{"id":17492,"date":"2019-11-26T19:20:44","date_gmt":"2019-11-26T19:20:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=17492"},"modified":"2021-02-17T22:35:54","modified_gmt":"2021-02-17T22:35:54","slug":"ein-total-krankes-und-perverses-system","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/11\/26\/ein-total-krankes-und-perverses-system\/","title":{"rendered":"&quot;Ein total krankes und perverses System&quot;"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Prostitution wird in unserer Gesellschaft akzeptiert. Es gibt sogar Strukturen, die Prostitution st\u00fctzen, meint Marie Kaltenbach. Zusammen mit der Kindheitsp\u00e4dagogin Sarah Kim kl\u00e4rte sie \u00fcber Prostitution auf. Eingeladen hatte die beiden Aktivistinnen von <a href=\"https:\/\/sisters-ev.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Sisters e.V.<\/a> der T\u00fcbinger <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/querfeldeinEV\/?tn-str=k*F\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verein Querfeldein.<\/a> Am Montag, den 25.11.2019 erkl\u00e4rten sie im Ribingurumu, wie die rechtliche Lage in Deutschland ist, welche Personen betroffen sind und was es f\u00fcr die Menschen in diesem System bedeutet. <br \/><\/strong><\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum ersten Mal mit Prostitution in Ber\u00fchrung gekommen sei Marie Kaltenbach w\u00e4hrend ihres Bachelors in Politikwissenschaft. F\u00fcr ein Seminar, in dem es um Frauenrechte ging, habe sie ihre Hausarbeit \u00fcber Prostitution schreiben wollen. Bei der Recherche sei sie dann auf \u00f6ffentliche Foren gesto\u00dfen, in denen Freier die Frauen ganz ungeniert und in abwertender Form bewerten. &#8222;Das hat mich echt aus den Latschen gehauen&#8220;, so Marie.\u00a0<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wenn man einmal drin ist, kommt man nicht mehr raus&#8220;<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie genau Prostitution definiert wird, dar\u00fcber hatte sich Marie noch gar keine Gedanken gemacht. Das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Prostitutionsgesetz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Prostitutionsgesetz<\/a> definiert sie als &#8222;Sex gegen Geld&#8220;. F\u00fcr Marie ist Pornographie allerdings auch sehr an Prostitution gebunden, da dort ein bestimmtes Frauenbild transportiert werde. Das Prostitutionsgesetz ist 2002 in Kraft getreten. Seitdem seien in Stuttgart die Gro\u00dfbordelle aus dem Boden geschossen, erkl\u00e4rt Sarah Kim. Gesch\u00e4tzt gibt es zwischen 200.000 und 1 Millionen Prostituierte in Deutschland. Einen Beitrag dazu, dass die Zahlen so ungenau sind, leistet die Tatsache, dass die Frauen oft nach nur wenigen Wochen in ein neues Bordell gebracht werden. &#8222;Die Freier wollen Frischfleisch&#8220;, so Marie. Au\u00dfer &#8222;wenn sie viel abwerfen&#8220;, erg\u00e4nzt Sarah \u2013 dann k\u00f6nne es auch vorkommen, dass die Frauen l\u00e4nger an einem Ort bleiben.\u00a0<\/p>\n<figure id=\"attachment_17484\" aria-describedby=\"caption-attachment-17484\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-17484\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/DSCF3936x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17484\" class=\"wp-caption-text\">Die Aktivistinnen Marie Kaltenbach und Sarah Kim von Sisters e.V. kl\u00e4ren \u00fcber Prostitution auf. Im Bild: Sarah Kim.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haupts\u00e4chlich kommen diese Frauen aus S\u00fcd- und Osteuropa. &#8222;95 % sind importiert aus L\u00e4ndern, in denen es den Frauen schlechter geht&#8220;, erkl\u00e4rte sie. Viele Frauen geraten aus Instabilit\u00e4t in das System. Immer noch angewendet wird die sogenannte &#8222;Loverboy Methode&#8220;. M\u00e4nner gehen auf junge Frauen zu und bauen eine emotionale Bindung auf. Wenn die Frauen noch nicht eingesch\u00fcchtert genug seien, w\u00fcrden sie &#8222;vorher schon mal vergewaltigt und zurecht gebogen&#8220;, so die Kindheitsp\u00e4dagogin. Die Frauen w\u00fcrden zudem noch komplett isoliert. Ihr komplettes soziales Leben spiele sich in dem System der Prostitution ab. Selbst wenn Frauen l\u00e4nger an einem Ort blieben, s\u00e4hen sie meist immer nur die selben Stra\u00dfenz\u00fcge. &#8222;Das kann man sich in dem bravem, b\u00fcrgerlichem T\u00fcbingen nicht vorstellen&#8220;, sagt Marie dazu.\u00a0<\/p>\n<h3>&#8222;Das schwierigste ist, ran zu kommen&#8220;<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sisters e.V. setzt sich aktiv f\u00fcr den Ausstieg aus der Prostitution ein. Das schwierigste sei dabei die Kontaktaufnahme. Man gehe vormittags in die Bordelle, denn &#8222;abends ist man dort nicht gerne gesehen&#8220;, so Sarah. Das Ganze habe nichts mit einem normalen Beruf zu tun. Wenn die Frauen den Wunsch \u00e4u\u00dfern w\u00fcrden, raus zu wollen, w\u00fcrden sie sofort von Sisters e.V. rausgeholt. Mittlerweile habe der Verein auch eine Aussteigerwohnung. Das wichtigste sei es, die Frauen aus diesem sozialem System raus zu holen. In diesem Punkt versagen die Hilfsorganisationen vor Ort. Die Aussteigerprojekte w\u00fcrden so gut wie ausschlie\u00dflich von privaten Initiativen angeboten. Das schwierige seien auch die Gesetze. Diese w\u00fcrden zwischen Zwangsprostitution und &#8222;guter&#8220; Prostitution trennen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_17489\" aria-describedby=\"caption-attachment-17489\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-17489 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/DSCF4443x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17489\" class=\"wp-caption-text\">\u00a01,7 Millionen Menschen (haupts\u00e4chlich M\u00e4nner) kaufen Sex, so die Aktivistin Marie Kaltenbach.