{"id":17611,"date":"2019-12-08T10:30:53","date_gmt":"2019-12-08T10:30:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=17611"},"modified":"2021-02-17T22:33:43","modified_gmt":"2021-02-17T22:33:43","slug":"der-mensch-der-wissen-schafft-und-seine-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/12\/08\/der-mensch-der-wissen-schafft-und-seine-macht\/","title":{"rendered":"Der Mensch, der Wissen schafft und seine Macht"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Das <a href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/it\/63\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Studium Generale<\/a> bietet ein vielf\u00e4ltiges Repertoire an Ringvorlesungen: Von Marx-Lekt\u00fcren \u00fcber \u00e4gyptische Hochkulturen bis hin zur Genom-Editierung ist f\u00fcr jede Interessenlage der passende Vortrag dabei. Die Vorlesungen finden immer von Montag- bis Donnerstagabend im Kupferbau statt \u2013 eine super Gelegenheit also, \u00fcber den eigenen wissenschaftlichen Tellerrand zu blicken. Besonders spannend: Regelm\u00e4\u00dfig sind Gastwissenschaftler*innen zu Besuch, um Einblick in ihre Forschung zu geben. Unsere Redakteurin hat sich zwei Vorlesungsreihen ausgesucht \u2013 und berichtet.<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erste Vorlesungsreihe \u201eUmk\u00e4mpftes Wissen und situierte Akteure: Blicke hinter die Kulissen der Wissenschaft\u201c (dienstags, 18 Uhr, Kupferbau H\u00f6rsaal 21) zeichnet Etappen der wissenschaftlichen Selbstbetrachtung und Selbstkritik nach. Wissenschaft wird nach Max Weber als \u201esoziale Praxis in den Blick [genommen], der die herrschenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse eingeschrieben sind\u201c. Sie befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Anspruch nach Objektivit\u00e4t und der Involviertheit des Subjekts. Dass Wissenschaft jenseits von politischen und wirtschaftlichen Interessen agieren k\u00f6nnte, wird als Illusion enttarnt. Und so muss Wissenschaft Verantwortung \u00fcbernehmen f\u00fcr die Methoden, die sie w\u00e4hlt, f\u00fcr die Rahmenbedingungen ihrer Existenz und daf\u00fcr, welche Realit\u00e4ten sie schafft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine selbstkritische Haltung einzunehmen ist auch in der Vorlesung \u201eWessen Wissen wissen wir? (Globale) Perspektiven aus dem Bildungskontext\u201c (donnerstags, 18 Uhr, Kupferbau H\u00f6rsaal 21) zentral. Es kommen Themen wie postkoloniale Theorien, Bildung in der Einwanderungsgesellschaft oder auch heimliche Lehrpl\u00e4ne zur Sprache. Wissen wird nicht als etwas verstanden, das irgendwo in den Sternen steht und erschlossen werden muss. Stattdessen ist es produziert und darin abh\u00e4ngig von der Stellung seiner Produzenten in einem, ins Ungleichgewicht geratenen, globalen Kontext.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Vorlesungen suchen also nach Strukturen und Mechanismen, die sich dramatisch auf den eigenen Gegenstand, die eigene Disziplin auswirken, aber sich nicht leicht zu erkennen geben und folglich eingehender Analysen bed\u00fcrfen. Wie diese aussehen k\u00f6nnen und wie es weitergeht, wenn man ein St\u00fcck der eigenen (wissenschaftlichen) Naivit\u00e4t verloren hat, werden die Vorlesungen in diesem Wintersemester hoffentlich anschaulich demonstrieren.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Blick auf die Kunst<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was kann die wissenschaftliche Methodenlehre von Performancek\u00fcnstlern lernen? Wie wirkt sich institutionelle Macht auf die Produktion von Wissen aus? Und wie l\u00e4sst sich ein System kritisieren, dessen Teil man ist? So \u00e4hnlich lauteten Fragen, mit denen Professor Markus Rieger-Ladich am Dienstagabend die Zuh\u00f6rer der Ringvorlesung im Kupferbau zum Nachdenken angeregt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die Ringvorlesung als Student*in besucht, wird dort als Mitglied der wissenschaftlichen Gemeinschaft adressiert, sogar wenn sich manch ein Ersti oder <em>undergraduate<\/em> noch nicht als solches verstehen mag. Denn in der Wissenschaft im Sinne von Max Webers Aufsatz \u201eWissenschaft als Beruf\u201c (1919) ist es Aufgabe der Hochschullehrer*innen, ihren Studierenden dazu zu verhelfen \u201esich selbst Rechenschaft zu geben \u00fcber den letzten Sinn [ihres] eigenen Tuns\u201c. Einfach formuliert sind Studierende hier eingeladen, nicht blind die Meinungen und Aussagen der Vortragenden zu akzeptieren, sondern diese daraufhin zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob sie \u00fcberzeugen oder nicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_17755\" aria-describedby=\"caption-attachment-17755\" style=\"width: 593px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-17755 size-full\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Max-Weber-kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"593\" height=\"130\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17755\" class=\"wp-caption-text\">Auszug aus Max Webers \u201eWissenschaft als Beruf\u201c (1919). Bildrechte: ex libris Staatsbibliothek zu Berlin: scan from original book, Public Domain, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=11010038.