{"id":16109,"date":"2019-07-08T09:30:13","date_gmt":"2019-07-08T09:30:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=16109"},"modified":"2021-02-19T17:51:56","modified_gmt":"2021-02-19T17:51:56","slug":"von-willkuer-folter-und-dem-kampf-fuer-jene-die-keine-stimme-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/07\/08\/von-willkuer-folter-und-dem-kampf-fuer-jene-die-keine-stimme-haben\/","title":{"rendered":"Von Willk\u00fcr, Folter und dem Kampf f\u00fcr jene, die keine Stimme haben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Im Rahmen des B\u00fccherfests war an diesem Wochenende Me\u015fale Tolu in T\u00fcbingen zu Gast. Im Gep\u00e4ck hatte sie ihr vor Kurzem erschienenes Buch \u00fcber ihre Zeit als politische Gefangene in der T\u00fcrkei, aus dem sie dem gebannten Publikum abwechselnd vorlas und erz\u00e4hlte.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDieses Buch erz\u00e4hlt meine pers\u00f6nliche Geschichte. Aber diese Geschichte ist nur eine von vielen, die sich in der T\u00fcrkei entwickelt haben.\u201c So begann Me\u015fale Tolu ihre Lesung am Samstag im mehr als ausverkauften <a href=\"http:\/\/www.weltethos-institut.org\/institut\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Weltethos-Institut<\/a>. Die aus Ulm stammende Journalistin wurde<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/mesale-tolu-was-ueber-die-inhaftierte-deutsche-in-der-tuerkei-bekannt-ist-a-1147434.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> im April 2017 in ihrer Istanbuler Wohnung \u00fcberfallen und verhaftet<\/a>. Die Beschreibung jener Nacht steht am Anfang ihres Buches \u201eMein Sohn bleibt bei mir\u201c und auch am Anfang der Lesung, \u201edamit Sie sich vorstellen k\u00f6nnen, was Oppositionelle in der T\u00fcrkei erleiden m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tolu beschreibt, wie mitten in der Nacht eine Truppe der Anti-Terror-Einheit an ihre T\u00fcr h\u00e4mmerte. Als sie die T\u00fcr \u00f6ffnete, st\u00fcrmten die maskierten M\u00e4nner die Wohnung, bedrohten sie mit Maschinengewehren und dr\u00fcckten sie mit dem Gesicht nach unten zu Boden.\u00a0 Tolus Mann, der Journalist Suat \u00c7orlu, war bereits drei Wochen zuvor verhaftet worden; Tolu war mit ihrem 2-J\u00e4hrigen Sohn Serkan allein in der Wohnung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16113\" aria-describedby=\"caption-attachment-16113\" style=\"width: 1009px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bild-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16113 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bild-2-1009x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1009\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16113\" class=\"wp-caption-text\">Me\u015fale Tolus Buch \u201eMein Sohn bleibt bei mir! Als politische Geisel in t\u00fcrkischer Haft \u2013 und warum es noch nicht zu Ende ist\u201c erschien im April 2019 im Rowohlt Taschenbuchverlag und kostet im \u00f6rtlichen Buchhandel 12,99\u20ac bzw. als E-Book 9,99\u20ac.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Nacht sah Me\u015fale Tolu weder einen Durchsuchungs- noch einen Haftbefehl. Trotzdem musste sie mit ansehen, wie ihre Wohnung dreieinhalb Stunden lang \u201edurchsucht\u201c und verw\u00fcstet wurde, ohne die M\u00f6glichkeit, einen Anwalt oder ihre Familie zu kontaktieren. Und schlie\u00dflich war sie gezwungen, mit den M\u00e4nnern, die in ihre Wohnung eingedrungen waren, mitzugehen. Der Vorwurf: Terrorpropaganda. Ihr kleiner Sohn blieb bei einem Nachbarn zur\u00fcck, wo ihn sp\u00e4ter sein Gro\u00dfvater abholte.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">\u201eDiese sieben Tage waren schlimmer als acht Monate Gef\u00e4ngnis\u201c<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tolu wurde auf die Polizeistation Vatan gebracht. Benannt nach der Stra\u00dfe, an der die Station liegt, bedeutet Vatan &#8222;Heimat&#8220;. In den 80er und 90er Jahren war diese Polizeistation ber\u00fcchtigt f\u00fcr Folter. \u201eUnd aus pers\u00f6nlicher Erfahrung kann ich sagen, dass das Thema Folter in der T\u00fcrkei nicht abgeschlossen ist. Tagt\u00e4glich geht es weiter.\u201c <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article193264479\/Verteidigungsschrift-von-Deniz-Yuecel-Ich-wurde-gefoltert.