{"id":15961,"date":"2019-06-30T16:40:37","date_gmt":"2019-06-30T14:40:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=15961"},"modified":"2019-06-30T16:40:37","modified_gmt":"2019-06-30T14:40:37","slug":"die-menschenrechte-unantastbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/06\/30\/die-menschenrechte-unantastbar\/","title":{"rendered":"Die Menschenrechte \u2013 Unantastbar?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Es sind Bilder, die im Kopf bleiben: Bilder von Flucht, Furcht und Gewalt. Aber auch Bilder von denen, die dagegen k\u00e4mpfen: \u00c4rzt*innen, Aktivisten, Alltagsheld*innen. Im Rahmen der <a href=\"https:\/\/mrw-tuebingen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Menschenrechtswoche<\/a> pr\u00e4sentierte Claus Kleber seinen neuesten Film \u201eUnantastbar\u201c im Kino Museum.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im vergangenen November feierte die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Allgemeine_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Erkl\u00e4rung der Menschenrechte<\/a> ihr 70. Jubil\u00e4um. Der Film \u201eUnantastbar\u201c macht sich auf, zu erkunden, wie es in unserer heutigen Gesellschaft um die Umsetzung dieser bahnbrechenden internationalen Richtlinien steht. Der Film macht dabei nicht halt vor den unbequemen Wahrheiten, denn: \u201eF\u00fcr die Geltung der Menschenrechte beginnt gerade eine entscheidende Phase, da will dieser Film nicht neutral sein\u201c. So nehmen Claus Kleber, langj\u00e4hriger Auslandskorrespondent der ARD, Moderator des <em>heute journals<\/em> und Honorarprofessor des <a href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/fakultaeten\/philosophische-fakultaet\/fachbereiche\/philosophie-rhetorik-medien\/institut-fuer-medienwissenschaft\/institut.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Instituts f\u00fcr Medienwissenschaft<\/a>, und seine Co-Produzentin Angela Andersen das Publikum mit auf eine Reise um die Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von China \u00fcber Kenia, die T\u00fcrkei, Guatemala und die USA, \u00fcberall trifft das Filmteam, und mit ihm das Publikum, auf Menschen, die gegen Menschenrechtsverletzungen ank\u00e4mpfen. Sie interviewen bekannte Pers\u00f6nlichkeiten, wie zum Beispiel Ex-Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck oder Kenneth Roth, den langj\u00e4hrigen Leiter von Human Rights Watch und weniger bekannte, die junge spanische \u00c4rztin zum Beispiel, die f\u00fcr \u00c4rzte ohne Grenzen im Fl\u00fcchtlingslager auf Lesbos arbeitet oder die junge t\u00fcrkische Journalistin, die f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.cumhuriyet.com.tr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Cumhuriyet <\/a>schreibt und f\u00fcr jeden kritischen Artikel f\u00fcrchten muss, im Gef\u00e4ngnis zu landen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der Film gibt auch denen eine Stimme, deren Menschenrechte verletzt werden: Frauen der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rohingya\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rohingya <\/a>in ihren Fl\u00fcchtlingslagern in Bangladesch. Den Bewohner*innen eines kleinen Bergdorfes in Guatemala, das von S\u00f6ldnern der Minenbesitzer \u00fcberfallen, deren Frauen gesch\u00e4ndet und M\u00e4nner ermordet wurden. Einem syrischen Fl\u00fcchtling und seiner Familie in dem Fl\u00fcchtlingslager auf Lesbos.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15986\" aria-describedby=\"caption-attachment-15986\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15986 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/1C9A8051-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-15986\" class=\"wp-caption-text\">Der Film macht nicht halt vor den unbequemen Wahrheiten.