{"id":16316,"date":"2019-11-13T14:25:39","date_gmt":"2019-11-13T13:25:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=16316"},"modified":"2019-11-13T14:25:39","modified_gmt":"2019-11-13T13:25:39","slug":"wer-war-eigentlich-bertolt-brecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/11\/13\/wer-war-eigentlich-bertolt-brecht\/","title":{"rendered":"Wer war eigentlich \u2026 Bertolt Brecht?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Tagt\u00e4glich kommen wir an Orten vorbei, die nach historischen Pers\u00f6nlichkeiten benannt wurden. <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/cat\/artikelreihen\/wer-war-eigentlich\/\">Doch wer waren diese Menschen und was leisteten sie, dass Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze nach ihnen benannt und Denkm\u00e4ler zu ihren Ehren erbaut wurden?<\/a> Heute begegnet ihr Bertolt Brecht, inoffizieller Namensgeber des Neuphilologikums und Inspirationsquelle f\u00fcr viele Clubhausfestmottos\u2026 achso, und f\u00fcr die Ver\u00e4nderung der Welt.<br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich hei\u00dft der Brechtbau in der Wilhelmstra\u00dfe 50 gegen\u00fcber der Mensa, in dem<strong> <a href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/de\/1120\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Germanisten, Anglisten und andere Neuphilologen sowie Rhetoriker und Medienwissenschaftler<\/a><\/strong> studieren, nicht Brechtbau, sondern Neuphilologikum. Aber ein Artikel \u00fcber die etymologischen, biografischen und historischen Details zum \u201aNeuphilologikum\u2018 w\u00e4re schnell abgehandelt: Die \u201aneuen Wortliebhaber\u2018, wie Studierende der Neuphilologie \u00fcbersetzt hei\u00dfen, machen sich schlie\u00dflich den ganzen Tag auch \u00fcber die alten Wortliebhaber Gedanken (okay, vielleicht auch nur drei Tage die Woche). Einer davon war Bertolt Brecht (1898-1956), dessen Werk und Wirken die Studierenden nach der 68er-Bewegung mit der Bezeichnung \u201eBrechtbau\u201c ehren wollten. Im Gegensatz zur \u201eErnst-Bloch-Universit\u00e4t T\u00fcbingen\u201c hat der Name sich durchgesetzt. Das 1974 im Betonstil der 70er-Jahre fertiggestellte Neuphilologikum erhielt 1998 anl\u00e4sslich Brechts 100. Geburtstag im Fakult\u00e4tsrat offiziell den Beinamen<strong> \u201e<a href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/de\/110873\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Brechtbau<\/a>\u201c.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_8303\" aria-describedby=\"caption-attachment-8303\" style=\"width: 1009px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8303 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/DSC03777_edited-1009x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1009\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8303\" class=\"wp-caption-text\">Die farbenfrohe Liegewiese des Brechtbaus \u00fcberzeugt uns schon seit 2017 mit <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/?s=viel+zu+viel+filz+\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">viel zu viel Filz.<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<blockquote>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eBruder muss brechtig die Kante geben\u201c<\/strong><\/h3>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong>Und so k\u00fcmmern wir uns im Brechtbau heute weniger um das BIP, sondern arbeiten in der BBB (Brechtbaubibliothek) und werden vom BBP (Brechtbauplenum der Fachschaften Neuphilologie und Rhetorik) vertreten. Dass ein sp\u00e4ter gew\u00e4hlter Name den alten verdr\u00e4ngen kann, daf\u00fcr ist Brecht selbst ein lebender (bzw. jetzt leider toter) Beweis. Der Lyriker und Dramatiker wurde 1898 urspr\u00fcnglich als Eugen Berthold Friedrich Brecht in Augsburg geboren, w\u00e4hlte dann aber sp\u00e4ter den Namen Bertolt oder Bert Brecht. Auch heute ist sein Name diversen Deformationen ausgesetzt: Das Brechtbauplenum, das im Brechtbau ein riesiges Banner des rauchenden Brechts in Arbeiterpose aufgeh\u00e4ngt hat, nutzt seinen Namen gerne als Clubhausfest-Mottogenerator. Clubhausfeste der letzten Jahre waren unter anderem betitelt mit: \u201eBrecht das Eis\u201c, \u201eTechtelbrechtel\u201c und \u201eBruder muss brechtig die Kante geben\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16920\" aria-describedby=\"caption-attachment-16920\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16920 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/brechtbild_clubhaus-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16920\" class=\"wp-caption-text\">Motto vom Clubhausfest des Brecht-Bau-Plenums<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brecht selbst gab sich in T\u00fcbingen wohl nie die Kante, zumindest gibt es zum \u201eHier kotzte Goethe\u201c-Schild in der M\u00fcnzgasse kein Brecht\u2019sches Pendant \u00e0 la \u201eHier musste Brecht erbrechen nach allzu vielem Zechen\u201c oder \u201eErst kommt das Trinken, dann kommt die Moral\u201c. Seine Studentenpartys feierte Brecht wenn dann in M\u00fcnchen, wo er nach seiner Schulzeit in Augsburg Medizin, Philosophie und Literatur studiert. Nach dem Erfolg seines ersten in M\u00fcnchen aufgef\u00fchrten Theaterst\u00fccks <em>Trommeln in der Nacht<\/em> zieht er nach Berlin, wo er als Dramaturg am Deutschen Theater arbeitet. Bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wirkt und lebt Brecht in Berlin und heiratet 1929 die Schauspielerin Helene Weigel. Eine Brechtbaubibliothek w\u00e4re in den 1930er-Jahren schwer zusammenzustellen gewesen \u2013 die Nazis verbrennen Brechts Werke und erkennen ihm die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft ab, er flieht \u00fcber verschiedene europ\u00e4ische Gro\u00dfst\u00e4dte nach Skandinavien, wo er am l\u00e4ngsten im schwedischen Svendborg bleibt. Danach geht es nach Kalifornien, bis der Schriftsteller mit dezidiert marxistischem Selbstverst\u00e4ndnis im Zuge des aufkeimenden Kalten Krieges vom \u201eAusschuss f\u00fcr unamerikanische Umtriebe\u201c befragt wird. Als Brecht wieder nach Deutschland zur\u00fcckkehren kann, baut er in Ost-Berlin zusammen mit Helene Weigel das Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm auf, die praktische Umsetzung seines epischen Theaters.