{"id":16381,"date":"2019-09-04T13:08:43","date_gmt":"2019-09-04T13:08:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=16381"},"modified":"2021-02-17T22:47:55","modified_gmt":"2021-02-17T22:47:55","slug":"von-pflanzen-im-exil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/09\/04\/von-pflanzen-im-exil\/","title":{"rendered":"Von Pflanzen im Exil"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Der Botanische Garten auf der Morgenstelle <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2019\/08\/09\/50-jahre-botanischer-garten-tuebingen\/\">feiert in diesem Jahr sein 50-j\u00e4hriges Bestehen<\/a>. 1969 zog er an seinen heutigen Standort. Zu diesem Anlass finden das ganze Jahr \u00fcber interessante Ausstellungen, F\u00fchrungen und Vortr\u00e4ge statt. Am vergangenen Sonntag widmete sich Dr. Michael Burkart der Frage, wie sich Botanische G\u00e4rten und der Naturschutz bedingen. Nach seinem gut einst\u00fcndigen Vortrag war klar: Botanische G\u00e4rten leisten viel f\u00fcr den Erhalt seltener Pflanzenarten \u2013 aber nicht nur daf\u00fcr.<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<h2>Bedrohung der Artenvielfalt\u00a0<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Zeiten des Klimawandels und der verheerenden Waldbr\u00e4nde im Amazonasgebiet erh\u00e4lt das Thema Naturschutz eine ganz neue Relevanz. Der Vortrag an diesem Sonntagvormittag stie\u00df auf reges Interesse. Der Botaniker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Burkart\">Dr. Michael Burkart<\/a> aus Potsdam besch\u00e4ftigte sich mit den Fragen \u201eIst Naturschutz f\u00fcr Botanische G\u00e4rten wichtig? Sind Botanische G\u00e4rten f\u00fcr den Naturschutz wichtig?\u201c Nach einigen einleitenden Worten durch Brigitte Fiebig, Technische Leiterin des Botanischen Gartens, beantwortete er die erste Frage mit einem klaren Ja. Auch die zweite Frage h\u00e4tte er gerne so unumwunden beantwortet, gestand aber ein, dass dazu eine weitaus kritischere Betrachtung n\u00f6tig sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu machte er zun\u00e4chst auf den Zustand der Pflanzenvielfalt auf der Erde aufmerksam. Von den rund 400.000 Arten l\u00e4gen nur \u00fcber einen Bruchteil verl\u00e4ssliche Daten vor. Von diesen seien 43 Prozent akut gef\u00e4hrdet. Bei weiteren 14 Prozent k\u00f6nne man davon ausgehen, dass sie in den n\u00e4chsten Jahren ebenfalls vom Aussterben bedroht sind. Gerade einmal ein gutes Viertel der Flora sei nicht gef\u00e4hrdet. Burkart schilderte, dass die Pflanzen in der mitteleurop\u00e4ischen Zone kaum bedroht seien. Probleme g\u00e4be es vor allem im s\u00fcdamerikanischen Raum \u2013 und das nicht nur wegen der aktuellen Waldbr\u00e4nde vor Ort. Trotzdem weise Deutschland im gesamteurop\u00e4ischen Vergleich eine hohe Zahl an gef\u00e4hrdeten Pflanzenarten auf. Fast ein Drittel der heimischen Pflanzen bed\u00fcrften besonderem Schutz.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16384\" aria-describedby=\"caption-attachment-16384\" style=\"width: 504px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16384 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13-504x672.jpg\" alt=\"\" width=\"504\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16384\" class=\"wp-caption-text\">Auch heimische Pflanzen, wie hier Gew\u00e4chse der Ostalpen, beherbergt der Botanische Garten in T\u00fcbingen.<\/figcaption><\/figure>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">G\u00e4rten mit gro\u00dfer Aufgabe<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die erh\u00f6hte Bedrohungslage in S\u00fcdamerika sah Burkart vor allem in einem raschen Bev\u00f6lkerungswachstum. Mehr Menschen bedeuteten auch immer einen h\u00f6heren Bedarf an Agrarfl\u00e4che. Beinahe zwangsl\u00e4ufig entst\u00fcnde hieraus eine Gefahr f\u00fcr Fauna und Flora, nicht nur in Lateinamerika. Er verwies auf eine Kampagne des deutschen Umweltministeriums aus dem Jahr 2017. <a href=\"http:\/\/www.agrarheute.com\/land-leben\/kampagne-gestartet-hendricks-provoziert-neuen-bauernregeln-531395\">Mit einer provokanten Neuauflage der Bauernregeln versuchte die damalige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD), ein Umlenken in der Arterhaltung einzuleiten<\/a>. Gegen die m\u00e4chtige Agrarlobby hatte sie damals allerdings keine Chance.