{"id":17737,"date":"2019-12-06T22:07:54","date_gmt":"2019-12-06T21:07:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=17737"},"modified":"2019-12-06T22:07:54","modified_gmt":"2019-12-06T21:07:54","slug":"ein-forschungsprojekt-ohne-fussnoten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2019\/12\/06\/ein-forschungsprojekt-ohne-fussnoten\/","title":{"rendered":"Ein Forschungsprojekt ohne Fu\u00dfnoten"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In dieser Woche fand die <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2019\/11\/26\/lebendige-literaturgeschichte-erleben-die-tuebinger-poetik-dozentur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">33. T\u00fcbinger Poetik-Dozentur<\/a> statt. Zu Gast waren diesmal der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausg\u00e5rd und die deutsche Schriftstellerin Judith Schalansky. In ihrem Vortrag am Mittwochabend erz\u00e4hlte Judith Schalansky, die mit ihrer trockenen und sachlichen Art das Publikum bezauberte, was sie mit dem Schreiben verbindet und wie sie dazu kam. \u00dcber die Entdeckung einer Leidenschaft zu Fu\u00dfnoten, dem wissenschaftlichen Schreiben und dem Zusammenhang zwischen dem Schreiben und der Natur.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon eine dreiviertel Stunde vor Beginn der Vorlesung von Judith Schalansky, im Rahmen der diesj\u00e4hrigen T\u00fcbinger Poetik-Dozentur, ist der Saal in der Alten Aula gut gef\u00fcllt. Best\u00e4ndig str\u00f6men die Interessierten herein und f\u00fcllen die Reihen, bis auch der letzte Stuhl besetzt ist. Die Ersten machen es sich auf dem Fu\u00dfboden bequem, denn auch die Fensterb\u00e4nke an beiden Seiten des Saals sind bereits besetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/fakultaeten\/philosophische-fakultaet\/fachbereiche\/neuphilologie\/deutsches-seminar\/abteilungen\/neuere-deutsche-literatur\/personen\/prof-dr-dorothee-kimmich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Dorothee Kimmich<\/a>, Professorin f\u00fcr Literaturwissenschaftliche Kulturwissenschaft und Kulturtheorie, die auch in diesem Jahr die Poetik-Dozentur ausrichtet, stellt Judith Schalansky vor. Eine Autorin, die ihre eigenen B\u00fccher als Forschungsprojekte nur ohne Fu\u00dfnoten versteht und uns zugleich daran erinnert, dass Forschungsprojekte nicht gleich trockene Lekt\u00fcre bedeuten. Judith Schalanskys B\u00fccher, so Prof. Dr. Kimmich, \u201eerinnern uns daran, dass es so etwas wie eine Leidenschaft f\u00fcr Wissen gibt. Dass Neugierde ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl ist. Dass so ein Forschungsprojekt wie eine Reise mit dem Finger auf der Landkarte sein kann\u201c.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Sch\u00f6ne B\u00fccher liest man gerne, weil sie sch\u00f6n sind<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die B\u00fccher der Schriftstellerin vermitteln dem Leser aber nicht nur Wissen und wecken Neugierde, sie sind zudem auch sch\u00f6n. Denn Judith Schalansky ist nicht nur Schriftstellerin und Herausgeberin, sondern auch Buchgestalterin. F\u00fcr ihr selbstgestaltetes Buch <a href=\"https:\/\/www.mare.de\/atlas-der-abgelegenen-inseln-8117\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Atlas der abgelegenen Inseln<\/em><\/a> erhielt sie 2009 den Preis der <a href=\"http:\/\/www.stiftung-buchkunst.de\/en\/best-book-design-from-all-over-the-world.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Stiftung Buchkunst<\/a>, f\u00fcr das \u201eSch\u00f6nste Deutsche Buch\u201c des Jahres. Auch ihr Bildungsroman <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/der_hals_der_giraffe-judith_schalansky_46388.