{"id":17559,"date":"2019-11-28T13:00:36","date_gmt":"2019-11-28T13:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=17559"},"modified":"2021-02-17T22:35:08","modified_gmt":"2021-02-17T22:35:08","slug":"ein-film-der-wenig-braucht-um-viel-zu-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/11\/28\/ein-film-der-wenig-braucht-um-viel-zu-sagen\/","title":{"rendered":"Ein Film, der wenig braucht, um viel zu sagen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Dass sie mal T\u00fcbinger waren, h\u00f6rt man ihnen an, auch wenn die Interviewpartner der Filmemacher von der <a href=\"http:\/\/www.geschichtswerkstatt-tuebingen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Geschichtswerkstatt T\u00fcbingen e.V<\/a>. heute im Ausland leben. Am Montagabend wurde im <a href=\"https:\/\/www.dai-tuebingen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Deutsch-amerikanischen Institut T\u00fcbingen (d.a.i.)<\/a> der Film \u201eWege der T\u00fcbinger Juden: Eine Spurensuche\u201c gezeigt. Etwa 100 Mitglieder z\u00e4hlte die j\u00fcdische Gemeinde T\u00fcbingen, bevor sie durch das nationalsozialistische Regime ausgel\u00f6scht wurde. Vielen gelang die Flucht ins Ausland. Diejenigen, die bis zum Schluss nicht an die Grausamkeit der Nazis und ihrer eigenen Mitb\u00fcrger zu glauben vermochten, wurden ermordet. Der Film ist nicht nur Zeugnis eines unr\u00fchmlichen Kapitels der T\u00fcbinger Geschichte, sondern auch das Ergebnis eines langsamen und schmerzhaften Wiederann\u00e4herungsprozesses. <\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Kindheit im zunehmend antisemitischen T\u00fcbingen<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Berichte der Zeitzeug*innen entwerfen ein Bild von Kindheit zwischen fr\u00f6hlicher Naivit\u00e4t und dem viel zu fr\u00fchen Herausgesto\u00dfenwerden daraus. Diskriminierungserfahrungen waren Alltag, obwohl ein paar sch\u00f6ne Erinnerungen geblieben sind. Therese Stern-Lawrence erz\u00e4hlt von dem Eis, dass sie auf dem Weg von der Schule \u00fcber die Wilhelmstra\u00dfe nach Hause spendiert bekam. \u00dcber den Kantoren Wochenmark, der so sch\u00f6n gesungen habe in der Synagoge. Doris Doctor berichtet von sonnt\u00e4glichen Spazierg\u00e4ngen nach Schw\u00e4rzloch mit der Familie. Ins Freibad, das f\u00fcr Juden verboten war, sei sie trotzdem gegangen, von ihren Mitsch\u00fclerinnen ermutigt. Keiner habe etwas gemerkt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_17562\" aria-describedby=\"caption-attachment-17562\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-17562\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/T\u00fcbinger-Juden-2-1038x584.png\" alt=\"\" width=\"1038\" height=\"584\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17562\" class=\"wp-caption-text\">Links oben: Ehemaliger Standort der T\u00fcbinger Synagoge in der Gartenstra\u00dfe 33. Links unten: Gedenktafel am Standort der T\u00fcbinger Synagoge, die 1938 von ortsans\u00e4ssigen Nationalsozialisten zerst\u00f6rt wurde. Rechts oben: heute Zinser, fr\u00fcher Gasthof Ochsen. Schauplatz antisemitischer \u00dcbergriffe in der Weimarer Republik. Rechts unten: Uhland-Gymnasium.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Spuren j\u00fcdischen Lebens <\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Orte in T\u00fcbingen, an denen man im Alltag oftmals achtlos vorbeigeht, bergen sowohl positive, als auch negative Erinnerungen f\u00fcr die Zeitzeug*innen. Bereits in der Weimarer Republik gab es antisemitische \u00dcbergriffe, z.B. vor dem Gasthaus Ochsen \u2013 einem belebten Ort des T\u00fcbingens der 1920er Jahre, wo heute das Kaufhaus Zinser steht. Viele dieser \u00dcbergriffe wurden von Studenten ver\u00fcbt. Deren geistiges Umfeld, die Universit\u00e4t T\u00fcbingen, war damals antisemitisch gesinnt. 1934 wurde hier der erste <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.uni-tuebingen-in-der-ns-zeit-forschung-lehre-unrecht.605fd0fb-c62c-4c71-bdfe-d87bfb69f71a.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lehrstuhl f\u00fcr Rassenkunde<\/a> eingerichtet. An die Synagoge, von der Therese Stern-Lawrence erz\u00e4hlt, erinnert heute nur noch eine Gedenktafel. <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2019\/06\/02\/wie-antisemitisch-ist-deutschland-heute\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die Synagoge wurde 1938 von den Nationalsozialisten niedergebrannt<\/a>. Einer der Zeitzeugen erinnert sich im Film: \u201eVon einer Entr\u00fcstung der christlichen Mitb\u00fcrger, auch nicht ihrer geistlichen, habe ich nichts geh\u00f6rt.\u201c Viele der damaligen T\u00fcbinger Juden berichten von Diskriminierungen, die sie in der Schule, sowohl von Lehrern als auch Mitsch\u00fclern, erfahren haben. Doris Doctor erlebte, wie ihre guten Schulnoten zu Weihnachten, anders als die ihrer Mitsch\u00fcler, nicht ausgezeichnet wurden, blo\u00df weil sie J\u00fcdin war. Ein anderer Zeitzeuge berichtet, wie er von seinen Mitsch\u00fclern am Uhlandgymnasium auf einem Sandhaufen an ein Brett gefesselt wurde: \u201eSo habt ihr Jesus umgebracht.