<\/figcaption><\/figure>\n<h2 style=\"text-align: left;\">\u201eKein Best-of der Menschenrechtsverletzungen\u201c<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Umweltthemen spricht der Film an. Sie stehen in krassem Gegensatz zu den Szenen aus einer chinesischen Firma, die Unglaubliches auf dem Feld der Gesichtserkennung leistet. Es wird deutlich: China ist nah dran am Staat der totalen \u00dcberwachung. Und sie denken, dass sie damit auf dem richtigen, dem besseren Weg sind, auch die jungen Chines*innen. Recht auf Privatsph\u00e4re? Fehlanzeige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So f\u00fchrt der Film in eindr\u00fccklichen Bildern nicht nur rund um den Globus, sondern auch quer durch die Menschenrechte. Vieles wirkt bedr\u00fcckend, vieles aber auch hoffnungsfroh, eines aber ist eindeutig: Auch 60 Jahre nach ihrer Unterzeichnung sind die allgemeinen Menschenrechte keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Claus Kleber wird in der an den Film anschlie\u00dfenden Podiumsdiskussion sagen: \u201eWir wollten auf keinen Fall ein Best-of der Menschenrechtsverletzungen drehen. Uns war es wichtig, die Helden in den Mittelpunkt zu stellen und all den Trumps, Putins, Dutertes, Erdogans, um die es ja eigentlich geht, zu zeigen: Wir haben f\u00fcr euch nur 20 Sekunden!&#8220; [im Vorspann, <em>Anm. d. Redaktion<\/em>].<\/p>\n<figure id=\"attachment_15989\" aria-describedby=\"caption-attachment-15989\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15989 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/1C9A8183-1-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-15989\" class=\"wp-caption-text\">60 Jahre nach ihrer Unterzeichnung sind die allgemeinen Menschenrechte keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit., wie auch die Diskussion nach dem Film zeigt.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Film wolle vor allem die Wertsch\u00e4tzung der Menschenrechtserkl\u00e4rung, dieser \u201eunglaublichen Menschheitszivilisationsleistung\u201c zum Ausdruck bringen, die weltweit einmalig war und ist. \u201eWenn man die Menschenrechte heute liest, ist einiges nat\u00fcrlich schon sehr 1948, also einiges \u00fcberholt und anderes fehlt, zum Beispiel Umweltthemen oder auch KI-Themen, an die damals einfach noch niemand gedacht hat. Man kann also dar\u00fcber diskutieren, ob die Menschenrechte angepasst werden m\u00fcssten, aber dabei darf man die Basis niemals verlassen\u201c, so Kleber.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Eine neue Problematik in Zeiten der KI?<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Podiumsdiskussion wurde geleitet von Prof. Susanne Marschall vom Institut f\u00fcr Medienwissenschaften. Neben Claus Kleber diskutierten Lena Dickemann, eine Aktivistin der Menschenrechtswoche, Prof. Ulrike von Luxburg, Professorin f\u00fcr maschinelles Lernen und Dr. Wieland Brendel vom T\u00fcbinger Kompetenzzentrum AI. Wie bei einer solchen G\u00e4steauswahl wenig verwunderlich, drehte sich das Gespr\u00e4ch im folgenden haupts\u00e4chlich um Roboter, Algorithmen und k\u00fcnstliche Intelligenz (KI), die vielen anderen Themen des Films fanden kaum Beachtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So machte von Luxburg auf Marschalls Einstiegsfrage klar, dass Roboter nicht intelligent sind und es auch in absehbarer Zeit nicht sein werden, ebensowenig mitf\u00fchlend. Sie seien zwar mittlerweile sehr gut in Textverarbeitung und -produktion, wodurch sie menschen\u00e4hnliche Gespr\u00e4che simulieren k\u00f6nnten, aber dabei k\u00f6nnten sie kein Wissen extrahieren. Dr. Brendel erg\u00e4nzte: \u201eAlgorithmen k\u00f6nnen das tun, was ihnen einprogrammiert wurde, aber sie haben dabei nicht verstanden, um was es wirklich geht. Wenn ein Roboter ein Bild von einem Elefanten erkennen kann, hat er deshalb trotzdem nicht verstanden, was ein Elefant eigentlich ist.\u201c Er sei sich sicher, dass uns andere Themen der KI viel fr\u00fcher besch\u00e4ftigen werden als humanoide Roboter \u2013 Bots zum Beispiel, die die \u00f6ffentliche Meinung beeinflussen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claus Kleber stimmte zu und wies darauf hin, dass ein Anliegen des Films gewesen sei, darauf aufmerksam zu machen, dass wir als Menschheit in vielen Fragen am Scheideweg stehen, zum Beispiel was die Umwelt oder eben auch KI angeht. Die beiden KI-Expert*innen brachten ihre \u00dcberzeugung zum Ausdruck, dass Algorithmen auf vielf\u00e4ltige Weise genutzt werden k\u00f6nnten, sowohl positiv als auch negativ. Hier sei die Politik gefragt, L\u00f6sungen zu finden und Richtlinien festzulegen und zwar in einem gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00df, als es jetzt der Fall ist. Vor