{"id":1950,"date":"2013-11-25T16:53:43","date_gmt":"2013-11-25T16:53:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=1950"},"modified":"2021-02-21T13:04:00","modified_gmt":"2021-02-21T13:04:00","slug":"poetikdozentur-mit-hans-magnus-enzensberger-tubingen-ist-amusiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2013\/11\/25\/poetikdozentur-mit-hans-magnus-enzensberger-tubingen-ist-amusiert\/","title":{"rendered":"Poetikdozentur mit Hans Magnus Enzensberger. T\u00fcbingen ist am\u00fcsiert."},"content":{"rendered":"<p dir=\"ltr\"><strong><em>Viel Ironie, wenig Gehalt. Enzensberger entt\u00e4uscht mit Banalit\u00e4ten.Die Erwartungen waren gro\u00df, gro\u00df auch der Name: Enzensberger. Ist es Qualit\u00e4t, die da spricht oder doch nur Altersruhm? Und was taugt der Andere, Dirk von Petersdorff? Die Woche hat gezeigt, wer die Lorbeeren eigentlich verdient h\u00e4tte.<\/em><\/strong><\/p>\n<p dir=\"ltr\"><!--more--><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Es ist mal wieder so weit. Im gewohnt dunklen November pr\u00e4sentierte sich letzte Woche die 27. Poetikdozentur. Das Audimax war bis auf den letzten Platz voll \u2013 selbst die Fenstersimse wurden besetzt. Alle warteten sie nur auf einen, auf Hans Magnus Enzensberger. Eine intellektuelle Speerspitze der alten Bundesrepublik. Politischer Zeitgeist und Lyriker. Der zornige Poet. Vielleicht wird es sein letzter \u00f6ffentlicher Auftritt sein. Der bereits 84-j\u00e4hrige Enzensberger folgt dem Ruf zur Poetikdozentur an und lockt allein mit seiner Pr\u00e4senz die Massen.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>Leider nichts Neues<\/strong><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die Spannung lag in der Luft und das Publikum hing an seinen Lippen. Das Vortragsthema am Montag Abend: Geschichte oder Geschichten schreiben? Enzensberger gab sich jovial, schalkhaft. Er sei kein Gelehrter, kein Professor, deswegen halte er nur eine Vorlesung. So war es: Er las vor. Die Unterscheidung zwischen Historiographie und Literatur bestehe gerade darin, dass erstere unpers\u00f6nlich, menschenleer sei. Literatur und vor allem der Romancier k\u00f6nne allein mittels seiner Phantasie und seinem Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen die Menschen aus vergangenen Zeiten wieder zum Leben erwecken. Strikte Bindung an oder nur Mimesis zur Wirklichkeit mache den Unterschied zwischen Geschichte und Geschichten aus. Leider nichts Neues, nichts Originelles. Aristoteles war bereits als Poetikdozent fr\u00fcher in T\u00fcbingen. Der n\u00e4chste Abend best\u00e4tigte nur das, was am Montag schon offensichtlich war: Enzensberger greift wahllos in seinen Zettelkasten und was dabei heraus kommt, ist der Vortrag. Vom Lob des Lesens bis hin zu seiner Kritik, vom Lob der M\u00fcndlichkeit bis zu einer verqueren Ansicht \u00fcber das moderne Analphabetentum. Darunter versteht Enzensberger jede Fachsprache, jeden Soziolekt und auch die schlechten Lesef\u00e4higkeiten gebildeter Manager und Marketingexperten. Er verliert den Faden, sucht in seinen Zetteln herum und findet den n\u00e4chsten. Am Ende ein weiteres Lob: Das Lob des Buches. Es gebe einfach ein paar Gegenst\u00e4nde, die sich bew\u00e4hrt h\u00e4tten: Der L\u00f6ffel, das Rad, das Bett und \u2013 das Buch, so Enzensberger. Die Ironie, die am Montag noch am\u00fcsant war, beginnt l\u00e4cherlich \u2013 beinahe senil \u2013 zu wirken. \u00a0Mit Plattit\u00fcden und Banalit\u00e4ten langweilt er sein Publikum. Der Vortrag war zu Ende, bevor er wirklich Fahrt aufgenommen hatte. Wenigsten war er kurz.