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Der Hals der Giraffe<\/em><\/a> wurde 2011 mit diesem Preis ausgezeichnet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_17764\" aria-describedby=\"caption-attachment-17764\" style=\"width: 454px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-17764 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/b_h09_atlas_schalansky-454x672.png\" alt=\"\" width=\"454\" height=\"672\"><figcaption id=\"caption-attachment-17764\" class=\"wp-caption-text\">F\u00fcr &#8222;Atlas der abgelegenen Inseln&#8220; (erschienen 2009) wurde Judith Schalansky mit dem Preis &#8222;Sch\u00f6nstes Buch des Jahres&#8220; der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. In ihrem halb literarischen, halb kartographischen Buch sammelt sie 50 entlegene Inseln, die sie jeweils mit einem kleinen Prosatext versieht.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Die gemeine Stinkmorchel: Phallus impudicus<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Judith Schalanskys Vortrag beginnt sachlich, mit dem Hinweis, dass wir uns aktuell im Jahr des gr\u00fcnen Knollenbl\u00e4tterpilzes befinden und das Jahr der gemeinen Stinkmorchel bevorsteht. Auch ein Pilz, zwar nicht ganz so giftig und gef\u00e4hrlich, wie der gr\u00fcne Knollenbl\u00e4tterpilz, aber dennoch allein wegen seines Namens als beunruhigend einzustufen, so Judith Schalansky. Denn nicht nur das Verb \u201egemein\u201c w\u00fcrde auf die Unanst\u00e4ndigkeit verweisen, die im Namen dieses Pilzes liege, man m\u00fcsse auch das &#8211; als allgemein wissenschaftlich geltende System der Benennung von Arten und Gattungen &#8211; in die Betrachtung miteinbeziehen. Kurz, den bei der Erstbestimmung der Art festgehaltenen lateinischen Namen. Im Falle der Stinkmorchel: <a href=\"https:\/\/www.nordbayern.de\/panorama\/phallus-impudicus-stinkmorchel-ist-pilz-des-jahres-2020-1.9421499\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Phallus impudicus<\/a>, unz\u00fcchtiger Penis. Wer bis dato noch nicht zuh\u00f6rte, tat es sp\u00e4testens jetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pilz w\u00fcrde nicht nur in seinem Stadium als phallusf\u00f6rmiges Gew\u00e4chs an der Oberfl\u00e4che dem m\u00e4nnlichen Geschlechtsorgan \u00e4hneln, auch im Vorstadium, als unterirdisches \u201eHexenei\u201c, weist er \u00c4hnlichkeiten mit diesem auf, f\u00e4hrt Judith Schalansky trocken fort. Das Hexenei w\u00fcrde ungef\u00e4hr der Gr\u00f6\u00dfe eines Testikels entsprechen und soll, so erl\u00e4utert sie noch im selben Satz, in Scheiben geschnitten und in Butter angebraten, wie N\u00fcsse und Rettich schmecken.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Pilz un<\/strong><strong>d die Poetik<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Judith Schalanskys ausschweifender Exkurs in die Welt der Pilze wirft Fragen auf. Ist das wirklich eine Vorlesung \u00fcber Poetik und Literatur, die hier gerade stattfindet? H\u00f6rt sich das Ganze doch eher nach einer Biologie-Vorlesung an. Doch ja, es handelt sich tats\u00e4chlich um eine Vorlesung \u00fcber die Poetik. Judith Schalansky zeigt n\u00e4mlich auch in ihrem Vortrag, worauf Frau Prof. Dr. Kimmich bereits in ihren Begr\u00fc\u00dfungsworten hingewiesen hat: n\u00e4mlich dass sie Forschungsprojekte schreibt, die Neugierde wecken, f\u00fcr Themen, mit denen man sich sonst eher weniger auseinandersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum sie sich f\u00fcr Pilze als Einstieg in ihrem Vortrag entschieden hat, sagt sie auch. Judith Schalansky glaubt n\u00e4mlich, dass Pilze viel \u00fcber ihr Verst\u00e4ndnis vom Schreiben erz\u00e4hlen. Sie bilden ein unsichtbares Netzwerk, indem sie sich mit anderen Lebewesen verbinden, sich vernetzen und komplexe Beziehungen eingehen. Durch parasit\u00e4res Verhalten, unterirdische wurzelartige Verflechtungen, das Verbreiten ihrer Sporen, durch Insekten, etc. Sie glaubt, dass auch wir und die Welt im Grunde pilzartig sind und das Schreiben im Idealfall verschlungene Verbindungslinien bilden sollte, wie es auch die Pilze tun.