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eine Erfahrung, die \u00fcbrigens auch Welt-Korrespondent Deniz Y\u00fccel gemacht hat<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch blieb sieben Tage in Polizeihaft. Aber diese sieben Tage waren schlimmer als acht Monate Gef\u00e4ngnis.\u201c W\u00e4hrend dieser sieben Tage teilte Me\u015fale Tolu nicht nur die Zelle mit vielen jungen Frauen, von denen vielen Gewalt angetan wurde, sondern musste auch an einem illegalen Verh\u00f6r teilnehmen. Es waren keine Anw\u00e4lte anwesend, daf\u00fcr gab es in dem schallisolierten Raum Kameras. Die T\u00fcr wurde doppelt abgeschlossen. Es folgten Erpressungen und Androhungen von Vergewaltigung und Gewalt, auch gegen ihren Sohn. Es zeugt von einer gro\u00dfen inneren St\u00e4rke Tolus, dass sie jetzt, kaum zwei Jahre sp\u00e4ter, auf einer B\u00fchne sitzen und ohne die Fassung zu verlieren, davon erz\u00e4hlen kann.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16114\" aria-describedby=\"caption-attachment-16114\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bild-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16114 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bild-1-1010x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1010\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16114\" class=\"wp-caption-text\">Der Vortragsraum war bis auf den letzten Platz besetzt, ein Teil des Publikums musste die Lesung stehend verfolgen.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende der sieben Tage folgte die Anh\u00f6rung durch den Staatsanwalt, der sich viele Zeugenaussagen gar nicht anh\u00f6rte. Tolu wurde gemeinsam mit 17 anderen Frauen zu Untersuchungshaft verurteilt. Bei der Durchsuchung bei ihrer Ankunft im Frauengef\u00e4ngnis Bak\u0131rk\u00f6y weigerte sie sich, sich auszuziehen. Die W\u00e4rterinnen wurden daraufhin \u00fcbergriffig, verh\u00f6hnten und bedrohten sie. Dieser Teil der Geschichte sei ihr besonders wichtig, denn \u201ees hei\u00dft, es g\u00e4be keine Folter in der T\u00fcrkei. Aber diese Nacktdurchsuchung war f\u00fcr mich die schlimmste Folter. Ich f\u00fchlte mich wie ein Gegenstand ohne Menschenw\u00fcrde. Das hat tiefe psychische Wunden hinterlassen, die aus mir eine andere Frau gemacht haben. Und diese andere Frau wird nicht so schnell zur\u00fcckfinden.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Ein Kind im Gef\u00e4ngnis<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erfahrung, ihrer Freiheit und ihrer W\u00fcrde beraubt und ins Gef\u00e4ngnis gesperrt zu werden, verkn\u00fcpfte Tolu mit den Erinnerungen an die Gef\u00fchle nach dem fr\u00fchen Tod ihrer Mutter. \u201eIch hatte das Gef\u00fchl, etwas Lebenswichtiges verloren zu haben. Das Gef\u00fchl, nicht mehr ganz zu sein.\u201c Sie machte sich auch gro\u00dfe Sorgen, dass ihr Sohn nun die gleichen Gef\u00fchle erfahren w\u00fcrde. Eigentlich hatte sie ihm ein Leben innerhalb des Gef\u00e4ngnisses ersparen wollen, als aber ihr eine Anw\u00e4ltin berichtete, dass es Serkan sehr schlecht gehe und er aggressiv und abweisend geworden war, \u00e4nderte sie ihre Meinung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sich Mutter und Sohn nach 17 Tagen der Trennung endlich wiedersahen, sagte Serkan nur \u201eMama.\u201c Und dann: \u201eMama, bist du sauer auf mich?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Serkan blieb sechs Monate bei seiner Mutter im Gef\u00e4ngnis, \u201eund in dieser Zeit hatten wir auch viele sch\u00f6ne Tage.\u201c Tolu teilte die Zelle mit 16, bzw. sp\u00e4ter bis zu 36 Frauen, die selbst kinderlos waren. Sie alle waren politische H\u00e4ftlinge, viele von ihnen waren schon seit mehreren Jahren im Gef\u00e4ngnis. Serkan war f\u00fcr sie ein Lichtstrahl, der f\u00fcr alle das Leben ertr\u00e4glicher machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Junge konnte in dieser Zeit zweimal seinen Vater besuchen. Auf der Fahrt zu dem anderen Gef\u00e4ngnis sah er, dass die Welt drau\u00dfen viel sch\u00f6ner und bunter war. \u201eSerkan fragte: Mama, wer schlie\u00dft die T\u00fcr ab? Und <em>warum<\/em> schlie\u00dfen sie die T\u00fcr ab? Ich konnte ihm keine Antwort geben. Aber mir wurde in dieser Zeit bewusst, welche Macht die Person hat, die \u00fcber eine T\u00fcr bestimmt. Sie kann entscheiden, welche Funktion diese T\u00fcr hat, ob sie sich \u00f6ffnet, oder schlie\u00dft.