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>Ein netter Abend mit gro\u00dfer Erheiterung<\/strong><\/p>\n<p dir=\"ltr\">H\u00f6hepunkt der Kom\u00f6die war \u2013 gut aristotelisch \u2013 die Mitte der Woche. An die Seite des Zahlenteufels gesellte sich der vergleichsweise unbekannte Dirk von Petersdorff. Beide Lyriker vereint im Kupferbau auf einer B\u00fchne. Wie w\u00fcrden sie wohl zusammenpassen? Im Wechselspiel zeigten sie (endlich auch Enzensberger), was sie sind: Lyriker \u2013 \u00a0und was sie k\u00f6nnen: dichten. Wie kann man originell sein? Das war die Frage des Abends. Beide demonstrierten: durch Variation. In unz\u00e4hligen Parodien, weiter- und umgeschrieben Gedichten zogen sie alle stilistischen Register. Von Anspielungen und Wortspielen bis hin zur \u00dcbersetzung war alles dabei und es wirkte. Im Saal herrschte gro\u00dfe Erheiterung. Ein netter Abend. Den gro\u00dfen Einblick in die Lyrikerwerkstatt \u2013 wie angek\u00fcndigt \u2013 gab es nicht. Eher ein Schauen und Wundern \u00fcber deren technische F\u00e4higkeiten. Auch ein Wundern \u00fcber die Rezeption des Publikums. Oberb\u00fcrgermeister Boris Palmer in seinen Gru\u00dfworten: \u201eUnsere kleine Provinzstadt wird nur gro\u00df durch Ihr Kommen.\u201c Doch: Enzensberger hatte nichts von stiller Einfalt und edler Gr\u00f6\u00dfe. Er kicherte wie ein Schuljunge \u00fcber den ausgelobten Literatur-Wettbewerbstitel: Ausflug zu Dritt. Sein affektiert lautes Auflachen machte die Sache nur noch schlimmer. Der lang und breit angek\u00fcndigte zornige Poet, quasi ein deutscher St\u00e9phan Hessel, war zahm und zahnlos. Das gro\u00dfe Schweigen \u00fcber sein Schreiben schreibt nur zu gern die M\u00e4r eines genialischen Dichters fort, der den Sprung in die theoretische Reflexion nicht schafft.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>Wer die Lorbeeren eigentlich verdient h\u00e4tte<\/strong><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Und der Andere? Dirk von Petersdorff wusste ganz genau, dass er nur die Nummer zwei sein w\u00fcrde. Er wirkte blass neben dem quirligen Enzensberger. Trotzdem war es mutig zu kommen. Wer wirklich etwas Interessantes bei der Poetikdozentur h\u00f6ren wollte, der war gerade dazu gezwungen auch ihm eine Chance zu geben. Donnerstag- und Freitagabend war das Gegenprogramm zu Enzensberger: Ein gut gegliederter Vortrag mit Esprit. Im R\u00fcckblick auf die Kunsttheorie des ausgehenden 18. Jahrhunderts verdeutlichte Von Petersdorff \u2013 von Hause aus Literaturwissenschaftler \u2013 wie pr\u00e4gend und deterministisch Schillers Aufsatz \u00dcber naive und sentimentalische Dichtung f\u00fcr den Kunstdiskurs bis in die Moderne war. Selbst Adorno sei noch von dieser Konzeption gepr\u00e4gt gewesen. Wann diese Einheit der Kunst mit metaphysischem Gepr\u00e4ge verloren gegangen sei, schilderte Von Petersdorff eindr\u00fccklich, indem er eigene Lebensereignisse mit der gro\u00dfen Weltgeschichte auf sympathische Weise verband: So gab es in den 80er Jahren noch den Uni-Dozenten vom alten Schlag, der sich konfrontiert sah mit Punks, Neokonservativen und eben Von Petersdorff. Die Kunst wich einer neuen Un\u00fcbersichtlichkeit, machte einer Welt aus vielen Kunstauffassungen Platz. Im Anschluss des Vortrags gab es eine kleine Diskussion. Mehr h\u00e4tte man auch von Enzensberger nicht erwartet. Sein Kollege hingegen gab sich publikumsnah und erf\u00fcllte diese Erwartung.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>Viel Schatten, nur wenig Licht<\/strong><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die Poetikdozentur blieb hinter den Erwartungen zur\u00fcck. Der Glanz, den Enzensberger ihr verleihen sollte, warf einen langen Schatten. In diesem Schatten stach Dirk von Petersdorff heraus. Das Publikum hatte die Wahl zwischen Trag\u00f6die und Kom\u00f6die. Zwischen Von Petersdorff und Enzensberger. Einen Zweck hat dieses Duo zumindest erreicht: Es war eine Poetikdozentur f\u00fcr die \u2013 \u00a0frei nach Enzensberger \u2013 gilt: Selbst wenn sie zu nichts Nutze w\u00e4re, war sie wenigstens unterhaltsam.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viel Ironie, wenig Gehalt. 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