<\/p>\n<figure id=\"attachment_17760\" aria-describedby=\"caption-attachment-17760\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-17760\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/4E25B713-A53B-4F9B-8643-013DC0F1AEEF-1038x584.jpg\" alt=\"\" width=\"1038\" height=\"584\"><figcaption id=\"caption-attachment-17760\" class=\"wp-caption-text\">Bis auf den letzten Platz war der Vorlesungssaal in der Alten Aula besetzt . Gespannt wartet das neugierige Publikum auf Judith Schlansky.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eBis heute erfinde ich nur im Notfall\u201c <\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Judith Schalansky selbst kam zum Schreiben durch das W\u00e4lzen von Lexika in ihrer Kindheit und dem Schreiben von Gedichten, was sie als iden\u00adti\u00adt\u00e4ts\u00adstif\u00adtend bezeichnet. Kontakt zum wissenschaftlichen Schreiben bekam sie w\u00e4hrend ihres Studiums des Kommunikationsdesigns an der Fachhochschule Potsdam. Hier entdeckte sie ihre Leidenschaft f\u00fcr Fu\u00dfnoten. \u201eIch war wie elektrisiert, ich schrieb nichts lieber als Fu\u00dfnoten\u201c, sagt sie. Mit den Fu\u00dfnoten habe sie ihren Schreibimpuls legitimieren k\u00f6nnen, heute sehe sie Fu\u00dfnoten als Forschung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Judith Schalansky schreibt auch heute noch wissenschaftliche Arbeiten, wie zu ihrer Zeit als Studentin. Mit dem Unterschied, dass sie heute keine Fu\u00dfnoten mehr schreiben muss, wobei sie anmerkt, dass man argumentieren k\u00f6nne, sie schreibe heute ausschlie\u00dflich Fu\u00dfnoten. Die Glaubensfrage, dass Literatur aus Leben gemacht sei, hat sie schon immer ein wenig abgeschreckt. Denn \u00fcber ihr eigenes Leben schreiben zu m\u00fcssen, kam ihr obskur vor. Die Vorstellung, dass Literatur nichts sei, was man zu erfinden habe, aber auch nichts, das das eigene Leben vorauszusetzen habe, habe ihr selbst dabei geholfen, zu schreiben. Sie umgeht das Schreiben durch den langwierigen Prozess der intensiven Recherche und erm\u00f6glicht sich so ein Leben als Dilettantin und Privatgelehrte, die eben nicht Biologie studiert hat. Erfinden tut sie hierbei nur im Notfall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Judith Schalansky zeigt, dass sie nicht gerne in Kategorien denkt. Es macht ihr Spa\u00df, Analogien zwischen verschiedenen Rubriken zu finden, die auf den ersten Blick m\u00f6glicherweise nicht zusammenpassen. Wie zwischen dem Pilz und der Poetik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Nesli Uzundal, mareverlag GmbH &amp; Co. oHG<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":373,"featured_media":17759,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,62],"tags":[5241,5242,446,5243,5174,5244,5245,5177,5178,1827,5246,1616,5247],"class_list":["post-17737","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-kultur","tag-33-poetik-dozentur","tag-atlas-der-abgelegenen-inseln","tag-buecher","tag-der-hals-der-giraffe","tag-dorothee-kimmich","tag-forschungsprojekt","tag-fussnoten","tag-judith-schalansky","tag-karl-ove-knausgard","tag-pilze","tag-pilze-und-poetik","tag-poetik-dozentur","tag-stiftung-buchkunst"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17737","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/373"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17737"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17737\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17737"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17737"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17737"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}