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Burkart hingegen erinnerte an die staatliche Verpflichtung, die Pflanzenwelt zu erhalten; <a href=\"http:\/\/www.biologischevielfalt.at\/ms\/chm_biodiv_home\/chm_strat_arterhaltung\/chm_n_gspc\/\">eine Verpflichtung, zu der sich auch Deutschland 2002 bekannt hatte<\/a>. Aus dieser Verpflichtung leiteten sich die vielf\u00e4ltigen Aufgaben der Botanischen G\u00e4rten ab. Neben Kultur, Erholung und der G\u00e4rtnerei z\u00e4hlten auch die Forschung, Lehre und Bildung sowie der Naturschutz zu den Pflichten der G\u00e4rten. Sie fungierten damit sowohl g\u00e4rtnerisch als auch wissenschaftlich und p\u00e4dagogisch.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Erhaltungskulturen \u2013 wichtiger Beitrag zur Arterhaltung<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zentrum von Burkarts Vortrag stand nat\u00fcrlich der Naturschutz. Eine g\u00e4ngige Methode hierzu sei die Z\u00fcchtung sogenannter Erhaltungskulturen (Ex-Situ-Erhaltung). Bedrohte Arten w\u00fcrden hierzu <a href=\"http:\/\/www.ex-situ-erhaltung.de\/\">in Botanischen G\u00e4rten hochgez\u00fcchtet und schlie\u00dflich wieder an ihrem nat\u00fcrlichen Standort ausgepflanzt<\/a>. Der Potsdamer Botaniker r\u00e4umte allerdings ein, dass die Erhaltung am Naturstandort immer oberste Priorit\u00e4t habe. In Deutschland k\u00fcmmerten sich insgesamt 58 Botanische G\u00e4rten in dieser Form um die Arterhaltung. Zur besseren Koordination dieser Bem\u00fchungen gr\u00fcndete sich 2005 die <a href=\"http:\/\/www.verband-botanischer-gaerten.de\/pages\/arbeitsgruppen\/erhaltung.html\">Arbeitsgruppe Erhaltungskulturen<\/a>, in welcher Burkart als Sprecher t\u00e4tig ist. Die Bundesregierung ben\u00f6tigte ein wenig mehr Zeit und legte erst 2007 ein Konzept vor. Scherzend meinte Burkart, sie sei \u201eein wenig langsamer, aber hat trotzdem was gemacht.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_16383\" aria-describedby=\"caption-attachment-16383\" style=\"width: 504px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/23.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16383 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/23-504x672.jpg\" alt=\"\" width=\"504\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16383\" class=\"wp-caption-text\">Im Subtropenhaus im Botanischen Garten T\u00fcbingen werden Pflanzen anderer Kontinente gez\u00fcchtet. Im Fachjargon hei\u00dft das Ex-Situ-Erhaltung.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Wichtigkeit von Erhaltungskulturen. L\u00e4nder mit einer hohen Biodiversit\u00e4t verf\u00fcgten \u00fcblicherweise \u00fcber weitaus weniger Botanische G\u00e4rten als sie auf der Nordhalbkugel zu finden seien. Die ostafrikanische <em>aloe pembana<\/em> komme zum Beispiel nur auf der Insel Pemba vor. Einheimische nutzen sie vor allem als probates Mittel gegen Brechdurchfall und \u00e4hnliche Erkrankungen. Doch eine zu intensive Nutzung ginge auch mit dem Risiko des Aussterbens einher. Tats\u00e4chlich schlummerten in deutschen G\u00e4rten inzwischen Arten, die in der Wildnis so nicht mehr existierten. Trotz alledem ist sich Burkart bewusst, dass Erhaltungskulturen nicht das Nonplusultra sind. B\u00e4ume k\u00f6nnten beispielsweise nur an ihren nat\u00fcrlichen Standorten erhalten werden.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Naturschutz von allen f\u00fcr alle<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch auch der Anbau kleinerer Pflanzen in Erhaltungskulturen gestaltete sich oft sehr schwierig. Besonders bei komplexen Kulturen bed\u00fcrfe es einer umso gr\u00f6\u00dferen Population in den Botanischen G\u00e4rten. Dies erzeuge nicht selten Kapazit\u00e4tsprobleme. Man m\u00fcsse bedenken, dass manche Pflanzen nicht nur besonders hoch wachsen, sondern viel mehr auch eine beachtlichen Raum zur Entfaltung ben\u00f6tigen. Anderenfalls w\u00e4re eine erfolgreiche Kultur nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16382\" aria-describedby=\"caption-attachment-16382\" style=\"width: 504px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/41.