{"id":16691,"date":"2019-10-26T13:11:14","date_gmt":"2019-10-26T11:11:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=16691"},"modified":"2019-10-26T13:11:14","modified_gmt":"2019-10-26T11:11:14","slug":"studienplatz-auf-umwegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/10\/26\/studienplatz-auf-umwegen\/","title":{"rendered":"Studienplatz auf Umwegen"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Unz\u00e4hlige Formulare haben wir ausgef\u00fcllt und fristgerecht abgeschickt. Das lange Warten und die Frage \u201eBekomme ich meinen hei\u00dfbegehrten Studienplatz an der Uni T\u00fcbingen?\u201c raubten uns den letzten Nerv. Doch zumindest brauchte keiner von uns eine Sondergenehmigung des K\u00f6nigs, um \u00fcberhaupt erst Abitur zu machen. In der Doppelausstellung des Stadtmuseums werden diese und weitere H\u00fcrden der studieninteressierten Frauen im 19. und 20. \u00a0Jahrhundert dargestellt.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem 5. Juli ist die Ausstellung \u201e<a href=\"https:\/\/www.tuebingen.de\/stadtmuseum\/16923.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">T\u00fcbinger T\u00f6chter \u2013 Frauen an der T\u00fcbinger Universit\u00e4t im 20. Jahrhundert<\/a>\u201c gemeinsam mit einer Ausstellung \u00fcber die Buchhandlung <a href=\"https:\/\/gastl-buch.buchkatalog.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gastl<\/a> in den 1950er- bis 1980er-Jahren unter dem Motto <em>weiblich wissbegierig wagemutig<\/em> im <a href=\"https:\/\/www.tuebingen.de\/stadtmuseum\/\">Stadtmuseum<\/a> zu bestaunen. Wer sich das nicht entgehen lassen will, muss schnell sein. Die Ausstellung findet nur noch bis zum 3. November statt.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Die erste Studentin in T\u00fcbingen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als 1873 das erste Mal eine junge Frau an der Universit\u00e4t in T\u00fcbingen studieren wollte, lehnte der Senat diese Anfrage ab. Damals galt in W\u00fcrttemberg noch das faktische Verbot des Frauenstudiums. 19 Jahre sp\u00e4ter wurde <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2019\/07\/15\/wer-war-eigentlichmaria-von-linden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gr\u00e4fin Maria von Linden (1869-1936)<\/a> vom Senat und der Naturwissenschaftlichen Fakult\u00e4t nur zugelassen, da sie im Jahr zuvor mit einer Sondergenehmigung des K\u00f6nigs das Abitur in Stuttgart abgelegt hatte. Als erste au\u00dferordentliche Studentin war sie jedoch nie immatrikuliert. Erst seit dem 16. Mai 1904 ist es Frauen m\u00f6glich &#8211; dank des Erlasses von K\u00f6nig Wilhelm II. &#8211; sich an der Eberhard Karls Universit\u00e4t zu immatrikulieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16693\" aria-describedby=\"caption-attachment-16693\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-16693\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Bild-1-Maria-von-Linden-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16693\" class=\"wp-caption-text\"><em>Als erste Frau Deutschlands wurde Maria von Linden 1910 der Titel der \u201eProfessorin\u201c zugesprochen\u00a0 \u2013 eine Lehrbefugnis erhielt sie nicht.\u00a0<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesem Durchbruch gingen allerdings auch Probleme einher. Die frischgebackenen Studentinnen konnten sich die teuren Wohnungen nicht leisten, viele lebten deshalb noch bei ihren Eltern oder hatten Gl\u00fcck und kamen im Schwesternheim des Missions\u00e4rztlichen Instituts unter. Auch einige Damenverbindungen entstanden aus dieser Not heraus. Allerdings wurde das Frauenstudium allgemein eher missbilligend betrachtet, da Frauen ihre Rolle als Hausfrau und Mutter nicht vernachl\u00e4ssigen sollten. Deshalb studierten die meisten der ersten Studentinnen an der Medizinischen und der Philosophischen Fakult\u00e4t. Das Studium in diesen Bereichen entsprach noch am ehesten der gesellschaftlichen Erwartungshaltung, nach der eine Frau sich um Kinder und Haushalt zu k\u00fcmmern hatte. In der Ausstellung werden die Lebenswege von einigen herausragenden Frauen der akademischen Stadtgeschichte T\u00fcbingens vorgestellt, welche eben dieses Rollenbild durch ihre Leistungen ins Wanken brachten. Portr\u00e4tiert werden unter anderem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Emmy_Stein\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Emmy Stein<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.stolpersteine-stuttgart.de\/index.php?docid=602&amp;mid=0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Maria Margarete Wolf<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gertrud_Stockmayer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gertrud Stockmayer<\/a>.