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_16112\" aria-describedby=\"caption-attachment-16112\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bild-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16112 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bild-3-1010x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1010\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16112\" class=\"wp-caption-text\">Henning Zierock (links) und Ali G\u00fcler singen ein Lied \u00fcber Solidarit\u00e4t f\u00fcr Me\u015fale Tolu.<\/figcaption><\/figure>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Endlich frei \u2013 aber der Kampf geht weiter<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Me\u015fale Tolus erstem Prozess im Oktober 2017 sei ihr klar gewesen, dass sie nicht freikommen werde, denn die deutsch-t\u00fcrkischen Beziehungen seien damals an ihrem Tiefpunkt gewesen. Aus der Zeitung erfuhr sie, dass f\u00fcr sie eine Haftstrafe von 20 Jahren verlangt wurde. Das habe sie nat\u00fcrlich geschockt, aber \u201eviele Frauen, mit denen ich inhaftiert war, hatten viel schwerere Schicksale. Ich will mich deshalb nicht beschweren.\u201c Von den anderen Frauen habe sie viel gelernt, vor allem, wie man aus seinen \u00c4ngsten St\u00e4rken entwickeln kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der zweiten <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/mesale-tolu-kommt-frei-gericht-in-der-tuerkei-laesst-journalistin-gehen-a-1183902.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verhandlung im Dezember 2017 kam Me\u015fale Tolu endlich auf freien Fu\u00df<\/a>. Sie wurde allerdings mit einer Ausreisesperre belegt und durfte die T\u00fcrkei f\u00fcr weitere acht Monate nicht verlassen. W\u00e4hrend dieser Zeit erhielt sie regelm\u00e4\u00dfig \u201eBesuch\u201c von der Anti-Terror-Einheit, jener Truppe, die im April in ihre Wohnung eingedrungen waren. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2018-08\/tuerkei-mesale-tolu-haft-rueckkehr-stuttgart\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Erst im August 2018 konnte sie nach Deutschland ausreisen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe mich von Anfang an entschieden, laut \u00fcber meine Erfahrungen zu reden, weil ich so viel Unterst\u00fctzung erfahren habe\u201c, erkl\u00e4rte Tolu zum Abschluss. Allein aus dem Gef\u00e4ngnis habe sie \u00fcber 1.000 Postkarten mit nach Hause genommen, und dabei sei sie sicher, dass sie nicht alle bekommen habe. Sie sei dankbar f\u00fcr all die Solidarit\u00e4t, die sie erfahren habe, es g\u00e4be aber so viele Menschen, die diese Erfahrung nicht machen d\u00fcrfen. Und deshalb will sie weitermachen, \u201ef\u00fcr alle, die keine Stimme haben.\u201c Ihr Buch solle die Menschen ermutigen, stark zu bleiben und weiterzumachen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16111\" aria-describedby=\"caption-attachment-16111\" style=\"width: 1009px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bild-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16111 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Bild-4-1009x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1009\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16111\" class=\"wp-caption-text\">Unerm\u00fcdlich signierte die Journalistin die gekauften B\u00fccher.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum im Weltethos-Institut spendete Me\u015fale Tolu nach diesem sehr pers\u00f6nlichen, intensiven Vortrag donnernden Applaus. Im Anschluss gab es einen spontanen Liedervortrag von Henning Zierock von <a href=\"https:\/\/www.kulturdesfriedens.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kultur des Friedens<\/a> und Ali G\u00fcler, dem ersten Kirchenasylanten T\u00fcbingens. Gemeinsam spielten und sangen sie ein t\u00fcrkisches Lied \u00fcber Solidarit\u00e4t, das sie Tolu und ihrer Familie widmeten. Abschlie\u00dfend konnte selbstverst\u00e4ndlich Tolus Buch, von der Autorin mit einem L\u00e4cheln signiert, erworben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Bilder<\/strong><\/span><em>:<\/em> Joshua Wiedmann<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen des B\u00fccherfests war an diesem Wochenende Me\u015fale Tolu in T\u00fcbingen zu Gast. 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