{"id":1763,"date":"2013-11-08T18:18:31","date_gmt":"2013-11-08T18:18:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=1763"},"modified":"2021-02-21T13:11:36","modified_gmt":"2021-02-21T13:11:36","slug":"peter-und-der-steppenwolf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2013\/11\/08\/peter-und-der-steppenwolf\/","title":{"rendered":"Peter und der Steppenwolf"},"content":{"rendered":"<p dir=\"ltr\"><strong>Der zweite Abend der Veranstaltung \u201eHesse reloaded&#8230;\u201c zeigte uns Hesse als Lauscher, den kotzenden Goethe, die Bernoullischen Zahlen und bunte Hosen. Es gab Gedichte, die einen zum Lachen bringen, Erz\u00e4hlungen, die nachdenklich machen und Musik, durch die man Hesses Gedankenwelt ein St\u00fcckchen n\u00e4her kommt.<\/strong><\/p>\n<p dir=\"ltr\"><em>von Nina Wittmann<\/em><\/p>\n<p dir=\"ltr\"><!--more--><\/p>\n<p dir=\"ltr\">\u201eSchluck um Schluck ersauf&#8216; ich ein St\u00fcck blauen Poetenhimmel.\u201c Ganz in schwarz sitzt Sara Hauser da und liest diesen Satz aus Hesses Erz\u00e4hlung \u201eNovembernacht\u201c vor. Der Text, unter dem Pseudonym Hermann Lauscher verfasst, berichtet von Hesses T\u00fcbinger Erinnerungen. Ein perfekter Einstieg in diesen Abend. Langsam kommen wir ihm n\u00e4her, dem Literaturnobelpreistr\u00e4ger. Wir sehen seinen Wunsch etwas zu hinterlassen und gleichzeitig die Angst die Chance zu vergeben. Eine pr\u00e4gende Zeit hat Hesse hier in T\u00fcbingen erlebt.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">So anscheinend auch Dr. Keith Armstrong, der einige seiner Gedichte \u00fcber Hesse und vor allem auch \u00fcber T\u00fcbingen vortrug. Etwas melancholisch wurde es, als er, um Hesse zu beschreiben, Oscar Wilde zitierte und sagte: \u201eWe are all in the gutter, but some of us are looking at the stars.\u201c. Doch Armstrong brachte den Zuh\u00f6rer auch zum Schmunzeln, indem er von feucht-fr\u00f6hlichen Abenden vergangener Zeiten im Boulanger erz\u00e4hlte und den ber\u00fchmten Satz \u201eHier kotzte Goethe\u201c (\u201eGoethe puked here\u201c)zitierte. Zwischen den Gedichten versetzte Peter Wei\u00df den Zuh\u00f6rer mit seinem Akkordeon an fantastische Orte. Die Musik vertiefte die Wirkung der Dichtkunst und die spontane Assoziation f\u00fchrte einen nach Frankreich, Paris und in den Film \u201eDie fabelhafte Welt der Amelie\u201c. Was zun\u00e4chst abwegig erscheint, mag in der Melancholie, die der Film und Hesses Gedankenwelt gemein haben, letztlich doch passen.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>Auf jeden Fall war sich der Zuschauer am Ende beinahe sicher, dass es eine mysteri\u00f6se Verbindung zwischen dem Leben Hesses und dem von Herrn Wei\u00df geben muss<\/strong><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Den humoristischen H\u00f6hepunkt bildete dann Peter Wei\u00df mit seinem eigenen Auftritt. Es ging um Zahlen und Zuf\u00e4lle. Und Zahlenzuf\u00e4lle. Auf jeden Fall war sich der Zuschauer am Ende beinahe sicher, dass es eine mysteri\u00f6se Verbindung zwischen dem Leben Hesses und dem von Herrn Wei\u00df geben muss. Peter Wei\u00df begleitete sich selbst auf dem Klavier. Er verwandelte Zahlen in Buchstaben, diese in T\u00f6ne und schuf somit eine \u201eHermann-Hesse-Melodie\u201c. Die Begeisterung f\u00fcr Zahlen hat sich er sich noch aus seinem (abgebrochenen) Mathematikstudium erhalten. Hellh\u00f6rig wurde er schon beim Namen von Hesses erster Frau Maria Bernoulli. Ja, sie geh\u00f6rt zu der Familie von Jakob Bernoulli, der die Bernoullischen Zahlen untersuchte. F\u00fcr alle Nicht-Mathematiker empfiehlt sich hier Wikipedia. Oder man bestaunt, wie Peter Wei\u00df daraufhin feststellt, dass Hermann Hesses Initialen H.H. sind, welche als Ziffern die Zahl 88 darstellen und -siehe da!- seine eigene Telefonnummer ist durch 88 teilbar! Ja, auch auf andere Assoziationen wurde kurz eingegangen, doch soll das nicht die Au\u00dferordentlichkeit dieses verbl\u00fcffenden Zusammenhangs schm\u00e4lern. Weitere Zahlenakrobatik, die sich aus Lebensdaten Hermann Hesses herleitete, ergab schlie\u00dflich das Jahr, in dem \u201ePeter und der Wolf\u201c geschrieben wurde. Peter und der Steppenwolf also. Diese geniale Komposition aus Musik, Mathematik und Humor stie\u00df beim Publikum auf gro\u00dfe Begeisterung. Hesses Leben wurde einem hier auf spielerische Art und Weise n\u00e4her gebracht.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>Die literarische Kunstfertigkeit von Florian Neuner, lie\u00df einen zusammen mit Harry Haller und Hermann Lauscher am Tisch sitzen und die Gespr\u00e4che gebannt verfolgen<\/strong><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Florian Neuner, ein Student aus T\u00fcbingen, f\u00fchrte uns mit enormer sprachlicher Gewandheit Hesses Seelenleben vor Augen. Er las selbstgeschriebene Prosa vor, lie\u00df Hermann Lauscher in T\u00fcbingen mit Harry Haller sprechen und zeigte uns so die zahlreichen Facetten in Hesses Seelenleben &#8211; Sein Gef\u00fchl erst durch das Schreiben \u00fcberhaupt zu existieren und gleichzeitig etwas f\u00fcr die Nachwelt zu hinterlassen. Die literarische Kunstfertigkeit von Florian Neuner, lie\u00df das Publikum zusammen mit Haller und Lauscher am Tisch sitzen und die Gespr\u00e4che gebannt verfolgen.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Den Abschluss bildete eine musikalische Darbietung der drei T\u00fcbinger Studenten J\u00f6rg Schwartz, Andreas Meiwes und Gregor K\u00fcbler. Die drei harmonierten nicht nur musikalisch perfekt miteinander, sondern erg\u00e4nzten sich auch modisch ideal: jeder trug zu einem schwarzen Hemd eine andersfarbige, bunte Hose. Nach einem mitrei\u00dfenden und facettenreichen Geigensolo von J\u00f6rg Schwartz, spielten die drei zusammen ein St\u00fcck von Schubert. Die Musik war auch f\u00fcr Hesse ein wichtiger Bestandteil seines Lebens und ein Mittel zur Selbsterkenntnis.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Der Abend bot eine perfekte M\u00f6glichkeit sich Hesse emotional zu n\u00e4hern und sein Wesen besser zu verstehen. Vielleicht geht der ein oder andere Besucher demn\u00e4chst ein Bier im Boulanger trinken und findet seinen ganz eigenen Zugang zu Hesses Werken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zweite Abend der Veranstaltung \u201eHesse reloaded&#8230;\u201c zeigte uns Hesse als Lauscher, den kotzenden Goethe, die Bernoullischen Zahlen und bunte Hosen. 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