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16695\" aria-describedby=\"caption-attachment-16695\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-16695\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Bild-2-Verunglimpfungen-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16695\" class=\"wp-caption-text\">Zeitgem\u00e4\u00dfe Verunglimpfung: Studentinnen wurden herabw\u00fcrdigend und stark verm\u00e4nnlicht dargestellt. In der Ausstellung zu sehen sind Postkarten und Karikaturen, entstanden zwischen 1890 und 1915.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Eine Buchhandlung mit Geschichte<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der Ausstellung \u00fcber die ersten T\u00fcbinger Studentinnen beinhaltet die Doppelausstellung des Stadtmuseums auch einen Teil \u00fcber die T\u00fcbinger Buchhandlung Gastl. Gegr\u00fcndet von zwei belesenen Frauen, die zu der Zeit im Buchhandel ebenfalls eine Minderheit bildeten. Julie Gastl, eine gebildete Buchh\u00e4ndlerin, und Gudrun Schaal, die in Anglistik promoviert hatte, gr\u00fcndeten 1949 gemeinsam die Buchhandlung und betrieben diese 30 Jahre lang. Die beiden beeinflussten nicht nur die Hochschulpolitik, sondern beherbergten unter anderem auch Gespr\u00e4chskreise, die Ernst Bloch mit seinen Studierenden abhielt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16694\" aria-describedby=\"caption-attachment-16694\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-16694\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Bild-3-Buchhandlung-Gastl-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16694\" class=\"wp-caption-text\">Die Ausstellung besteht haupts\u00e4chlich aus dem Nachlass von Gudrun Schaal, der seit 2012 im Besitz der Stadt T\u00fcbingen ist.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele der zahlreichen Lesungen, die in der Buchhandlung Gastl stattfanden, waren von namenhaften Autor*innen wie Hannah Arendt, Paul Celan und Peter H\u00e4rtling. Auch eine Lesung von Thomas Mann war geplant, leider verstarb er kurz nach seiner Zusage. Zwar befindet sich die Buchhandlung nicht mehr an ihrem fr\u00fcheren Platz im Eckhaus der Pfleghofstra\u00dfe, sie existiert aber auch heute noch und wird wieder von einer Frau gef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf kleinem Raum wird \u00fcberraschend viel Wissen \u00fcber das akademische T\u00fcbingen des 20. Jahrhunderts vermittelt. Interessante Ausstellungsst\u00fccke, wie die Stellungnahme \u00fcber die Aufnahme von Frauen in die Medizinische und Philosophische Fakult\u00e4t oder die Studentenakte von Gertrud Stockmayer, f\u00fchren den Betrachter*innen vor Augen, welche Widerst\u00e4nde es f\u00fcr Frauen damals zu \u00fcberwinden gab &#8211; da erscheint das eigene Bewerbungsverfahren auf einmal gar nicht mehr so umst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Am 3. November findet um 15 Uhr die letzte Sonntagsf\u00fchrung im Stadtmuseum durch die Kuratoren der Sonderausstellung statt. Der Eintritt ist frei, die F\u00fchrung kostet 2,50 \u20ac, erm\u00e4\u00dfigt 1,50 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Sarah Sommerau<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":376,"featured_media":16696,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,62],"tags":[535,743,11,5115,1824,34,458,18,19,5116,2434,145,20,21,22,5117,5118,5119],"class_list":["post-16691","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-kultur","tag-ausstellung","tag-buchhandlung-gastl","tag-featured","tag-gastl","tag-herbst","tag-kultur","tag-studenten","tag-studierende","tag-tubingen","tag-tuebingens-toechter","tag-tuebinger-stadtmuseum","tag-uni","tag-uni-tuebingen","tag-universitaet","tag-universitaet-tuebingen","tag-wagemutig","tag-weiblich","tag-wissbegierig"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16691","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/376"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16691"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16691\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16691"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16691"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16691"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}