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16921\" aria-describedby=\"caption-attachment-16921\" style=\"width: 504px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16921 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/brechtbild2-504x672.jpg\" alt=\"\" width=\"504\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16921\" class=\"wp-caption-text\">Der riesen Brecht direkt am Treppenaufgang des Neuphilologikums aka Brechtbau<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eVerehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schlu\u00df!\u201c<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf T\u00fcbingens Theaterb\u00fchnen ist Bertolt Brecht durchaus pr\u00e4sent, das Theater im Neuphilologikum hei\u00dft \u201eBrechtbautheater\u201c und das Landestheater T\u00fcbingen (LTT) f\u00fchrt regelm\u00e4\u00dfig St\u00fccke von Brecht wie Die Antigone des Sophokles oder <em>Die heilige Johanna der Schlachth\u00f6fe<\/em> auf. Auch das Institut f\u00fcr theatrale Zukunftsforschung (ITZ, formerly known as Zimmertheater) lie\u00df sich dieses Jahr in <em>Der Widerspruch \u2013 ein Lehrst\u00fcck<\/em> von Brechts Konzeption des Lehrst\u00fccks inspirieren. Brecht\u2019scher Inhalt hei\u00dft aber nicht zwingend Brecht\u2019sche Performance. Die schauspielerische Praxis von Brechts epischem Theater mutet n\u00e4mlich etwas ungew\u00f6hnlich an: Sei kein zu guter Schauspieler! Gehe nicht zu sehr in deinen Gef\u00fchlen auf und lasse diese befremdlich wirken! Zeige kein Pathos! Das Publikum soll n\u00e4mlich emotionale Identifikation hinter sich lassen, soll die Figuren stattdessen analysieren. Soll sie und die sie umgebende Welt in ihrer Ver\u00e4nderbarkeit begreifen und selbst dazu angeregt werden, die Welt zu ver\u00e4ndern. Daher auch das bekannte Zitat aus dem Epilog von Brechts Drama <em>Der gute Mensch von Sezuan<\/em>: \u201eVerehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schlu\u00df! \/ Es mu\u00df ein guter da sein, mu\u00df, mu\u00df, mu\u00df!\u201c Dieser Schluss muss n\u00e4mlich selbst gefunden werden \u2013 in der Welt. Nach der durch die Literatur angeregten Reflexion soll die Welt ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebendieses Ergebnis erhoffen sich viele Literaturstudierende von ihrem Studium \u2013 kann Brecht den Geisteswissenschaften also wieder Mut geben? Die Universit\u00e4t T\u00fcbingen durch seine Namenspatronage f\u00fcr ein Geb\u00e4ude an eine ihrer integralen Funktionen mahnen, die Welt kritisch zu hinterfragen und sie zu ver\u00e4ndern? Der Name \u201eBrechtbau\u201c kann vielleicht daran erinnern, dass Wissenschaft nicht zum Selbstzweck in einem Elfenbeinturm betrieben werden sollte, sondern den Menschen dienen sollte. Und \u2013 auch wenn vieles utopisch ist \u2013 dass man den Anspruch haben sollte, die Welt zumindest ein bisschen zu ver\u00e4ndern. Und wenn man dabei frustriert hinter seinen eigenen Erwartungen zur\u00fcckbleibt, kann man sich am Donnerstagabend im Clubhaus immer noch brechtig die Kante geben. So lebt Bertolt Brecht in T\u00fcbingen auf jeden Fall weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Und weil Brecht gerne das letzte Wort hatte, hier noch eine Auswahl an Zitaten:<\/strong><\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>\u201eErst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.\u201c \u2013 aus der <em>Dreigroschenoper<\/em><\/li>\n<li>\u201eWas ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gr\u00fcndung einer Bank?\u201c \u2013 aus der <em>Dreigroschenoper <\/em><\/li>\n<li>\u201eEinige Schriftsteller haben den Bibelvers \u201aAm Anfang war das Wort\u2018 mit Stolz zitiert. Wichtiger scheint mir von allen Worten &#8211; das letzte Wort.\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tipps f\u00fcr weitere Informationen zu Bertolt Brecht:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Knopf, Jan (Hg.): Brecht-Handbuch. 5 B\u00e4nde. Stuttgart \/ Weimar 2001-2003.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Berg, G\u00fcnter \/ Wolfgang Jeske: Bertolt Brecht. Stuttgart 1998.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/bertolt-brecht\">https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/bertolt-brecht<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fotos:\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Titelbild: Sven Rottner<br \/>\nBild 1: Felix M\u00fcller<br \/>\nBild 2&amp;3: BBP<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagt\u00e4glich kommen wir an Orten vorbei, die nach historischen Pers\u00f6nlichkeiten benannt wurden. 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