \u201eWir wollen nicht die Tafeln des Gesundheitssystems werden\u201c, betonte er. Gerade im Gesundheitswesen gebe es weniger ein Einnahmen-, sondern viel eher ein Verteilungsproblem. Viele gesetzlich Versicherte m\u00fcssten zu viele H\u00fcrden \u00fcberwinden, w\u00e4hrend Privatversicherte unn\u00f6tige Eingriffe \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssten \u2013 alles im Dienste des Profits.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schluss mahnte Trabert zu mehr ethischer Verantwortung im Gesundheitswesen. Diese Thematik m\u00fcsste im Medizinstudium viel pr\u00e4senter sein. Er f\u00e4nde es \u201emit den Menschenrechten \u00fcberhaupt nicht kompatibel\u201c, wenn Asylbewerber*innen in Deutschland nur bei akuten Erkrankungen und bei starken Schmerzen behandelt w\u00fcrden. Pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen hielte er f\u00fcr wesentlich gebotener. Ein <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2016-02\/alexander-gauland-afd-fluechtlingskrise-fluechtlingspolitik-grenzen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zitat des AfD-Politikers Alexander Gauland<\/a> quittierte er mit den Worten: \u201eDiese Augen erpressen uns nicht. Sie konfrontieren uns mit unserer Verantwortung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Vortrag wurde im Rahmen der <a href=\"https:\/\/mrw-tuebingen.de\/programm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Menschenrechtswoche<\/a> gehalten. Bis Samstagabend k\u00f6nnen noch vielf\u00e4ltige, interessante Veranstaltungen besucht werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2019\/06\/19\/planen-fuer-die-menschenrechte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier<\/a> geht&#8217;s zum Artikel \u00fcber die Planung f\u00fcr die Menschenrechtswoche und <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2019\/06\/28\/wie-wir-die-kurve-kriegen-ein-interview-mit-luisa-neubauer-und-caroline-kunz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> zum Interview mit Luisa Neubauer und Caroline Kunz von Fridays for Future, die wir im Rahmen der MRW interviewt haben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Bilder<\/strong><\/span>: Johanna Ebert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In T\u00fcbingen findet derzeit die Menschenrechtswoche statt. 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