allem aber, waren sich Brendel und von Luxburg einig, gehe es bei der Nutzung von Algorithmen um eine gesellschaftliche Debatte und eine gesellschaftliche Entscheidung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleber sah die gesellschaftliche Entscheidungsmacht nicht so zuversichtlich: \u201eWenn uns in Zeiten einer politisch aufgeheizten Stimmung, sei es durch eine Mordserie, Terror oder was auch immer, versprochen wird, durch \u00dcberwachung weniger Verbrechen und mehr Sicherheit zu schaffen, wird es wirklich gesellschaftliche Widerstand geben? In China hat das schon funktioniert. Das Gedankengut muss nicht mit Soldatenstiefeln ins Land getragen werden, es kommt auch so.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_15988\" aria-describedby=\"caption-attachment-15988\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15988 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/1C9A8151-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-15988\" class=\"wp-caption-text\">Die Algorithmus-Debatte solle immer eine gesellschaftliche bleiben!<\/figcaption><\/figure>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Das Internet, \u201eein unendlicher Schatz an M\u00f6glichkeiten\u201c<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lena Dickemann machte darauf aufmerksam, dass es nicht nur um die Frage gehe, wie man in Zukunft mit KI, Algorithmen und den Datenmengen, die sie generieren, umgehen wolle, sondern auch darum, wie wir mit den Daten umgehen sollten, die jetzt schon existieren. Viele Menschen gingen nicht verantwortungsvoll mit ihren Daten um, darum appellierte Dickemann, mehr \u00fcber dieses Thema zu diskutieren. Die anderen Diskussionsteilnehmer*innen stimmten zu. W\u00e4hrend von Luxburg weiterhin ihre Meinung vertrat, dass die Politik gefragt sei, Regeln zu etablieren, widersprach Brendel Klebers Zukunftsszenario. Die Algorithmus-Debatte werde immer eine gesellschaftliche bleiben. \u201eDie Frage ist, wie bekommt man einen rationalen, faktenbasierten Diskurs hin anstatt der hysterischen Debatten, die momentan oft vorherrschen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claus Kleber erz\u00e4hlte von einer Erfahrung, die er bei einem Dreh im Facebook-Hauptquartier im Silicon Valley machte: Dort wurde ihm der Raum gezeigt, in dem der Facebook-Nachrichtenalgorithmus weiterentwickelt wird. Der Technik-Chef habe zu Kleber gesagt: \u201eThis algorithm will make you happier, because you only see what you care for.\u201c Den Einwand, dass einige Menschen das schlecht oder bedrohlich finden k\u00f6nnten, habe er \u00fcberhaupt nicht verstanden. \u201eDas Bewusstsein war einfach \u00fcberhaupt nicht da. Die Debatte muss erst einmal losgehen in den K\u00f6pfen. Wir m\u00fcssen verstehen, wie Informationsvermittlung funktioniert und im Moment kommen wir einfach nicht schnell genug hinterher.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auch wenn China gezeigt habe, dass es m\u00f6glich sei, ein Land komplett vom Rest der Welt abzukoppeln, d\u00fcrfe man das Internet nicht nur als Gefahr sehen. Kleber sehe es vielmehr als neutralen Ort, an dem eben auch viele Dinge geschehen, wie zum Beispiel die Organisation der Menschenrechtswoche, die ohne das Internet ja auch nicht m\u00f6glich sei. Das Internet sei also \u201eein unendlicher Schatz an M\u00f6glichkeiten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Film \u201eUnantastbar\u201c wurde am 27. November 2018 auf Arte erstausgestrahlt. Die wirklich sehr sehenswerte Dokumentation kann <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/dokumentation\/zdfzeit\/unantastbar-menschenrechte-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">noch bis Ende Dezember in der ZDF-Mediathek <\/a><\/em><a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/dokumentation\/zdfzeit\/unantastbar-menschenrechte-100.html\"><em>angesehen werden. <\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Bilder<\/strong><\/span>: Paula Janke, Sophie Morar<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind Bilder, die im Kopf bleiben: Bilder von Flucht, Furcht und Gewalt. Aber auch Bilder von denen, die dagegen k\u00e4mpfen: \u00c4rzt*innen, Aktivisten, Alltagsheld*innen. 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