\u201c<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Fluchtwege und Sackgassen<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Arisierung 1933 wurde das feindliche Klima in T\u00fcbingen immer unertr\u00e4glicher. Kunden wurden von SA-Leuten am Einkauf in j\u00fcdischen Gesch\u00e4ften gehindert. Die Rassentrennung verwehrte Juden und J\u00fcdinnen den Zugang zu Gesch\u00e4ften und Restaurants. Das Caf\u00e9 Pomona, das direkt an die Neckarbr\u00fccke angrenzte, warb damit, judenfrei zu sein. In gro\u00dfer Bedr\u00e4ngnis und aus Furcht vor Deportation wagten viele die Flucht, vor allem ins Ausland. Mit dem Zug nach Italien und dann per Schiff nach Pal\u00e4stina, per Dampfer \u00fcber den Atlantik in die USA.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Josef Wochenmark, der Kantor der j\u00fcdischen Gemeinde von 1925 bis 1934, beging im M\u00e4rz 1943 Selbstmord. Er und seine Frau, deren Versuch gescheitert war, hatten einen Deportationsbescheid erhalten. Ihr Sohn Arnold Marque, dem die Flucht in die USA gelungen war, erz\u00e4hlt im Film, wie seine Mutter ihm am Telefon den Selbstmordversuch verheimlichte. Der Vater sei an einer Lungenerkrankung gestorben. Die letzten Worte, die sie ihm mit auf den Weg gibt: \u201eVerliere nicht den Gottesglauben.\u201c Den von den Nationalsozialisten ermordeten T\u00fcbingern widmete Viktor Marx ein Denkmal, dass heute auf dem j\u00fcdischen Friedhof in Wankheim steht. Zu den Opfern geh\u00f6rte unter anderem seine achtj\u00e4hrige Tochter Ruth, nach der eine T\u00fcbinger Stra\u00dfe benannt wurde.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Neue Heimat \u2013 zwischen Erleichterung und Ern\u00fcchterung<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Schwierigkeiten der T\u00fcbinger Juden in ihren neuen Heimatl\u00e4ndern kommen in den Interviews zur Sprache. V\u00f6llig mittellos erreichten sie Amerika oder Pal\u00e4stina. Von dem, was sie zur\u00fccklassen mussten, haben damals auch T\u00fcbinger profitiert. Trotzdem war es eine Erleichterung, sich endlich in Sicherheit zu wissen: \u201eIn New York haben wir dann die Statue of Liberty gesehen und dann wussten wir, dass alles gut wird.\u201c Nicht jeder hatte das Gl\u00fcck, es in die Vereinigten Staaten oder nach Pal\u00e4stina zu schaffen. Die USA verlangten ein sogenanntes <em>Affidavid<\/em>, eine B\u00fcrgschaftserkl\u00e4rung, die es Verfolgten erm\u00f6glichte, bei Verwandten und Freunden unterzukommen. Wer sich in Israel ansiedeln wollte, von dem forderte die britische Mandatsmacht ein <em>capitalist certificate<\/em>, d.h. sie mussten eine bestimmte Summe Kapital mitf\u00fchren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_17560\" aria-describedby=\"caption-attachment-17560\" style=\"width: 482px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-17560 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Plakat-482x672.jpg\" alt=\"\" width=\"482\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17560\" class=\"wp-caption-text\">Die Geschichtswerkstatt T\u00fcbingen e.V. produzierte den Film basierend auf Interviews mit T\u00fcbinger Juden, denen die Flucht nach Israel oder in die USA gelang. Realisiert werden konnte das Projekt durch das Engagement von Ehrenamtlichen.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Schmerzvolle Wiederann\u00e4herung<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Film ist Lilli Zapf gewidmet, die seit den 1960er Jahren die Geschichte der T\u00fcbinger Juden aufgearbeitet hat. Auf ihre Anregung hin lud die Stadt die ehemaligen T\u00fcbinger Juden ein. Deren Reaktionen waren zu Beginn gemischt. Manche hatten sich geschworen, nie wieder einen Fu\u00df auf deutschen Boden zu setzen. 1981 konnte schlie\u00dflich das erste Treffen in T\u00fcbingen stattfinden, auf das weitere folgten. So ist der Film auch das Resultat eines langsamen Wiederann\u00e4herungsprozesses, bei dem \u201eaus Ankl\u00e4gern Zeitzeugen wurden\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Film kann in der UB und in der Stadtbibliothek ausgeliehen werden. Au\u00dferdem ist er <a href=\"http:\/\/www.geschichtswerkstatt-tuebingen.de\/Film%20%E2%80%9EWege%20der%20T%C3%BCbinger%20Juden%22%20als%20DVD\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> k\u00e4uflich zu erwerben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li>Titelbild und Filmplakat: Geschichtswerkstatt T\u00fcbingen e.V.\u00a0<\/li>\n<li>Orte j\u00fcdischer Geschichte in T\u00fcbingen: Ineke Schl\u00fcter<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass sie mal T\u00fcbinger waren, h\u00f6rt man ihnen an, auch wenn die Interviewpartner der Filmemacher von der Geschichtswerkstatt T\u00fcbingen e.V. heute im Ausland leben. 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