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Umsatz in der Branche bel\u00e4uft sich auf 13-15 Mrd. Euro j\u00e4hrlich. Dies sei mehr als die Textilindustrie in Deutschland erwirtschaftet, so Sarah.\u00a0<\/p>\n<h3>Viele Freier wissen was sie tun<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Der Freier kauft eine Illusion&#8220;, meint Sarah. Die Illusion, dass diese Frau den ganzen Tag nur auf ihn gewartet habe.\u00a0 Viele Freier bek\u00e4men auch mit, dass es den Frauen nicht gut geht. Allerdings \u00fcberwiege das Gef\u00fchl, dass man schlie\u00dflich daf\u00fcr gezahlt habe. Dass sie sich das &#8222;Ja&#8220; nur erkauft haben, ist ihnen bewusst, doch auch beim Sexkauf gilt f\u00fcr sie das Motto &#8222;Ich bin Kunde, ich bin K\u00f6nig&#8220;. F\u00fcr die Frauen ist vor allem dieser Freierkontakt das zerm\u00fcrbende. Jeden Tag 10-20 Mal erniedrigt zu werden, hinterl\u00e4sst Traumata wie sie bei Kriegsveteranen und Folteropfern zu finden sind, erkl\u00e4rt Sarah. Die Prostituierte \u00fcbernimmt dann das Bild, dass sie nichts anderes verdient habe.\u00a0 Diese Einstellung macht einen Ausstieg aus dem System enorm schwierig. Dieser gelingt leider meist nur, wenn der Ekel und der Selbsthass bei den Frauen zu gro\u00df wird.<\/p>\n<figure id=\"attachment_17480\" aria-describedby=\"caption-attachment-17480\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-17480\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/DSCF3745x-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17480\" class=\"wp-caption-text\">Sisters e.V. w\u00fcrde das sogenannte &#8222;nodrische Modell f\u00fcr Prostitution&#8220; bevorzugen.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Wir haben hier im Land ein verschobenes Bild von Prostitution<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Alternative zu den deutschen Gesetzen, die von Sisters e.V. pr\u00e4feriert wird, ist das sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nordisches_Modell_f%C3%BCr_Prostitution\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">nordische Modell f\u00fcr Prostitution.<\/a>\u00a0 Erstmals eingef\u00fchrt wurde es 1999 in Schweden. Es kriminalisiert die Kunden der Prostitution. Strafbar machen sich also alle au\u00dfer der Prostituierten selbst. Dass Prostitution in den L\u00e4ndern, in denen das Modell angewendet wird, \u00fcberhaupt nicht vorkommt, sei nat\u00fcrlich nicht der Fall. Dennoch habe es sehr schambesetze Folgen f\u00fcr die Menschen, die dabei erwischt werden. Auch wird Aufkl\u00e4rungsarbeit bei den Freiern angeboten. Gegenwind gegen dieses Modell kommt etwa vom <a href=\"https:\/\/berufsverband-sexarbeit.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.. <\/a>Nach au\u00dfen transportiert dieser Verein das Bild einer selbstbestimmten Sexarbeiterin. Dass es solche Menschen gibt, streiten die Vertreterinnen von Sisters e.V. nicht ab, sie seien jedoch eine Minderheit. Die Mehrheit hat weder die M\u00f6glichkeit, noch das Bewusstsein daf\u00fcr. Man brauche einen Paradigmenwechsel um 180\u00b0, so Marie. Prostitution sei falsch. Sie werde auch nicht besser, wenn die Wand glitzert. Dieses Bild m\u00fcsse allerdings von unten kommen, so Sarah. Wir als Gesellschaft m\u00fcssen uns die Frage stellen, was f\u00fcr eine Sexualit\u00e4t wir leben wollen. F\u00fcr Sisters e.V. funktioniert Sexualit\u00e4t ganz klar nicht so, dass man f\u00fcr ein paar Euro mit dem anderen machen kann, was man will.<\/p>\n<p>Weiter interessante Links:<br \/><a href=\"https:\/\/ichbinkeinfreier.com\/links\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/ichbinkeinfreier.com\/links\u00a0<\/a><br \/><a href=\"https:\/\/rotlichtaus.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/rotlichtaus.de\/<\/a><\/p>\n<p><u>Fotos:<\/u> Marko Knab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":348,"featured_media":17485,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,62],"tags":[1408,5182,11,1214,5184,553,5185,194,196,5186,18,19,21,200],"class_list":["post-17492","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-kultur","tag-aktivismus","tag-aussteiger","tag-featured","tag-frauenrechte","tag-kindheitspaedagogin","tag-prostitution","tag-prostitutionsgesetz","tag-querfeldein-2","tag-ribingurumu","tag-sisters-e-v","tag-studierende","tag-tubingen","tag-universitaet","tag-wohnzimmer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17492","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/348"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17492"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17492\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23461,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17492\/revisions\/23461"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}