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Von der K\u00fcnstlerszene in Manhattan zur Methodenkritik in T\u00fcbingen<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Professor Rieger-Ladich lud die Anwesenden dazu ein, f\u00fcr die Dauer seines Vortrages einmal so offen zu sein, das k\u00fcnstlerische Feld als eines zu begreifen, indem auch nach Erkenntnis im Sinne von Wahrheitsfindung gestrebt wird. Konkret ging es ihm dabei um zwei Performance-K\u00fcnstler*innen der sogenannten Institutionenkritik, Hans Haacke und Andrea Fraser. Die k\u00fcnstlerische Str\u00f6mung der \u201aInstitutional Critique\u2018 begann in den 1960er und 70er Jahren. Vertreter der Str\u00f6mung hinterfragen das \u201eSelbstverst\u00e4ndnis des Museums als einem unabh\u00e4ngigen Ort neutraler kultureller Erfahrung\u201c. Sie thematisieren diesen Schein in ihrer Kunst, hinter dem politische, ideologische und finanzielle Interessen stecken. Sie wenden sich in ihrer Kritik dem zu, dem sie ihre Existenz zu verdanken haben.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Von der Distanzierung zur eigenen Involviertheit<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">1971 l\u00f6ste eine geplante Ausstellung Hans Haacke\u2019s im Guggenheim Museum einen Skandal aus. Die Ausstellung wurde abgesagt. Der damalige Museumsdirektor Edward Fry gefeuert. <a href=\"https:\/\/www.curbed.com\/2015\/9\/2\/9924926\/hans-haacke-photography-slumlord\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Haackes Fotostrecke<\/a> zeigte Geb\u00e4ude im Besitz des New Yorker Slumlords Harry Shapolsky. Shapolsky geh\u00f6rte zu einer Gruppe von Investoren, die Immobilien in sozial ohnehin depravierten Vierteln aufkauften und sich die dort herrschende Wohnungsnot zu Nutze machten, um sich zu bereichern. Zwar war Shapolsky keiner der Treuh\u00e4nder des Guggenheim, doch Haacke legte ein Netz finanzieller Interessen und sozialer Machtverh\u00e4ltnisse offen, das von der Unwissenheit der Bev\u00f6lkerung profitierte. Gerade dass seine Ausstellung abgesagt wurde, f\u00fchrt vor Augen, dass sich diese Kr\u00e4fte auch auf das k\u00fcnstlerische Feld auswirkten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim \u201aPathos der Distanz\u2018, das Rieger-Ladich in Haackes Abrechnung mit der eigenen Disziplin erkennt, bleibt der Exkurs in die Kunst jedoch nicht stehen. Vielmehr scheint es dem Vortragenden um das zu gehen, wodurch sich die zweite Phase der Institutionenkritik auszeichnet. Die gro\u00dfe Schwierigkeit der wissenschaftlichen Selbstbetrachtung liege im Wissen um die eigene Involviertheit. So erz\u00e4hlt er von <a href=\"https:\/\/www.tate.org.uk\/art\/artworks\/fraser-museum-highlights-a-gallery-talk-t13715\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Andrea Fraser<\/a>. Sie persifliert das \u201aautorit\u00e4re Moment\u2018 in Kunstausstellungen, indem sie mit gespielter Ernsthaftigkeit durch ein Museum der Belanglosigkeiten f\u00fchrt und nicht Kunst, sondern banale Alltagsgegenst\u00e4nde zum Thema macht. Fraser agiert als Zahnrad im Kunstgetriebe:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIt is because the institution is inside of us, and we can\u2019t get outside of ourselves \u201c.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Ineke Schl\u00fcter, ex libris Staatsbibliothek zu Berlin: scan from original book, Public Domain<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":381,"featured_media":17753,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,188],"tags":[5223,11,5224,5225,5226,5227,5228,5229,5230,3501,18,468,19,21,445],"class_list":["post-17611","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-wissenschaft","tag-andrea-fraser","tag-featured","tag-guggenheim-museum","tag-hans-haacke","tag-institutional-critique","tag-macht","tag-manhattan","tag-max-weber","tag-performancekunst","tag-ringvorlesung","tag-studierende","tag-studium-generale","tag-tubingen","tag-universitaet","tag-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17611","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/381"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17611"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17611\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23455,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17611\/revisions\/23455"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17611"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}