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-16382 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/41-504x672.jpg\" alt=\"\" width=\"504\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16382\" class=\"wp-caption-text\">Auch der Bota in T\u00fcbingen leistet seinen Beitrag zur Arterhaltung. Mehr als zehn einheimische gef\u00e4hrdete Arten befinden sich hier in Erhaltungskultur.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Burkart beschr\u00e4nkte sich in seinem Vortrag aber nicht nur auf die theoretischen Grundlagen des Naturschutzes. Ihm war es mindestens genau so wichtig, von den konkreten Projekten und Erfolgen dieser Bem\u00fchungen zu sprechen. Vor drei Jahren gelang es dem Botanischen Garten in Potsdam, die Pfingstnelke soweit zu kultivieren, dass sie erfolgreich wieder in der Natur angesiedelt werden konnte. Hierbei gelang es den Botanikern, verschiedene Bl\u00fctenformen mit teilweise unterschiedlichen T\u00f6nungen zu kultivieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die \u00d6ffentlichkeitsarbeit gewinnt f\u00fcr Botanische G\u00e4rten zunehmend an Bedeutung. Bei der Bundesgartenschau 2015 wurde den Besuchern vor Augen gef\u00fchrt, wie wichtig ein aktiver Naturschutz f\u00fcr unseren Planeten ist.\u00a0 <a href=\"https:\/\/urbanitaetundvielfalt.de\/\">Das Projekt \u201eUrbanit\u00e4t und Vielfalt\u201c setzte es sich daher zum Ziel, Menschen f\u00fcr den Naturschutz zu motivieren<\/a>. Denn nicht alles k\u00f6nne allein den Botanischen G\u00e4rten \u00fcberlassen werden. Trotzdem betonte Burkart abschlie\u00dfend, dass der Naturschutz eine immer wichtigere Rolle f\u00fcr Botanische G\u00e4rten spielte. Sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Vortrag am Sonntag war einer von vielen, um das Jubil\u00e4um \u201e50 Jahre Botanischer Garten auf der Morgenstelle\u201c zu w\u00fcrdigen. Bis Anfang Dezember folgen <a href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/index.php?eID=tx_securedownloads&amp;p=26902&amp;u=0&amp;g=0&amp;t=1567519624&amp;hash=a6bceb952b9fbc25579260c568284b79b9136dee&amp;file=\/fileadmin\/Uni_Tuebingen\/Einrichtungen\/Zentrale_Einrichtungen\/BotanGarten\/Veranstaltungsprogramm_2018_171204_fin_oBeschnitt.pdf\">eine Reihe weiterer interessanter \u00f6ffentlicher Veranstaltungen rund um den Botanischen Garten<\/a>. Der Eintritt ist frei. Eine Voranmeldung ist nicht n\u00f6tig.<\/em><\/p>\n<p><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos<\/span><\/strong>: Sven Rottner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":367,"featured_media":16387,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,307,188],"tags":[5080,5081,3720,291,11,426,5082,5083,19,22,550],"class_list":["post-16381","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-uni-inside","category-wissenschaft","tag-artenschutz","tag-artenvielvalt","tag-biodiversitaet","tag-botanischer-garten","tag-featured","tag-jubilaeum","tag-michael-burkart","tag-naturschutz","tag-tubingen","tag-universitaet-tuebingen","tag-vortrag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16381","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/367"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16381"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16381\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23483,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16381\/revisions\/23483"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16381"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16381"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16381"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}